Donnerstag, 3. April 2025

Die Kaiserstuhler Brückenreparatur sollen andere zahlen

Am heutigen Datum vor 350 Jahren musste sich die Zürcher Regierung wieder einmal mit der Kaiserstuhler Brücke befassen. Sie wurde «coram senatu» behandelt, war also offizielles Traktandum im Rat.

Dass wichtige Bauwerke der Verkehrsinfrastruktur die Staatsrechnung belasten, ist nicht erst eine Erkenntnis heutiger Tage. Man darf daher annehmen, dass auch damals schon auf Mittel und Wege gesonnen wurde, anstehende Reparaturen nicht selber bezahlen zu müssen. Wie möglicherweise auch in diesem Fall.

Eigentlich müssten die Weiacher Eichenholz aus ihrem Wald hergeben

Die Gnädigen Herren an der Spitze des Zürcher Stadtstaates dürften gewusst haben, dass es da ein Urteil aus dem Jahre 1521 gab (vgl. WeiachBlog Nr. 1663), wonach es dem Fürstbischof von Konstanz und seinen Bevollmächtigten erlaubt sei, in den Weiacher Wäldern das für den Brückenunterhalt nötige Holz zu schlagen. 

Die Regierenden wurden aber wohl auch von ihren Neuamts-Obervögten darauf hingewiesen, dass die Gemeinde Weiach nicht auf Rosen gebettet sei und die Ressourcen im Gemeindewald der grossen Bevölkerung wegen stark unter Druck stünden. Auf dieses Dauerthema weist auch die Holzordnung von 1567 hin, die u.a. der damalige Fürstbischof ratifiziert hatte (vgl. WeiachBlog Nr. 1667).

Es läuft ein Spiel über Bande

Die Arbeitsbeziehungen zwischen den zürcherischen Obervögten des Neuamts (Amtssitz in der Stadt Zürich) und dem fürstbischöflich-konstanzischen Obervogt von Kaiserstuhl (Amtssitz auf Schloss Rötteln am nördlichen Brückenkopf) waren eingespielt. Man kannte sich. Und der Standpunkt der damaligen Obervogt-Dynastie Zwyer, aus einer einflussreichen Urner Familie, war seit Jahrzehnten klar (vgl. dazu den Fall von 1658, als es um die Reparatur des Weiacher Kirchturms ging: Weiacher Geschichte(n) Nr. 106).

Wie wir dem Ratsmanual des sog. Unterschreibers entnehmen können, lief zum Zeitpunkt der eingangs erwähnten Ratssitzung bereits eine Aktion über Umwege, nämlich über den Landvogt der gemeineidgenössischen Vogtei Baden im Aargau:

«Sambstags den 3.ten Aprilis [1675]

Eodem die Coram Senatu.

Landtvogt Lussi zu Baden antwortet wëgen der Zohlbruggen zu Keißerstuehl, daß Junkher Obervogt Zweyer alda sich weigre, daß Holz zugëben: und die Statt vermeine, solche zumachen nit schuldig syn: Sonder H. Bischoff von Constantz, wylen Ihm̅e der Zohl von selbiger gehöre, et: 

ward darüber Erkhënndt: Ihm̅e zu replicieren, Jr. Zweyern nachmahl zuersuchen, Ihm̅e anfëgen syn zelassen, mit Herren Graond von Lauffenburg wegen deß über daß nechst by Keiserstuhl ligende Eichhöltzlin habenden gewalts, sëlbs zutractieren, und handlen damit disere Zohlbruggen mit erstem gemachet werden thüge er es, mit heil: wo nit, solle Er Landtvogt alsdan̄ sich umb Holtz darzu umb sëhen, solches kauffen und fellen lassen, damit diß werde beschleüniget möge werden.

was die bezahlung belangt werd uff erster zukhunfft der Reg. Lobl. Orthen davon komblich können geredt, und wol gefunden worden.» (Quelle: Ratsmanual Unterschreiber 1675/1, S. 125)

Die Kaiserstuhler und der fürstliche Obervogt mauern

Die Zürcher hatten also den Badener Landvogt Karl Leodegar Lussi (1627-1682) vorgeschoben. Dieser einflussreiche Nidwaldner, Inhaber des Winkelriedhauses in Stans, war seit 1673 im Amt. Den Eidgenossen stand seit der Eroberung des Aargaus 1415 die Hohe Gerichtsbarkeit über Kaiserstuhl zu, was Lussi eine nicht zu unterschätzende Machtposition verlieh.

Er wurde in unserem Nachbarstädtchen vorstellig und biss – wie zu erwarten – beim namentlich nicht genannten Kaiserstuhler Schultheiss auf Granit. Die Kaiserstuhler argumentierten, wenn dem Fürstbischof schon der Brückenzoll zustehe, dann müsse er auch für Reparaturen zahlen.

Ennet dem Rhein wurde das wohl nicht bestritten. Dennoch gab es abschlägigen Bescheid: Obervogt Junker Franz Ernst Zwyer von Evebach (1621-1697) wollte kein Holz zur Verfügung stellen (obwohl er sich theoretisch im Weyacher Wald hätte bedienen können).

Das Eichwäldchen des Vogts der Vier Waldstädte

Es ist durchaus möglich, dass es in Weiach zu diesem Zeitpunkt schlicht kein vernünftiges Bauholz zu holen gab. Die Zürcher zogen nun ein weiteres As aus dem Ärmel, was für exzellente Kenntnisse der Verhältnisse vor Ort spricht: den Herrn Grammond von Laufenburg. Dieser vorderösterreichische Amtsträger war u.a. zuständig für die vier habsburgischen Städte Rheinfelden, Säckingen, Laufenburg und Waldshut. Und offenbar war er in der Nähe der Stadt Kaiserstuhl auch noch Waldeigentümer. Aufgrund welchen Rechtstitels und wo genau sich das Wäldchen befand, ist zurzeit nicht bekannt.

Lussi sollte nach Vorstellung der Zürcher Regierenden also als nächstes versuchen, den in Laufenburg residierenden Grammond zur Gratislieferung von Eichenholz aus seinem Wäldchen zu bewegen, damit die Zollbrücke möglichst schnell repariert werden könne. Sollte auch dieser Versuch scheitern, dann solle Lussi als letzten Ausweg halt anderweitig Bauholz organisieren.

Regelmässige Besuche in der Bäderstadt

Da in Baden in aller Regel die Tagsatzung der Eidgenossenschaft zusammentrat, waren die Zürcher Ratsherren natürlich schon aus diesem Grund häufig in der Bäderstadt zu Besuch. Anlässlich einer solchen Zusammenkunft werde man sich dann «kommlich», d.h. bequem, darüber verständigen, wie die Holzrechnung beglichen werde könne, liessen die Zürcher Lussi wissen.

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Exkurs: Woher die Grammonts kamen

Wen also hat Landvogt Lussi daraufhin angeschrieben? Franz Georg von Grammont (1643-1668) kann hier nicht in Frage kommen (er ist allzu früh verstorben), dafür ein anderes Glied dieser Adelsfamilie. Am wahrscheinlichsten: Johann Nikolaus von Grandmont († 1689).

Über die Familie orientiert einerseits das Historische Lexikon der Schweiz im Artikel de Grandmont (Version von 2004, bearbeitet am 05.01.2009).

Auch die jüngere Fachliteratur erwähnt diese Adelsfamilie. So Ernst Dreher in seinem postum veröffentlichten Beitrag Die Äbtissinnen des Zisterzienserinnenklosters Günterstal:  

«„Die Familie von Grammont in Laufenburg und Rheinfelden (Schweiz) stammte aus der Franche-Comté und gelangte durch eine Allianz mit den von Schönau zur Obervogtei über die österreichischen Herrschaften am Rhein, die sie von 1650 bis 1734 als Pfandschaft verwaltete." In der heute schweizerischen Kirche von Laufenburg sind einige Grabdenkmale erhalten, die an dieses Geschlecht erinnern. Der 1643 geborene Franz Georg von Grammont (Grandmont) studierte in Dillingen und Freiburg und war zuletzt vorderösterreichischer Regierungsrat. Aus seiner Ehe mit Eva von Baden entstammte die am 3. 12. 1668 in Laufenburg geborene Tochter Maria Katharina Franciska. Sie dürfte mit Sicherheit die 1716 verstorbene Äbtissin von Günterstal gewesen sein.» (Quelle: Freiburger Diözesan-Archiv, 120. Band (Dritte Folge, Zweiundfünfzigster Band), Verlag Herder Freiburg i Br. 2000 – S. 42-43; PDF)

Auf Johann Nikolaus de Grammont bringt einen die Einleitung zum Kunstdenkmäler-Band 139 von Linus Hüsser: «Nach dem Dreissigjährigen Krieg amtete Johann Nikolaus von Grandmont, Ehemann der letzten Vertreterin der Linie Schönau-Laufenburg, Maria Johanna Franziska von Schönau-Laufenburg, als Obervogt der Herrschaften Laufenburg und Rheinfelden sowie als Hauptmann der vier Waldstädte.» (Quelle: Edith Hunziker und Susanne Ritter-Lutz: Der Bezirk Laufenburg. Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau X. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern 2019 – S. 31; PDF)

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Quelle und Literatur
  • Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich: Ratsmanual des Natalrats des Unterschreibers 1675/1 (StAZH B II 569), hier: S. 125.
  • Brandenberger, U.: Disput um die Finanzierung der Kirchturmrenovation. Was die alte Kirche im Oberdorf einem Grossbrand zu verdanken hat. Weiacher Geschichte(n) Nr. 106. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, September 2008 – S. 12-15.
  • Brandenberger, U.: Dem Weiacher Gemeindeförster zum 450. Jubiläum. WeiachBlog Nr. 1347, 25. Juli 2017. [Mit Übersicht über den Inhalt der Holzordnung 1567]
  • Brandenberger, U.: Holzen erlaubt! Das Brückenunterhalt-Urteil von 1521. WeiachBlog Nr. 1663, 3. Juni 2021.
  • Brandenberger, U.: Wie ein römischer Kardinal den Weiacher Forstdienst gründete. WeiachBlog Nr. 1667, 8. Juni 2021.
[Veröffentlicht am 6. April 2026 um 14:41 MESZ]

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