Samstag, 13. Juni 2026

Mühle beim Rhihof weg, halbe Rheinbrücke bei Kaiserstuhl weg!

Wenn der Rhein Hochwasser führt, dann kann es an seinen Ufern gefährlich werden. Allzu viel Schmelzwasser und/oder sintflutartige Niederschläge im Einzugsgebiet seiner Zuflüsse erhöhen sowohl den Pegel wie die Fliessgeschwindigkeit.

Vor den 1920er-Jahren, als es den Rheinstausee östlich des Kraftwerks Eglisau noch nicht gab, war es auch nicht möglich, den Abfluss vorsorglich zu regulieren. Dank meteorologischer Voraussagen und vernetzter Wassermanagement-Fachstellen ist heutzutage eine wesentlich bessere Planbarkeit gegeben.

Breaking news aus dem Wasserkatastrophenjahr 1876

Nicht so im Juni vor 150 Jahren. Damals führten – quer über die Schweiz verteilt – regional auftretende sintflutartige Regenfälle über Wochen hinweg zu massiven Überschwemmungen und enormen Schäden. Begonnen hatten die Probleme bereits im Frühjahr: in Weiach anfangs März 1876 bspw. mit einem grossflächigen Erdrutsch unter dem «Stein» (vgl. WeiachBlog Nr. 2326).

Am heutigen Datum vor anderthalb Jahrhunderten, dem Dienstag, 13. Juni 1876, meldete die Neue Zürcher Zeitung im Zweiten Blatt (d.h. der Abendausgabe) unter der Rubrik Neuestes:

«- In Glattfelden ist heute (13.) Vormittag, etwas vor 10 Uhr, die Staatsbrücke zusammengestürzt und somit die Verbindung mit Weyach abgeschnitten. Die Glatt ist immer noch im Steigen.

- Soeben kommt die telegraphische Nachricht, daß das Mühlegebäude im Grießgraben bei Weyach vom Rhein weggespühlt worden; ebenso die Hälfte der Rheinbrücke bei Kaiserstuhl; die andere Hälfte ist ebenfalls sehr bedroht.»

Glattbrücke auf Befehl abgefackelt

Mit der Staatsbrücke ist die Querung der Glatt durch die Hauptstrasse Nr. 7 gemeint. Wer diese wohl nicht ganz faktengetreue Mitteilung nach Zürich übermittelt hat, ist unklar. In der Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung vom Samstag, 17. Juni 1876 findet sich zur Situation in unserer östlichen Nachbargemeinde nämlich folgende dramatische Schilderung: 

«Glattfelden 16. Juni. Letzten Montag [12. Juni] begann die Glatt auch hier ihr verheerend Spiel in einem Maße wie nirgends. Am Dienstag [13. Juni] mußte die gedeckte Staatsbrücke um dem Wasser Abzug zu verschaffen, auf Befehl des Kreisingenieurs Hohl mit Petroleum angezündet und verbrannt werden. Alle Brücken und Wuhrungen sind zerstört. Ihr altes Bett verlassend hat die Glatt gegenwärtig wohl die dreifache frühere Breite, nichts überflutend sondern alles vor sich herreißend. Der ganze schöne Kanal von der Spinnerei bis zur Säge ist verschwunden. Die schönsten und besten Wiesen auf der rechten Seite des Flusses in der ganzen Länge fortgeschwemmt....»  (Zit. n. Leemann 1958, Fn-5b)

Kaiserstuhler Augenzeugen telegraphierten nach Zürich

Die zweite Meldung über den Verlust der Mühle beim Rheinhof und die Beschädigung der Rheinbrücke zwischen Schloss Rötteln und dem Städtchen kann nur von Kaiserstuhl aus abgeschickt worden sein. 

Erstens sah man dort die Trümmer der Rheinmühle vorbeischwimmen. Trümmerteile und Baumstämme waren wohl auch die Ursache für die massiven Schäden an der erst 1823 von Baumeister Blasius Balteschwiler errichteten Holzbrücke. Diese war übrigens der Ersatz für die 1817 ebenfalls von einem Rheinhochwasser weggerissene Vorgängerin. Zwischen 1885 und 1891 folgte dann der Neubau der Stahlträgerbrücke mit zwei markanten Bogen, die bis 1985 den Strom überquerte (vgl. Wikipedia).

Zweitens wird im Eidgenössischen Staatskalender 1870/71 für Kaiserstuhl ein Florian Mayenfisch als Telegraphist genannt. Im Gegensatz zum Glattfelder Stelleninhaber war er nicht Postbeamter. Diese beiden waren es wohl auch, die diese NZZ-Nachrichten nach Zürich übermittelt haben.

So schlimm wie 1789! Sachstandsberichte vom Montagabend, 12. Juni 1876

Albert Leemann hat in seiner Dissertation (S. 118, Fn-5a) auch weitere Auszüge aus der Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung vom Mittwoch, 14. Juni 1876 abgedruckt. Sie zeigen deutlich Ursachen und Wirkungen der Katastrophe auf:

«Wassernoth. Montag Abend. Am letzten Samstag bedeckte sich der Himmel mehr und mehr. Nach einigen vorhergehenden Regenschauern eröffnete Abends ein mit dem Nordwind dahintreibendes Gewitter einen nun 2 Tage andauernden durch neue Gewitter gestärkten Regen. Die Gewitter nehmen ihre Richtung mehr den Vorbergen der Alpen entlang, als über unser Hügelland. Unsere Flüsse, auch die größeren Bäche sind angeschwollen. Die Glatt ist etwas höher als letzten Winter und wird wegen ihrer beiden Seen erst morgen anschwellen. Gleichwohl hat sie viel, sehr viel Mattland unter, in Niederglatt Häuser, ins Wasser gesetzt. Der Rhein ist stark angeschwollen, einen Fuß höher als 1817, wenig minder als die größte bekannte Größe von 1789. Der über 20 Fuß lange Pegel unten an der Brücke in Eglisau ist zu kurz. Das Wasser erreichte um 7 Uhr abends die tieferen Enden der Brückenverschalung bis auf wenige Zoll. Im Laufe des Tages stieg das Wasser stündlich 4 Fuß. Die Brücke bei Kaiserstuhl ist fortgerissen. 2 der Pappeln oberhalb dem Zollhaus sind wegen Unterspühlung gefallen.» (Zit. n. Leemann 1958, Fn-5a)

Diese Unterspülung könnte ein Hinweis auf die Ursache für den Verlust der Brücke sein. Nämlich dann, wenn das Widerlager auf der deutschen Seite dadurch beschädigt wurde.

«Eglisau 12. Juni 7 Uhr 25 abends. Der Rhein ist größer als 1817. Oberriedt, die Ufergelände und das Salzhaus sind eine Treppe hoch unter Wasser. Untere Brückenkante nur 2—3 Fuß über Niveau. Differenz von 10—15 Fuß über gewöhnlichem Wasserstand. Fallen nicht bemerkbar. 13. Juni vormittags 9 Uhr: Der Rhein ist über Nacht bis jetzt mindestens 2 Fuß gefallen. Es kommt weniger Schwemmholz. Rheingröße jetzt noch gleich 1789. Es ist dies die höchsterlebte ....» (Zit. n. Leemann 1958, Fn-5a)

Es ist also ein ziemliches Wunder, dass die ebenfalls aus Holz konstruierte, gedeckte Brücke von Eglisau dieses Hochwasser überstanden hat – im Gegensatz zu ihrer Schwester bei Kaiserstuhl.

Quelle und Literatur

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