Dienstag, 22. September 2026

Die «Brauerei Rheinthal» im Spiegel der Quellen

Im gestrigen Artikel (WeiachBlog Nr. 2377) sind die zwei von Schoellhorn genannten Weiacher Brauereien aufgeführt. Als die ältere der beiden weist der Autor die «Brauerei zum Sternen» mit dem Gründungsjahr 1869 aus. In beiden Lagerbüchern (StAZH RR I 575.1 wie PGA Weiach IV.B.06.01, vgl. Bild unten) wird jedoch erst per 1877 explizit die Bezeichnung «Brauereigebäude» verwendet!

Damit lässt ausgerechnet Schoellhorns Hauptquelle meines Erachtens einzig den Schluss zu, dass die in seinem Verzeichnis zweitgenannte «Brauerei Denzler», deren Einrichtung erstmals 1874 im Lagerbuch eingetragen wurde, das ältere Unternehmen sein muss. 

Nachstehend zuerst der Volltext nach Schoellhorn und dann die Diskussion anhand der Originalquellen:

Brauerei Denzler in Weiach. (Nr. 43.)

«Herr Jakob Denzler, Bierbrauer, besaß in Bödmen-Weiach im Jahre 1871 ein Wohnhaus mit Scheune und Stall, das zu Fr. 9500.- gegen Brand versichert war. Im Jahre 1874 ließ er den Schweinestall, Schopfanbau, das Waschhaus und das Hühnerhaus zu einer Bierbrauerei umbauen und die Versicherung wurde auf Fr. 10,500.- erhöht.

Schon im Jahre 1877 ging das Anwesen in andere Hände über. Herr Gemeinderat Heinrich Willi hatte es erworben, verkaufte es aber nach wenigen Jahren an Herrn Johannes Spieß von Außersihl. Im Jahre 1882 war es im Besitz eines Hermann Rehm, Bierbrauer, und im folgenden Jahr in dem der hinterlassenen Witwe Verena Rehm geb. Schneller. Drei Jahre später kaufte es Herr Rudolf Willi, alt Sternenwirt, von Weiach, der im Jahre 1869 eine Brauerei zum Sternen gebaut hatte.

Im Jahre 1887 war der Brauereianbau noch mit Fr. 400.-, der Brauofen samt Kessel mit Fr. 400.- in der Versicherung, dagegen im Jahre 1892 als abgetragen vermerkt. 

Wie lange in der Brauerei Bier erzeugt wurde, konnte nicht festgestellt werden. Es handelt sich hier um kleinste Verhältnisse.»  (Schoellhorn 1922, S. 268)

Korrekte Flurbezeichnung, Irreführungen und falsche Versicherungssummen

Die lokale Fassung des Lagerbuchs führt die Angaben zu diesem 1842 erbauten Gebäude unter dem Titel «Weiach N° 126 im Bödmen» auf, was dem heute gebräuchlichen Flurnamen «Bedmen» entspricht. [126 ist die Nummer nach System 1809; 185 die nach System 1895; heute Nr. 641 nach System 1955]

Weshalb Schoellhorn nicht den Zeitpunkt des Erwerbs durch Jakob Denzler (im Jahre 1868) erwähnt, ist unklar. Es ist zwar richtig, dass Denzler das Gebäude auch 1871 besass. Diese Erwähnung kann jedoch allzuleicht in völlig falschen Tatsachenvermutungen münden. So bspw. nachweislich bei Dr. h.c. Hedinger, der in seiner Stoffsammlung ins Heft 25 über Weiach auf S. 23 notierte: «1871 hatte Jak. Denzler hier ebenfalls eine Brauerei (Fritz Schoellhorn: Brauereien im Kt. Zch., 1922, S. 268. (St. Arch.))

Zumindest laut den Lagerbüchern war dieses Gebäudeensemble («Wohnhaus, Scheune, Stall & Schopfanbau») mitsamt «1 Hühnerhausanbau» im Jahre 1871 noch längst keine Brauerei. Es war überdies – entgegen der Angabe Schoellhorns – noch zu 8500 Franken versichert. Die erwähnten 9500 Franken wurden 1873 erwähnt, als offenbar bereits Umbauten im Hinblick auf das angestrebte Unternehmensziel getätigt wurden. Dazu passt eine Aussage eines späteren Eigentümers der Liegenschaft, Josef Troxler: Beim Abbruch eines Ofens in ihrem Haus Kaiserstuhlerstr. 29 hätten sie einen Zeitungsschnipsel von 1872 gefunden. (Persönl. Gespräch mit dem Autor, 20. Februar 2007).

Erst 1874 wird explizit «Jakob Denzler, Bierbrauer» als Eigentümer eingetragen, was ein weiterer Hinweis auf den Zeitpunkt der Betriebsaufnahme ist.



Die detaillierte Angabe, «Schweinestall, Schopfanbau, das Waschhaus und das Hühnerhaus» seien zur Brauerei umgebaut worden, hat Schoellhorn im Übrigen aus dem Kleingeschriebenen übernommen, das den Platz der äussersten Spalte rechts sprengt.

Liegenschaft musste schon 1877 verkauft werden

Das Geschäft mit der Bierbrauerei scheint Jakob Denzler entweder nicht wie gewünscht gelaufen zu sein, oder er hat sich heillos finanziell überfordert (vgl. den Abschnitt zu seinem Bauprojekt an der Bahnstation!). Etwas in der Richtung muss man jedenfalls annehmen, denn bereits 1877 erfolgte laut Lagerbuch die Handänderung an «Heinrich Willi Gmdrth.».

In der Folge rekapituliert Schoellhorn die ab 1877 folgenden Handänderungen, wie sie im Lagerbuch der Gebäudeversicherung (StAZH RR I 575.1) eingetragen wurden soweit korrekt. 

Unklar ist, ob der erwähnte Spiess aus Aussersihl, der die Liegenschaft 1880 von Gemeinderat Willi gekauft hatte, mit den 1883 und 1887 aufgeführten Bülacher Spiess identisch ist, oder nicht. Möglich wäre ein Firmenumzug, aber auch, dass es sich um Verwandte gehandelt hat, die als Immobilienspekulanten tätig waren.

Tod und Konkurs. Bierbrauerehepaar Rehm im Unglück 

Die Weiacher Fassung erwähnt den Eigentumsübergang an die Witwe des Bierbrauers Rehm überhaupt nicht. Was dafür in der Verwaltungsfassung (und damit bei Schoellhorn) fehlt, ist der Umstand, dass das Ehepaar Rehm kurz nacheinander in Konkurs gefallen ist (Hermann möglicherweise erst postum) und der Bülacher Immobilienagent Spiess die Liegenschaft 1883 (letzteres aus dem Weiacher Exemplar ersichtlich) aus der Konkursmasse erworben hat. 

Vgl. hierzu auch die noch auszuwertenden Konkursprotokolle des Notariats Niederglatt (Rehm, Hermann, Bierbrauer, von Deutschland, in Weiach. 07.1883 - 01.1884. Signatur: StAZH Z 761.306; sowie Rehm, Verena, geborene Schneller, in Weiach. 11.1883 - 05.1884. Signatur: StAZH Z 761.314)

Nur ein immobiler Ladenhüter oder weitere glücklose Brauer bis 1892?

Erst 1886 fand Spiess mit Rudolf Willi, a. Sternenwirt, einen Käufer, der jedoch an dem Objekt nicht allzu viel Gefallen gefunden hat, denn bereits 1887 ist erneut ein Spiess aus Bülach als Eigentümer aufgeführt. Er konnte die Liegenschaft 1891 an Johs. Baumgartner Johannesen a. Wächters verkaufen, dessen Sohn 1892 den über all die Handänderungen erhalten gebliebenen «Brauofen samt Kessel» ausbauen liess.


Das Jahr 1892 markiert somit den spätestmöglichen Zeitpunkt, ab dem in dieser Brauerei nicht mehr Bier hergestellt werden konnte, auch nicht durch Dritte, also Brauer, die sich eingemietet hätten.

Der Firmenname. Erhalten dank Inseraten im Bülach-Dielsdorfer Volksfreund

Eine bislang unvollständige Durchsicht der Archivexemplare des späteren Neuen Bülacher Tagblatts hat folgende Werbemassnahme von Anfang Februar 1876 zutage gefördert:

«Bierbrauerei "Rheinthal" in Weiach
Von heute an wird ausgezeichnetes Bier ausgeschenkt.
Es empfiehlt sich bestens.
Denzler, Bierbrauer.
»

(Bülach-Dielsdorfer Volksfreund, Nr. 11, 5. Februar 1876, S. 4 ganz unten rechts)

Ebenfalls im Volksfreund dokumentiert ist, wie die Bierbrauerei Rheinthal endete. Die Todesnachricht wird von einer Gantanzeige Ende des Jahres 1879 übermittelt. Vgl. Bülach-Dielsdorfer Volksfreund
Nr. 103, 27. Dezember 1879 & Nr. 104, 31. Dezember 1879.

Die Anfänge der Restauration zum Bahnhof

Jakob Denzler hatte neben der Bierbrauerei vielleicht noch eine weitere Geschäftsidee: ein Restaurant direkt an der neuen Bahnstation Weiach-Kaiserstuhl. Vorerst liess ein als Wohnhaus deklariertes Gebäude vis-à-vis der standardisierten Nordostbahn-Stationsbaute erstellen.

Im Bülach-Dielsdorfer Volksfreund, Nr. 35, 29. April 1876, ist auf Seite 2 das Baugespann des Denzler Bierbrauer in Rheinthal auf einem Grundstück im See gegenüber dem Stationsgebäude für ein neues Wohnhaus ausgeschrieben.

1876 liess Denzler (bezeichnet als «Wirth») das Gebäude N° 135 (System 1809) bei der kantonalen Gebäudeversicherung eintragen. Ortsbezeichnung: «Bei der Station». 1877 wird Denzler im selben Weiacher Lagerbuch unter diesem Gebäude explizit als «Bierbrauer» bezeichnet. Erst 1887 wird es nach mehreren Handänderungen als «Wohnhaus mit Wirthschaft» ausgewiesen. 1895 schliesslich als «Wohn- und Wirthshaus». Vgl. die Einschätzung Zollingers zum Entstehungszeitpunkt im nächsten Abschnitt.

Wo stand das Restaurant Brauerei?

Nun erhebt sich noch eine Zuordnungsfrage, die sich den Zeitgenossen des Walter Zollinger noch nicht gestellt hat. In seinem 1972 erschienenen blauen Büchlein (Chronik 1271-1971) schreibt Zollinger auf Seite 58:

«Es existierten zu Ende des 19. Jahrhunderts ausser der «Taverne zum Sternen» noch 4 oder 5 kleinere Wein- und Speisewirtschaften im Dorf, ohne das um das Jahr 1880 entstandene Restaurant «Bahnhof». So sind seither die Wirtschaft «Zum Weinberg» (spätere Bäckerei Griesser), die einstige «Brauerei» (heute Karl Gut) sowie die Wirtschaft «Zur Post» (heute Rudolf Meierhofer) längst eingegangen.».

Der Hinweis auf Karl Gut kann man heute nur dann einordnen, wenn man die Lagerbücher (1895-1954; PGA Weiach IV.B.06.02 bzw. StAZH RR I 575.2) konsultiert und dort herausfindet, dass diese Person ab 1936 Eigentümer der Liegenschaft «Weiach N° 126 im Bödmen» war. Also dem Standort der Brauerei Rheinthal. 

Bislang wissen wir aber weder, wann die Wirtschaft «Brauerei» gegründet wurde, noch wann sie eingangen ist. Es liegt lediglich ein Hinweis von Adolf Bütler vor, ehemals Wirt im Wiesental. Als seine Familie 1923 nach Weiach gekommen sei, hätten sie dort keine Konkurrenz gehabt.

Quellen und Literatur
  • Lagerbuch Gebäudeversicherung Kt. ZH, Expl. Verwaltung, 1812-1894. Signatur: StAZH RR I 575.1. -- Lagerbuch Gebäudeversicherung Kt. ZH, Expl. Verwaltung, 1895-1936. Signatur: StAZH RR I 575.2.
  • Lagerbuch Gebäudeversicherung Kt. ZH, Expl. Gemeinde, 1834-1894. Signatur: PGA Weiach IV.B.06.01. -- Lagerbuch Gebäudeversicherung Kt. ZH, Expl. Gemeinde, 1895-1954. Signatur: PGA Weiach IV.B.06.02.
  • Schoellhorn, F.: Das Braugewerbe und die Brauereien des Kantons Zürich. Winterthur 1922. Bibliotheksnachweis, u.a.: StAZH Bib. Dg 740 – S. 268.
  • Hedinger, H.: Geschichte der politischen Gemeinde Weiach. Stoffsammlung seit Juni 1912 [Heft umfasst 24 Seiten chronologische Abschnitte darstellend, zusätzlich viele Zeitungsausschnitte, Fotos und Notizen in hinterer Schutzumschlagklappe]. StAZH X 211.1.31. Alte Signatur: StAZH X 211.3 Heft 25 – S. 23.
  • Zollinger, W.: Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach. (Chronik Weiach. 1271-1971). Hrsg.: Gemeinderat Weiach. 1. Auflage 1972; 2., ergänzte Auflage 1984 – S. 58.
  • Gespräch des Autors mit Walter Wagner, alt Sternenwirt, am 14. Oktober 2003.
  • Gespräch des Autors mit Josef Troxler, pensioniert, früher Inhaber der Firma ABAG Feuerlöscher (damals Sitz in Glattfelden) vom 20. Februar 2007.
  • Gespräch des Autors mit Adolf Bütler, alt Wiesentalwirt, am 22. September 2026.

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