Montag, 21. September 2026

Weiacher Bier – für eine kurze Periode im späten 19. Jh.

Die diesjährige grosse Wechselausstellung im Ortsmuseum Weiach ist flüssiger Nahrung gewidmet: «Wein – Most – Bier. Alles von hier.» Der eingängige Titel reimt sich nicht nur schön, er hält auch die chronologische Reihenfolge gut ein.

Nach dem aktuellen Stand des historischen Wissens ist es tatsächlich so, dass bei uns bereits im Mittelalter der selbstproduzierte Wein (gut verdünnt mit Wasser) das allgemeine Volksgetränk gewesen sein dürfte (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 111), stammend aus lokal gewachsenen Trauben, die in zeitweise nicht weniger als sechs Trotten gepresst wurden (vgl. WeiachBlog Nr. 1873, s. Literatur unten).

Mit dem Aufkommen des grossen Obstbaumwaldes rund um den Dorfkern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind auch grössere Mengen an Most angefallen, wobei das Mostobst wiederum in separaten Pressen verarbeitet und in hiesigen Gewölbekellern eingelagert wurde.

1827 wurde im Bezirk Dielsdorf nur an einem Ort gewerblich gebraut

Ausserhalb von Klosterbrauereien, wo das flüssige Brot auch in der Fastenzeit erlaubt war, wurde Bier im frühen Mittelalter in Privathaushalten für den Eigenbedarf gebraut (vgl. bier.swiss; Geschichtlicher Hintergrund). 

In grösserem Massstab war Bier – zumindest laut offiziellen Aufzeichnungen – auf der Zürcher Landschaft ein Nischenprodukt, das nur an wenigen Orten produziert wurde. Dr. h.c. Heinrich Hedinger kolportiert aus der Arbeit «Statistische Beschreibung des Ober-Amtes Regensperg im Jahr 1827», verfasst vom ehemaligen Oberamtmann Johann Rudolf Hess (1773-1839), damals habe es im späteren Bezirk Dielsdorf folgende Gewerbebetriebe gegeben: «42 Wirtschaften, dazu 12 bevorzugte Tavernen [darunter der «Sternen» in Weiach], 22 Getreidemühlen, 7 Sägereien, 6 Gipsmühlen, 5 Ölpressen, 4 Lohstampfen, 3 Metzgereien, 2 Ziegeleien sowie je 1 Bierbrauerei, Schleife und Schnapsbrennerei.» (Hedinger 1970, S. 33)

1870er: Eisenbahn und Eismaschinen befördern kleingewerbliche Blüte

Bier ist somit in Weiach – folgt man Schoellhorn – erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in (für unser Dorf) grösseren Mengen gebraut worden. Die stark verbesserten Transportmöglichkeiten (Eröffnung der Eisenbahnlinie Winterthur-Koblenz im August 1876) und die Entwicklung von Kältemaschinen zur Produktion von Eis durch Carl Linde (1871-1873; und damit die Lagerfähigkeit von vorher nur saisonal produzierbarem untergärigen Bier) haben Produktions- und Vermarktungsbedingungen geradezu revolutioniert.

Diese Aufbruchstimmung hat auch zwei lokale Unternehmer, Jakob Denzler und Rudolf Willi, Mitte der 1870er-Jahre dazu bewogen, an ihrem Wohnort je eine eigene Brauerei hochzuziehen. Die von diesen Hiesigen hergestellten Quantitäten müssen sich dennoch in engen Grenzen gehalten haben. Und nach einer kurzen Blütezeit waren die beiden Start-ups auch schon wieder Geschichte.

Dieser Artikel (WeiachBlog Nr. 2377; Einleitung) und drei unmittelbar nachfolgende Beiträge (Nr. 2378-2380) erzählen die Geschichte des Weiacher Biers.

Die Monographie von Schoellhorn

In der gedruckten Sekundärliteratur sticht ein 312 Seiten starkes Werk heraus: «Das Braugewerbe und die Brauereien des Kantons Zürich» von Fritz Schoellhorn, publiziert im Jahre 1922. 

Der I. Teil gibt eine Übersicht, der II. Teil ein Verzeichnis der Brauereien des Kantons Zürich nach Gründungsjahren geordnet. Total erfasst sind 57 Betriebe, für Weiach werden zwei genannt:

  • Nr. 36: gegründet im Jahre 1869; nähere Bezeichnung: zum Sternen; Gründer: Rudolf Willi. [Zum Gründungsjahr vgl. den WeiachBlog-Artikel vom 22.9.]
  • Nr. 43: gegründet im Jahre 1874; nähere Bezeichnung: Denzler; Gründer: Jakob Denzler. [Zur Bezeichnung vgl. den WeiachBlog-Artikel vom 23.9.]

Hauptquelle: Die Lagerbücher der Brandassekuranz 

Schoellhorn (1863-1933), seit 1890 Inhaber der Brauerei Haldengut in Winterthur und in späteren Jahren u.a. Kommandant eines Dragoner-Regiments der Schweizer Armee, dürfte direkten Zugang zu den Unterlagen der Gebäudeversicherung des Kantons Zürich (GVZ) erhalten haben. 

Denn seine Hauptquelle für Weiach ist offensichtlich StAZH RR I 575.1, das erst seit 1972 im Staatsarchiv des Kantons Zürich aufbewahrte ältere der beiden Lagerbücher der kantonalen Brandassekuranz (der heutigen GVZ). Dass das Vor-Ort-Exemplar (heute im Archiv der Politischen Gemeinde Weiach; PGA Weiach IV.B.06.01) nicht Grundlage seines Textes ist, zeigt sich daran, dass Schoellhorns Darstellung über 1834 zurückreicht. Beim Weiacher Exemplar beginnen die Einträge nämlich erst mit diesem Jahr – und nicht bereits 1812 (wie im Exemplar der Assekuranzverwaltung).

Zusammenfassungen aus dem 21. Jahrhundert

Die Schoellhorn'schen Texte zu den Weiacher Brauereien wurden auf der Website biergenuss.ch wie folgt in Kurzform verpackt (Kommentar siehe die beiden separaten Artikel vom 22. und 23. September 2026):

«Brauerei zum Sternen, 1869–1894 | Beim Wirtshaus zum Sternen baute der Metzger Rudolf Willi das Schlacht- und Waschhaus zu einer Brauerei um. Das Anwesen wechselte mehrfach den Besitzer. Nicht bekannt ist, ob der Betrieb stets aufrechterhalten wurde. [S.4] Bei der letzten Aufzeichnung 1894 gehörte das Anwesen dem Metzger Rudolf Meier und der Brauofen war noch vorhanden und brandversichert.»

«Brauerei Denzler, 1874–1887 | Bierbrauer Jakob Denzler funktionierte den Schweinestall, den Schopfanbau, das Waschhaus und das Hühnerhaus 1874 in eine Brauerei um. Nach einigen Besitzerwechseln kaufte Rudolf Willi, der 1869 die Brauerei zum Sternen erbaut hatte, das Anwesen. Die Brauerei war 1887 noch versichert, 1892 aber als abgetragen vermerkt. Wie lange gebraut wurde, ist nicht überliefert. Jedoch handelte es sich um kleinste Mengen.»

Quellen und Literatur

  • Hess, J. R.: Statistische Beschreibung des Ober-Amtes Regensperg im Jahr 1827. (Titel + 2 Blätter Inhalts-Verzeichnis + p. 1 - 121). Teil 1 eines Sammelbandes mit Abhandlungen über vorwiegend landwirtschaftliche Gegenstände, 1778-1821. Signatur: StAZH B IX 96.
  • Schoellhorn, F.: Das Braugewerbe und die Brauereien des Kantons Zürich. Winterthur 1922. Bibliotheksnachweis, u.a.: StAZH Bib. Dg 740 – S. 261 & 268.
  • Hedinger, H.: Das Oberamt Regensberg im Jahre 1827. In: Zürcher-Chronik (Zeitschrift für zürcherische Geschichte, Heimatkunde und Bildende Kunst), Nr. 2, Juni 1970 – S. 33-35.
  • Brandenberger, U.: Als der nasse Zehnten noch auf den Weinbergen lastete. Seit über 700 Jahren werden in Weiach Reben gepflegt. Weiacher Geschichte(n) Nr. 111. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Februar 2009 – S. 16-22.
  • Ehemalige Brauereien im Zürcher Unterland – biergenuss.ch, S. 3-4; s. n, s.l., 29. Dezember 2020.
  • Brandenberger, U.: Die Trottenvielfalt im 19. Jahrhundert. WeiachBlog Nr. 1873, 28. November 2022.

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