Freitag, 26. September 2025

Wenn Konservative sich für ihre Haltung entschuldigen müssen

Manchmal hörte man in früheren Jahrzehnten das Bonmot, im Zürcher Unterland sei selbst die Erde konservativ. Ist das dem Umstand geschuldet, dass es bei uns so viele archäologische Fundstellen gibt? 

In dieser Aussage schwingt im Hintergrund dann doch vor allem die Beobachtung mit, dass der Zürcher Unterländer als Menschenschlag – besonders im Nordwesten – derart konservativ ist, dass diese Haltung bei sogenannten Intellektuellen und Literaten wie Max Frisch geradezu körperliches Unbehagen im Kleinstaat auslöst.

Konsistente Skepsis

Es ist denn auch dieser unausgesprochene Vorwurf, der den Grundton der Medienberichterstattung bestimmt, wenn buchstäblich alle Jahre wieder grosse Anteile der autochthonen und damit stimmberechtigten Bevölkerung Vorlagen gutheissen, die auf eine Begrenzung der Einwanderung hinauslaufen.

Vor einem Vierteljahrhundert, am 24. September 2000, kam die Eidgenössische Volksinitiative 'für eine Regelung der Zuwanderung' vor's Volk. Sie wurde auch 18-Prozent-Initiative genannt, weil sie als neuen Art. 69quater Abs. 1 BV folgendes Kernanliegen in der Verfassung verankern wollte:

«Der Bund sorgt dafür, dass der Anteil der ausländischen Staatsangehörigen an der Wohnbevölkerung der Schweiz 18 Prozent nicht übersteigt.»

Es ist klar, dass diese Initiative – wäre sie denn angenommen worden – eine der vier Grundfreiheiten der EU, nämlich die Personenfreizügigkeit (PFZ) zumindest in Frage gestellt hätte. Damit wäre auch die Abstimmung über die Bilateralen Abkommen I vom 21. Mai 2000 sozusagen konterkariert worden. Denn diese PFZ ist bereits seit 1992 ein wichtiger Eckstein des Vertrags von Maastricht.

Beim Weiacher Souverän stiessen bereits die Bilateralen I auf Gegenwehr. Unter den Gemeinwesen im Kanton Zürich verwarf Weiach nach Stadel und Höri das Paket aus sektoralen Abkommen mit 60.05 % Nein-Stimmen am deutlichsten. Und dies bei (für unsere Gemeinde) hohen 59.1 % Stimmbeteiligung!

Wenn Weiach also wenige Monate später bei der Abstimmung über die 18-Prozent-Initiative diesmal sogar den kantonalen Spitzenplatz bei den Ja-Stimmen eingenommen hat (54.4 % bei 52.2 % Prozent Stimmbeteiligung) und vor den Gemeinden Höri und Hochfelden auf den Plätzen 2 und 3, dann ist das nur folgerichtig.

Die NZZ versucht, einen Skandal zu insinuieren

Trotzdem skandalisierte ausgerechnet ein Journalist der Neuen Zürcher Zeitung dieses Resultat mit dem Titel «Rätselraten in Weiach». Der Untertitel «Zürcher Stimmvolk deutlich gegen 18-Prozent-Initiative» war der Redaktion wohl zuwenig spektakulär. Denn, wo bliebe der Pfeffer im Artikel nach einem Lead (dem Vorspann, der den Leser in die Lektüre des Artikels hineinziehen soll) wie diesem hier:

«Das Zürcher Stimmvolk hat die eidgenössische Volksinitiative «für eine Regelung der Zuwanderung» mit einem Nein-Stimmen-Anteil von 64,9 Prozent deutlich abgelehnt. Nur sechs Gemeinden und der Stadtzürcher Kreis 12 sprachen sich für eine Begrenzung des Ausländeranteils bei 18 Prozent aus. Am meisten Ja-Stimmen erhielt die Initiative in der Unterländer Gemeinde Weiach.»

Vizepräsident Bührer weist Fremdenhasser-Vorwurf zurück

«be. «Dieses Resultat ist mir ein Rätsel», erklärt der stellvertretende Gemeindepräsident von Weiach, Rolf Bührer. In der Unterländer Gemeinde kam die 18-Prozent-Initiative auf einen Ja-Stimmen-Anteil von 54,4 Prozent, den höchsten im Kanton Zürich. In Weiach seien die Ausländer gut integriert, fährt Bührer fort, er kenne keine Fremdenhasser im Dorf, und es sei noch nie zu rassistischen Zwischenfällen gekommen. An der letzten Gemeindeversammlung seien alle Einbürgerungsbegehren angenommen worden, bis auf zwei von Personen mit schlechten Deutschkenntnissen. Die Weiacher seien nun mal eher konservativ und legten zuweilen ein Stimmverhalten an den Tag, das quer zum Gesamtergebnis stehe.» 

Mit diesem journalistisch paraphrasierten Statement hat der einst an der Herzogengasse wohnhafte, mittlerweile verstorbene Architekt Bührer sich vergleichsweise gut aus der Affäre gezogen. Er hätte ja auch einfach mit dem Resultat der Abstimmung im Mai argumentieren können. Die Erklärung wäre dann gewesen, das sei eine Bekräftigung des Nein der Weiacher zu den Bilateralen.

Die SVP allein kann es nicht gewesen sein

Wir wissen nicht, ob die telefonisch gestellte Frage eine tendenziöse gewesen ist. Wundern würde einen dies aber nicht. Wenn es um Zuwanderung geht, wird ja eine Anfrage oft nach dem Strickmuster konstruiert, ob da ein Gemeinwesen etwa gar «fremdle». Solches Verhalten wird gemeinhin kleinen Kindern zugeschrieben, in Fällen wie diesen aber von der Elite gezielt zur intellektuell-moralischen Abwertung verwendet, wenn Teile des Volkes nicht in ihrem Sinne funktionieren wollen.

Im Anschluss an obige Passage ist denn auch eine der bis heute gängigen Erklärungen verarbeitet, wonach letztlich die Parole der Schweizerischen Volkspartei und ihr Anti-Europa-Kurs schuld seien:

«In der Gemeinde mit rund tausend Einwohnern hatte die SVP an den vergangenen Kantonsratswahlen einen Anteil von rund 37 Prozent erzielt, mehr als im Durchschnitt des Kantons, aber immer noch deutlich weniger als in vielen anderen Gemeinden des Unter- und des Weinlandes.»

Quelle

  • be.: Rätselraten in Weiach. Zürcher Stimmvolk deutlich gegen 18-Prozent-Initiative. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 223, 25. September 2000 – S. 38.

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