Nein, der auch über Weiacher Gebiet am Rheinufer verlaufende Skulpturenweg gefällt nicht allen. Am 14. August 2007 fand ein Anonymus in der Wikipedia ungeschliffen deutliche Worte:
«Der Skulpturen weg ist allerdings nicht sehenswert, er ist ein Weg am Rhein entlang. Und die sogenannten Skulpturen ist Bauabfall von denn Großkonzernen an der Deutschen Grenze von der Schweiz.»
Diese Änderung im Artikel Hohentengen am Hochrhein wurde von einer IP-Adresse aus vorgenommen, die damals der Deutschen Telekom AG (T-Online / T-IPConnect) zugeteilt war. Nach weniger als zwei Stunden wurde der Edit gleichentags bereits wieder auf den vorherigen Text zurückgesetzt.
Fachwelt vs. Laienwelt
Die Fachwelt sieht den Wert des Skulpturenwegs selbstverständlich völlig anders, dazu weiter unten mehr. Betreffend den Wahrheitsgehalt sowohl der einen wie der andern Sichtweise muss jeder mit sich selber einig werden. Über Kunst und Geschmack lässt sich ja bekanntlich schlecht streiten.
Stattdessen beleuchten wir den von Hillmar Höber für die NZZ verfassten Artikel zur bevorstehenden Eröffnung im Sommer 2000 sowie einen Beitrag aus dem Südkurier zum zehnjährigen Bestehen.
Mindestens ein Jahr
Höber gab am 1. Februar 2000 sozusagen eine Vorschau auf den noch einzuweihenden Weg:
«hhö. Im Juni dieses Jahres wird zwischen der Rheinbrücke Kaiserstuhl (AG) und dem Kraftwerk Eglisau bei Rheinsfelden (auf dem Gebiet der Gemeinde Glattfelden) ein die Landesgrenze überschreitender Skulpturenweg mit zehn fest installierten Kunstwerken errichtet – je fünf auf der schweizerischen und auf der deutschen Seite des Rheins. Die Skulpturen sollen mindestens ein Jahr stehen bleiben.»
Hatte man eine wesentlich kürzere Standzeit der das Ufer säumenden Kunstobjekte vorgesehen? Des Rätsels Lösung findet sich im weiteren Verlauf des Artikels.
Vorbilder inspirierten. Kulturtourismus erhofft
«Die Organisatoren sind überzeugt, dass der Skulpturenweg kulturtouristische Impulse auslösen wird. Mechthild Wagner, Galeristin in Hohentengen (D), sagte gegenüber der NZZ, dass die Organisatoren durch die bereits vorhandenen Skulpturenwege in Baden-Wettingen-Neuenhof (AG) und im Verzascatal (TI) inspiriert worden seien. Sie führte aus, dass das Gebiet zwischen den beiden Kraftwerken Eglisau und Rekingen (AG) mit den darin eingebetteten Orten Kaiserstuhl, Weiach (ZH) und Hohentengen nicht nur durch eine gemeinsame jahrhundertealte Vergangenheit verbunden ist, sondern dass die Rheinlandschaft mit ihren vielfältigen Wandermöglichkeiten ausserordentliche Reize bietet.»
Dies trifft zweifellos zu. Schon der Schriftsteller, Maler und Zürcher Staatsschreiber Gottfried Keller (1819-1890) hat unsere Gegend sehr geschätzt und ihr in seinen Werken ein literarisches Denkmal gesetzt. Man denke nur an seine Novelle «Hadlaub» aus dem Jahre 1877, die wie ein Nachruf auf das für den Bahnbau zerstörte Schloss Schwarzwasserstelz wirkt. Der nach Keller benannte Dichterweg führt denn auch seit 2001 bis nach Kaiserstuhl. Und verläuft ab Rheinsfelden (und damit auch auf Weiacher Gebiet) parallel zum Skulpturenweg.
Auf welchem Grund und Boden stehen die Kunstwerke wirklich?
«Die beiden Gemeinden Kaiserstuhl und Hohentengen haben sich bereit erklärt, die Trägerschaft des Skulpturenweges zu übernehmen, wobei jede Seite 10 000 Mark zur Verfügung stellt. Nach Mechthild Wagner liegen Zusagen verschiedener Sponsoren vor, so dass die Finanzierung des Projektes als gesichert gilt. Die Gesamtkosten sind auf 120 000 Mark veranschlagt und sollen je hälftig von der deutschen und der schweizerischen Seite getragen werden. Ein Glücksfall ist, so die Galeristin, dass für das Placieren der Kunstwerke klare Grundeigentumsverhältnisse vorliegen, denn das zu beanspruchende Land steht im Besitz der beiden Kraftwerke Eglisau und Rekingen. Die beiden Unternehmungen haben nichts gegen das Projekt einzuwenden.»
Hier irrte die Galeristin, oder der Journalist hat etwas falsch verstanden. Korrekt wäre: Es ist nur an wenigen Stellen am Weiacher Rheinufer so, dass die Uferböschung der Kraftwerk Reckingen AG mit Sitz in Küssaberg gehört. Meist ist die Uferpartie Teil der grossen Parzelle 1403, welche die schweizseitige Wasserfläche auf Weiacher Gebiet abdeckt (vgl. WeiachBlog Nr. 1280).
Nur an dieser Stelle entlang des Griesgrabenwegs zwischen Rhihof und der Mündung des Dorfbaches, wo Objekt 10 platziert wurde – die mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit vermoderten Holzstämme von Rosmarie Vogt-Rippmann (*1939) – steht die Kunstinstallation auf kraftwerkeigenem Grund, der schmalen Parzelle 500.
Das Objekt 9 hingegen, der sogenannte Stuhl für Hochwassergeschädigte östlich der Dorfbachmündung (vgl. WeiachBlog Nr. 2110) hat seinen Platz entweder auf Land, das dem Kanton Zürich (Parzelle 1403) oder der Gemeinde Weiach gehört (Parzelle 537). Die nächste Parzelle der Kraftwerk Reckingen AG (Kat.-Nr. 602) muss man rund 250 Meter flussaufwärts suchen. Auch der Uferweg verläuft je nach Abschnitt auf kantonalem, kommunalem oder Kraftwerkseigentum.
Sponsoren gesucht, sonst müssen die Werke wieder weichen
«Auf der schweizerischen Seite des Rheins werden die Skulpturen in Rheinsfelden, bei Weiach und in Kaiserstuhl aufgestellt, und zwar jeweils am Uferweg. Wie weiter zu vernehmen war, hat die bereits bestehende vierköpfige künstlerische Leitung die etwa zehn Kilometer lange Wegstrecke begangen und die Standorte der Kunstwerke festgelegt. Es werden (wetterfeste) Arbeiten aus Stahl, Stahldraht, Holz, Stein oder Beton zu sehen sein. Gemäss Reglement stellen die bereits ausgewählten Künstlerinnen und Künstler ihre Werke gegen eine Leihgebühr ein Jahr lang zur Verfügung. Die Veranstalter bemühen sich, Käufer für die Werke zu finden, wobei eine Obergrenze von 10 000 Mark je Objekt festgelegt wird. Angekaufte Werke bleiben an Ort und Stelle; nicht angekaufte müssen nach einem Jahr wieder entfernt werden. Mechthild Wagner fügte bei, dass der Skulpturenweg keine vorübergehende Veranstaltung sei, sondern zu einer dauerhaften, sich immer wieder verändernden Einrichtung werden soll.»
Bis Ende 2001 gab es die Deutsche Mark noch. Eine Währung, der unsere nördlichen Nachbarn heute noch nachtrauern. Beide oben erwähnten Objekte haben offenbar einen Sponsor gefunden. – Soweit der Auszug aus der NZZ.
Die Tageszeitung Südkurier mit Sitz in Konstanz hat am 4. November 2010 über das erste Dezennium wie folgt berichtet:
Auch im zehnten Jahr seines Bestehens nennt Jürgen Glocker als Kulturreferent des Landkreises Waldshut den Skulpturenweg „geistig und künstlerisch vital sowie konzeptionell wohl durchdacht und anregend“. Wie viele Menschen ihn erwandert haben? Man weiß es nicht. Der Weg ist öffentlich und nur so viel bekannt: Beachtung und Bewunderung halten bis heute an. Aber schließlich ist von nichts geringerem als dem ersten grenzüberschreitenden Skulpturenweg Europas die Rede.
Eine Zwischenbilanz zogen jetzt vor Ort sieben der damals elf Künstler. Mit dabei Bürgermeister Martin Benz, Stadtammann Fritz Tauer aus Kaiserstuhl und Gemeindeammann Paul Willi aus Weiach, sowie Sponsoren wie Mechthild Wagner und Gerlinde Ebi.
Das Treffen fand bei traumhaftem Herbstwetter am Rhein statt, wo die Künstlerinnen und Künstler ihre Werke in eine malerische Landschaft eingebettet haben. Wo Natur und Landschaft „zu integralen Bestandteilen der Kunst selbst werden“, wie Glocker es in seinem Vorwort zum neuen Katalog ausdrückt. Herausgegeben zum „Zehnjährigen“ verbunden mit einem Leporello.
Übrigens: Beim „Dipylon“, dem von Mechthild Ehmann bearbeiteten Granitstein aus dem Schwarzwald, hatte sich die Schar der Jubiläumsgäste aus Deutschland und der Schweiz versammelt. Ein Symbol für das grenzüberschreitende Miteinander: Zwei Teile und doch geschlossen, gleichwertig, aber nicht gleich.»
- Höber, H.: Skulpturenweg entlang dem Rhein. Ein Projekt über die Landesgrenze hinweg bei Kaiserstuhl. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 26, 1. Februar 2000 – S. 45.
- Höber, H.: Übers Wasser, übers Land. Internationaler Skulpturenweg am Rhein. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 103, 4. Mai 2000 – S. 49.
- Höber, H.: Gottfried-Keller-Dichterweg nach Kaiserstuhl verlängert. In: Neue Zürcher Zeitung, 22. Mai 2001 – S. 52.
- tn: Ein zehn Kilometer langer Weg macht Furore. Zehn Jahre grenzüberschreitender Skulpturenweg – Anlass zu einer kleinen Zwischenbilanz. In: Südkurier, 4. November 2010.
- Brandenberger, U.: Parzelle 1403 – eine nasse Angelegenheit. WeiachBlog Nr. 1280, 3. Juni 2016.
- Gems-Thoma, S.: Die Welle erweitert den grenzüberschreitenden Skulpturenweg. In: Südkurier, 30. Juni 2016.
- Gems-Thoma, S.: Wo Natur auf Kunst trifft: Ein besonderes Ausflugsziel in und um Hohentengen. Rheinlandschaft lädt ein zu Kunst und Wandern. Skulpturenweg und erste Hochrhein Triennale. In: Südkurier, 27. August 2021.
- Brandenberger, U.: Out of Rottweil: der Weiacher «Stuhl für Hochwassergeschädigte». WeiachBlog Nr. 2110, 3. Juni 2024.


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