Sonntag, 26. Juli 2026

Dem «Schoggi-Escher» zum 400. Geburtstag

Wissen Sie, was ein «Schöggeler» ist? Als solchen bezeichnet man im Soldaten-Jargon der Schweizer Armee einen Kameraden, der einen «Schoggi-Job» gefasst hat. Also irgendetwas, wo man weder friert, klatschnass wird, noch sonst Unangenehmes erlebt.

Ob Heinrich Escher, geboren am heutigen Datum vor 400 Jahren, sich als «Schöggeler» gesehen hätte, wissen wir nicht. Fakt ist, dass er sozusagen mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt kam. Er ging während sieben Jahren auf die Lateinschule seiner Vaterstadt. Und war von 1640 bis 1642 auf einem Internat im südfranzösischen Montauban, damals noch eine protestantische Hochburg. Danach arbeitete er zweieinhalb Jahre als Praktikant bei Handelshäusern in Lyon und Toulouse (Lassner 2000/2004). 

Auf internationalem Parkett gewandt unterwegs – in Handel und Diplomatie

Aus der Sicht derjenigen Weiacher, die seiner Familie seit Jahrhunderten Zinsen zahlen mussten, war er garantiert ein «Schöggeler». Wirtschaftlich mangelte es ihm nämlich wirklich an nichts. Sein Vater war ein wohlhabender Textilhändler. Und seine Ehefrau Regula Werdmüller, der er bereits vor Erreichen des 20. Altersjahres angetraut wurde, wuchs als Tochter eines Eisenhändlers auf, der sich ebenfalls zu den reichsten Bürgern Zürichs zählen durfte. 

Es ist diese merkantile Herkunft, gepaart mit Kultur- und Sprachkenntnissen erster Hand aus dem grossen Nachbarland im Westen, die das ganze Leben Heinrichs geprägt hat. Er war auch als Politiker und Gesandter an den französischen Hof ein Pragmatiker durch und durch. Einer, der immer zuerst fragte, was es den Eidgenossen insgesamt wirtschaftlich nützt, wenn sie etwas tun oder unterlassen. Für konfessionelle und ideologische Konstrukte hatte er offenbar – anders als etliche seiner Vorgänger im Amt des Zürcher Staatsoberhauptes – wenig bis kein Musikgehör.

Kurzbiographie von 1885

«Heinrich Escher geb. 1626 26. VII, gest. 1710 20. IV
verh. mit Regula Werdmüller cop. 1645 28. I
geb. 1625 30. XII, gest. 1698 7. XII, Tochter von Hs. Jakob Werdmüller und Susanna Rahn.

1652 Zwölfer zur Meisen. 1656 Stadtfähnrich. 1657 Stadtlieutenant. 1660 Stadthauptmann. 1662 Rechenherr. 1663 des Raths (von der Zunft während seiner Abwesenheit in Paris gewählt). 1663 Gesandter an den französischen Hof als Vertreter der Kaufmannschaft Zürichs bei der sog. grossen Botschaft. 1664 Obmann der Schützen am Platz. 1665 Obervogt zu Fluntern. 1667 Gesandter übers Gebirg. 1669 Landvogt zu Kyburg. 1676 am gleichen Tage des Raths von freier Wahl und Seckelmeister. 1678 29. V einhellig Burgermeister der Stadt und Republik Zürich. 1687 Gesandter an Ludwig XIV. nach Paris, wo er durch sein mannhaftes und charakterfestes Auftreten sich den grössten Ruhm erwarb. 1691 Oberster Schulherr und Obrist der Stadtpanner. War auch Obmann der Gesellschaft z. Schneggen. 

Besass die beiden Häuser zum Silberschmid an der grossen Hofstatt, das Haus zum rothen Thurm am Weinplatz, Landgüter zu Höngg und im Letten, Grundzinse zu Weiach etc. Betrieb Seidenfabrikation und hinterliess ein Vermögen von über 360,000 Pfund.»

Dieser letztgenannte Vermögenswert zeigt, dass Heinrich nicht als armer Mann gestorben ist, also wirtschaftlich zumindest einiges richtig gemacht haben muss. Basierend auf dem Historischen Konsumentenpreisindex der Universität Bern (swistoval.ch), der aufgrund von Kornpreisen aus verschiedenen Regionen der Schweiz errechnet wurde, repräsentieren diese 360'000 Pfund nämlich den Gegenwert von mehreren Millionen heutiger Franken.

Ein Milizpolitiker von echtem helvetischen Schrot und Korn

Bei alledem war Heinrich, wie man allein schon dieser Kurzbiographie im genealogischen Teil des Standardwerks über die Escher vom Glas entnehmen kann, ein geradezu idealtypischer Staatsmann, der nach seiner kommerziellen Ausbildung einerseits militärisch Karriere gemacht hat, andererseits in der Zunfthierarchie und den diversen Ämtern, die der Zürcher Stadtstaat zu besetzen hatte, seine Sporen abverdient hat. 

Diese ebenso meritokratischen wie milizfreundlichen Prinzipien seiner Heimatstadt haben ihn letztlich für die Spitze des Zürcher Staates und wichtige Verhandlungen empfohlen. Wer nicht gerade Landvogt einer grossen und damit zeitlich fordernden Verwaltungseinheit wie der Grafschaft Kyburg gewählt wurde, sondern nur als Obervogt einer der innern Vogteien in Stadtnähe, der konnte seinem Brotberuf auch als Amtsträger problemlos nachgehen, befanden sich doch die Kanzleien dieser Obervogteien meist in der Stadt. Und selbst als Bürgermeister und damit faktisches Staatsoberhaupt war man in der Zunftstadt Zürich nie Alleinherrscher, sondern nur für jeweils ein halbes Jahr amtsführend. In der anderen Jahreshälfte konnte man sich wieder eher geschäftlichen Dingen zuwenden.

Wie die Schoggi nach Zürich gekommen sein soll

Als Bürgermeister des Natalrats war Heinrich Escher in der zweiten Jahreshälfte von gegen Ende Juni bis zum Weihnachtstag frei für auswärtige Unternehmungen. So ist es durchaus möglich, dass er im Herbst 1697 im Umfeld der Friedensverhandlungen von Rijswijk in der Nähe der niederländischen Stadt Den Haag zugegen war. 

Auf dem Weg dorthin kam er auch in Brüssel vorbei, wo er mit sicherem Geschäftssinn den kulinarischen Genuss der Trinkschokolade erlebte. Dank Heinrich Escher, so wird u.a. vom Chocolatier Lindt & Sprüngli in seinem Geschäftsbericht 2006 kolportiert, hätte dieses Produkt aus der Kakaobohne den Weg nach Zürich gefunden:

«In der Schweiz wurde die Trinkschokolade 1697 durch den Zürcher Bürgermeister Heinrich Escher (1626–1710) bekannt, der dieses köstliche Getränk in Brüssel entdeckt hatte. Die Zürcher Gesellschaft erfreute sich jedoch nicht allzu lange an diesem exotischen Luxus, denn 1722 befürchteten die strengen Stadtväter, dass die «Schlemmerey» die guten Sitten verderben könnte und verboten den Ausschank von Schokolade in den Zünften und bei öffentlichen Gastmählern.»

Folgt man dieser Geschichte, dann war es nach einem Vierteljahrhundert vorübergehend zumindest in der Öffentlichkeit vorbei mit den kulinarischen Genüssen, bis dann im 19. Jahrhundert andere Zeiten angebrochen sind: sowohl in Belgien, dessen Hauptstadt Brüssel ab 1830 war, wie in der Schweiz. Davon handelt ein Abschnitt in einem Artikel eines EDA-Medienverantwortlichen:

Swiss or Belgian chocolate?

«So which do you prefer – Swiss or Belgian chocolate? This definitely comes down to personal preference.

But one thing is certain – both countries are among the world's leading producers and exporters of chocolate. The Swiss are also the world's leading consumers of chocolate, with an average of 11.3kg per capita in 2021. Figures for that year also show that 7.1% of the chocolate consumed in Switzerland had been imported from Belgium, with 3.4% of all Swiss chocolate exports going to Belgium.

This global reputation as master chocolatiers is backed up by the figures as well as the tradition on which it is partly based. Indeed, the story goes that chocolate actually arrived in Switzerland via... Belgium. At the end of the 17th century, only royal and aristocratic Europeans could afford cocoa, which they consumed in the form of a drink. It was in 1697, when Zurich's mayor Henri Escher paid a visit to Brussels and tasted, for the first time, the luxurious hot chocolate drink on the capital's terraces, that he decided to bring back his discovery to Switzerland. And it didn't take long for that initial recipe to turn into Switzerland's first chocolate factory – opened by a certain François-Louis Cailler in Corsier-sur-Vevey in 1819.»

Schon etwas verkürzt, einer Zeitspanne von fast 120 Jahren das Narrativ anzudichten, die Schokolade habe sich binnen kurzem nach der Escherschen Innovation durchgesetzt. Aber sei's drum. 

Bildnachweis: Schweizerisches Nationalmuseum, DEP-3203 (Quelle: HLS)

Jetzt verstehen Sie wenigstens en détail, aus welchem Grund Heinrich, der hier im Jahre 1700 in Militäruniform mit Harnisch portraitiert wurde, sich von mir kurzerhand den Übernamen «Schoggi-Escher» verleihen lassen musste.

N.B.: Ob dem wirklich so war, das darf auch in Zweifel gezogen werden. Laut anderen Quellen wurde Kakao durch die Spanier 1519 nach der Eroberung des Aztekenreichs nach Europa gebracht, wo er sich als medizinisches Präparat und Modegetränk, der Trinkschokolade, in der Oberschicht verbreitete. Heisse Schokolade soll beispielsweise das Lieblingsgetränk des Sonnenkönigs Ludwig XIV. (1638-1715) gewesen sein. 

Quellen und Literatur

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