Mittwoch, 10. Mai 2006

Teure Verteidigung der Frauen im eigenen Dorf

Junge Männer hatten bis vor wenigen Jahren die Tendenz, die Mädchen im eigenen Dorf recht rabiat gegen auswärtige Verehrer zu verteidigen. Diese handfeste Behauptung des eigenen «Jagdreviers» konnte eifersüchtige Männer teuer zu stehen kommen:

In der Rechnung 1690/91 der Obervogtei Neuamt sind Einnahmen von 13 lib. (Pfund) verzeichnet von einem «Heinrich Albrecht, der schmid von Stadell, das er dem Jacob Meyerhoffer von Weyach, so bey einem meitlj zu Stadel zliecht gsein, auffgepasset, übel geschlagen mit einem schytt, nebendt schererlohn und kosten, auch 14-tägiger gefangenschaft.»

Eine finanzielle Genugtuung für die schmerzhaften Folgen seines nächtlichen Besuchsabenteuers erhielt Jacob Meyerhoffer zwar nicht. Aber immerhin kamen für den Angreifer zur Busse auch noch eine Gefängnisstrafe, sowie die Erstattung der Arztkosten und weiterer Auslagen hinzu.

Um einen Eindruck von der Höhe dieser Busse zu geben: Ein Hase kostete im November 1690 1 fl. Sechzig Pfund Rindfleisch 5 fl. 10 ß. [1 Gulden (fl) = 2 Pfund (lib.) = 40 Schilling (ß).]

Die Albrecht in Stadel und die Meierhofer in Weiach gehören übrigens seit jeher und bis heute zu den alteingesessenen Familien der beiden Nachbargemeinden.

Quellen
  • Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen, I. Abteilung: Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Zweiter Teil. Rechte der Landschaft. Erster Band. Das Neuamt. Aarau 1996, p. 99ff & 96
  • Bussgelder (Teil 2). Teure Flüche, Schlägereien und Wirtshausbesuche. Weiacher Geschichte(n) 26. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Januar 2002 – S. 19-20.

Dienstag, 9. Mai 2006

Maiwetter 1956

Letzten Monat habe ich die Hoffnung geäussert, wenigstens der Mai werde besser als vor einem halben Centennium. Dies bezog sich auf den Übergang von April/Mai 1956:

«Der letzte April aber leitete über zu einem ganz miserablen "Wonnemonatsbeginn". Bald aber, ab 4.5., setzte sich dann doch der Frühling durch und die kommenden Tage, bis zum 10. Mai, bringen durchwegs schönes Wetter, oft morgens noch etwas neblig, aber nachher bald strahlende Sonnenpracht und wohlige Maiwärme bis 26 und 28° an einigen Nachmittagen. Am 6.5. ist z.B. zu lesen: "Ein prächtiger Maitag; die Kirschbäume blühn, die Birnspaliere ebenfalls; der Löwenzahn leuchtet auf allen Wiesen!" Die Eisheiligen trüben dann allerdings das frühlingshafte Bild wieder, wenn auch nicht gefährlich: Tiefsttemperatur am Morgen +2°, tagsüber steigend auf bis 11 und 13°; dazwischen etwas Regen und Wind. Die zweite Monatshälfte verdient die Note "ziemlich gut"; meist neblige oder bewölkte Morgen oder Vormittage und dann sonnige und warme Nachmittage, abends hie und da gewittrige Regenschauer, auch etliche Regennächte; Temperaturen zwischen +8° und +22°C. Einmal zeigt das Glas am Nachmittag des 28.5. sogar +30° am Schatten; es ist schwül. Die ersten Heufuder fahren heim.»

Bis jetzt ist die Bilanz durchzogen und durchaus nicht anders als vor 50 Jahren – kühle regnerische Tage wechseln mit warmen Tagen. Im Moment ist es gerade unangenehm kalt. Ausserdem regnet’s in Strömen. Keine Spur von Wonnemonat.

Man wird sehen wie sich das Wetter in den nächsten Tagen noch entwickelt.

Bereits erschienene Wetterartikel im WeiachBlog

Quelle

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1956 – S. 3 (Original in der Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Signatur: G-Ch Weiach 1956)

Montag, 8. Mai 2006

Rösli Baumgartner-Thut – 50 Jahre in Weiach

«Der Hauspflegeverein Weiach musste sich eine andere Pflegerin suchen. Die bisherige, Fräulein Werner, zog mit 1. Februar nach Fehraltorf. In Fräulein Rosa Thut, einer Aargauerin, konnte eine frische, junge Kraft gefunden werden. (Wahl der Versammlung vom 9. März)», schreibt Walter Zollinger in seiner Jahreschronik 1956.

Diese Rosa Thut ist nicht irgendwer. Sie heisst heute Baumgartner-Thut und ist seit dem 31. August 1959 mit Willi Baumgartner im Winkel verheiratet. Beide gehören im öffentlichen Leben von Vereinen, Kirche und Gemeindepolitik zu den aktivsten und geschätztesten Gemeindebürgern, die man sich vorstellen kann.

Thut ist übrigens ein alter Schweizer Familienname. Geschlechter mit diesem Namen waren vor 1800 verbürgert in Sempach (LU), Seengen (AG), Meisterschwanden (AG), Oberentfelden (AG), aber auch in Linthal (GL).

Den Hauspflegeverein gibt es noch heute, und zwar unter dem Namen SPITEX-Dienste Stadel-Bachs-Weiach.

Quellen

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1956 – S. 14 (Original in der Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Signatur: G-Ch Weiach 1956)
  • Swiss Family Name Handbook (vgl. WeiachBlog vom 12. April 2006)

Sonntag, 7. Mai 2006

Aktenzeichen «Glockensprüche 1843» ungelöst

Im gestrigen Beitrag bin ich zum Schluss gekommen, dass die Weiacher Glockengedichte nicht von Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler stammen können. Das wirft die ketzerische Frage auf:

Sind sie überhaupt auf den Glocken drauf?

Werner Attinger, der frühere Weiacher Sigrist und immer noch für die Glocken Verantwortliche, meinte vor ein paar Tagen, diese stammten eindeutig aus dem Jahre 1843. Die Glockensprüche seien aber schwierig zu lesen, da sie gegen den Glockenstuhl gerichtet seien und die Glocken unter Strom stünden (Stundenschlag). Aber er sei sicher, dass diese Gedichtzeilen auf den Glocken drauf seien. Er vermutet, es könnte ein älterer Spitteler sein, habe aber leider dessen Geburtsdaten nicht zur Hand.

Da alles darauf hindeutet, dass die Glocken tatsächlich im Jahre 1843 gegossen wurden, müsste es sich also entweder um einen älteren Namensvetter handeln oder um einen Irrtum Maurers, indem die Sprüche von jemand ganz anderem verfasst und dann Spitteler untergeschoben wurden – von wem auch immer.

Zwei Fassungen im Umlauf - welche stimmt?

Die Weiacher Glockengedichte sind übrigens schon in früheren regionalhistorischen Artikeln und Büchlein abgedruckt, so in «Rund um Kaiserstuhl» von Marcel Hintermann aus dem Jahre 1955:

«Die größte Glocke hat folgenden Spruch:
Wo immer wird mein Ton erschallen
Soll jeder gern zum Tempel wallen
Wo Gottes Wort wird rein verkündet
Die Seele Trost und Labung findet


Der Spruch der mittleren Glocke lautet:
Bist müde von der Arbeit Du
So lad ich Dich zur Ruh
Und wenn dann der Tag erwacht
Mein Ruf Dich wieder munter macht
Oh Mensch gedenk zu jeder Frist
Daß Du in Gottes Händen bist


Die kleinste Glocke mahnt uns:
Du eilest jetzt der Heimat zu
In Deine ewge Himmelsruh
Wo Dein Heiland Jesus Christ
Ewig nur Dein Alles ist
»

Wenn man diese Zeilen nun mit der bei Maurer 1965 (siehe WeiachBlog vom 6. Mai) abgedruckten Version vergleicht, gibt es doch ein paar auffällige Unterschiede. Maurer hat beispielsweise Satzzeichen und «ss» verwendet, Hintermann lässt Satzzeichen weg und setzt «ß». Das ist Kosmetik. Gravierender sind die textlichen Differenzen:

Bei der grossen Glocke eine Wortumstellung in der dritten Zeile („wird rein“ vs. „rein wird“):
«Wo Gottes Wort rein wird verkündet»

Bei der mittleren Glocke Umstellungen in den Zeilen zwei und drei („laden“ vs. „einladen“; „froh dein Tag“ vs. „der Tag“):
«So lade ich dich ein zur Ruh
Und wenn dann froh dein Tag erwacht
».

Und auch bei der kleinen Glocke gibt es Unterschiede in den Zeilen zwei und vier („ewge“ vs. „ewige“; „nur“ vs. „nun“):
«In deine ewige Himmelsruh, [...]
Ewig nun dein alles ist».

Welche der beiden Fassungen stimmt nun mit dem Original auf den Glocken überein? Die von Hintermann oder die von Maurer? Diese Frage wird man nur mit einem Augenschein auf dem Glockenturm abschliessend klären können.

Quellen
  • Hintermann, M.: Rund um Kaiserstuhl. Kaiserstuhl, Fisibach, Bachs, Weiach, Hohentengen, Herdern, Günzgen, Stetten, Lienheim. [SA der Artikelserie «Von Rheinau bis Waldshut» in der Beilage «Grenzheimat» im «Zurzacher Volksblatt» 1952-1953]. Selbstverlag. Oberglatt, 1955 – S. 40-44.
  • Maurer, E.: Die Kirche zu Weiach, Weiach, [1965] (Hrsg.: Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Weiach) – Abschnitt: Die Glocken

Nachtrag 2015

Antworten auf die oben aufgeworfenen Fragen gibt der Artikel vom 22. Juni 2015: Was auf den Weiacher Glocken wirklich draufsteht.


Nachtrag 2020

Es gibt noch einige weitere Fassungen, z.B. die von Ruth Schulthess-Bersinger (1941; vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 89, S. 329-330; in: MGW April 2007), sowie aus dem 19. Jh. in sog. Glockenbüchern notierte (namentlich S. Vögelin und L. Stierlin, vgl. WeiachBlog Nr. 1585 v. 22. September 2020).

Samstag, 6. Mai 2006

Den Nobelpreisträger im Glockenturm?

Hat Weiach einen der wenigen Nobelpreisträger, den die Schweiz hervorgebracht hat, in seinem Glockenturm verewigt?

Aus dem Büchlein «Die Kirche zu Weiach» von Emil Maurer könnte man dies beim flüchtigen Überlesen schliessen. Stehen doch da im Abschnitt über die Glocken von 1843 drei Gedichte, je zugeordnet der Grossen Glocke, der Betzeitglocke (mittlere) und dem Totenglöcklein (kleine Glocke). Bei diesen Reimen soll es sich nach Maurers Angaben um «Glockengedichte von Spitteler» handeln.

«Spitteler schrieb mythologische Epen, in denen antike Götter und Heroen modern umgedeutet werden. Er war auch Landpfarrer, Lyriker, Erzähler und Essayist. Internationaler Ruhm folgte 1919, als er den Nobelpreis für Literatur erhielt», behauptete die deutschsprachige Wikipedia noch Mitte Februar 2006 (Artikel mittlerweile überarbeitet; Landpfarrer war er offenbar nie). Gemeint ist der Schriftsteller Carl Friedrich Georg Spitteler, geboren 24. April 1845 in Liestal; gestorben 29. Dezember 1924 in Luzern.

Dass es sich bei diesem Weiacher Spitteler um den gerade erwähnten handelt, ist schlechterdings unmöglich, wenn man sich die Jahrzahlen anschaut. Denn Glocken sind aus einem Guss, eine nachträgliche Anbringung einer Inschrift ist kaum möglich.

Ausserdem sind Carl Spittelers Gedichte unter dem Namen «Glockenlieder» bekannt, wurden 1906 erstmals herausgegeben – und zumindest in den 10-bändigen Gesammelten Werken (herausgegeben von Gottfried Bohnenblust, Wilhelm Altwegg und Robert Faesi; Zürich 1945-1958; Band 3 mit den Glockenliedern) habe ich diese Texte nicht gefunden.

Also doch kein Nobelpreisträger im Kirchturm. Das ist aber nicht weiter schlimm. Haben die Reime doch auch so ihre Kraft. Und wer weiss – vielleicht hat sie ja tatsächlich ein Landpfarrer verfasst:

Grosse Glocke:
«Wo immer wird mein Ton erschallen,
Soll jeder gern zum Tempel wallen.
Wo Gottes Wort rein wird verkündet,
Die Seele Trost und Labung findet».

Mittlere Glocke: (Betzeitglocke)
«Bist müde von der Arbeit du
So lade ich dich ein zur Ruh
Und wenn dann froh dein Tag erwacht,
Mein Ruf dich wieder munter macht.
O Mensch gedenk zu jeder Frist,
Dass du in Gottes Händen bist».

Kleine Glocke: (Totenglöcklein)
«Du eilest jetzt der Heimat zu
In deine ewige Himmelsruh,
Wo dein Heiland, Jesus Christ,
Ewig nun dein alles ist
».

Quelle
  • Maurer, E.: Die Kirche zu Weiach, Weiach, [1965] (Hrsg.: Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Weiach) – Abschnitt: Die Glocken

Freitag, 5. Mai 2006

Brennholz nur für Einheimische

Noch Mitte der 1950er-Jahre gab es klare Regeln für den über Jahrtausende wichtigsten Brennstoff unserer Breitengrade:

«Die alljährlich und ausschliesslich nur für die ortsansässige Bevölkerung stattfindende Brennholzsteigerung ist auf den 17.3.56 angesetzt und stellt der Einwohnerschaft zur Verfügung
ca. 140 Ster Nadelbrennholz,
ca. 75 Ster Buchenbrennholz,
ca. 25 Nummern Stauden.
Das hier ersteigerte Holz darf nur im eigenen Haushalt verwendet, also nicht weiter verhandelt werden.
»

Immerhin kam das Gemeindeholz so allen Ortsansässigen zugute - also nicht nur den Bürgern der Gemeinde Weiach, wie dies früher der Fall war (sogenannter Bürgernutzen).

Quelle

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1956 – S. 9 (Original in der Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Signatur: G-Ch Weiach 1956)

Donnerstag, 4. Mai 2006

Der eidgenössisch patentirte Pulververkäufer

Das Bundesblatt (BBl) ist eines der seit den Urzeiten des schweizerischen Bundesstaates bestehenden Periodika. Publiziert werden darin ausser neuen Gesetzen und Verordnungen alle dem Parlament vorgelegten Botschaften, Berichte des Bundesrates oder von Parlamentskommissionen (vgl. den Wikipedia-Artikel Bundesblatt).

Seit einigen Monaten stellt nun das Bundesarchiv den vollständigen Text dieser wichtigen sogenannten Amtsdruckschrift im Internet zur Verfügung. Unter dem URL http://www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch werden vier verschiedene Suchmöglichkeiten angeboten: Einfache Suche, Erweiterte Suche, Listensuche nach Datum und Listensuche nach Thema. Besonders praktisch ist die Suchmöglichkeit mit einem neuen Stichwort auf einer bereits mit einem anderen Stichwort herausfilterten Artikelliste.

Wenn man den Ortsnamen «Weiach» eintippt und nach Jahreszahlen sortiert, erscheint als einer der ältesten Einträge das «Verzeichniss der vom eidgenössischen Finanzdepartement für die Dauer vom 1. Juli 1850 bis 1. Juli 1851 patentirten Pulververkäufer.»

Das Schiesspulver- und Sprengstoff-Regal war kurze Zeit vorher von den Kantonen in die Bundeshoheit übergegangen. Nun wurde das Land in Bezirke aufgeteilt:
Erster Bezirk: Kanton Wallis;
Zweiter Bezirk: Kantone Waadt und Genf;
Dritter Bezirk: Kantone Bern, Freiburg, Solothurn, Neuenburg, Baselstadt und Baselland;
Vierter Bezirk: Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden ob dem Wald, Unterwalden nid dem Wald und Zug;
Fünfter Bezirk: Kantone Zürich, Aargau und Glarus;
Sechster Bezirk: Kantone St. Gallen, Appenzell Außer-Rhoden, Appenzell Innerrhoden, Thurgau und Schaffhausen;
Siebenter Bezirk: Graubünden und Tessin.

Ein ausgewählter Personenkreis erhielt ein Handelspatent verliehen. Unter ihnen:
«Nauer, Johann Ulrich, in Weiach.» (Nr. 22 von 32 im Kanton Zürich)

Mittwoch, 3. Mai 2006

Ein Gemeindeporträt aus dem Blickwinkel der Hauptstadt

Herbst 1960. Was heute Assoziationen zu Kies auslöst, war damals den meisten Stadtzürchern noch ein böhmisches Dorf. Vom geplanten Kiesabbau im industriellen Massstab wussten nur ein paar Insider. Seither hat sich sehr viel verändert. Deshalb ist dieser Beitrag in der «Zürcher Woche» wirklich historisch zu nennen. Das letzte Porträt der Gemeinde Weiach vor der grossen Transformation:

«Für den Zürcher führen viele Wege nach Basel. Der Eilige fährt über Brugg. Wem es aber nicht so pressiert damit, ins hassgeliebte Schwesterstädtchen am rundlichen Rheinknie zu kommen, der wählt den Weg längs des grünen Rheins. Dabei kommt er kurz vor dem wehrhaften Städtchen Kaiserstuhl durch die freundliche und saubere Ortschaft Weiach. Weiach, welches die Ehre hat, den nordwestlichsten Angelpunkt unserer Kantonsgrenze zu bilden. Die Gemeinde liegt eingebettet in ein freundliches Tälchen, umkränzt von Waldsäumen. Der Wald spielt eine grosse Rolle für diese Gemeinde, denn die reichen Erträge des 250 ha umfassenden Waldbesitzes der Gemeinde halten den Steuerfuss auf der erträglichen Höhe von 180 Prozent. Weiachs Grundfläche misst 969 Hektaren, die Hälfte davon ist Wald. – Der Blick des Beschauers schweift hinüber zu den friedlichen Waldhöhen des deutschen Grenzlandes, der Rhein rauscht noch ziemlich lebhaft am Dorf vorüber (er wird erst kurz vor Zurzach gestaut). Weiach zählt rund 600 Einwohner, die Zahl ist seit Jahren gleichgeblieben. Noch bebauen rund 50 Bauernfamilien ihr eigenes Land; doch verurteilt hier der leidige Nachwuchsmangel den einen oder andern Hof zum Sterben. In den letzten Jahren sind fünf Bauerngewerbe aufgegeben worden.

Industrie gibt es in Weiach kaum, lediglich ein kleines Schuhfabriklein beschäftigt wenige Dutzend Arbeiter. Die meisten davon kommen aber jeden Tag über die mit dem heiligen Nepomuk gezierte Kaiserstuhler Brücke aus dem deutschen Grenzgebiet herüber. Zu erwähnen ist noch eine Sägerei mit rund zehn Arbeitern. Die Gemeinde schätzt sich glücklich, dass verschiedene Industriebetriebe im Lande nicht übel Lust zeigen, sich in dem flachen Gelände zwischen der Bahnlinie Eglisau-Koblenz und dem Rhein anzusiedeln. Das würde Steuergelder ins Dorf bringen. Viele Bauern opponieren aber einer solchen Überbauung, weil sie befürchten, dass dann ihre letzten Arbeitskräfte der «Fabrik» zulaufen würden. Schon heute arbeitet fast die gesamte jüngere Generation von Weiach in Zürich, Winterthur, Bülach und Glattfelden.

Der stabil bleibenden Bevölkerungsziffer entsprechend ist die private Bautätigkeit äusserst gering. In den letzten zehn Jahren wurden nur drei Häuschen erstellt. Ferner wurde ein Fünffamilienhaus gebaut vom Bund, denn die Zöllner und Grenzwächter müssen ja auch irgendwo wohnen. Eine Bauordnung hat sich bisher als unnötig erwiesen. Gewisse idyllische Gebiete, namentlich gegen den Sanzenberg hinauf wurden aber unter Heimatschutz gestellt, damit dort keine Weekend-Häuschen erstellt werden können. An solcher Besiedelung hat die Gemeinde kein Interesse, da nur Umtriebe, aber keine Steuererträgnisse daraus resultieren.

Die Gemeinde Weiach hat auch einen ganzen Kratten voll öffentlicher Bauaufträge zu lösen. Bereits sind für rund eine Viertelmillion Kanalisationen erstellt worden, woran allerdings der Staat einen schönen Schübel beiträgt. Der Endausbau der Kanalisation wird nochmals rund 100 000 Franken kosten. Auf dem Pflichtenheft steht ferner eine Kläranlage für 200 000 Franken, sie kann aber erst gebaut werden, wenn der Dorfbach verlegt worden ist. Da die Weiacherstrasse besonders an schönen Sonntagen stark befahren wird, ist ein Trottoir vorgesehen, das 130 000 Franken kosten wird. Von der Kantonsgrenze Aargau bis ins Dorf soll die Hauptstrasse ausgebaut werden, was eine runde Million verschlingt. An diese horrende Summe muss Weiach aber nur rund 3 Prozent beitragen. Notwendig ist ferner eine Turnhalle, das Gelände ist bereits gekauft, und ausserdem soll eine Spielwiese ausgebaut werden. – Die Weiacher waren nicht ganz unglücklich über den nassen Sommer, denn die Gemeinde leidet sehr rasch unter Wassermangel. Der Ausbau der Wasserversorgung steht deshalb ebenfalls auf der Wunschliste. Aber wie gesagt, die Steuererträgnisse sind klein, und so wird es wohl noch Jahre dauern, bis alle die aufgezählten Projekte verwirklicht und vor allem bezahlt sind. b.s.
»

Manche Details sind ohne Kommentare nicht verständlich. Erläuterungen finden Sie im soeben publizierten jüngsten Beitrag der Weiacher Geschichte(n) 78.

Quellen
  • Porträt einer Zürcher Gemeinde. Weiach. In: Zü[rcher] Wo[che], 21. Oktober 1960.
  • Keineswegs steinreich. Ein Porträt der Gemeinde Weiach in der «Zürcher Woche», 1960. Weiacher Geschichte(n) 78. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Mai 2006 – S. 17-18.

Dienstag, 2. Mai 2006

Musterhafte Langlebigkeit: Kirchenglocken

Es gibt ja heute leider nicht mehr viele Dinge die lange halten. Sogenannt langlebige Investitionsgüter wie Personenwagen haben lediglich eine Durchrostgarantie von weniger als 20 Jahren. Bei vielen Dingen sind Sollbruchstellen eingebaut und bei manchem Produkt ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass sie bewusst als nicht reparierbar konzipiert sind. Selbst Häuser werden nicht mehr für die Ewigkeit gebaut – auch in der Schweiz: Der weltweite Siegeszug des amerikanischen Mottos «Just good enough».

Ganz verschwunden sind die soliden Dinge aber noch nicht, es gibt sie noch, die wirklich langlebigen Kulturgüter, bei denen sich eine Investition der Urururgrossväter bis heute auszahlt. Glocken gehören in diese Kategorie. Und Glockengiessereien offenbar zuweilen auch, kann doch die Firma Rüetschi in Aarau auf eine über mehr als 600 Jahre dokumentierte Produktionsgeschichte zurückblicken.

Die Weiacher Glocken stammen nicht aus Aarau. Sie wurden vom Glockengiesser Jakob Keller in Unterstrass gegossen (damals noch eine eigene Gemeinde, heute Quartier der Stadt Zürich). Die Joche und der Glockenstuhl aus Eichenholz sind hingegen das Werk von Weiacher Handwerkern.

Mit dem heutigen Tag werden die Glocken genau 163 Jahre alt. So schreibt Emil Maurer: «Der Guss der Glocken war am 2. Mai 1843 fertig. Am 4. Mai wurden die Glocken durch die 3 Kirchenpfleger: Friedensrichter Meierhofer, Baumgartner und Schenkel vom Sternen abgeholt». Schenkel vom Sternen, also der Wirt des einzigen Gasthofes am Ort.

Der Glockenaufzug fand am 5. Mai 1843 statt, die Glockenweihe zwei Tage später, am Sonntag, 7. Mai. Seither lassen sie die Tonfolge «as -- c'' -- es''» erklingen und gehören zur festen Klangerfahrung im Leben der Weiacher.

Quellen

  • Fietz, H.: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich [Kdm]. Band II: Die Bezirke Bülach, Dielsdorf, Hinwil, Horgen und Meilen. [Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 15]. Basel, 1943 – S. 144.
  • Maurer, E.: Die Kirche zu Weiach, Weiach, [1965] (Hrsg.: Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Weiach) – Abschnitt: Die Glocken.

Montag, 1. Mai 2006

Dreimal Post Weiach

Heute stellen wir die drei in der Postgeschichte der Gemeinde Weiach wichtigen Gebäude im Bild vor.

Die «Alte Post» liegt auf der Parzelle 335 an der Alten Poststr. 2. Sie ist seit Generationen im Besitz der früheren Posthalterfamilie Meierhofer und war lange auch die Gastwirtschaft «zur Post». Gemäss Gebäudeversicherung wurden die tragenden Strukturen des hier abgebildeten Gebäudes im Jahre 1842 erstellt (sog. technisches Gebäudealter).


Mitte der 1950er Jahre zügelte die Post in einen Neubau wenige Meter strassabwärts, ebenfalls auf der östlichen Seite der Stadlerstrasse gelegen. Das 1954 anstelle eines abgebrochenen alten Bauernhauses auf der Parzelle 329 erstellte Gebäude Stadlerstrasse 17 wurde von Anfang an als Mehrfamilienhaus mit integriertem Postbüro konzipiert. Vom 11. Oktober 1954 bis 15. Januar 1995 war die Post hier beheimatet. Das ehemalige Postbüro dient heute ebenfalls als Wohnung. Deshalb illustriert ein altes, von Walter Zollinger aufgenommenes Bild die damalige Situation.


Auf den 16. Januar 1995 zügelte das Postbüro erneut. An seinen heutigen Standort, in einen neu erstellten Anbau an der Glattfelderstrasse 2, der Hauptstrasse Nr. 7 (Radweg links im Bild). Offizielle Adresse: Bachweg 2 auf der Parzelle 238. Posthalter ist seit 1992 das Ehepaar Junker.