Dienstag, 31. Mai 2016

Das allzu kurze Leben des Seerenwegs

Im Geografischen Informationssystem des Kantons Zürich findet man immer wieder Neuerungen zur lokalen Toponomastik, das heisst zur Benennung der Landschaft.

Jüngster Strassenname auf Gemeindegebiet ist - von mir erst vor wenigen Tagen gefunden - der «Seerenweg». Bei der letzten Enquête Anfang Januar (vgl. WeiachBlog Nr. 1256) gab es den noch nicht.

Der Seerenweg liegt auf der Parzelle 1202, beginnt gemäss Amtlicher Vermessung bei der ersten Linkskurve der Sackgasse «Im See», verläuft in südwestlicher Richtung und mündet nach rund 100 Metern in die Seerenstrasse, vgl. untenstehenden Ausschnitt aus dem Plan der Amtlichen Vermessung:



Die Seerenstrasse ist den Einheimischen schon länger ein Begriff - und mittlerweile auch eine Wohnadresse vieler Neo-Weiacher. Sie erschliesst die neuen Überbauungen südlich des Gebiets «Dörndlihag». Die Seerenstrasse beginnt an der Kaiserstuhlerstrasse vis-à-vis des ehemaligen Polizeipostens, führt um den Dörndlihag herum (hier stehen die neuen Gebäude Seerenstrasse 2, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 13, 15, 17, 19, 21 und 23) und verläuft danach in schmälerer, noch feldwegartiger Bauweise zum schon länger bestehenden Gebäude Seerenstrasse 61 (ehemals: Im Hasli 110), das gemäss Kantonaler Gebäudeversicherung aus dem Jahre 1921 stammt. Dann überwindet sie die Geländestufe zum Hasli hinauf.

Protest neu zugezogener Anwohner

Zurück zum Seerenweg. Die Gemeinde liess - gemäss Informationen aus gut unterrichteter Quelle - bereits eine Tafel mit dem Namen des neuen Wegs montieren. So weit, so gut.

Nun ergibt sich aber das Problem, dass nach den offiziellen Empfehlungen des Bundes der Hauseingang die Adresse des Gebäudes bestimmt. Im Glossar liest sich die Definition des «Gebäudeeingang» wie folgt: «Stelle des Gebäudes, an der man das Gebäude mit der Vorstellung einer bestimmten Gebäudeadresse betritt». Gedacht wurde dabei an die meist nicht ortskundigen Notfalldienste, die eine Adresse ja möglichst schnell finden sollen (vgl. Abschnitt 1.1 der Empfehlungen).

Wie man auf dem Plan der Amtlichen Vermessung oben sieht, liegt der Hauseingang des Gebäudes Nummer 8 eindeutig am Seerenweg. Trägt aber dennoch die Adresse «Im See 8», was (nach Aussage eines Anwohners) bei Lieferanten und Besuchern regelmässig zu Verwirrungen führe - vor allem weil der Hauseingang eben auf der West- statt der Ostseite des Gebäudes liege.

Folgt man den Empfehlungen der Eidgenössischen Vermessungsdirektion müsste das erst kürzlich im Rahmen der Grossüberbauung auf dem Gelände des ehemaligen Restaurants Bahnhof entstandene Gebäude «Im See 8» nun also bereits wieder eine neue Adresse erhalten, z.B. «Seerenweg 1», wenn man den Weg von Norden her beginnen lässt. Das fanden - immer gemäss meiner Quelle - einige Bewohner besagter Liegenschaft überhaupt nicht lustig. Sie protestierten bei der Gemeinde und diese hat nun offenbar die neue Strassentafel bereits wieder abmontieren lassen.

Was für ein Schildbürgerstreich! Aber offensichtlich kann man sich solche Fehlplanungen finanziell immer noch locker leisten.

Eine sinnvolle Beschilderung muss her

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Stockwerkeigentümergemeinschaften sowie die Eigentümer der Mietwohnungen bald auf eine verständliche Beschilderung einigen. Zum Beispiel auf eine Übersichtstafel an der Einmündung zur Kaiserstuhlerstrasse - oder zumindest kleine Hinweistafeln, die unmissverständlich zeigen, wo welcher Hauseingang zu finden ist. Sonst gehen bei der Suche nach dem Eingang von Nummer 8 unter Umständen wirklich einmal genau die Sekunden verloren, die über Tod und Leben entscheiden.

Nachtrag vom 9. Juni 2016

Gemeindeschreiber Wunderli hat gegenüber WeiachBlog die offizielle Existenz des Seerenwegs bestätigt. Es gibt gemäss seiner Aussage keine Pläne, die Benennung rückgängig zu machen. Der Name dürfte also auf den Karten erhalten bleiben. Nach dieser Aussage stellt sich nun allerdings die Frage, ob das Schild a) nie montiert war, b) wieder abmontiert wurde oder c) immer noch montiert ist.

Nachtrag vom 2. Juli 2016

Wie ein persönlicher Augenschein am 1. Juli ergeben hat, gibt es am Seerenweg keine Spur einer Strassentafel. Die Variante c) fällt also aus.

Montag, 30. Mai 2016

Maiwetter 1966: ein Monat mit Aprilallüren

Im Gegensatz zum nassen und kalten Mai 2016 liess sich derselbe vor 50 Jahren doch etwas angenehmer an. Aber auch damals war es teils empfindlich kalt, wie man den Aufzeichnungen Zollingers entnehmen kann:

«Mai. Viel versprechend lassen sich die ersten Maientage an, schön und sonnig, auch warm; schon morgens um 10° und mehr. Auch die Apfelbäume beginnen zu blühen. Ab dem 5.5. ändert's dann, schon in der Nacht Regen, tagsüber etwas besser, aber dann vom 5. auf den 6. Mai wiederholt's sich und der ganze 6.5. ist ein unfreundlicher, kühler Geselle. Wir heizten die Wohnstube! Die nächste Zeit, bis zum 10.5. bringt recht wechselvolle Witterung, oft bewölkt oder bedeckt, hie und da ein Schauer, daneben aber wieder niederschlagslose, sogar milde Nachmittage und Abende, Mittagstemperaturen zwischen 12 und 15°C. Zwei sehr schöne Tage sind der 11. und 12. Mai. Die zweite Monatshälfte dann eher wieder durchzogen; immerhin liegen die Mittagstemperaturen ziemlich hoch, zwischen 16 bis 25° & es kann doch vorweg Heu eingebracht werden. Gewitter eigentlich fast nie und es heisst doch:

"Viel Gewitter im Monat Mai,
singt der Bauer Juchhei."

Höchsttemperaturen morgens 15°, mittags 25°, abends 22°
Tiefsttemperaturen morgens 5°, mittags 8°, abends 6°.
»

Nun, dieses Jahr hatten wir die Gewitter am Monatsende. Man wird sehen ob die Landwirte sich freuen können.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 4-5. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].
[Veröffentlicht am 1. Juni 2016]

Dienstag, 17. Mai 2016

Zwei unsichtbare Brücken mitten im Dorf

Gemäss der Karte «Strassennetz» auf dem Geografischen Informationssystem (GIS) des Kantons Zürich (maps.zh.ch) unterhält der Kanton auf Gemeindegebiet zwei Kunstbauten.

Diese beiden Objekte wurden in den Jahren 1972 bis 1974 erstellt und sind für den unkundigen Betrachter völlig unsichtbar, da niveaugleich mit dem umliegenden Terrain in die (gebaute) Landschaft integriert.

Wo die beiden Brücken zu finden sind, zeigen die nachstehenden GIS-Einträge (102 ist die Gemeindenummer des Bundesamts für Statistik):

Objektnummer 102-001
Bezeichnung Dorfbach Glatttalerstrasse (AWEL S53)
Kategorie Brücken, Lehnenviadukte, Tagbautunnel, Objekte mit lichter Weite/Höhe > 1.50m
Verantwortlich Kanton (Staatsstrasse)
X-Koordinate 675075
Y-Koordinate 267993

Objektnummer 102-002
Bezeichnung Dorfbach Stadlerstrasse
Kategorie Brücken, Lehnenviadukte, Tagbautunnel, Objekte mit lichter Weite/Höhe > 1.50m
Verantwortlich Kanton (Staatsstrasse)
X-Koordinate 675039
Y-Koordinate 267917


Über das Objekt 102-002 quert die Regionale Verbindungsstrasse nach Stadel (RVS 566) den eingedolten Sagibach. Folgt man dessen unterirdischem Verlauf nach Nordosten, so trifft man nur wenige Meter weiter, nach der Vereinigung mit dem Mülibach, auf die andere unsichtbare Brücke. Mit dem Objekt 102-001 quert die Hauptstrasse Nr. 7 Basel-Winterthur (HVS 7) den Dorfbach auf der Höhe des ehemaligen Weiacher Postbureaus am Bachweg 2.

Notabene: Ortskundigen, die den Eintrag zum Objekt 102-001 genau gelesen haben, ist die schräge Strassenbezeichnung wohl schon aufgefallen. Statt «Glatttalerstrasse» müsste es «Glattfelderstrasse» heissen. Aber vielleicht weiss der Kanton ja mehr und die Gemeinde will die Strasse längst umbenennen. Richtung Glatt führt sie auf jeden Fall. Und das Dorf Glattfelden kommt im Strassenverlauf erst hinter der Glatt.

Quelle

Samstag, 30. April 2016

Aprilwetter 1966: wenn die Bienen nicht immer fliegen wollen

Wie der März so zeigte sich auch der April vor 50 Jahren in unserem Dorf von der gewohnten Seite. Wechselhaft. Teils angenehm warm. Und deshalb - wie man den Notizen Walter Zollingers entnehmen kann - mit durchaus positivem Effekt auf landwirtschaftliche Belange:

«April. Die erste Aprilwoche ist gar nicht leid; sie bringt täglich einige sonnige Stunden, manchmal schon vormittags nach leichtem Nebel; auch ist's immer windstill. So kann ich am 7.4. notieren: "Das angenehme Wetter der letzten Tage hat die Aprikosen- und Pfirsichbäume zum Blühen gebracht, die Kirschbäume werden "eiswägs" folgen, die Knospen der Birnspaliere "drücken" auch hervor. Bis mitte Monat folgt dann sehr abwechslungsreiche Witterung, bald bewölkt, etwas neblig, einigemal leicht netzend, aber nachmittags oder abends immer wieder angenehm: "Gäbig Wetter zum Kartoffeln stecken." Allerdings der Karfreitag und der Ostersonntag brachten trübe, regnerische Vor- und Nachmittage. Ab 16.4. geht oft ein kühler Wind, auch folgen nochmals ergiebige Nachtregen. Erst ab dem 22.4. schenkt der April uns wieder eine sonnige Woche. Eine Ausnahme dabei machen zwar der 25. und 26.4. als ziemlich arge Regentage und am 28.4. nachmittags gewittrige Schauer mit Donnerrollen. Trotzdem blühen nun die Steinobst- und Birnbäume. Schade nur, dass in den letzten Tagen die Bienen wegen des feuchten Wetters nicht fliegen wollen!

Höchsttemperaturen morgens 12°, mittags 20°, abends 13°
Tiefsttemperaturen morgens 0° (1.4.), mittags 7°, abends 5°.
»

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 4. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].
[Veröffentlicht am 17. Mai 2016]

Samstag, 23. April 2016

Shakespeares Tod: ein kalendarischer Irrtum

Wer die Todesdaten der beiden Nationaldichter von Spanien und England nachschlägt, stellt fest, dass beide exakt am 23. April 1616 gestorben sein sollen. Also heute vor 400 Jahren. Trotzdem überlebte Shakespeare den Cervantes um mehrere Tage. Wie kann das sein?

Miguel de Cervantes verstarb in Madrid am Samstag, 23. April 1616, während William Shakespeare am Dienstag, 23. April 1616 in Stratford-upon-Avon das Zeitliche segnete. Ein und derselbe Tag - aber verschiedene Wochentage?

Des Rätsels Lösung heisst: unterschiedliche Kalender. Genauer: der Unterschied zwischen dem Gregorianischen Kalender und dem Julianischen Kalender. Als Papst Gregor XIII. im Jahre 1582 ganze zehn Tage ausfallen und auf den 5. den 14. Oktober folgen liess, da folgten ihm wohl die streng katholischen Spanier. Nicht aber die anglikanischen Engländer, die seit 1531 die Autorität des Papstes nicht mehr anerkannten.

In Tat und Wahrheit lebte der Engländer noch bis zum Samstag, 3. Mai 1616. Das Datum kann also trügen, der dazu genannte Wochentag jedoch nicht. An der Abfolge der Wochentage wurde bei der Kalenderumstellung nämlich überhaupt nichts geändert.

N.B.: Cervantes soll schon am 22.4. gestorben - und am 23.4. beerdigt worden sein...

Quellen

[Veröffentlicht am 22. August 2017]

Sonntag, 3. April 2016

Als man Telephone noch suchen musste

Auto und Telefon-Anschluss. Was seit den 1970er-Jahren so ziemlich bei jedem Schweizer Haushalt zum Standard wurde, war es in der Zwischenkriegszeit noch längst nicht. Da hatten viele noch kein Telefon.

Wenn man telephonieren musste ging man z.B. auf das PTT-Bureau. Damals gab es beim Staatsbetrieb Post-, Telefonie- und Telegrafie-Dienstleistungen noch aus einer Hand.

Wichtige Amtsstellen, Ärzte, öffentliche Einrichtungen und dergleichen verfügten allerdings bereits vor mehr als 80 Jahren über ein eigenes Telephon, wie man dem Gemeinderatsprotokoll entnehmen kann:

«Dem Gesuche des Polizisten Müller um einen Beitrag im Betrag von Frk. 10.- aus der Gemeindekasse für die Telephoninstallation im Schulhause wurde entsprochen.» (Protokoll vom 7. Mai 1928)

«Lt. Mitteilung der Telephonzentrale ist nun von jetzt an, das Telephon bei Bütler zum Wiesenthal den ganzen Sonntagnachmittag ohne Extraentschädigung offen, dagegen muss der Empfänger eines Telephons dem Ueberbringer Bütler eine Entschädigung von 50 Rp. zahlen.» (Protokoll vom 14. Juni 1930)

Ohne Extra-Entschädigung hiess, dass der vom Restaurant Wiesental aus Telefonierende die auflaufenden Gebühren zu zahlen hatte.

Zu bedenken ist, dass 50 Rappen damals noch ziemlich viel Geld war. Legt man den Landesindex mit Basis 1914=100 zugrunde, dann ergibt sich für 1928/1930 ein Mittelwert von 160, wobei heute mit 1025 gerechnet werden kann. Nimmt man also einen Faktor 9.65, dann erhält man - konservativ gerechnet - in etwa die Höhe der heutigen Entschädigungen. Der Botengang wurde also mit einem Fünfliber verrechnet.

Nicht berücksichtigt ist dabei, dass die Löhne zu damaligen Zeiten wesentlich tiefer lagen als die heutigen. Zumal auf der Landschaft, wo viele Aspekte des täglichen (Über-)Lebens noch auf Selbstversorgung basierten.

Quelle
  • Protokoll des Gemeinderates 1928-1934 [Archiv der Politischen Gemeinde Weiach; Signatur: IV B 02.11]

Donnerstag, 31. März 2016

Märzwetter 1966: nur der Erdbebenstoss fällt aus dem Rahmen

Schon den Eintrag über das Horner-Wetter (vgl. Artikel Februarwetter 1966) hat Walter Zollinger mit dem Zitat einer Bauernregel eingeleitet. Und auch die Notizen zum März vor 50 Jahren beginnen auf diese Weise:

«"Wenn's der Hornung gnädig macht,
bringt der Lenz den Frost bei Nacht."

Der Hornung war gnädig; ist also ein kalter Lenz nun die Folge davon? - Die Tiefsttemperaturen an den Märzmorgen lagen zwar nur ein einzigesmal bei -4°, sonst immer in 0°-Nähe. Dagegen brachte der März doch etliche Schneeschauer, so am 12.3., 13.3., 18.3., 25.3. und endlich nochmals am 29. und 30.3. Auch einige Morgen mit leichtem Reif sind zu verzeichnen; nämlich in den Tagen des 7.3., 8.3., 17.3., 18.3., 21.3. und 22.3. Der kalte Oberwind blies recht häufig, vor allem während der ersten Monatshälfte. Später war's mehr der Südwest, am 27.3. zeitweise recht stürmisch sogar. Meist war's vormittags, manchmal auch nachmittags bewölkt, bedeckt oder hochneblig; Vormittagsnebel aber nur dreimal; Regen fiel fünfmal nachts und elfmal schauerartig an Vor- und Nachmittagen. Am 28. und 29.3. war sogar das erste Donnerrollen vernehmbar. Zum Glück dürfen aber auch neun ganze sonnige Tage und je vier sonnige Vor- und Nachmittage angeführt werden. Am 16.3. ca. 12.20 mittags war ein leichter, kurzer Erdbebenstoss zu verspüren.

Höchsttemperaturen morgens +6°, mittags +12°, abends +9°
Tiefsttemperaturen morgens -4°, mittags +2°, abends 0°.
»

Das eine oder andere Mal eine kalte Bise (von Zollinger «Oberwind» genannt) oder auch etwas Schneefall, das ist im März durchaus nicht unüblich. Also völlig normal. Nur der Erdbebenstoss fällt aus dem Rahmen. Aber das tut er sowieso. Wer - ausser unserem ehrwürdigen Chronisten - würde den sonst unter der Rubrik «Witterung» führen.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 3. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].
[Veröffentlicht am 17. Mai 2016]

Donnerstag, 10. März 2016

Hochwasserzonen-Debakel? Vom Umgang mit seltenen Ereignissen

Im Februar vor 50 Jahren führten die Bäche im Dorf Hochwasser, was sich u.a. an einer Überschwemmung der Stadlerstrasse äusserte (vgl. den Beitrag zum 29. Februar 2016). Nun war das ein relativ harmloser Fall, wie er immer wieder einmal auftritt. So auch nordöstlich des Dorfes, wo der Winzelnbach, der zwischen Wörndel und Ebnet hinunterkommt, ab und zu die Hauptstrasse Basel-Winterthur unter Wasser setzt.

Amtliche Gefahrenkarten ziehen hingegen Ereignisse ganz anderen Kalibers in Betracht. Solche, die sehr selten auftreten, dafür aber umso verheerendere Konsequenzen zeitigen können. Auch wenn Mülibach und Sagibach eingedolt sind und sich schon Jahrzehnte für den durchschnittlichen Einwohner der Gemeinde nicht mehr bemerkbar gemacht haben, so gefährden sie dennoch auch heute noch die Gebiete, die sie schon immer durchflossen haben. Und zwar dann, wenn die Einlassbauwerke verstopft werden und die Wassermassen sich einen neuen Weg suchen, dem Strassenverlauf entlang.

Dierikon kann auch in Weiach liegen

Kann bei uns nicht passieren, denken Sie? Das Unwetter-Drama von Dierikon LU zeigt, wie es auch laufen kann.

Vor weniger als einem Jahr, anfangs Juni 2015, wurden eine Frau und ihre Tochter im Keller eines Mehrfamilienhauses von den Wassermassen überrascht und ertranken (vgl. den Blick-Artikel vom 7. Juni 2015 ). Dierikon liegt im Rontal, demselben Tal, durch das die Bahnlinie von Zug über Rotkreuz nach Luzern führt und wo man etwas weiter südwestlich den langgezogenen Rotsee findet (ideales Gewässer für Ruderregatten).

Die Verhältnisse in Dierikon (mit dem Götzental-Bach, der die Toten auf dem Gewissen hat) sind nicht viel anders als in Weiach. Der Talboden liegt dort fast genau gleich hoch (etwa 400 m ü M) und die höchsten Höhen nur etwa hundert Meter höher als bei uns. Das Einzugsgebiet des Baches ist vergleichbar mit dem des Sagi- oder Mülibaches. Wenn sich nun über Weiach die Himmelsschleusen öffnen und sintflutartige Regenfälle über dem südlichen Gemeindegebiet niedergehen, dann kann so ein Jahrhundertunwetter wie im Luzernischen auch bei uns schnell passiert sein - und die Folgen dürften denen in Dierikon durchaus ähneln.

Gefahrenkarte Rafzerfeld zeigt das Problem

Als ich im selben Sommer 2015 die in öffentlicher Planauflage auf der Gemeindekanzlei Weiach einsehbare, im Auftrag des Kantons Zürich erstellte Gefahrenkarte gesehen habe, da war mir rasch klar, dass es in dieser Angelegenheit noch grössere Probleme geben würde. Genau dort, wo die mit dem blumigen Namen «Rheinblick» vermarktete Überbauung zwischen Bahndamm und Hauptstrasse Nr. 7 geplant ist, zeigt die Gefahrenkarte nämlich einen grossen roten Fleck! Und rot bedeutet in diesem Fall die Gefährdung durch eine Überschwemmung.



Hätten diese Gefahrenkarten schon 2012 vorgelegen, dann wäre der Gemeinde wohl nicht nur Kulturland erhalten geblieben. Nein, sie hätte sich auch noch um Ausgaben in sechs- bis siebenstelliger Höhe drücken können. Die sind nun wohl unausweichlich, denn dort wo der Baulöwe aus Bülach gemäss rechtsgültiger Baubewilligung seine Eigentumsblock-Billigwohnungen hinklotzen darf, liegt eben besagter roter Tolggen. Wegen dem Bahndamm staut sich das Wasser dort am tiefsten Punkt. Und die geplante Tiefgarage der Überbauung würde volllaufen. Wie in Dierikon.

Auch der alte Dorfkern profitiert

Wenn sich nun der Gemeindepräsident gegenüber der Zeitung «Zürcher Unterländer» darüber verärgert zeigt, «dass wir nun wegen eines Worst-Case-Szenarios für ein Ereignis, welches ein Jahrhundert- oder gar Dreijahrhundertunwetter darstellt, vielleicht mehrere Hunderttausend Franken ausgeben müssen», dann muss man sich schon fragen, ob sich die Gemeindeväter (Frauen hat es nach wie vor keine im Gemeinderat) ernsthaft um die Sicherheit ihrer Einwohner kümmern.

Wie das Beispiel Dierikon zeigt, kann ein solches Extremereignis jederzeit eintreten. Und es wird sogar wahrscheinlicher, weil die Extremereignisse aufgrund des Klimawandels nach allen verfügbaren Statistiken im Zunehmen begriffen sind - und sei es nur, weil heutzutage an Orten gebaut wird, wo es unseren Vorfahren nicht im Traum eingefallen wäre, ein Wohnhaus hinzustellen.

Wie man der Gefahrenkarte entnehmen kann würde auch die Chälen und/oder das Oberdorf mit bis zu 25 cm Wasserhöhe überschwemmt, weil die entsprechenden Eindolungen heutigen Ausbaustandards das viele Wasser schlicht nicht würden schlucken können und es sich deshalb den oberirdischen Weg der Strasse entlang suchen wird.

Und wenn man sich die händeringenden Erklärungsversuche des Dieriker Gemeindevorstehers angehört hat, dahingehend, dass man dort eigentlich hätte Massnahmen ergreifen wollen, sie dann aber aus finanziellen Gründen vertagt habe, dann möchte man in Zukunft nicht in der Haut seines Weiacher Pendants stecken, wenn es dereinst in der Rheinblick-Tiefgarage Tote geben sollte. Deshalb: nicht lamentieren, sondern umsetzen.

Quellen

[Veröffentlicht am 28. April 2016]

Montag, 29. Februar 2016

Februarwetter 1966: der Müliweiher läuft über

Zum Zeitpunkt der Niederschrift der Jahreschronik 1966 (d.h. im Sommer 1967) war deren Verfasser Walter Zollinger bereits seit über 5 Jahren pensioniert. Als seit 1919 in der Funktion des Dorfschullehrers mit dem täglichen Leben eng Verbundener ist ihm natürlich auch die Weltsicht der damals noch zahlreichen Landwirte immer vor Augen gestanden. Und so überrascht es nicht, wenn die nach Monaten geordneten Darstellungen über Witterung und Wetter auch immer wieder landwirtschaftliche Bezüge bis hin zu Bauernregeln enthalten. So auch in diesem Abschnitt zum Wetter vor 50 Jahren:

«Februar:
"Scheint an Lichtmess die Sonne heiss,
so kommt noch recht viel Schnee & Eis."

Im Gegensatz zu obigem Drohverslein brachten die ersten Februartage Nebel, Bewölkung und sogar leichten Niederschlag, sodass also nicht mehr zu "viel Schnee und Eis" kommen sollte. Ab dem 4.2. meist am späten Vormittag oder an Nachmittagen leicht sonnig. Dies aber nur während weniger Tage. Am 8. und 9.2. herrscht stürmischer Wind mit scheusslichem Regenwetter. "Der Mühleweiher überläuft, sodass ein richtiger Bach die Mühlewiese herab und über die Landstrasse fliesst und es bei jedem durchfahrenden Auto hochauf spritzt. Der Bach hinter der Mühle und den Oberdorfhäusern rauscht ebenfalls mächtig dahin." Die nächste Zeit bis zum 24. Februar bringt wechselvolles Wetter; bald etwas aufhellend zu kurzen, angenehmen Nachmittagsstunden, bald wieder Hochnebel, wolkig, bedeckt und gar leicht regnerisch, auch hie und da etwas Wind. Es ist nie richtig kalt, fast immer nahe bei 0°. Erst der 25.2. bringt einen Morgenreif, nachher aber auch eine angenehm milden Vor- und Nachmittag, der 27.2. nach Morgennebel einen sehr schönen, warmen Nachmittag: "ein richtiger Frühlingstag", steht in meinem Tagebuch, "Schneeglöcklein, Totenblümchen und Gartenprimeli blühen bereits."

Höchsttemperaturen morgens +9°, mittags +11°, abends +10°
Tiefsttemperaturen morgens -4°, mittags +2°, abends -1 1/2°.
»

Alles in allem also ein ziemlich milder Horner, den die Weiacherinnen und Weiacher da vor einem halben Jahrhundert erleben durften.

Eindeutige geistige Verortung

Aus obiger Beschreibung ersieht man übrigens unschwer, wo der Chronist sich geistig verortet hat. Nämlich vis-à-vis des heutigen Ortsmuseums an seinem physischen Lebensmittelpunkt in der Liegenschaft Müliweg 4 (an dem Punkt, wo die Stadlerstrasse in die lange Gerade bis zum VOLG hinunter übergeht). Von dort aus gesehen verläuft das (heute «Mülibach» genannte) Bächlein nämlich hinter der Mühle. Ab da wird dieser Bach unter den Boden verbannt - und erst nach der Vereinigung mit dem Sagibach und ennet der Hauptstrasse Nr. 7 (westlich des Aussiedler-Hofes Im Eschter) wieder freigelassen.

Von welchem Weiher ist die Rede?

Der Beschreibung des überlaufenden Mühleweihers kann man entnehmen, dass es sich bei dem Mühleweiher, den Zollinger in seinem Chronikeintrag meint, nicht um den handelt, der heute gemeinhin mit diesem Namen bezeichnet wird (auf dem untenstehenden Ausschnitt aus dem Plan der Amtlichen Vermessung rechts im Bild). Mit dem überlaufenden Weiher kann nur der südwestlich der Stadlerstrasse gelegene, gemäss regierungsrätlicher Bewilligung von 1861 erstellte kleine Weiher (links im Bild; 409 m ü M) gemeint sein.

Dessen Zuleitung verlief früher unter der Stadlerstrasse hindurch und dann noch zu Zeiten des Chronisten Zollinger (vgl. Landeskarten) in einem offenen Kanal. Der Wasserspiegel des Weihers beim Bifig (414 m ü M) und der Verlauf des Mülibachs liegen jeweils deutlich unter dem Strassenniveau. Entweder ist das Wasser also auf der Höhe des heutigen Müliwis-Hofes auf die Strasse geflossen oder (was aufgrund der Schilderung Zollingers wahrscheinlicher ist) über den Überlauf des Weihers in nördlicher Richtung, dort wo heute die neue Bushaltestelle liegt.



Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 2-3. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].
[Veröffentlicht am 28. April 2016]

Sonntag, 28. Februar 2016

Nationalkonservatives Bollwerk im Nordwesten

Bachs, Stadel, Weiach. Die drei nördlichsten Gemeinden des Bezirks Dielsdorf haben sich am heutigen Abstimmungssonntag erneut als Bollwerk nationalkonservativer Grundhaltungen erwiesen.

Durchsetzungsinitiative

Dem Stahlgewitter an Informationen, hochemotionalisierten Meinungen und Propaganda gegen die sogenannte «Durchsetzungsinitiative» (DSI), das in den letzten zwei Monaten über alle medialen Kanäle auf die Stimmberechtigten herniederprasselte zum Trotz: die Weiacher haben mit 62.3% Ja zur DSI gesagt (348 Ja zu 211 Nein).

In dieser Deutlichkeit ist das Resultat auf kommunaler Ebene auch im Zürcher Unterland erstaunlich, wie man auf der Website des Statistischen Amts des Kantons Zürich sehen kann. Bachs, Stadel und Weiach stechen bei dieser Darstellung richtiggehend heraus (Stand um 13:07 MEZ):



Nachtrag: Um 15 Uhr waren auch die Bülacher Stimmzettel ausgezählt. Der Bezirkshauptort ist gleich gefärbt wie Eglisau (rund 40 % der Stimmenden befürworten dort die DSI).

Vergleichsweise tiefe Stimmbeteiligung

Mit über 61% ist die Stimmbeteiligung in Weiach zwar nicht gar so hoch wie vor den Toren der Stadt Zürich in Uitikon (mit fast 80%) oder im Weinländer Truttikon (über 82%). Aber auch das liegt im Rahmen des langjährigen Erfahrungsbereichs. Weiach hat traditionell eine vergleichsweise tiefe Stimmbeteiligung. Und an dieser Stimmabstinenz-Tendenz scheinen auch die in den letzten beiden Jahren neu Zugezogenen nicht viel zu ändern.

Stadt-Land-Graben wird sichtbar

Dass der Stadt-Land-Gegensatz auch in u‪nserer nächster Umgebung offen zutage tritt, sieht man beim Blick über die Grenze: Im Städtchen Kaiserstuhl liegen die Verhältnisse fast genau umgekehrt. Dort wurde die DSI mit 112 gegen 52 Stimmen bachab geschickt: 31.7% Ja. Wenig mehr Ja-Stimmen finden sich auch im ebenso kleinen Städtchen Regensberg: 36.4%.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Initiative «Für Ehe und Familie», wo es um die sogenannte «Heiratsstrafe» ging: Regensberg 39.3% Ja, Kaiserstuhl 47.1 % Ja, Weiach 56.7% Ja. Auch hier verläuft ein Graben zwischen konservativem Gedankengut (der Initiativtext hätte die Ehe auf Verfassungsstufe als Gemeinschaft von Mann und Frau definiert) und eher progressiven Strömungen, die  eine unabhängig vom Zivilstand vorgenommene Individualbesteuerung anstreben.