Unter diesen jahrzehntelangen kriegerischen Wirren hat die Kurpfalz enorm gelitten. Ganze Landstriche waren bei Kriegsende fast komplett entvölkert, die Wirtschaft lag am Boden. Daher entschloss sich der reformierte Kurfürst im Jahre 1650, in der evangelisch geprägten deutschsprachigen Schweiz (d.h. vor allem in den Kantonen Zürich und Bern) Einwanderer anwerben zu lassen.
Tausende folgten diesem Ruf. Denn diese von der eigenen Regierung erlaubte Form des Auswanderns war für viele der einzige Weg, der heftigen Wirtschaftskrise zu entkommen, die die eidgenössischen Staaten seit dem Westfälischen Frieden von 1648 erfasst hatte (vgl. WeiachBlog Nr. 1120).
Ersetzungsmigranten aus der Eidgenossenschaft
«Jeder echte Kurpfälzer hat Schweizer Vorfahren». So apodiktisch beginnt Christian Jung seinen Artikel über diese Ersetzungsmigration der besonderen Art. Zu dieser Erkenntnis sei auch Norbert Emmerich gelangt, ein zum akribischen Genealogen gewordener pensionierter Verwaltungsdirektor: «Bei der Erfassung der Vorfahren meiner Schwiegertochter merkte ich, dass diese fast ausschließlich in der Kurpfalz beheimatet waren. Bald geschah aber das, was jedem hiesigen Familienforscher passiert. Ab dem Jahr 1700 stößt man auf Ahnen, die aus der Schweiz eingewandert waren».
Emmerich geht davon aus, dass zwischen dem Erlass des Zuwanderungsdekrets im Jahre 1650 und 1720 knapp 10'000 Schweizer (mutmasslich alle protestantischen Glaubens) in die Kurpfalz einwanderten. Rund 2200 seien nach Heidelberg gekommen. Von 1500 Personen sind Namen und weitere Daten bekannt. Drei davon haben Weiacher Wurzeln.
Unter den Bediensteten am kurfürstlichen Hof wimmelte es von Schweizern
Von Johann Meyer (Nr. 833), der an Ostern 1679 als Soldat in Heidelberg unter einem Schweizer Hauptmann in Diensten des Kurfürsten stand, war bereits vor über 15 Jahren die Rede (vgl. WeiachBlog Nr. 814). Auch Christian Jung erwähnt diese militärische Komponente: «Kurfürst Karl Ludwig machte sich die militärischen Kenntnisse der Eidgenossen zu Nutzen und ließ eine eigene Leibgarde aus den für ihre Kampfeslust und Vertrauenswürdigkeit bekannten Schweizern aufstellen. In Heidelberg und Schwetzingen wimmelte es zudem im einfachen Hofpersonal „nur so von Schweizern”. Auch dem kurfürstlichen Leibkutscher war anzuhören, dass er wie zahl[r]eiche Handwerker in den Städten ein „Zugereister” war.»
Kaspar Bersinger, Dorfdiener
Als Nr. 100 (S. 69-70) führt Emmerich einen Kaspar Bersinger, geb. 17. Oktober 1680, auf. Sein Vater Felix ist möglicherweise nach 1689 mit seiner ganzen Familie ausgewandert. Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass er in der Fremde gestorben ist:
«Vater: Felix Bersinger, * 25.10.1646 Weiach ZH, + 01.08.1701 Berlin
∞ 02.12.1679 Weiach ZH
Mutter: Elisabeth Leen, + nach 1689»
∞ 02.12.1679 Weiach ZH
Mutter: Elisabeth Leen, + nach 1689»
Diese in Weiach vollzogene Trauung ist in der Ehedatenbank des Zürcher Staatsarchivs mit der Signatur StAZH E III 136.1, EDB 365 verzeichnet: «Bersinger, Felix, getraut mit Leemann, Elisabeth, Glattfelden». Ob die Verschreibung zu Leen aus der von Emmerich aufgeführten Quelle AV Weiach ZH 1702 stammt, ist noch abzuklären.
Kaspar (* 17.10.1680 Weiach ZH, + 18.02.1733 Heidelberg) scheint das älteste von vier Geschwistern gewesen zu sein. Die drei weiteren waren (laut Emmerich):
- Johann Jacob Bersinger (M), * 22.12.1682 Weiach ZH
- Regula Bersinger (F), * 28.10.1683 Weiach ZH
- Elisabeth Bersinger (F), * 15.12.1689 Weiach ZH
Zu Kaspars Laufbahn und Familienleben ist folgendes bekannt: «1700 zu Handschuhsheim in der Pfalz. Dorfdiener in Heidelberg-Rohrbach (1705). Neun Kinder in Rohrbach geboren. Beisasse in Heidelberg (1733).
1. Magdalena Schneider + nach 1714
∞ 29.12.1705 Heidelberg-Rohrbach
Eva Bersinger (F), * 01.04.1708 Heidelberg-Rohrbach»
∞ 29.12.1705 Heidelberg-Rohrbach
Eva Bersinger (F), * 01.04.1708 Heidelberg-Rohrbach»
Beide genannten Orte waren Dörfer vor den Toren der Stadt. Handschuhsheim liegt nördlich von Heidelberg auf der anderen Seite des Flusses Neckar und gehört heute wie das im Süden der Altstadt gelegene Rohrbach zur Stadt Heidelberg (ca. 150'000 Einwohner). Kaspar arbeitete also als Gemeindeangestellter. Weshalb nur eines seiner neun Kinder namentlich genannt wird, ist unklar. Seine Ehefrau Magdalena muss jedenfalls dann nach 1714 gestorben sein, wenn man jedes Jahr ein Kind veranschlagt und keine Zwillingsgeburten annimmt.
Elisabeth Erni, Pfarrerstochter
Als Nr. 300 (S. 125-126) ist bei Emmerich die wohl jüngste Tochter des Weiacher Pfarrers Hans Rudolf Erni (WPZ24, Nr. 73; Amtszeit 1637-1659) aufgeführt:
«Elisabeth ERNI (F)
* 22.03.1646 Weiach ZH, + nach 1678
Lorsong 174. Ließ am 31.12.1678 in Heidelberg uneheliche Tochter Anna Maria (Vater ange[b]lich Hans Süß, kurpfälz. Musketier) taufen.
1. Johann Jacob Stetter
+ nach 1674
∞ 06.07.1668 Heidelberg
Ursula Stetter (F) * 17.01.1672 Heidelberg
Johann Friedrich Stetter (M) * 18.12.1674 Heidelberg
2. Johann Süß
+ nach 1674
∞ 06.07.1668 Heidelberg
Ursula Stetter (F) * 17.01.1672 Heidelberg
Johann Friedrich Stetter (M) * 18.12.1674 Heidelberg
2. Johann Süß
+ nach 1678
∞ entfällt
Anna Maria NN (F) * 31.12.1678 Heidelberg»
Elisabeth war zum Zeitpunkt des Todes ihres Vaters im Herbst 1659 gerade einmal dreizehneinhalb Jahre alt. Ihre älteste Schwester (sofern sie damals noch lebte) war zwar schon rund 35jährig, die meisten ihrer Geschwister jedoch noch nicht 20jährig. In ihrem 23. Altersjahr vermählte sich Elisabeth in Heidelberg mit Johann Jacob Stetter und hatte mit ihm mindestens zwei Kinder. Ob die uneheliche Geburt eines dritten Kindes, der Anna Maria, die Folge eines Ehebruchs war, oder ihr erster Mann gestorben war, lässt sich anhand der verfügbaren Daten nicht eruieren. Jedenfalls hat der von ihr angegebene Vater die Kindsmutter nicht geheiratet.
∞ entfällt
Anna Maria NN (F) * 31.12.1678 Heidelberg»
Elisabeth war zum Zeitpunkt des Todes ihres Vaters im Herbst 1659 gerade einmal dreizehneinhalb Jahre alt. Ihre älteste Schwester (sofern sie damals noch lebte) war zwar schon rund 35jährig, die meisten ihrer Geschwister jedoch noch nicht 20jährig. In ihrem 23. Altersjahr vermählte sich Elisabeth in Heidelberg mit Johann Jacob Stetter und hatte mit ihm mindestens zwei Kinder. Ob die uneheliche Geburt eines dritten Kindes, der Anna Maria, die Folge eines Ehebruchs war, oder ihr erster Mann gestorben war, lässt sich anhand der verfügbaren Daten nicht eruieren. Jedenfalls hat der von ihr angegebene Vater die Kindsmutter nicht geheiratet.
Vollständige Assimilierung
Laut dem Artikel von Jung ist Emmerich auch zum Schluss gekommen, dass sich die Schweizerkolonie in der Kurzpfalz zwar zunächst durch engen Zusammenhalt ausgezeichnet habe. Sie sei dann aber relativ rasch mit der bisherigen Bevölkerung verschmolzen: «Dies mag mit dem Umstand zusammenhängen, dass die sozialen Strukturen gleich waren und eine vollständige Assimilierung für die Einwohner nichts Negatives bedeutete, zumal die Schweizer Kantone, aus denen die Auswanderung stattfand und die aufnehmende Pfalz calvinistisch geprägt waren.» (Emmerich zit. n. Jung 2009)
Quelle und Literatur
- Lorsong, G. G.: Schweizer Einwanderer in Heidelberg nach dem Dreissigjährigen Krieg. Sonderveröffentlichung des Albert-Metzler-Kreises anläßlich der 800-Jahr-Feier Heidelbergs, 1996.
- Emmerich, N.: Schweizer (Einwanderer) in Heidelberg nach dem Dreißigjährigen Krieg. BoD. ISBN 978-3-8391-1627-2. Norderstedt 2009 – S. 69-70, 125-126, 279.
- Jung, Ch.: Einwanderung – Die kurpfälzischen Gene kommen (auch) aus der Schweiz. In: Zeittaucher (Scienceblogs.de), 18. Dezember 2009.
- Brandenberger, U.: Reisläufer am österlichen Abendmahl. WeiachBlog Nr. 814, 4. April 2010.
- Brandenberger, U.: «Könnints nit hungers sterben lasßen». Auswanderungsgründe 1653. WeiachBlog Nr. 1120, 2. Januar 2013.
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