Sonntag, 30. November 2014

Novemberwetter 1964: Unvermeidliche Hochnebeldecke

Für die Beschreibung des Oktoberwetters 1964 hat Walter Zollinger in seiner Jahreschronik erstmals den Begriffs «netzend» verwendet. Und zwar in der Bedeutung von Nebel der sich auf Oberflächen in nasser Form niederschlägt. Das neue Wort wird auch für die Beschreibung des nachfolgenden Monats verwendet. Denn da ging es mit dem Nebel weiter wie im Oktober:

«November: Die ersten 2 Wochen des Novembers zeigten ständig eine Hochnebeldecke an den Vormittagen, hie und da sogar leicht netzend; nachmittags manchmal etwas aufhellend, dann aber auch gleich ein kalter Oberwind. Nun folgt vom 14. ab ein Wechsel auf ein paar föhnig-stürmische Tage mit z.T. "scheusslichem Regenwetter". Jetzt, etwa ab dem 20.11. wirds endlich besser, morgens wohl noch neblig oder bedeckt, aber doch die Nachmittage und Abende teilweise sonnig, trocken sogar. Das Monatsende bringt wieder ganze Tage mit der unvermeidlichen Hochnebeldecke, mit kühlen Winden und sogar (am 28., 29., 30.11.) etwas leichtem Schneefall, sodass Wiesen, Bäume und Dächer weissbedeckt sind. Die Temperaturen hielten sich leicht unter denjenigen des Vormonates:

Höchstemperaturen: morgens 11°, mittags 12°, abends 13° (Föhn)
Tiefsttemperaturen: morgens 0°, mittags 2°, abends 0°
»

Also eigentlich übliches Weiacher Herbstwetter. Neblig halt. Bodennebel ist ebenfalls sehr häufig, liegt doch der Dorfkern nur ein paar hundert Meter vom Rhein entfernt. Im hier beschriebenen Monat hat sich aber offensichtlich eine ziemlich stabile Inversionslage halten können.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1964 - S. 7. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1964].
[Veröffentlicht am 20. Januar 2015]

Samstag, 29. November 2014

Öffentliche Bauvorhaben 1914: Kirche und Altes Schulhaus

Im Jahre 1914 liessen die Weiacher gleich zwei öffentliche Bauvorhaben ausführen. Einerseits eine sanfte Renovation der evangelisch-reformierten Kirche. Und andererseits eine Modernisierung des Schulhauses (heute als «Altes Schulhaus» bezeichnet).

Modern heizen bei den Schülern

Dem Schulhaus wurde eine ganz spezielle Neuerung spendiert, nämlich der «Einbau einer Zentralheizung» (zit. n.: Weiach, 4. Aufl., Fussnote 160). Über eine solche Annehmlichkeit konnten sich die meisten Weiacher in ihren privaten Wohnungen noch nicht erfreuen, wie man der elektronischen Version des Historischen Lexikons der Schweiz (e-HLS) entnehmen kann:

«Im 17. und 18. Jh. kamen in den Bauernstuben die Kachelöfen auf. Die dafür benötigte Keramik wurde häufig aus städt. Abbruchmaterial gewonnen. Die ländl. Kachelofenheizung, die heute als bäuerl. Attribut schlechthin gilt, ist eine Form von diffundiertem höf. und städt. Kulturgut. [...] Im 18. und 19. Jh. setzte sich die industrielle Produktion von gusseisernen Zimmeröfen durch. Mit dieser zweiten Zäsur war die H[eizung] nicht mehr zwingend an Küche und Stube gebunden. Die Brüder Johann Jakob und Salomon Sulzer führten hierzulande - nach nordamerikan. und engl. Vorbild - 1841 die dampfbetriebene Zentralheizung ein. Deren Betrieb mit warmem Wasser verbreitete sich im Wohnungsbau erst nach dem 1. Weltkrieg.» (e-HLS, Artikel Heizung, Stand 24/03/2011).

Ob es sich bei der neuen Schulhausheizung um eine nach dem Prinzip Sulzer oder doch schon um eine Warmwasserheizung gehandelt hat? Die Protokollbände im Archiv der Primarschulgemeinde könnten da allenfalls zur Aufklärung beitragen.

Immerhin ein neuer Bodenbelag für die Kirche

Die Kirchgemeinde konnte (oder wollte) in der Zeit vor 100 Jahren nicht allzu viel Geld auf einmal verbauen. 1912 wurde zum ersten Mal eine elektrische Beleuchtung installiert, womit die Kirche eines der ersten mit Strom versorgten Gebäude im Dorf war.

1914 wurde eine von der Kantonalen Denkmalpflege Zürich als «Gesamtrenovation» (s. unten) bezeichnete Sanierung durchgeführt:

«Dabei wurden zwei bisher neben dem Taufstein liegende Grabplatten entfernt und in die nahen Mauern eingelassen (es könnte sich um die Grabplatten von Pfarrer H.R. Wolf und seiner Schwester handeln). Der alte Klinkerboden wurde durch einen Plättlibelag ersetzt. Die Kosten für diese Innen- und Aussenrenovation beliefen sich damals auf Fr. 37'900 (nach Maurer, 1965; indexiert auf heute ca. Fr. 400'000).» (zit. n.: 300 Jahre Kirche Weiach, S. 54).

Mit dieser Gesamtrenovation 1914 war es also nicht weit her - ausser man wolle auch die beiden folgenden Bauprojekte dazuzählen: 1926 liess die Kirchgemeinde das Wandtäfer ausbauen, sanieren und teilweise erneuern. Auf den Heizkomfort, der die Schüler damals schon seit mehr als einem Jahrzehnt erfreute, mussten die Kirchgänger bis 1929 warten, als durch die Elektrizitätsgenossenschaft Weiach (EGW) eine elektrische Heizung installiert wurde. Ob man vorher mit Kohlenöfen oder dergleichen zu Winterzeiten ein bisschen Wärme in die Kirche gebracht hat, ist mir nicht bekannt. Zusätzlich zur neuen Heizung wurde eine neue Turmuhr eingebaut (bis heute in Betrieb), sowie die erste richtige Orgel (von 1930 bis 1967 in Betrieb - vorher gab es nur ein Harmonium).

Gesamtrenovation?

Diese schrittweise Renovationstätigkeit war aus der Sicht des Denkmalschutzes ein Glücksfall, wie der 6. Bericht der Kantonalen Denkmalpflege Zürich verrät:

«Glücklicherweise überstanden der aus der Bauzeit stammende Taufstein, die auf 1706 datierte Kanzel, grosse Teile der Chorbestuhlung, die Empore sowie die Bretterdecke auch die Gesamtrenovation von 1914, so dass für die Gesamtrestaurierung von 1967/68 noch wichtigste Teile der alten Bausubstanz vorhanden waren.» (zit. n.: 300 Jahre Kirche Weiach, S. 30).

Die vermeintliche Gesamtrenovation 1914 entpuppt sich als ganze Serie von Entscheiden der Kirchgemeinde. Letztlich war es neben der konservativen Grundhaltung sicher auch das mangelnde Geld, das die damaligen Weiacher (Frauen hatten bis 1964 nichts zu sagen - zumindest in der Gemeindeversammlung) davon abgehalten hat, alte Bausubstanz im grossen Stil durch Modernität zu ersetzen.

Die erste wirkliche Gesamtrenovation dürfte somit die von 1967/68 gewesen sein.

Quellen
  • Brandenberger, U.: «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706 – 2006, (Internetausgabe 2007)
  • Brandenberger, U.: Weiach. Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes. Vierte, überarbeitete Auflage von Walter Zollingers «Weiach. 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach» (Internet-Ausgabe 2014)
  • Maurer, E.: Die Kirche zu Weiach. Weiach, 1965. Hrsg.: Evang.-ref. Kirchgemeinde
    Weiach.
  • Zürcher Denkmalpflege (Hrsg.): Weiach. Reformierte Kirche. Gesamtrestaurierung. In: 6. Bericht 1968/1969 – S. 143-144.
[Veröffentlicht am 20. Januar 2015]

    Freitag, 31. Oktober 2014

    Oktoberwetter 1964: Ständig kalte Finger beim Obstpflücken

    Der September 1964 gab Chronist Walter Zollinger mit seinen grossen Unterschieden zwischen Höchst- und Tiefsttemperaturen einen Anlass zum Vergleich mit dem Vorjahr. Diesen stellt er auch mit dem darauffolgenden Monat an:

    «Oktober: Dieser Oktober war das gerade Gegenteil des trocken-warmen Oktobers 1963: meist neblige Morgen, manchmal sogar netzend, 12mal richtig regnerische Vorm. oder Nachmittage [letztes Wort gestrichen und handschriftlich durch "Abende" ersetzt], auch Nächte. Fast immer bedeckt oder stark bewölkt und auch kühle Winde. Die Nachmittage sind oft etwas besser und milder, vor allem in der ersten Monatshälfte. Aber eigentlich sonnige Tage waren nur deren 3. Am 25.10. lag der erste Reif. Beim Obstpflücken gab's beständig jeweilen empfindlich kalte Finger.

    Höchstemperaturen: morgens 13°, mittags 17°, abends 14°
    Tiefsttemperaturen: morgens 0°, mittags 6°, abends 1°
    »

    Also eine eher unfreundliche Angelegenheit, dieser Oktober. Zum Glück für die Traubenernte war ja der September föhnig (vgl. WeiachBlog vom 30. September 2014).

    Quelle
    • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1964 - S. 7. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1964].
    [Veröffentlicht am 18. Januar 2015]

    Donnerstag, 30. Oktober 2014

    Hochkonjunktur verführt zum Wirtshaushocken

    Walter Zollinger, der langjährige Dorfschullehrer, Ortschronist und Chorleiter (um nur einige seiner vielen Aktivitäten zu nennen), war ein scharfer Kritiker der Hochkonjunktur vor 50 Jahren.

    Dass dem so war kann man noch heute an der spitzen Feder ablesen, die er in seinen Ortschroniken führte. Auch eigentlich ganz harmlos gemeinte Inserate wie das unten abgebildete konnten schon mal in sein Visier geraten:



    Begleitet wird dieses im Typoskript eingeklebte Metzgete-Inserat des Weiacher Restaurants «Wiesental» von vier weiteren Zeitungsausschnitten: ebenfalls Werbung für Metzgete-Anlässe (von den damaligen Inhabern des Restaurants Bahnhof Niederglatt, des Restaurants Bellevue Regensberg, der Linde Buchs sowie des Restaurants Bahnhof Rümlang).

    Zollingers Kommentar dazu (unter der Rubrik «Volkskundliches/Kulturelles»): «Auch "kulturell intressant" sind die vielen, so ab mitte Oktober beginnenden und weit über Neujahr hinaus sich ziehenden, durch fast alle unsere Gaststätten eingeführten "Metzgeten"; eine deutliche Illustration zu unserer "fress- und trinklustigen" Zeit; denn es seien, so liess ich mir sagen, diese Lokale jeweilen gestossen voll. Wie mancher Familienvater, wie viele junge Burschen werden doch wohl damit zum Wirtshausbesuch und zum unnötigen Geldverputzen verführt und schlittern dann allmählich in ein liederliches Leben hinein! Das Wirtshaushocken wird ihnen zur Gewohnheit, eine üble Kehrseite der heutigen "Hochkonjunktur", man hat ja Geld genug!»

    Ob diese Metzgeten tatsächlich zur Entstehung liederlichen Lebenswandels geführt haben? Zum Überleben der Gaststätten haben sie sicher beigetragen.

    Das «Wiesental» gibt es übrigens - als eine der wenigen unter den damals bestehenden Weiacher Gaststätten - bis heute. Und es wird erst noch von der gleichen Familie Bütler geführt wie vor einem halben Jahrhundert.

    Quelle
    • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1964 – S. 23a (Inserat) u. 24 (Text). [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1964].
    [Veröffentlicht am 7. Dezember 2014]

    Montag, 27. Oktober 2014

    Zuwanderung bricht der Schweiz finanziell das Genick

    Nachdem erste Umfrageergebnisse eine mögliche Mehrheit für die sogenannte Ecopop-Initiative (Volksinitiative «Stopp der Überbevölkerung - zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen») signalisiert haben, prasselt nun via Medien ein Propaganda-Stahlgewitter auf die Öffentlichkeit herunter.

    Die Boulevard-Zeitung «Blick» warnt mit riesigen Lettern auf der Titelseite, dass die AHV pleite gehen und Hunderttausende arbeitslos auf der Strasse stehen würden. Und vergisst dabei zu erwähnen, dass die Eingewanderten dereinst auch Ansprüche stellen werden, was wohl noch mehr Einwanderung (oder eigenen Kinderreichtum) zur Folge haben müsste, soll es nicht einfach etwas später zum Kollaps der Ersten Säule kommen.

    Auch der Weiacher EVP-Kantonsratskandidat Daniel Elsener macht sich seine Gedanken zum Thema. Mit Bezug auf den «Monsterstau am Gubrist», ausgelöst durch einen Lastwagen, der am 20. Oktober frühmorgens eine Ladung Sojabohnen auf der Fahrbahn verteilte, hat er den folgenden Leserbrief an diverse Printmedien versandt:

    «Ein heute alltägliches Ereignis weitete sich am Montag durch ein missliches Unglück zum 25km regionalen Verkehrskollaps aus, obwohl der Tunnel noch einspurig befahrbar war. Unsere Mobilität ist schon länger am Limit, wohin man schaut. Ein Schelm, wer jetzt denkt: die ungebremste Zuwanderung ist schuld! Oder vielleicht doch nicht?

    Dieses Beispiel zeigt doch nur zu deutlich, wie empfindlich und übernutzt unsere Infrastrukturen geworden sind. Also müssen sie zwingend erneuert, erweitert und ausgebaut werden, und das nicht nur im Verkehr. Das ist eine sehr kostspielige Sache und ich überlege in welcher Grössenordnung das wohl sein könnte? Wenn ich annehme, dass jede Zuwanderung über kurz oder lang 200‘000.- Franken öffentliche Infrastrukturkosten in Bildung, Gesundheit, Mobilität, Soziales und Verwaltung usw. verursacht, sind das bei einer Million Leute seit der Personenfreizügigkeit (PFZ) 200 Mrd. Franken. Ein Klacks, wenn man bedenkt, dass das kantonalzürcherische Budget 14 Mrd. beträgt. Selbst eine Wohnung kostet heute rund eine halbe Million Franken.

    Wenn ich lese, wie unbedarft gegen Masseneinwanderungs- und Ecopopinitiative geschossen und behauptet wird, sie seien wirtschaftsschädlich, wird mir schummrig. Diesen finanziellen Kraftakt wird die Schweizer Volkswirtschaft nicht stemmen können und wird ihr das Genick brechen. Auch mit noch mehr Zuwanderung wird’s nicht besser, sondern nur noch schlimmer. Nach dem Verkehrskollaps kommt der Finanzabsturz und dann die (Mehrwert)-Steuerbelastungen wie in der EU. Ich würde doch gern pragmatisch von den Befürwortern der PFZ wissen, wer diesen Investitionsstau bezahlen soll?

    Naiv wie ich bin sage ich: Die Wirtschaft und die Banken nicht, die EU nicht, die Politik und der Bundesrat nicht, die Einwanderer nicht – ich auch nicht. Aber Du!
    »

    Vom Monsterstau am Gubrist zum Investitionsstau. Natürlich kann man am Gubrist die geplante dritte Röhre bauen - oder auch noch eine vierte. Aber ob dies das Problem wirklich löst?

    Letztlich geht es um die Frage, was die Schweiz sein will: ein mit Europa vollvernetztes Singapur der Alpen mit verdichtetem Multikulturalismus? Oder doch lieber ein weniger bevölkerter direktdemokratisch verfasster Staat, der seine wirtschaftliche Rolle in der Welt grundsätzlich neu definiert?

    Um diese Grundsatzfrage geht es am 30. November letztlich. Und wir tun gut daran, endlich ohne populistische Polemiken und «Arena»-Geschrei darüber nachzudenken. Das können die Stimmbürger nämlich - wenn man sie nur lässt.

    Der Diskussionsbeitrag von Daniel Elsener erinnert daran, dass auch ungehindertes Wachstum grosse finanzielle Risiken mit sich bringen kann. Was denken Sie darüber?

    [Zitat auf Wunsch des Autors durch WeiachBlog orthographisch korrigiert – 6.11.2014]

    Dienstag, 30. September 2014

    Septemberwetter 1964: Föhnlagen kochen die Trauben

    Die Jahreschroniken von Walter Zollinger behandeln als erstes Hauptkapitel jeweils das Wetter. Für seine statistischen Monatsbeschreibungen wertete der Chronist seine detaillierten täglichen Aufzeichnungen aus.

    In der Regel hat er zum Abschluss bei jedem Monat auch Höchst- und Tiefsttemperaturen beigefügt. Beim September 1964 macht er eine Ausnahme. Hier stehen diese Angaben ganz am Anfang - und das kommt nicht von ungefähr:

    «Höchstemperaturen: morgens 18°, mittags 25°, abends 19°
    Tiefsttemperaturen: morgens 2°, mittags 10°, abends 7°

    Das sind bedeutende Unterschiede zwischen Höchst- und Tiefsttemperaturen; der letztjährige September war ausgeglichener. An den Morgen [des Septembers 1964] lag öfters Nebel oder Hochnebel (12mal), welch ersterer allerdings meist so zwischen 9 und 11 Uhr verschwand und dann sonnigen Nachmittagen und Abenden platzmachte (10 solche); bedeckt oder bewölkt waren nur 3 ganze Tage und 4 halbe. Wechselnd zwischen sonnig und bewölkt zählte ich 1 ganzen Tag, 2 Vormittage und 4 Nachmittage; Regen fiel 5mal nachts, 3mal abends, je 2mal vor- oder nachmittags und einmal während eines ganzen Tages; auch ein kühler Wind wehte oftmals, vor allem anfangs des Monates und dann wieder zwischen dem 17. und 22.9. Am 6.9., 12.9. und 15.9. föhnig, gut für die Trauben und das Obst. Die Rebbesitzer beginnen mit wümmen der "Direktträger" bereits um den 20. September herum und wir selber haben am 9. und 10.9. gesonnt, trotzdem ein Hausfrauen-Spruch warnt: "In Monaten mit ....er soll man nicht sonnen!"»

    Mit dem Wümmen ist die Traubenernte gemeint. Und unter einem Direktträger oder Selbstträger versteht man eine Rebe, die nicht gepfropft (d.h. veredelt) wurde, also auf ihren eigenen Wurzeln wächst. Interessant ist dieser Umstand, weil die Reblaus zwischen 1865 und 1885 riesige Weinberge zerstört hat - und man seither weitgehend auf Propfreben setzt, denen die Laus nichts anhaben kann. Dass die Weiacher nicht auf gepfropfte Reben umgestellt haben, könnte damit zusammenhängen, dass bei praktisch allen der Weinbau eben nicht als Hauptverdienst zählte - und das wohl auch nie war.

    Mit dem Sonnen meint Zollinger wohl nicht das heute übliche Sonnenbad (wo ein Mensch «sünnelet»), sondern das Sonnen von Gegenständen, wie es damals im Sommer noch weitherum praktiziert wurde und beispielsweise von Gottlieb Siegmund Corvinus in seinem «Frauenzimmer-Lexicon» von 1739 wie folgt beschrieben ist (vgl. Sp. 173): «die Feder-Betten bey schönen Sommer-Tagen an die Sonne legen und ausbreiten, und selbige mit zwey langen schwancken Stäblein ausklopfen, damit die verstockten  und in einen Klumpen verfallenen Federn wiederum auflaufen, und von dem Schweiß nicht faul werden.» Dazu würde dann auch der Hausfrauenspruch passen (September und Oktober sind halt schon nicht mehr Sommermonate).

    Quelle
    • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1964 - S. 6-7. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1964].
    [Veröffentlicht am 18. Januar 2015]

    Montag, 22. September 2014

    Hans Ulrich Meyerhofer nach Schaffhausen ausgeliefert

    Heute vor 200 Jahren war der Kanton Zürich noch ein völlig unabhängiger Staat, wie alle anderen Schweizer Kantone, die in der Eidgenossenschaft der Mediationszeit nur lose miteinander verbunden waren.

    Wollte damals ein anderer Kanton einen Zürcher Bürger vor Gericht stellen, dann musste er bei der Zürcher Regierung vorstellig werden. Und ein formelles Auslieferungsgesuch von Staat zu Staat stellen. So wie dies der Kanton Schaffhausen am 19. September 1814 getan hatte:

    «Da die Regierung des L. Standes Schaffhausen unterm 19ten dieß um die Auslieferung des zu Regensperg im Arrest sitzenden Hs. Ulrich Meyerhofer von Weyach, welcher als ein angeblicher Unterhallauer, Namens Rahm, den Herrn Stadtrichter und Cantonsrath Joh. Jacob Wüscher in Schaffhausen vermittelst eines falschen Schuld- und Bürgscheins um die Summe von 800. fl. betrogen, – ersucht, – so wird die Cantonspolicey-Commißion, auf den mündlich erstatteten, sorgfältigen Bericht ihres würdigen Präsidii, begwältiget, die Auslieferung des Meyerhofers an die Regierung von Schaffhausen zu besorgen, und der dortigen Polizeybehörde anzuzeigen, wann er zu Regensperg abgeholt werden könne.»

    Anmerkung zu den Abkürzungen: «L.» steht für «Löblichen», «Hs.» für «Hans», «Joh.» für «Johann», «fl.» für «Gulden».

    Bereits rekordverdächtige drei Tage nach dem Begehren (!) entschied also der Kleine Rat (heute wäre das der Regierungsrat), ihm stattzugeben. Von wegen, staatliche Mühlen würden langsam mahlen...

    Wie man dem Beschlussprotokoll entnehmen kann, war zu diesem Geschäft ein Bericht des Präsidenten der «Cantonspolicey-Commißion» nötig, der seinen Antrag den hohen Herren Räten gleich in deren Sitzung vortrug. Dieses mündliche Prozedere dürfte wesentlich zur schnellen Erledigung des Geschäftes beigetragen haben.

    Unklar ist, weswegen Hans Ulrich Meyerhofer zu Regensberg in Arrest war. Womöglich sass er da wegen einer anderen - möglicherweise weniger gravierenden - Angelegenheit. Die Zürcher sahen jedenfalls kein Problem darin, ihn (umgehend) den Schaffhausern zu überstellen. Dort war er ja auch hinter Schloss und Riegel - und erst noch auf Kosten der Schaffhauser.

    Dennoch interessierte sich die Zürcher Justiz für den gefälschten Schuldbrief bzw. Bürgschein:

    «Von dieser getroffenen entsprechenden Verfügung, wird die Regierung des L. Standes Schaffhausen rückantwortlich benachrichtiget, und dieselbe zugleich um Mittheilung des dießfälligen Urtheils und der Prozeß-Acten ersucht, aus welchen sich dann besonders auch ergeben wird, ob und wie die Verfertigung des falschen Schuldbriefs und Bürgscheines in dem hießigen Canton geschehen sey.»

    Die eigentlichen Umstände, unter denen es Meyerhofer gelungen war, den honorablen Johann Jacob Wüscher von der Echtheit der Urkunde(n) zu überzeugen, hatte die Zürcher offiziell nicht zu interessieren.

    Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht, dass ein Weiacher offenbar dialektmässig problemlos als Unterhallauer durchging. Oder Meyerhofer zumindest glaubhaft machen konnte, er stamme ursprünglich aus dieser Klettgauer Gemeinde.

    Näheres würden allfällig noch vorhandene Prozessakten in Schaffhauser Archiven zeigen.

    Quelle
    • StAZH MM 1.50 RRB 1814/0921. Auslieferung des Hs. Ulrich Meyerhofer von Weyach, aus seinem Arrest zu Regensperg an die Regierung von Schaffhausen. 22.09.1814
    [Veröffentlicht am 29. Dezember 2014]


    Präzisierung vom 13. Januar 2015 zum Thema Auslieferungsgesuch

    Eine Auslieferung kann nicht nur erfolgen wenn der oder die Betreffende bereits inhaftiert ist. Vergleiche die Begriffsdefinition durch das Bundesamt für Justiz:

    «Auslieferung bedeutet die zwangsweise Übergabe einer gesuchten Person durch den ersuchten Staat an den ersuchenden Staat zum Zweck der Strafverfolgung oder der Strafvollstreckung.»

    Ohne Gesuch eines Drittstaates handelt es sich nicht um eine Auslieferung, sondern um eine Abschiebung oder Ausschaffung in einen Drittstaat (in der Regel der Heimatstaat des/der Abgeschobenen).

    Ein Gesuch war also unabhängig davon erforderlich, ob es sich um einen Bürger des angefragten Kantons oder einen Kantonsfremden handelt. Interessant ist aber dennoch, wie schnell die Zürcher bereit waren, einen eigenen Bürger in einen anderen Kanton auszuliefern. Denn staatsrechtlich gesehen war Schaffhausen aus Zürcher Sicht Ausland.

    Normalerweise liefert ein Staat eigene Bürger nicht (oder nicht ohne weiteres) ans Ausland aus. In der EU ist das anders geregelt (vgl. Wikipedia-Artikel Europäischer Haftbefehl:

    «Der Europäische Haftbefehl (EuHB) ist ein Instrument zur EU-weiten Durchsetzung eines nationalen Haftbefehls, das auf einem Rahmenbeschluss vom 13. Juni 2002 beruht. Er vereinfacht und verkürzt die Auslieferung von Straftätern bzw. Verdächtigen, da das um Auslieferung ersuchte Land die Rechtmäßigkeit des Haftbefehls grundsätzlich nicht nachprüfen darf.»

    Es besteht zwischen EU-Staaten also eine Verpflichtung zur automatischen Auslieferung - auch von eigenen Staatsbürgern.

    Donnerstag, 28. August 2014

    Augustwetter 1964: Fiserlen und Bindfäden

    Nachdem die Weiacher Bauern sich noch im Juli 1964 über mangelnde Niederschläge beklagten, war dies im darauffolgenden Monat weniger ein Problem, wie man den Wetteraufzeichnungen von Walter Zollinger entnehmen kann:

    «August: Er ist etwas "kühler" als der Vorgänger, obwohl er auch recht viele schwüle Nachmittage bringt. Aber es regnet auch öfters, nämlich: am 2.8. nachmittags, am 7.8. abends gewittriger Schauer, vom 9. auf den 10. nachts, am 11.8. abends, am 12.8. etliche ergiebige Schauer nachmittags und abends, am 17./18. nachts, am 18. fast den ganzen Tag (erst spätabends etwas sonnig), am 21.8. nachmittags "fiserlen", am 22. vormittags wie "Bindfäden" und am 29. nachm. nochmals ein Gewitter, nachher anhaltender Regen bis über Mitternacht hinaus. - Es wird in der ersten Monatshälfte noch geemdet, soweit wenigstens etwas zu finden ist. Aber man nimmt alles zusammen, meist eintägiges natürlich.

    Höchsttemperaturen morgens 20°, mittags 28°, abends 21°
    Tiefsttemperaturen morgens 9°, mittags 15°, abends 13°
    ».

    Unter den Bindfäden, die vom Himmel regnen kann sich auch ein nicht im Kanton Zürich heimischer Leser etwas vorstellen. Aber unter «Fiserlen»? Das Schweizerische Idiotikon nennt als Bedeutung «leicht, fein regnen» bzw. schneien. Man kann den Begriff in diesem Kontext also wohl mit «Sprühregen» umschreiben.

    Quelle
    • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1964 – S. 6. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1964].
    [Veröffentlicht am 8. Dezember 2014]

    Dienstag, 26. August 2014

    Ausgelaufenes Öl nach Unfall angezündet

    Mineralöle sind das Blut der aktuellen Zivilisations-Version. Auch bei uns. Bereits vor 50 Jahren. Nur war damals die Bewältigungsstrategie bei Unfällen noch eine ganz andere als heute.

    In der Jahreschronik von Walter Zollinger findet man unter der Rubrik «Verkehrswesen/Unfälle» folgenden Eintrag:

    «am 9. Juni, abends ca. 6 Uhr: ein Oeltankanhänger überschlug sich auf der Glattfelderstrasse, direkt in einen Weizenacker, kurz vor dem Ofenhaus; Das auslaufende Oel musste, um ein Versickern zu verhüten, gleich angezündet werden. Eine dicke, schwarze Rauchwolke war weithin sichtbar und "alarmierte" so die Dorfbevölkerung.»

    Schon ein etwas eigenartiger Problemlösungsansatz, nicht wahr? Würde man sich heute so etwas erlauben, dann wäre eine Untersuchung durch die Strafverfolgungsbehörden ziemlich wahrscheinlich.

    Denn was passiert, wenn man die Sauerei anzündet? Das Problem wird nicht etwa kleiner, im Gegenteil: Luftverschmutzung durch Russpartikel, Verbrennungsrückstände auch am Boden, etc. Und trotzdem ist das Erdreich noch belastet. Ausserdem: die Lungen der auf dem Schadenplatz beschäftigten Personen haben garantiert keine Freude an dieser Zusatzbelastung.

    Heute wird eingedämmt

    Wenn heute ein solcher Unfall passiert, dann gehen die Einsatzkräfte anders vor:
    • Der Tankanhänger wird gesichert und provisorisch abgedichtet, damit nicht noch mehr Öl ausläuft. 
    • Ist ein Gewässer in der Nähe, wird eine Ölsperre gesetzt. 
    • Das ausgelaufene Öl wird an ein Bindemittel adsorbiert und abgeführt.
    • Das verseuchte Erdreich wird mit einem Bagger abgetragen (sog. Auskofferung) und entweder in einer KVA verbrannt oder einer Bodenwaschanlage zugeführt.
    Wie von der Berufsfeuerwehr des Flughafens Zürich auf Anfrage zu erfahren war, wird im Kanton Zürich bei solchen Vorfällen jeweils noch das Pikett des AWEL aufgeboten. Ein Spezialist des kantonalen Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft entscheidet dann zusammen mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr vor Ort, was im konkreten Fall das beste Vorgehen ist.

    Gefährliche Kurven

    Bezogen auf den oben erwähnten Unfallort beim Ofen-Hof kommen einem gleich noch zwei weitere Gedanken:
    1. betreiben die heutigen Eigentümer der nahe gelegenen Weiacher Kies AG eine Bodenwaschanlage.
    2. ereignen sich am mutmasslichen Unfallort vom 9. Juni 1964, einer Kurvenkombination auf Weiacher Gemeindegebiet rund 200 Meter östlich des Ofen, auch heute noch regelmässig Unfälle. Man kann die in den letzten Jahrzehnten dort umgekippten Anhänger wohl kaum mehr zählen.
    Quelle
    • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1964 – S. 20. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1964]

    Donnerstag, 7. August 2014

    Grundwasserpumpwerk führt zu Wasserzählern

    An der Gemeindeversammlung vom 24. Juni 1964 stand das Trinkwasser im Zentrum. Es ging um die «Genehmigung des Projektes für die Erstellung der Grundwasserfassung und des Pumpwerkes "Rhein" (Bruttokredit Fr. 297'200.-)», wie Walter Zollinger in seiner Jahreschronik 1964 schreibt.

    Und trotz des Geldsegens, der mit der Weiacher Kies AG die Gemeindekasse erreicht hatte, war Überzeugungsarbeit gefragt, denn einfach so investieren die Weiacher nicht in neue Infrastruktur:

    «Herr Ingenieur Werner vom techn. Bureau Gujer in Rümlang referierte eingehend über dieses dringend benötigte Vorhaben. Es wurde denn auch genehmigt und soll nun so rasch als möglich ausgeführt werden.» (Jahreschronik 1964 - S. 10)

    Mit Datum vom 7. August 1964 liess der Gemeinderat die Baute offiziell publizieren:


    Der Bauherr, die Politische Gemeinde Weiach, vertreten durch das Technische Büro H. Gujer, Rümlang, schrieb da eine «Grundwasser-Pump- und Transformatorenstation am Rhein» aus. (Bild aus: Jahreschronik 1964, S. 9a)

    Vor 50 Jahren noch keine Wasserzähler!

    Dass man die Wasserverbraucher auch in die Finanzierung einbinden wollte, ist nur folgerichtig. Als nächstes Traktandum folgte deshalb die «Aenderung von Art. 16 der Verordnung über die Wasserversorgung (Erhöhung des Wasserzins-Pauschaltarifes); dies im Hinblick auf die grossen Kosten des oben genehmigten Projekts.»

    Man stellt mit Erstaunen fest, dass es damals noch keine Wasserzähler gab. Nur eine Pauschalgebühr. Das blieb aber nicht mehr lange so.

    Wie man den Weiacher Geschichte(n) Nr. 33 (Gesamtausgabe S. 66, Link vgl.unten) entnehmen kann, gab es nach Aussage des früheren Gemeindepräsidenten Ernst Baumgartner-Brennwald (im Amt von 1966 bis 1982) Ende der 50er Jahre zunehmend Streit, wer zuviel Wasser verbrauche. Verdächtigt wurden besonders die Bauern.

    Schon drei Jahre später wurden sie eingeführt

    Deshalb brauchte es also die zusätzliche Wasserfassung und das dazugehörende Pumpwerk. Und bald waren auch Messgeräte erforderlich, um eine verursachergerechte Abrechnung zu ermöglichen:

    «1967 war die Gemeinde genötigt, eine abgeänderte Verordnung über die Wasserversorgung zu erlassen. Die Eröffnung des Grundwasserpumpwerkes an der Rheinhalde hatte bald gezeigt, dass die bisherigen bescheidenen Verbrauchertarife bei weitem nicht mehr ausreichten, um auch nur einen Teil der Betriebskosten zu decken. Nun wurden Wassermesser eingebaut und das Wasser zu 40 Rappen pro m3 abgegeben sowie ein Grundtarif pro Wohnung erhoben.» – W. Zollinger. 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach, Dielsdorf 1972, S. 63/64.

    Weiterführende Literatur zur Wasserversorgung
    [Veröffentlicht am 19. August 2014]