Montag, 19. August 2024

Von der «Wochen-Zeitung» zum «Zürcher Unterländer»

Mit dem Übersichts-Beitrag WeiachBlog Nr. 2132 ist eine Serie über die Geschichte der im Zürcher Unterland erscheinenden Presseerzeugnisse (sog. Abonnements-Zeitungen) lanciert worden. Heute folgt nun der erste der angekündigten Artikel über die einzelnen Zeitungen. Er ist dem ältesten und zugleich einzigen bis heute bestehenden Printprodukt gewidmet, das um den kommenden Jahreswechsel seinen 175. Geburtstag feiern kann. 

In seiner Festschrift über die Geschichte der zürcherischen Presse hat Rudolf Vögeli die Anfänge der im Zürcher Unterland gedruckten Medien wie folgt beschrieben (Link von WeiachBlog eingefügt): 

«Die Bezirke Bülach und Regensberg hatten bis zum Jahre 1850 keine heimische Zeitung. Diesem Mangel half die „Bülach-Regensberger Wochenzeitung“, nachmals „Bülach-Dielsdorfer Wochenzeitung“, ab. Deren Gründer, Drucker und Verleger war F. Lohbauer in Bülach. Bis zu den Jahren der demokratischen Bewegung beschränkte sich das Blatt auf Nachrichtenübermittlung und Aufnahme von amtlichen und privaten Anzeigen; immerhin brachte es seinen regelmässigen Leitartikel über kommunale und Bezirksangelegenheiten, über Fragen des Schul- und Armenwesens und selbstverständlich über die schwebenden Eisenbahnprojekte. Auch die ausländischen Vorgänge fanden zeitweise eine gute Zusammenfassung und Wiedergabe. Im allgemeinen bestrebte sich die Redaktion, den Inhalt der Textseiten dem vorzüglich bäuerlichen Leserkreis anzupassen. Politisch bekannte sie sich zunächst noch zur liberalen Partei, bis mit dem Eintritte F. Scheuchzers eine vollständige Umwandlung vor sich ging, welche die „Wochenzeitung“ zu einem der bedeutendsten demokratischen Landblätter gestaltete.» (Vögeli 1925, S. 148)

Gründungsjahre unter Lohbauer

Am 21. Dezember 1849, so kann man es der Bibliographie der Schweizer Presse von Fritz Blaser entnehmen, begann die Geschichte der Unterländer Presseerzeugnisse. An diesem Tag wurde nämlich die Probenummer für das ab dem Jahreswechsel 1850 erscheinende «Wochenblatt für die Bezirke Bülach und Regensberg» publiziert. So hiess die Zeitung dann auch in den ersten fünf Jahren ihres Bestehens. Kurz vor dem Jahreswechsel 1854/55 wechselte der Titel auf «Bülach-Regensberger Wochen-Zeitung».

Der Gründer Felix Lohbauer liess bis und mit 9. Februar 1850 bei J. J. Ulrich in Zürich drucken und übernahm diese Arbeit dann selber. Mitte Februar 1850 ging also die erste im Unterland gedruckte Zeitung an die Abonnenten. In diesen Jahren war das Blatt noch liberal-radikal (heute würde man sagen: freisinnig) gepolt, ähnlich wie die Zürcher Regierung seit 1831 (lediglich unterbrochen durch ein sechs Jahre dauerndes konservatives Intermezzo nach dem Züriputsch 1839). 

Friedrich Scheuchzer übernimmt und krempelt das Blatt um

Am Übergang zu den 1860er-Jahren begann sich das aber zu ändern, wie Vögeli andeutet. Dr. med. Friedrich Scheuchzer (1828-1895), ein Cousin Gottfried Kellers, Absolvent der Bezirksschule Kaiserstuhl, wurde 1859 Redaktor der Wochen-Zeitung. Ab 1. Oktober 1861 gehörte ihm die Wochen-Zeitung auch.


Lithografie von Friedrich Hasler für die Gallerie berühmter Schweizer der Neuzeit, 1863-1871 erschienen bei Orell Füssli in Zürich (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).

Dr. Scheuchzer, der in Bülach auch als Arzt praktizierte, war einer der wichtigsten Exponenten des linken Flügels der Demokratischen Bewegung. Diese wurde «überwiegend vom ländlichen und kleinstädtischen Bürgertum getragen. Sie waren Handwerker, kleine Industrielle, Bauern, aber auch Arbeiter. Ihre programmatischen und organisatorischen Führer stammten aus der ländlichen Intelligenz (Lehrer, Pfarrer, Redaktoren, Beamte, Ärzte, Juristen, Fabrikanten), die ihre Ideen in der eigenen, auch in der Landschaft verbreiteten Presse (Winterthurer Landboten, Bülacher Volksfreund) propagierte. Die Kontrolle des Staatswesens lag bei dem im Freisinn repräsentierten, etablierten Bürgertum. Die Demokratische Bewegung wollte das von diesem vertretene Repräsentativsystem durch direktdemokratische und staatsinterventionistische Einrichtungen ersetzen.» (Quelle: Wikipedia-Artikel Demokratische Bewegung (Schweiz))

Weltanschauung der «Wochen-Zeitung» führt zu Gründung des «Volksfreunds»

Diese Charakterisierung zeigt deutlich den heftigen Gegensatz zwischen den Gouvernementalen, die nach dem System Escher funktionierten (gemeint ist der Eisenbahnkönig und Credit Suisse-Gründer Alfred Escher) und ihren vor allem von ihrer Hochburg Winterthur aus operierenden Gegenspielern, den Demokraten. Wie hemdsärmlig es dabei zugehen konnte, zeigt Weiacher Geschichte(n) Nr. 55. Dieser Artikel beschreibt den Wahlkampf 1866, im Verlaufe dessen der Statthalter auf Schloss Regensberg, Ryffel, und der Weiacher Gemeinderatsschreiber (und Mitglied des Gemeinderats) Grießer aneinandergerieten und sich dann eine öffentliche Schlammschlacht lieferten.

Das Jahr 1866 sah übrigens als direkte Folge auch die Gründung des Bülacher Volksfreunds als Gegengewicht zu der von Friedrich Scheuchzer dominierten Wochen-Zeitung. Insofern dürfte der Wikipedia-Autor, der den Volksfreund als demokratisches Blatt bezeichnet (s. Zitat oben) ziemlich falsch liegen. Denn gleich in der ersten Nummer des Volksfreunds (ab 1957: Neues Bülacher Tagblatt) zog der Statthalter mit einer scharfen Replik gegen Vorwürfe in der Wochen-Zeitung zu Felde. Worauf dann ein publizistisches Konterbatterie-Gefecht folgte. Um zu verstehen, wer wem was um die Ohren gehauen hat, muss(te) man schon beide Zeitungen lesen.

Demokratischer Sieg erzwingt Namenswechsel

Die Niederlage der freisinnigen Gouvernmentalen bei den Wahlen 1866 und die neue Verfassung von 1869, die ohne den massiven Druck der Demokratischen Bewegung kaum zustandegekommen wäre, führten 1871 letztlich auch zur Verlegung des Sitzes der Bezirksbehörden von Regensberg hinab ins Tal nach Dielsdorf. Damit ging die Namensänderung des Bezirks einher. 

Diesen Umwälzungen Rechnung tragend, mussten dann auch die beiden den Namen Regensberg im Titel führenden Unterländer Zeitungen sich umbenennen: so trat das Blatt ab dem 8. Mai 1872 unter der Bezeichnung Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung auf.

Fritz Blaser liegt also in seiner Bibliographie nicht ganz richtig, wenn er in seinen tabellarischen Einträgen einen Wechsel zu einer Nachfolgenden Zeitung suggeriert. Neu mag allenfalls der Untertitel «Demokratisches Volksblatt» gewesen sein, mit dem Friedrich Scheuchzer seine Ausrichtung unmissverständlich klarstellte.

Dabei handelte es sich lediglich um zwei verschiedene Ausprägungen bürgerlicher Vorstellungswelten. Eine sozialistische Zeitung hätte jedenfalls im traditionell konservativen Unterland nicht wirklich Fuss fassen können. 

Scheuchzer-Dynastie in Verantwortung bis 1955

Seit 1868 erschien das (laut Blasers Bibliographie) «demokratisch-bürgerlich-bäuerlich» ausgerichtete Blatt wöchentlich 2x, später 3x. Dazu kam eine Sonntagsbeilage. Die Konstante dahinter waren die Scheuchzers. Nach dem Tode Friedrich Scheuchzers übernahm Severin Scheuchzer (1895-1918) als Verleger, gefolgt von S. Scheuchzers Erben (1919-1927) und G. Steinemann-Scheuchzer (1927-1955).

Als Chefredaktoren waren in dieser Phase tätig (Eintrittsjahr in Klammern): Dr. Friedrich Scheuchzer (1859), Fritz Bopp (1889), Alfred Illi (1928), Dr. Ernst Geyer (1936), Dr. Gottfried Kummer (1939), Walter Blickensdorfer (1943) und Fred Heyn (1945).

Ära eines streitbaren Bauernführers

Der neben Friedrich Scheuchzer politisch wirkmächtigste unter diesen Herren dürfte wohl Fritz Bopp (1863-1935) gewesen sein. Der Sohn eines Kleinbauern und Viehhändlers aus Dielsdorf war nicht nur als Landwirt tätig, sondern auch Notariatsgehilfe. Von 1912-1928 war Bopp Bezirksrichter. Als Politiker sass er von 1896 bis 1918 im Kantonsrat, 1915 bis 1928 im Nationalrat.

Markus Bürgi charakterisiert sein Wirken im Historischen Lexikon wie folgt (Links durch WeiachBlog gesetzt): «B. war einer der ersten Bauernführer des Kantons, der die wirtschaftlich bedrohte Bauernschaft zu stärken suchte und ihre unabhängige polit. Organisation anstrebte. Dabei vertrat er zunehmend eine Abwehrideologie mit autoritären und antimodernist. Zügen, warnte vor geistiger Überfremdung und Vermassung und stellte gegen diese Bedrohung einen gesunden und starken Bauernstand. Zur Stärkung des bäuerl.-ländl. Einflusses setzte sich B. für den Proporz ein und war Mitinitiant der Fonjallaz-Initiative. Er bekämpfte staatssozialist. Tendenzen, war ein entschiedener Gegner des Landesstreiks, vertrat eine rigorose Sparpolitik und lehnte das Frauenstimmrecht sowie den Völkerbund ab. Sein schwieriger Charakter verhinderte einen grösseren persönl. Einfluss. In seiner von der Kritik beachteten Lyrik feierte B. traditionelle Werte und Tugenden wie Heimat, Natur, Bauernstand und Bauernarbeit.»

Arthur Fonjallaz hatte starke Verbindungen zu faschistischen Organisationen und verlangte mit seiner Initiative das Verbot der Freimaurer (1937 an der Urne verworfen). Anklänge der oben erläuterten Ausrichtung finden sich damit natürlich in mehr oder weniger grossem Ausmass auch in den Spalten der Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung wieder.

Die Fusion 1949. Antwort auf den «Zürichbieter»

Bereits in der Amtszeit Bopps als Chefredaktor wurde der 1859 gegründete Lägern-Bote zum Kopfblatt der Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung.

Als die Familie Akeret 1948 mit dem Zürichbieter ein Fusionsprodukt aus gleich mehreren Zeitungen lancierte, da fühlte sich BDW-Verleger Steinemann-Scheuchzer offensichtlich herausgefordert. Die Antwort war der «Zürcher Unterländer», der im Untertitel auch seine Herkunft und Ausrichtung bekanntgab: «Vereinigte Bülach-Dielsdorfer Wochenzeitung und Lägern-Bote. Demokratisches Volksblatt».

Lange konnte Steinemann sein neu lanciertes Printprodukt jedoch nicht mehr halten. Nur etwa mehr als sechs Jahre später, am 1. Juli 1955, ging der «Zürcher Unterländer» an die Familie Akeret («H. Akerets Erben»), wurde aber weiterhin in Bülach herausgegeben. Damit blieben im Unterland nur noch zwei Zeitungsverleger übrig. Der andere war die Familie Graf, welche den freisinnigen Bülach-Dielsdorfer Volksfreund herausgab (1957 in «Neues Bülacher Tagblatt» umbenannt).

Wachse oder Weiche!

Wie sich die Zeitung in der folgenden Hochkonjunktur schlug und bis in die heutige Zeit retten konnte, das beschreibt Adrian Scherrer im Historischen Lexikon der Schweiz. Der Zürcher Unterländer wird charakterisiert als «Tageszeitung im Kanton Zürich, die 1949 aus der 1850 gegründeten und vom Bauernpolitiker Fritz Bopp geprägten "Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung" und dem "Lägern-Bote" hervorging. Der bäuerlich-demokratische unabhängige "Zürcher Unterländer" erschien bis 1960 dreimal pro Woche in Bülach. 1955 übernahm die Akeret AG in Bassersdorf, die auch das freisinnige Konkurrenzblatt "Zürichbieter" verlegte, den Zürcher Unterländer und baute ihn zur Tageszeitung aus. Unter Chefredaktor Erhard Szabel (1963-1989) arbeiteten beide Titel eng zusammen, bis sie 1989 nach dem Verkauf der Akeret AG an die Annoncenfirma Ofa fusionierten. Als parteiunabhängige Forumszeitung erreichte der Zürcher Unterländer darauf eine führende Stellung in den Bezirken Bülach und Dielsdorf. 2006 wurde das "Neue Bülacher Tagblatt" als Kopfblatt integriert. 2010 erwarb die Tamedia AG den Zürcher Unterländer, die ihn per 2011 in den Verbund der Zürcher Regionalzeitungen eingliederte.» (HLS-Artikel Zürcher Unterländer, Stand 24. Februar 2014)

Scherrer nennt drei Jahre als Eckdaten, die diese Entwicklung in Richtung einer führenden Stellung belegen sollen. Wir reichern sie hier noch mit den Bevölkerungszahlen der beiden Bezirke (Dielsdorf und Bülach) sowie der Marktdurchdringung in Prozent der Einwohnerzahl an:
  • 1966: 104921 Einwohner, Auflage: 4206, entspr. 4.0 Prozent
  • 1998: 169858 Einwohner, Auflage: 18657, entspr. 11.0 Prozent (Realwachstum Faktor 2.8!) 
  • 2012: 218225 Einwohner, Auflage: 19878, entspr. 9.1 Prozent (Einbusse 17% seit 1998)
Man sieht hier deutlich, wie (neben dem Internet) auch das Auftauchen der Tamedia-Gruppe im Unterland den hiesigen Zeitungen zu schaffen gemacht hat.

Der Konzentrationsprozess, der im Unterland 1903 mit der Zusammenarbeit der Zeitungen «Der Wehntaler» und «Die Glatt» begonnen hatte, ist damit nach etwas mehr als einem Jahrhundert zu einem zumindest regionalen Abschluss gekommen.

Quellen und Literatur
  • Vögeli, R.: Aus der Geschichte der zürcherischen Presse. Separatabdruck aus: „Das Buch der Schweiz. Zeitungsverleger“. Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum des Schweiz. Zeitungsverlegervereins. Luzern 1925. [StAZH Bf 510; Separatdruck: StAZH Dd 1511] 
  • Blaser, F.: Bibliographie der Schweizer Presse, Bd. 1, Basel 1956; Bd. 2, Basel 1958.
  • Brandenberger, U.: «Saufgelage!» – Statthalter verklagt Gemeinderatsschreiber. Öffentliche Schlammschlacht anlässlich der Wahlen 1866. Weiacher Geschichte(n) Nr. 55. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), Juni 2004.
  • Brandenberger, U.: Komplizierte Zeitungsnamen-Geschichte. WeiachBlog Nr. 443, 1. Mai 2007.
  • Brandenberger, U.: Synchronopse der abonnierten Zeitungen des Zürcher Unterlands. WeiachBlog Nr. 2132, 14. Juli 2024.

Sonntag, 18. August 2024

Wenn der Bestellungsbetrüger bei den SBB einbricht, 1941

Waren bestellen und nicht bezahlen. Diese Betrugsmasche gab es natürlich auch bereits zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs, menschliche Täuschungsmanöver inklusive. Nur die technologischen Umstände waren andere als heute. Und Bahnhöfe noch bedient. Die SBB-Linie Zurzach–Eglisau spielte dabei eine wichtige Rolle.

Zuerst eine Schreibmaschine...

Nachstehend wird die Geschichte fast rein anhand von Zitaten aus dem Schweizerischen Polizei-Anzeiger (SPA) erzählt, dem damaligen Fahndungsbuch der Polizeikorps. Sie beginnt im SPA Nr. 251 vom 10. November 1941 auf Seite 1656 (Angaben in eckigen Klammern sind Anmerkungen von WeiachBlog): 

«16 531. - Unbekannter, ang. [angeblich] Frei, Robert, Fest.- Ing. [Festungsingenieur], Schw. Mot. Kan. Abt. 13 (falsch), Bestellungsbetrug z. N. [zum Nachteil] der Fa. Theo Muggli, Zürich 1, und Verd. des Diebst. [Verdacht des Diebstahls] einer Schreibmaschine «Royal-Standard», Mod. 10, Fab.Nr. 1 499 845, beg. 4./5.8.41 im Stationsgebäude Zweidlen, z. N. der SBB. Der ang. Frei telephonierte 28.7.41 der Fa. Muggli, er werde in nächster Zeit in Zurzach als Fest.-Ing. arbeiten und im Hotel Rad Logis nehmen; er beabsichtige, eine «Continental»-Occasionmaschine zu kaufen. Da eine solche nicht vorrätig war, «kaufte» er eine «Royal»-Maschine zu Fr. 500, ersuchte um Zusendung derselben an die (fingierte) Adresse Hotel Rad in Zurzach; den Betrag werde er sofort durch die Post einzahlen, sofern die Maschine konveniere. Am 4.8.41 telephonierte der ang. Frei an Muggli, er sei nicht nach Zurzach beordert worden; die nach Zurzach geleitete Maschine sei per Express nach der Bahnstation Zweidlen zu senden. Im Güterschuppen SBB. in Zweidlen wurde dann die Maschine von dem ang. Frei oder einem Komplizen gestohlen. Ohne Zweifel ident. mit Unbekannter, ang. Mühlebach, Hans, Architekt (Art. 16 532, J. 1941). Pol.Kdo. Zürich.»

Wie so eine Maschine en détail aussieht, kann man auf der Website eines Schreibmaschinenrestaurators sehen: Schlagfertigetippsen.

... dann Kaba-Schlösser

Einen Verband mit dem Namen Schwere Motorisierte Kanonen-Abteilung 13 gab es damals durchaus, nur war dort halt kein Robert Frei eingeteilt, was die Kantonspolizei Zürich rasch einmal feststellte. 

Wie der Verweis auf den gleich darunter platzierten Eintrag über einen weiteren Fall zeigt, der demselben Täter zugeschrieben wurde, erkannten die Ermittler dann im November rasch ein Muster zwischen dem Fall anfangs August an der Station Zweidlen (oben) und einem neuen Fall Ende Oktober an der Station Weiach-Kaiserstuhl (unten):

«16 532. - Unbekannter, ang. Mühlebach, Hans, Architekt, Bestellungsbetrug z. N. der Fa. F. Bender, Eisenwaren, Zürich 1, und Verd. des Diebst. von 50 «Kaba»-Schlössern, beg. 31.10./1.11.41 im Stationsgebāude in Weiach, z. N. der SBB. Etwas vor Mitte Okt. 1941 erkundigte sich ein Unbekannter telephonisch bei der Fa. Bender, bis wann 50 «Kaba»-Schlösser geliefert werden könnten und zu welchem Preis. Da die Antwort nicht sofort erteilt werden konnte, wurde der Unbekannte um Angabe seiner Telephonnummer ersucht; er gab Bescheid, dies sei unmöglich, da er im Militärdienst sei. Am folgenden Tage wiederholte er seine telephonische Anfrage, nahm die ihm gemachte Offerte an und bestellte 50 «Kaba»-Schlösser; er werde später berichten, wohin die Lieferung zu erfolgen habe. Ende Okt. 1941 ersuchte der Besteller, der sich nun als Architekt Mühlebach vorstellte, die Fa. Bender telephonisch, die Schlösser per Eilgut und unter Nachnahme des Betrages an die Adresse «Architekt Mühlebach, Weiach» (fingiert) zu senden. Die Sendung wurde nicht eingelöst; dagegen erkundigte sich der ang. Mühlebach am 30. oder 31.10.41 bei der Bahnstation Weiach-Kaiserstuhl, ob für ihn eine Nachnahmesendung von ca. Fr. 750 eingegangen sei; er fügte bei, er befinde sich z. Zt. im Militärdienst und werde die Kiste in den nächsten Tagen einlösen, man solle sie ja nicht retournieren; weiterer Bericht werde folgen. Ohne Zweifel ident. mit Unbekannter, ang. Frei, Rob., Fest.Ing. (Art. 16 531, J. 1941). Pol.Kdo. Zürich.»

Führte Militärdienstmasche die Ermittler auf die Spur?

Wieder Bestellbetrug und wieder die Masche mit dem Militärdienst, diesmal gleich im Nachbarort. Und ja, einen solchen Architekten hat es in Weiach wohl nie gegeben. Dieser Umstand dürfte auch dem Vorsteher der Station bekannt gewesen sein. Er nahm aber wohl an, dass die Bestellung von einem in Bachs, Fisibach, Kaiserstuhl oder Weiach stationierten Wehrmann getätigt wurde. In diesen kriegerischen Zeiten nicht ungewöhnlich.

Die Diebstahlmeldungen erhielten im Polizei-Anzeiger eigene Artikelnummern und geben genauere Angaben zu den gestohlenen Gütern:

«16 536. -- In Weiach, SBB .- Stationsgebäude, 31.10./1.11.41, 15-16 Uhr, wahrsch. nachts, z. N. der SBB., aus Lagerschuppen, vermutl. mit Nachschlüssel oder Dietrich: Nachnahmesendung von Fa. Bender in Zürich, aufgegeben in Zürich-Tiefenbrunnen, Kiste von ca. 60×60×70 cm, gez. «F.B.», deklariert «Eisenwaren», enth. 50 «Kaba»-Schlösser, Art Zylinderschlösser, Gewicht 45 kg (Wert Fr. 733). Pol.Kdo. Zürich.»

Hier ging die Täterschaft also raffinierter vor, indem auf Nachnahme bestellt und damit die SBB gleich doppelt geschädigt wurde: durch Vermögensschaden und den Einbruch. Nur wenig weiter unten dann auch noch die Beschreibung der in Zweidlen gestohlenen Schreibmaschine:

«16 543. - In Zweidlen, SBB.- Stationsgebäude, 4./5.8.41. vermutl. 19.25-18 Uhr, wahrsch. nachts, z. N. der SBB., aus Güterschuppen, vermutl. mit dem bei der Türe aufgehängten Schlüssel geöffnet: Expressgutsendung Nr. 77 Zurzach-Zweidlen, Schreibmaschine «Royal-Standard», Mod. 10, Fab.Nr. 1 499 845, Segmentumschaltung, 88 Schriftzeichen. Normalschrift, Tabulator usw., samt Blechdeckel (Wert Fr. 500). Pol.Kdo. Zürich.»

Die Vertrauensseligkeit der Angestellten der Station Zweidlen machte es der Täterschaft besonders einfach.

Kiste mit Schlössern kurz nach dem Einbruchdiebstahl gefunden

«16 624. - Nachtrag zu Art. 16 536, J. 1941. Weiach, z. N. der SBB. Die Kiste mit den 50 «Kaba»-Schlössern wurde 3.11.41, ca. 100 m vom Tatort entfernt, in einem an der nach Kaiserstuhl führenden Hauptstrasse liegenden Eisenlager der Fa. Zimmermann beigebracht, wo sie offenbar zwecks späterer Abholung versteckt worden war. (V. auch Art. 16 532, J. 1941.) Pol.Kdo. Zürich.»

Aufgrund dieser Abstandsbeschreibung muss sich dieses Eisenlager nördlich der Hauptstrasse 7 befunden haben. Auf jeden Fall noch auf Weiacher Gebiet, womit dann auch Kantonspolizist Bill (vgl. WeiachBlog Nr. 1641 zur Person) zuständig war.

Täter aus dem Aargau identifiziert

Wie genau die Ermittlungsorgane dann innert kürzester Zeit den Täter eruieren konnten, wäre noch abzuklären. Allenfalls findet man dazu noch etwas in den Akten der Kantonspolizei oder Gerichtsunterlagen. Anzunehmen ist, dass auch «unser» Polizeisoldat Bill seinen Anteil daran hatte. 

Jedenfalls wird bereits in der SPA-Ausgabe vom 1. Dezember 1941 (Nr. 269, S. 1776) der erfolgreiche Abschluss der Ermittlungen vermeldet, und zwar unter Art.-Nr. 17 682. Rubrik «Erledigungen». Gleich fünf Positionen konnten so geschlossen werden (die Zahlen bezeichnen die Artikelnummern, vgl. oben):

«Unbekannter, ang. Frei, Robert, und Mühlebach, Hans (ident. mit : Baldinger, Gottfried, 1916, von Zurzach/AG, Schreiner)  16531

Unbekannter, ang. Mühlebach, Hans, und Frei, Robert (ident. mit: Baldinger, Gottfried, obenerwähnt)  16 532

Weiach, Diebst. (Täter: Baldinger, Gottfried, obenerwähnt)  16 536

Zweidlen, Diebst. (Täter: Baldinger, Gottfried, obenerwähnt)  16 543

Weiach, Diebst. (Täter: Baldinger, Gottfried, obenerwähnt)  16 624»

Quelle

Samstag, 17. August 2024

Oberer und unterer Sägeweiher

Wo das Sagibachtal und der «Sagiweiher» liegen, das wissen die meisten Weycherinnen und Weycher. Auf aktuellen Karten und Plänen findet man ihn – aus welchen Gründen auch immer – nur noch unter dem Namen «Bachtelweiher».

Dieser Weiher besteht seit ca.1846, nachdem der Regierungrat des Kantons Zürich im Mai 1845 dem Heinrich Näf die Bewilligung für die Errichtung einer Sägemühle am Källenbach erteilt hatte.

Aber haben Sie auch gewusst, dass es für einige Jahre zwei Sägeweiher gegeben hat? Wer die Nummer 45 aus der Reihe Weiacher Geschichte(n) aufmerksam gelesen hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass da von zwei stehenden Gewässern die Rede ist. 

Aus oberem Sagiweiher wird Gemeindeschwimmbad. Sozusagen...

Das Gemeindeschwimmbad, so wurde 1943 entschieden, sollte «beim ehemaligen oberen Sägeweiher des erloschenen Wasserrechtes Nr. 43, Bezirk Dielsdorf» gebaut werden. Entsprechend wurde dort auch Land gekauft, das bisher dem damaligen Sagi-Eigentümer Ernst Bösiger gehört hatte (WG(n) Nr. 45, S. 102 der Gesamtausgabe).

Auf der Siegfriedkarte 1:25'000 aus den 1930ern ist in der Lengg (dort, wo das Schwimmbad zu stehen kam) noch der alte Verlauf des Sagibachs eingezeichnet und auch der obere Sagiweiher:

Auf der älteren Ausgabe der Siegfriedkarte aus den 1880er-Jahren hingegen ist an dieser Stelle zwar derselbe Knick im Bachverlauf zu erkennen, jedoch noch kein oberer Sagiweiher. 

Das entspricht den in Archivdatenbanken eruierbaren Bedingungen der entsprechenden Wasserrechte. Der Regierungsrat hat nämlich die Konzession für den oberen Sagiweiher erst im Jahre 1898 erteilt (vgl. RRB 1898/2437 u. RRB 1914/0961).

Ob dem oberen Sagiweiher (45 Jahre; 1898-1943) oder dem Gemeindeschwimmbad (38 Jahre; 1944-1982), beiden war ein nicht allzu langes Leben beschieden.

Quellen und Literatur

  • Bewilligung für die Errichtung einer Sägemühle. Regierungsratsbeschluss vom 17. Mai 1845. Signatur: StAZH MM 2.88 RRB 1845/0776.
  • Wasserrecht für einen Eisenbühli-Weiher. Regierungsratsbeschluss vom 29. November 1898.  Signatur: StAZH MM 3.12 RRB 1898/2437.
  • Wasserrecht für den oberen Sagiweiher. Regierungsratsbeschluss vom 30. April 1914. Signatur: StAZH MM 3.28 RRB 1914/0961.
  • Löschung des Wasserrechts Nr. 43 DLD. Regierungsratsbeschluss vom 19. August 1943. Signatur: StAZH MM 3.67 RRB 1943/2331.
  • Erloschenes Wasserrecht Nr. 43: Oberhalb der Säge (Weiach). Weiher, oberer Weiher am Sägebach. Erloschen am 19.08.1943. Signatur: StAZH Z 1.1117.
  • Übersichtskarten Wassernutzungskataster. Bezirk Dielsdorf, 1954. Signatur: StAZH PLAN L 127.11.
  • Brandenberger, U.: Getrübte Badefreuden. Warum Weiach seit Jahren kein eigenes Schwimmbad mehr hat. Weiacher Geschichte(n) Nr. 45. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, August 2003, S. 12-19.

Montag, 12. August 2024

Sich gegenseitig gebannt. Übersinnliches aus dem Unterland

Nicht nur in der Alpenregion sind etliche Sagen überliefert. Es gibt sie auch aus dem Kanton Zürich. Die Sammlung Glaettli wurde 1959 durch die Antiquarische Gesellschaft in Zürich veröffentlicht.

Das Kapitel V versammelt Unterländer Sagen, besonders aus dem Rafzerfeld, dem Bachsertal und dem Wehntal.

Direkt in Weiach selber spielt zwar keine dieser in gedruckter Form erhaltenen Unterländer Sagen. Aber zumindest in einem Fall ist der Ortsname unserer Gemeinde genannt. Richtung Weiach fahren wollte nämlich einer von zweien, die zwischen Glattfelden und Aarüti aneinander gerieten:

«Ein Mühleknecht fuhr mit dem Mühlewagen von der Glattbrücke gegen Aarüti. Einen neben der Straße mähenden Bauern begrüßte er mit: „Guten Tag, haut s es?" Der Bauer gab den Gruß zurück, die Frage des Knechtes bejahend. Als er aber wieder weitermähte, bemerkte er, wie die Sense viel schlechter schnitt als vorher, und alles Wetzen half nichts. Der Bauer schien aber die Ursache sofort herausgefunden zu haben. Er wußte sich auch zu helfen. Als nämlich der Fuhrknecht den Stich gegen den Zweidlergraben hinauffahren wollte, ging's auf einmal nicht mehr vorwärts, er mochte die Pferde antreiben wie er wollte. Der Fuhrmann ließ den Wagen stehen und lief zurück zum Bauern, um ihn zu bitten, er solle ihn doch „la gaa". Nun forderte dieser von jenem natürlich, er solle ihm zuerst dazu verhelfen, daß seine Sense wieder schneide. So entließen sie sich gegenseitig wieder aus dem Bann, und der Knecht konnte mit seinem Fuhrwerk weiterfahren gegen Weiach.»

Hier ist also eine Steigung erwähnt, die man normalerweise mit etwas Vorspann problemlos bewältigen kann. Klar, die Strassen waren früher (d.h. vor den 1840er-Jahren) teils in hundsmiserablem Zustand. Denn der Zürcher Staat kümmerte sich nicht so intensiv um das Landstrassennetz, wie das die Regenten der Republik Bern taten.

Aber sonst? Die Fahrbahn der Glattbrücke unmittelbar westlich Glattfelden liegt auf 357 m ü.M. Und die Brücke über den Zweidlergraben auf 371 m ü.M. Dazwischen liegt eine Strecke von 1.3 km. Wirklich heftig ist so eine Steigung nicht. Umso eher musste der Müllereiangestellte den Verdacht hegen, verhext worden zu sein, wenn die Rösser plötzlich nicht mehr wollen. Oder gar können?

Wie dem auch gewesen sein mag: Liebhaber von kleinen Geistergeschichten mit unmittelbarem Bezug zu unserer nächsten Umgebung werden in diesem Band 41 fündig.

Quelle
  • Glaettli, K.W.: Zürcher Sagen. Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd. 41 (1959) – S. 165-166. [Kapitel V, Nr. 22 Gebannt]

Sonntag, 11. August 2024

Werden die Rheinbrücken im letzten Moment noch gesprengt?

«Was einigermassen gerade gewachsen ist, steckt in einer Uniform.» (WeiachBlog Nr. 872)

Diese Beobachtung aus den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs (Mitte September 1939) im Jestetter Zipfel findet man in einem Tagebuch einer Einheit der Schweizer Armee. Konkret: In einer Meldung von Hauptmann Beurer, Kommandant Gz Füs Kp II/269, an das vorgesetzte Bataillon.

In den letzten Tagen des Krieges waren die Einheiten dieses Bataillons, wiewohl zuständig für den Grenzabschnitt, an dem Weiach liegt, nicht mehr im Einsatz. Sie wurden ca. 3 Wochen vor der Waffenstillstandsvereinbarung entlassen und durch eine Einheit des Feldheeres ersetzt.

Was machen die Deutschen da an der Brücke?

Hauptmann Rohrer, Kommandant V/269, der mit seiner Einheit seit 1940 in Ablösungsdiensten immer wieder bei der Bewachung des Städtchens Kaiserstuhl zum Einsatz kam, war in den letzten Tagen bereits aus dem aktiven Dienst entlassen. 

Aber auch er hatte 1945 auftragsgemäss ein scharfes Auge auf die Aktivitäten gleich ennet der Grenze. Konkret: am nördlichen Brückenkopf beim Schloss Rötteln.

So wurde unter dem 29. März 1945 in seinem Tagebuch notiert: «Beim deutschen Zoll herrscht rege Geschäftigkeit. Wahrscheinlich wird ein Kantonnement eingerichtet.»

Und am 5. April 1945: «Deutscherseits wird die Tankbarrikade eingesetzt und somit der kleine Grenzverkehr gesperrt.»

Eine Mannschaftsunterkunft? Panzersperren aus Stahlträgern? Männiglich fragte sich: Was planen die Deutschen denn da? Die Fragen waren berechtigt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich nämlich die vor allem aus Kolonialtruppen reorganisierte Première Armée Française unter General de Lattre de Tassigny bereits seit einigen Tagen erfolgreich auf dem rechten Rheinufer festgesetzt; am 4. April rückten sie in Karlsruhe ein. Die Lage war für die deutschen Verbände zunehmend aussichtslos. Die Befehle aus Berlin wurden trotzdem ausgeführt, wie man dem Eintrag zehn Tage später entnehmen kann:


Sonntag, 15. April 1945: «Deutscherseits wird den ganzen Tag gearbeitet. Die Brücke wird geladen. Der Sprengstoff ist überall befestigt, die Zündleitung wird neu erstellt. Of. inspizieren und erteilen Weisungen. Seit Samstag 14.4.45 steht ein Wachtposten auf der Mitte der Brücke.»

Die Kp V/269 tritt ab...

Am Montag, 16.4.1945, war dann für Rohrer und seine Leute die Zeit der Demobilmachung gekommen:

«2125 Ankunft der Wache Kp I/7. Orientierung und Einführung in die Wachtaufgabe.

2245 Wache durch Kp. I/7 übernommen.»

Unter dem Donnerstag, den 19. April 1945 steht im Kommandantentagebuch:

«Die Materialabgaben sind weit fortgeschritten so dass mit einer frühzeitigen Entlassung gerechnet werden kann. Das trifft auch ein. 10 00 Standartenabgabe. Anschliessend Kp.weise Entlassung.

Ein letzter Händedruck, dann stiebt alles auseinander. Wann wird man sich wiedersehn?»

Und als letzter Eintrag das hier:


... und wird durch Kp I/7 ersetzt

Für die oben erwähnte Kompanie I/7 war der Krieg aber noch nicht vorbei. Denn das war er auch für die Uniformierten und Zivilisten auf der deutschen Seite noch nicht. Da konnten noch alle möglichen und unmöglichen Aktionen kommen. Dem SS-General Keppler traute man in der Schweiz jedenfalls schlicht nicht über den Weg (vgl. WeiachBlog Nr. 1504).

Für diesen Fall wollte die Armeeführung unter General Guisan gewappnet sein. Schweizer Verbindungsoffiziere nahmen Kontakt zur 1. Französischen Armee auf und erreichten, dass ihr Kommandeur der 3. Kampfgruppe der 9. Kolonial-Infanteriedivision den Befehl gab, am 23. April von Freiburg i. Br. entlang des Oberrheins bis Lörrach und dann den Hochrhein hinauf vorzustossen. Derweil stiessen andere Verbände derselben Armee nördlich des Schwarzwalds bis zur Schweizergrenze mit Ziel Konstanz.

Welche Kp I/7 stand nun in Kaiserstuhl? Eine Suche in der Tagebücher-Hierarchie auf dem OPAC des Schweizerischen Bundesarchivs ergibt nur eine Möglichkeit: Die Schützenkompanie I/7. Von anderen Verbänden mit derselben Nummer sind keine Tagebücher erhalten. 

Auf gut Glück habe ich daher den Auftrag erteilt, die Tagebücher der S Kp I/7 digitalisieren zu lassen. Gestern Morgen war es so weit: Nun kann sie jedermann online einsehen. Und tatsächlich: Diese Kompanie hat die V/269 abgelöst.

Erstaunlich minimale Bewachungs- und Beobachtungsstärke

Die S Kp I/7 unter Oberleutnant Hug war zwar eine für eine Kompanie ausserordentlich grosse Einheit (fast 350 Mann!), hatte aber einen sehr langen Grenzabschnitt zu bewachen und zu beobachten: von Kaiserstuhl bis Stein am Rhein – allein die Schaffhauser Grenze zu Deutschland misst über 150 Kilometer. Die Kompanie diente sozusagen lediglich als Alarmglocke, um bei Gefahr mit stärkeren Kräften intervenieren zu können. Für Kaiserstuhl waren das 27 Mann, für Rheinsfelden 31:

Aufstellung über die Wachtbestände im Sicherungsraum Gz. Br. 6
Blatt 2 des GEHEIM klassifizierten Dokuments vom 21. April 1945 
(CH-BAR E5790#1000/948#241*; Dokument-Fortsetzung_0000010, S. 3 v. 30)

Die Higa nehmen Fühlung auf

In Oberleutnant Hugs Tagebuch finden sich ebenfalls Einträge zu den Rheinbrücken:

24. April 1945 – «Über die Lage an der Nordgrenze herrscht immer noch nicht völlige Klarheit. Singen, so verlautet gerüchteweise, soll wieder in den Händen der SS sein. Posten Wiesholz stellt dort leichte Schiessereien fest.»

Wiesholz ist ein Weiler im Ramserzipfel (Gebiet um Stein am Rhein), östlich des Siedlungsschwerpunkts von Ramsen. Und weiter:

«Die Higa-Angestellten bei den auf deutsches Gebiet führenden Rheinbrücken werden immer "vertrauter". Auch bei ihnen ist der Wille zum Kampf erlahmt. Überall geben sie den Schweizer Grenzwächtern zu verstehen, dass sie im fraglichen Moment zu uns übertreten werden. Auch sind sie glücklicherweise für uns nicht gewillt, die erst seit kurzem geladenen Brücken in die Luft zu sprengen.»

Higa? Das Kürzel steht für «Hilfs-Grenzzoll-Angestellte». Einer Schrift der Montafoner Museen (Kasper 2008) kann man entnehmen: «Die „Higa“ waren zumeist einheimische Männer älteren Jahrgangs, die vom Zollgrenzschutz ausgebildet wurden.» Ähnliches geht aus einer Arbeit über das andere Ende Österreichs (Grenze Burgenland-Ungarn) hervor. Viele dieser Einheimischen wurden aber 1941 für den Russlandfeldzug eingezogen.

In einer ausführlichen Online-Dokumentation über den Zollgrenzschutz wird erläutert, wie stark diese dem Reichsfinanzminister unterstellte uniformierte und bewaffnete Hilfstruppe bereits ab 1933 mit Elementen der SS durchsetzt wurde. Mitte 1944 wurde sie gar direkt der SS-Führung zugeteilt:

«Nach dem Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler im Juni [recte Juli] 1944 übernahm das SS-Reichssicherheitshauptamt den Zollgrenzschutz, wobei sich der Einsatz zunächst nur wenig änderte. Mit der Zeit wurde Hilfspersonal aber auch zur Bewachung in Gefängnissen sowie Konzentrations- und Arbeitslagern eingesetzt. Ab etwa Mitte 1944 wurde der Zollgrenzschutz unter dem Druck der vorrückenden Alliierten vielfach in sogenannte Zollgrenzschutz-Bataillone zusammengefasst und in Kampfhandlungen verwickelt, bei denen es ebenfalls hohe Verluste gab.»

Ob es sich bei diesen Männern an unserem Grenzabschnitt um einheimische Süddeutsche ohne SS-/NSDAP-Mitgliedschaft oder in der Wolle gefärbte Systemlinge aus sonstigem Reichsgebiet gehandelt hat (wie im Montafon, vgl. Kasper 2008), ist also schwer festzustellen. Laut Einschätzung von Oblt Hug waren aber diese Leute nun plötzlich mehr oder weniger offen um Schadensbegrenzung bemüht.

Die Vorhut der Franzosen trifft ein

Nur wenige eingefleischte Parteibonzen wollten um jeden Preis den Nero-Befehl des Führers in die Tat umsetzen. Die meisten dachten bereits an die Zeit danach. So war das in Hohentengen, wo man sich entschied, mit weissen Tüchern Übergabebereitschaft zu signalisieren. Das Schicksal der Stadt Tiengen, die auf Befehl der NSDAP-Ortsgrössen auf diese Signale verzichtete und danach aus der Luft beschossen wurde, hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Und so war das auch beim Schloss Rötteln am nördlichen Brückenkopf der Kaiserstuhler Brücke, wie man dem Tagebuch der S Kp I/7 entnehmen kann:

25.4.45 – «Vht. [Vorhuten] der franz. 1. Armee besetzen Waldshut und stossen weiter vor Richtung Wutachtal. Brücke Kaiserstuhl und Brücke Rheinau werden von den deutschen Grenzorganen (Higa) samt den Zünd- und Sprengmitteln den schweiz. Zollbehörden übergeben. Die Higa wird interniert. Radolfzell von den Franzosen besetzt.»

Die Holzbrücke bei Rheinau und die Stahlbogenbrücke bei Kaiserstuhl waren damit gerettet.

Letzte Gefechte: Fützen brennt

Dass es auch anders gehen konnte, zeigte sich beim Vorstoss der Franzosen entlang der Schaffhauser Westgrenze (d.h. im Wutachtal). Wieder das Tagebuch der S Kp I/7:

26.4.45 – «Vht. der franz. 1. Armee rücken vor Richtung Fützen. Um Fützen wird heftig gekämpft. Die Ortschaft steht in Flammen. Die Bewohner flüchten sich z.T. über die Grenze.»

In der Wikipedia findet man dazu im Artikel über Fützen folgende Passage: 

«Im April 1945, als ein Rest der 19. deutschen Armee auf dem Rückzug durch den Schwarzwald den Ort gegen nachdrängende französische Truppen hartnäckig verteidigte, um einen Durchbruchsversuch aus dem Talkessel in Richtung Bodensee und Allgäu abzuschirmen, kam es zu Nahkämpfen im Dorf. Danach waren 16 Häuser verbrannt und fast alle anderen sowie der Kirchturm stark beschädigt. Die Gewölbekeller einiger Gebäude bewirkten, dass unter den Bewohnern, die zum Teil auch an die Schweizer Grenze geflohen waren, mit drei Toten und mehreren Verletzten die Opferzahl relativ gering blieb.»

Für unsere unmittelbare Umgebung brachte hingegen auch der 26. April erneute Erleichterung, wie man dem Tagebuch S Kp I/7: «Die deutsche Besatzung beim Kraftwerk Rheinsfelden tritt mitsamt den Spreng- und Zündmitteln in die Schweiz über.»

Auch die Schweiz tat alles um die Brücken zu retten

Um zu verhindern, dass schweizerischerseits in letzter Minute jemand den Kopf verliert und wichtige Brücken von unseren eigenen Mineuren gesprengt werden, hat der Kommandant der Grenzbrigade 6 den Entscheid über die Sprengung den Einheiten vor Ort entzogen und dem Kdt S Kp I/7 übertragen. Ohne explizite Einwilligung von Oberleutnant Hug durften diese Objekte nicht gesprengt werden:

Kdo S Kp I/7, Kdt. Oblt Hug: Kp-Befehl No.1, K.P. 17.4.45. Allg. Weisungen für den Wachtbetrieb. An die Wacht-Kdt, Stein a/Rh. bis Kaiserstuhl, Beob P. Wiesholz, Wunderklingen, Ob Lucken. (CH-BAR E5790#1000/948#241*; Dokument-Fortsetzung_0000010, S. 9 v. 30)

Kepplers Anteil?

Bleibt noch die Frage, welchen Anteil der SS-General Georg Keppler an der Verschonung der Rheinbrücken hatte. 

Ihm wurde am 14. April 1945 die im südlichen Abschnitt Offenburg bis Basel befindlichen Einheiten der sich de facto auflösenden 19. Armee unterstellt. Nur der Stab des XVIII. SS-Armeekorps (dessen Kommandeur Keppler seit 12. Januar 1945 war) bestand aus SS-Offizieren, die Truppe selber war wild zusammengewürfelt aus Resten von Divisionen der Wehrmacht, dem Volkssturm, dem Zollgrenzschutz (samt Higa) und Festungstruppen vom Westwall. 

Entgegen einem Führerbefehl unterband Keppler am 16. April die Verteidigung von Freiburg i. Br. und zog seine Einheiten nach Osten zurück, wo er seinen Grossverband am 26. April in der Nähe von Blumberg (an der Schaffhauser Grenze) auflöste.

Offenbar wurden auch die zivilen Behörden und insbesondere die NSDAP-Strukturen angewiesen, «alle Kampfhandlungen oder Zerstörungen ihrerseits oder seitens des Werwolfes zu unterlassen bzw. mit allen Mitteln zu unterbinden. Keine Zweifel hat General Keppler daran gelassen, daß er bei Zuwiderhandlungen die Verantwortlichen unverzüglich vor ein Standgericht bringen werde.» (zit. Wikipedia n. Riedel, S. 63).

Die Aufzeichnungen des Stabschefs des XVIII. Armeekorps ab dem 19. April (vgl. Anm. 6 im Wikipedia-Artikel Kriegsende im Südschwarzwald) stützen diese Darstellung:

«Es gelang, die Sprengung der Schwarzenbach-Talsperre im Nordschwarzwald zu verhindern. […] Ihm [Keppler] kam es darauf an, zunächst die Gauleitung auszuschalten. Gauleiter Robert Wagner konnte ihm als Reichsverteidigungskommissar Schwierigkeiten machen. Dies gelang erst […] nach der Flucht des Gauleiters.“ Keppler entzog örtlichen NSDAP-Organen die Befehlsbefugnis und unterband konsequent Werwolfaktionen.»

Das könnte die durchgehend ähnliche Reaktion der Higa-Männer an der Schweizer Grenze zwischen Kaiserstuhl und Stein am Rhein erklären.

Quellen und Literatur

  • Tagebuch Gz. Füs. Kp. V/269, Bd. 10, 1944-1945. Signatur: CH-BAR E5790#1000/948#1875*.
  • Tagebuch S. Kp. I/7, Bd. 6, 16.4.- 3.5.1945. Signatur: CH-BAR E5790#1000/948#241*.
  • Riedel, H.: Halt! Schweizer Grenze! Das Ende des Zweiten Weltkrieges im Südschwarzwald und am Hochrhein in dokumentarischen Berichten deutscher, französischer und Schweizer Beteiligter und Betroffener. Südkurier Verlag, Konstanz 1983.
  • Kasper, M: "Durchgang ist hier strengstens verboten." Die Grenze zwischen Montafon und Prättigau in der NS-Zeit 1938-1945. In: Hessenberger, E. (Hrsg.): Grenzüberschreitungen. Von Schmugglern, Schleppern, Flüchtlingen. Aspekte einer Grenze am Beispiel Montafon-Prättigau. Sonderband zur Montafoner Schriftenreihe 5. Schruns 2008 – S. 79-108.
  • Brandenberger, U.: «Weltwoche» von den Deutschen konfisziert. WeiachBlog Nr. 872, 7. Juli 2010.
  • Ritter, H.: Die "HIGA" von Lutzmannsburg. Ein Beitrag zum Thema "Burgenland im Nationalsozialismus". In: Burgenländische Heimatblätter, Bd. 75 (2013) – S. 105-136.
  • Brandenberger, U.: Auch dank der Armee am Kriegsende verschont geblieben. WeiachBlog Nr. 1504, 8. Mai 2020.
  • Goris, M. (Hrsg.): Verstärkter Grenzaufsichtsdienst (VGAD) / Zollgrenzschutz-Reserve. In: Zollgrenzschutz.de. Geschichte & Hintergründe (Website). Abschnitt Organisation 1919-45. Unterabschnitt Personal. 
  • Wikipedia-Artikel Kriegsende im Südschwarzwald, Abschnitt Französischer Vorstoss zur Schweizer Grenze. Sehr ausführlich und mit vielen Anmerkungen und Hinweisen.

Samstag, 10. August 2024

Weiacher Bildstock als vorreformatorische Erinnerung

Ein Bildstock ist ein religiöses Kleindenkmal, das in verschiedenen Gegenden auch unterschiedliche Namen und Formen annimmt (für Bildeindrücke vgl. den Wikipedia-Artikel).

Und natürlich ist er auch ein willkommenes Orientierungsmerkmal, anhand dessen man den Raum begrifflich erfassen kann. Ein Flurname Bildstock deutet also auf eine «Stelle mit einem Heiligenbild» hin.

Die ausführliche Erklärung: «bildstock zu schwzdt. Bildstock m. ‘Bildsäule, Standbild’. Bildstöcke bestehen aus Stamm oder Säule und Heiligen- oder Widmungsbild. Die Darstellungen selbst befanden sich häufig in kleinen, mit Fenster oder Gittern geschützten Häuschen. Bildstöcke waren seit dem 14. Jh. üblich und standen meist an aussichtsreicher oder zentraler Stelle, an Wegkreuzungen oder auch an Flurgrenzen.» (vgl. Ortsnamen.ch Eintrag 4018928 zu diesem Flurnamen in Steinach SG).

In katholisch gebliebenen Gegenden findet man Helgestöckli oder eben den Bildstock mit Votivtafeln noch regelmässig und dann ist der Flurname lokalisierbar. In unserer ab 1525 reformatorisch umgebauten Gegend hat sich die Erinnerung daran aber meist nur noch im 16. Jahrhundert gehalten, im sulzischen Rafzerfeld (staatsrechtlich 1651 an Zürich) auch noch bis im 17. Jahrhundert. 

Nur noch alte Akten geben uns Hinweise

Die einzige bekannte Belegstelle für Weiach findet man im Urbar des Amts Oetenbach, das 1560 aus älteren Quellen zusammengestellt wurde. Und diese enthielten natürlich auch Verweise auf damals längst entfernte Heiligenverehrungsstellen: «iiij bin Bild stock» (StAZH F II a 318, fol. 249 v.). Was diese Zahl 4 hier konkret bedeutet, kann man nur aus dem Kontext des Urbars erschliessen. Vielleicht ergibt sich daraus auch ein Hinweis auf die Lokalisierung. Bislang wissen wir aber nicht, wo «bin Bild stock» war.

Auch in Bachs (1570) und Stadel (1526 und 1682) wurden Fluren mit Referenz zu einem Bildstock aktenkundig. Und auch in diesen Gemeinden wissen wir nicht, wo sich der Bildstock befunden hat.

In der Kirchgemeinde Stadel ist immerhin eine Vermutung zulässig. Möglicherweise stand ein Bildstock in Windlach, wo der Name Kreuz den südwestlichen Siedlungsausgang markiert. Er muss jedenfalls in irgendeiner Form mit diesem Kreuz verbunden gewesen sein: «Zuͦ dem crütz an den bildstock».

Dienstag, 6. August 2024

Der Stockiwald war schon bei den Weiacher Hexen beliebt

«Der Erlös des Weychtreffs wird zugunsten des Grillplatzes Stocki verwendet». So wurde es vom organisierenden Familienverein Weiach angekündigt. Und laut Mitteilungsblatt Juli 2024, S. 4, sollen dort nun auch – durch die Gemeinde selber mit dem Fünffachen des Erlöses bezuschusst – insgesamt 12000 Franken investiert werden.

Man kann dort oben natürlich auch bräteln gehen, ohne zu wissen, was hinter dem Flurnamen Stocki steckt. Hier sei ihm aber trotzdem einmal auf den Grund gegangen.

Das ist – dem auf den diesjährigen Bächtelistag auch in gedruckter Form publizierten Zürcher Siedlungsnamenbuch sei Dank – nicht allzu schwierig. Dessen Inhalte sind nämlich auf der Website ortsnamen.ch in einer Datenbank abgelegt. Zusammen mit vielen weiteren Daten aus unserem und anderen Kantonen. Die Sammlung ist zwar noch längst nicht vollständig, die Toponomastik (Ortsnamenforschung) ist ja auch ein über viele Generationen laufendes Projekt. Aber man kann sich doch schon einen recht guten Überblick verschaffen.

In Glattfelden ein Quartier...

Die Ortsbezeichnung «Stocki» (seltener «Stöcki») findet man recht häufig. In der Nachbargemeinde Glattfelden war das sogar eine Häusergruppe südlich des alten Dorfkerns (heute mitten im überbauten Gebiet). Zu dieser Örtlichkeit gibt die Datenbank folgende Deutung:

«Dem SN [Siedlungsnamen] liegt eine Flurbezeichnung zum Subst. schwzdt. m. Stock ‹Baumstamm, Baumstrunk, Wurzelstock› (s. ausführlich Gerenstöck, Gde. Oetwil am See) mit dem Diminutivsuffix schwzdt. n. -i zugrunde, womit urspr. ein ‹kleines, durch Niederbrennen und Ausstocken der Bäume gerodetes Gebiet› benannt wurde. Das Toponym ist in der Deutschschweiz häufig.» (ortsnamen.ch; Eintrag 7020277

Wildkarte: Stand Siedlungsentwicklung zweite Hälfte 1840er-Jahre.

Die seltenere Form «Stöcki» findet man übrigens gleich ennet unserer südöstlichen Gemeindegrenze: in der Gemeinde Stadel auf dem Gebiet von Raat. Die Flur liegt südwestlich von dessen Siedlungskern, oberhalb Tiergarten und ist heute auch wieder von Wald bestockt.

Folgt man dem Hinweis auf Gerenstöck, dann findet man dort u.a. folgende Deutung: 

«Seine Grundbedeutung ist ‹Baumstrunk, Holzpflock, (Spazier-)Stock› u.ä. [...] Ausgehend von der Grundbedeutung ‹Baumstrunk› werden stock-Namen meist zu den Rodungsnamen gezählt (vgl. BLNB; SZNB; TGNB). Beim sog. Ausstocken, einer bestimmten Rodungsart, wurden Baumstrünke zunächst noch im Boden gelassen (vgl. Keinath). [...]» (ortsnamen.ch; Eintrag 7042048

... in Weiach eine aufgegebene landwirtschaftliche Fläche?

Bei uns liegt die Flur Stocki am Nordabhang des Sanzenbergs, auf dem heute weitgehend Hochwald stockt. Das war nicht immer so, wie man, abgeleitet von obigen Deutungen, annehmen muss. 

Unser unterhalb der Brunnhalde gelegene Stockiwald war entweder ein immer wieder auf den Stock gesetztes (und für Weidezwecke genutztes) Waldstück oder eben doch, wie von den Sprachgelehrten vermutet, ein eigentlich für rein landwirtschaftliche Zwecke gerodetes Gebiet, in dem (zumindest anfangs, als der Flurname geprägt wurde) die Baumstümpfe und Wurzelstöcke noch sichtbar waren. 

Aus dem gerodeten Gebiet kann dann auch wieder Wald werden, wie heute. Dass dem schon vor 175 Jahren nachweislich so war, zeigt der entsprechende Ausschnitt der Wildkarte (Aufnahme zw. 1845 und 1848):

Der Flurname «Stockihau», der in der Schreibweise «Stocki Hau» schon auf dem Forstplan vom Mai 1820 prominent verzeichnet ist, nämlich über die ganze Fläche des heutigen Stocki hinweg (vgl. StAZH PLAN P 687.1, s. Bildausschnitt unten), verweist darauf, dass der Flurname Stocki noch viel älter ist. Der Zusatz «Hau» belegt nämlich gleich zwei Kahlschlagphasen.

Belege in den Hexenprozess-Protokollen

Den ältesten auf Weiach bezogenen Beleg für den Flurnamen, nämlich «Stocky», verdanken wir dem Protokollführer in den Hexenprozessen von 1539, die in Todesurteilen für drei Weiacherinnen endeten:  

«Jtem me hett sy veriechen, wie sy mit dem vech uß dem Stocky syge gfaren um den mitten tag, do lege ein haß in studen.» (SSRQ ZH NF II/1; Rechtsquellen Neuamt, Nr. 176, S. 392, Z. 19-20)

Mit «sy» ist Elsa Keller, genannt Schlotter Elsi, gemeint, die hier einen weiteren Geständnispunkt abgelegt hat (nämlich, dass sie den Teufel in Hasengestalt gesehen hatte, vgl. WeiachBlog Nr. 454).

Diese Frau, wie auch alle weiteren als Hexen angeschwärzten Weiacherinnen, war wirtschaftlich alles andere als auf Rosen gebettet. Sie dürfte daher an besagtem Tag mit ihrem Vieh aus einer dem Gemeinwesen gehörenden Weidefläche mittags wieder nach Hause «gefahren» sein (wie man das damals nannte).

Der Stockiwald als Tatort für Hagelverbrechen

Im Hexenprozess gegen Verena Meyer von 1589 wurde der Stockiwald gar zum Tatort für eine Wettermanipulation:

«Sodann bei [vor] zwei Jahren ungefähr [d.h. ca. 1587] sei abermals der böse Geist in obgemeldeter Gestalt [eines Mannes] in dem Holz, Stocke genannt, zu ihr gekommen und habe sie angereist, mit einem ehernen Hafen, darin allerlei Zeugs gewesen sei, in seinem, des Bösen, Namen etwas vorzunehmen. Das habe sie getan und sei darauf zur Stunde ein [Un]wetter mit Regen und Hagel über das Wehntal gegangen.» (Zitat nach den Transkripten von Otto Sigg. Vgl. StAZH B VI 264 (fol. 45 v - 47 r). Hexenprozess des Malefizrats gegen Verena Meyer von Weiach mit Todesurteil und Hinrichtung)

Hier wird der «Stocke» als Wald bezeichnet. Es dürfte sich aber auch in diesem Fall um die Nutzung als Waldweide gehandelt haben. 

Exakt dasselbe Tatmuster findet sich auch in einem weiteren Prozess, der im Jahre 1616 gegen die in Kaiserstuhl verheiratete und dort wohnhafte Barbara Baltsin (auch: Balthasin) von Weiach geführt wurde. Laut Protokoll hat sie u.a. gestanden:

«Zum andern habe selbiger angezogene ihr Buhl – so sich Fifel genannt – sie in dem Holzwald, Stocki genannt, behende ihr einen Hafen zugestellt und was darin, dass sie sollte einen Hagel machen.» (Zitat nach den Transkripten von Otto Sigg; s. Quellen und Literatur)

Auch dieses Geständnis der Teufelsbuhlschaft verbunden mit einem durch die Hexe als inkarnierter Person bewirkten Schadenzauber endete mit einem Todesurteil. Aber wenigstens nicht mit Verbrennung bei lebendigem Leib. Das Urteil des Landgerichts Baden im Aargau lautete auf Tod durch das Feuer, wobei Baltsin danach zu Enthauptung mit anschliessender Verbrennung begnadigt wurde.

Diese drei Passagen illustrieren sehr eindrücklich, wie ein Gebiet genannt «Stocky» in der Frühen Neuzeit als Waldweide diente. Und die Annahme, es handle sich um unseren heutigen Stockiwald liegt nahe. Denn dieses Gebiet ist seit alters her im Gemeineigentum. Und den Namen eines solchen Allmendgebiets kannte über Generationen jeder Einwohner der Gemeinde. Der Flurname Stocki könnte also mehr als ein halbes Jahrtausend alt sein.

Heisst es «der Stocki», «die Stocki» oder «das Stocki»?

Bleibt noch die Frage nach dem richtigen Pronomen. Ist ja in unserer hyperwoken Zeit enorm wichtig, nicht wahr?

Ein Beleg aus dem Urbar des Amtes Oetenbach von 1560 (StAZH F II a 318, fol. 249v) bezeichnet ein zinspflichtiges Grundstück mit dem Flurnamen «Im Stockj wäg», womit der Weg hinauf in den Stockiwald gemeint sein könnte.

Ein Eintrag im Glattfelder Kirchenbuch vom 12. Dezember 1724 nennt als Wohnort des Bräutigams: «In der Stocki» (StAZH E III 43.2, EDB 274). Für die Verortung siehe Ausschnitt aus der Wildkarte oben. Die Glattfelder gingen also von einem Maskulinum aus, obwohl dort seit Jahrhunderten kein Wald mehr ist. 

Gemäss Zürcher Siedlungsnamenbuch lautet der Hofname des Höbrig (gemäss Wildkarte: «Höhberg b. Stocki») «Höhberg bei Stocki», die Siegfriedkarte schreibt explizit: «Höhberg bei Stocki». Es heisst also: «bei der Stocki», nicht «beim Stocki».

Lehrer Adolf Pfister hat zwischen 1936 und 1942 den folgenden Beleg notiert: «Stocki, di hinder St., di vorder St.» (Quelle: Ortsgeschichte-Ordner Zollinger/Pfister). Der Stockiwald wird hier also vom Dorf aus gesehen räumlich unterteilt. Ob man das als Femininum werten soll?

Laut ortsnamen.ch (nach dem Zürcher Siedlungsnamenbuch) ist die von Prof. Boesch 1958 erfasste Mundartform dann aber eindeutig: «Im Stocki». Man könnte das jetzt als Neutrum verstehen. Oder eben als Beleg für ein verstecktes Maskulinum, wobei «Stockiwald» zu «Stocki» verkürzt wurde. Wenn ein Wald zu lange ein Wald ist und nichts anderes, dann hat das in den Köpfen Folgen.

Quellen und Literatur

  • Keinath, Walther: Orts- und Flurnamen in Württemberg. Hrsg. vom Schwäbischen Albverein e.V. Stuttgart 1951.
  • Sigg, Otto: Hexenverfolgung der alten Eidgenossen in der Grafschaft Baden (hauptsächlich Bezirke Baden und Bad Zurzach im Kanton Aargau sowie Bezirk Dietikon im Kanton Zürich). 1. Aufl. Winterthur, Januar 2021, S. 125-129
  • Siegfried-Schupp, Inga: Von Angst und Not bis Zumpernaul. Siedlungsnamen im Kanton Zürich. Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich (MAGZ), Bd. 91, Zürich 2024.

Montag, 5. August 2024

Landwirthschaftlicher Verein Weiach wurde erfolgreich volljährig

Das Pendant zum «Zürcher Unterländer» ist in der Region um den Bachtel herum der «Zürcher Oberländer». Logisch, werden Sie sagen. 

Weniger bekannt ist uns heute der in der Mitte des 19. Jahrhunderts geläufige Begriff «Der Allmann». Damit war sowohl der 1079 m hohe Allmen, wie auch die gesamte Allmann-Kette gemeint, mit dem Bachtel (1115 m ü M.) als höchstem Punkt. Diese Hügelkette bildet nach dem alteidgenössischen Geographen Stumpf eine Art Abgrenzung zwischen den Gebieten der Töss und der Glatt (vgl. u.a. WeiachBlog Nr. 1313).

«Der Allmann» ist damit die zeitgemässe Identifikationsfigur für die Menschen im Zürcher Oberland und deshalb der sozusagen logische Titel ihrer Zeitung zwischen 1852 und 1870, dem heutigen «Zürcher Oberländer».

Lebendige Tradition: Erfolgreiche Teilnahme an Obstbau-Ausstellungen

In der in «Hinweil» (Hinwil) am 25. Oktober 1866 erschienenen Ausgabe ist auf Seite 1 (Bild unten) ein Lebenszeichen eines der wichtigsten Weiacher Vereine erhalten geblieben, den das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat: dem im Spätherbst 1846 gegründeten Landwirtschaftlichen Gemeindsverein. De jure war er unabhängig, faktisch aber fungierte er als örtliche Sektion des 1842 gegründeten Vorgängerorganisation des heutigen Zürcher Bauernverbands (vgl. die Einleitung zu Wiachiana Fontes Bd. 3).

In der Erntezeit 1866 fand demnach in Luzern eine aus allen Ecken des Landes herbeigetragene Schau statt: «Der "Eidg." von Luzern publiziert die Prämien der Obst- und Weinbau-Ausstellung (30. Sept. bis 2. Okt.), welchem Verzeichniß wir die Namen der prämirten Zürcher entnehmen: 1) Landwirthschaftlicher Verein Uster für Obstbau, 2. Preis Fr. 20;  2) landwirthsch. Verein Weiach für Obstbau,  3. Preis Fr. 12; 3) Gebrüder Boßhard in Irgenhausen-Pfäffikon, Baumschul-Obstsammlungen, 1. Preis Fr. 30; 4) Fröbel u. Comp. 1. Preis Fr. 30.»

Mit dem Kürzel «"Eidg."» ist die Zeitung «Der Eidgenosse» gemeint, vgl. Blaser: Bibliographie der Schweizer Presse, Basel 1956, 1. Halbband, S. 329.

Diese Erwähnung ist aus Sicht der Ortshistorie von einiger Bedeutung, zeigt sie doch, dass die Arbeit der Pioniere um den Weiacher Pfarrer Hans Konrad Hirzel keineswegs eine Eintagsfliege war. Diese Arbeit trug auch in der Amtszeit von Pfr. Schweizer (1855-1865) Früchte. Der Eintrag im «Allmann» ist sozusagen die Volljährigkeitserklärung.

Wie hoch diese Leistung der Zürcher und insbesondere der Weiacher zu bewerten ist, zeigt sich an einer Zuschrift eines Berners «(Eingesandt.)» an das Intelligenzblatt für die Stadt Bern, die bereits am 8. Oktober 1866 auf Seite 5 abgedruckt wurde: 

Die Obstausstellung in Luzern den 30. Sept. bis 3. Oktober 1866. 

«Die letzten Tage fand in Luzern eine schweizerische Obst- und Weinbauausstellung statt, veranstaltet vom schweizerischen Obst- und Weinbauverein, welche wohl zu einer der vollkommensten und gelungensten gezählt werden kann, die je abgehalten worden sind. Die meisten Kantone waren mehr oder weniger daran betheiligt. Privaten, Gärtner und Vereine in großer Zahl, beeiferten sich zu überbieten, und sandten die jeweiligen Produkte ihres Obst- und Weinbaues ihres Landestheiles. Fünf der großen Schulhauszimmer des großen städtischen Schulhauses waren mit dem schönsten Obst, Trauben und Bäumen gefüllt, und boten einen überraschenden und sehr schönen Anblick dar, wozu die praktische und mit vieler Umsicht getroffene Anordnung des Ausstellungskomité's nicht wenig beitrug, und alle Anerkennung verdient. Wenn auch bei mehreren großen und kleinen Sortimenten die Nomenklatur des Obstes ziemlich richtig war, so fehlte sie auch hier wieder bei der größeren Zahl, oder war doch falsch.

Es scheint uns daher die Arbeit des Preisgerichtes besonders verdienstlich, die Obstsorten, so weit möglich, richtig zu bezeichnen und in den Verzeichnissen anzumerken. Erfreulich war es zu sehen, wie sich fast sämmtliche anwesende Einsender für die Erhaltung der richtigen Obstnamen interessirte. Obst- und Weinbaufreunde hatten und konnten viel, sehr viel lernen. Ersprießlicher und nützlicher glauben wir, wären kleinere Obstausstellungen, lokale und kantonale, wo die Direktion des schweizerischen Obst- und Weinbauvereins Experte zu senden hätte, die den Leuten die rechten Namen lehrte und auf dieselben aufmerksam zu machen hätten. [...]»

Mit dieser Forderung hätte der Einsender im Kanton Zürich offene Türen eingerannt. Denn bei uns waren derartige kantonale Ausstellungen schon seit den 1840ern aufgebaut worden. 

Im Bericht des Berners fehlt die Angabe, dass auch alle Arten von Gerätschaften für Obst- und Weinbau ausgestellt waren, vgl. dazu:

Weiterführende Literatur über die Einladung zur Teilnahme 

Freitag, 2. August 2024

Erster Kiesblockzug für den Nationalstrassenbau

Wann sind Sie zuletzt auf der A3 über den Seerücken der Pfnüselküste Richtung March, Glarnerland und Sargans gebrettert? Wissen Sie auch, wann der Zürcher Autobahnabschnitt fertiggestellt wurde? Antwort: 1967.

Für viele von uns war diese Autobahn zeitlebens einfach da. Auch viele Einwohner der Gemeinde Weiach wissen heute nicht mehr, dass der Kieskoffer unter dem Asphalt zu einem guten Teil aus dem hiesigen Boden stammt.

Schnapszahl, aber keine Schnapsidee

1962+62 ergibt 2024. Heute, am 2. August, jährt sich die erste Auslieferung mit den legendären ockerfarbenen Weiacher-Kies-Schüttgüterwagen für den Zürcher Nationalstrassenbau geradezu schnapszahlartig.

Der Kies wurde mittels Blockzügen über das Netz der SBB und die Sihltalbahn nach Langnau a. A. gebracht. Von dort gelangte er auf langen Förderbändern über den Zimmerberg nach Thalwil. Nur die letzten Meter auf die Baustelle wurden wieder per Lastwagen bewältigt.

Auf diese Weise konnte der Kanton Zürich den Bau der Nationalstrasse 3 auf seinem Gebiet bewältigen – ohne einen durch Kiesbomber bedingten Verkehrskollaps heraufzubeschwören. Wahrlich keine Schnapsidee.

2000 Lastwagen täglich durch die Stadt Zürich?

Anfang Oktober berichtete die Neue Zürcher Zeitung in einem ganzseitigen Artikel über den Bau der sogenannten Höhenstrasse. Auch darüber, wie dieses Lastwagen-Horrorszenario vermieden wurde:

«Vor eine schwierige Aufgabe stellte die Bauleitung der Transport der für den Unterbau benötigten drei Millionen Tonnen Kies zu den beiden Umschlagplätzen Brand/Thalwil und Schwanden/Samstagern. Bei dreihundert Einbautagen beträgt der tägliche Bedarf im Mittel rund 2500 t; er kann bis auf 4000 t ansteigen. Vorteilhafte Kiesvorkommen liegen im nördlichen Kantonsteil, wo auch modernste und leistungsfähige Kieswerke bestehen. Die Zufuhr auf der Straße hätte den Durchgang von täglich bis zu 1000 Lastwagen in beiden Richtungen durch die Stadt Zürich und die dichtbesiedelten Gebiete der Autobahn entlang zur Folge gehabt, sofern die erforderlichen Transportmittel überhaupt zur Verfügung stünden. Aehnliche Schwierigkeiten bereiten Autotransporte über den Seedamm bei Rapperswil. So kam nur der Bahntransport in Frage. [...] Zum Transport auf dem [sic!] Umschlagplatz Brand/Thalwil wurde eine Förderanlage gebaut, die vom Ausladeplatz an der Sihltalbahn beim Sportplatz Langnau über 1 km langes und 80 cm breites Stahlgliederband hinauf auf die Sihlhalde und über diese zum Verbrauchsplatz führt. Der erste Kieszug fuhr am 2. August in Langnau ein. Heute werden hier täglich 1700 Tonnen Kies, die in Spezialzügen herangeschafft werden, über die Förderanlage hinauf zum Brand verfrachtet; […]. Soweit der Kies noch keine Verwendung findet, wird er für den künftigen Großbedarf gelagert. Die Transportleistung kann bei dem im nächsten Jahr erwarteten Maximalbedarf an Kies auf über 4000 Tonnen gesteigert werden.»

Ausgangspunkt: Verladeanlagen der Weiacher Kies AG im Hard, 1963.

Umladestation auf Lastwagen im Brand, Gemeinde Thalwil.
Enddestination in der Verantwortung der Weiacher Kies AG, 1963.

Blick in die Annalen der Weiacher Kies AG

«1962: Bau Kieswerk und Anschlussgleise ab der Station Zweidlen. Im Juni Inbetriebnahme von zwei Kies-Spezialzügen. 2. August erste Auslieferung von Wandmaterial per Bahn für den Nationalstrassenbau des Kantons Zürichs.

1963: Fertigstellung und offizielle Inbetriebnahme des Kieswerks und der Verladeanlagen. Baukosten Fr. 32.7 Mio.»

P.S.: Die letzte Lieferung für den Nationalstrassenbau zwischen Zürich-Wollishofen und Richterswil erfolgte ab Weiach im Jahre 1965.

Quellen und Literatur

Donnerstag, 1. August 2024

Mündliche Landesverteidigung. Der General zum 1. August 1944

«Die Vergangenheit ist nicht vorbei. Sie ist nicht einmal vergangen.»
-- Christa Wolf in ihrem Roman «Kindheitsmuster».

Kriege finden immer auch in Köpfen und Körpern statt. Und sie wirken über Generationen. Das merkt heute wieder, wer auf die Entwicklungen im Osten Europas schaut. Und man bemerkt es an den Verwerfungen auf dem Balkan. Etwas weniger ausgeprägt stellt man das auch hier bei uns fest. In unseren Biographien, bzw. denen unserer direkten Vorfahren. Denn so lange ist das nicht her. Als der hier Schreibende das Licht der Welt erblickte, da war's noch kein Vierteljahrhundert her seit dem Ende des Dritten Reiches. So nah ist das.

Wenn die Flut zurückweicht

Heute vor 80 Jahren war der Krieg in Europa nicht mehr von Blitzsiegen der Achsenmächte geprägt, sondern von ihren Rückzugsgefechten an allen Fronten. Mit der Landung auf Sizilien, der Operation Husky, hatte es im Sommer 1943 begonnen. Seither wackelte Italien. Mit der Landung der Westallierten am 6. Juni 1944 in der Normandie, sowie dem Beginn der Operation Bagration im Osten am 22. Juni 1944 war vollends klar geworden, dass der Zusammenbruch der Deutschlands nur noch eine Frage der Zeit sein würde. In die Enge getriebene Raubtiere sind aber bekanntlich besonders gefährlich.

Und in dieser Situation wandte sich der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, Viersternegeneral Henri Guisan, an seine Unterstellten. Mit folgenden Worten, die der Truppe vorgelesen werden mussten. Die aber auch in diversen Druckerzeugnissen verbreitet wurden:

Tagesbefehl für den 1. August 1944

Soldaten,

Kürzlich haben wir des Jahrestages von Dornach gedacht [22. Juli 1499], bald werden wir auch denjenigen von St. Jakob an der Birs feiern [26. August 1444]. Heute erinnert Euch der 1. August an die Entstehung unseres Landes. Solche Rückblicke sind vom Guten: Man soll die Taten seiner Vorfahren kennen und ihre Erinnerung ehren, wenn sie uns ein Beispiel mutiger und klarer Haltung in wirrer Zeit sind, einem zahlreicheren und stärkern Gegner gegenüber.

Es ist jedoch die Gegenwart und die nächste Zukunft, die Euch vor allem bekümmert, und Ihr habt recht.

Die Gegenwart? Der Boden unserer Väter ist unangetastet geblieben. In Eurem täglichen Leben begegnet Ihr sicherlich Schwierigkeiten, doch sind sie überwindbar und wahrscheinlich bescheiden, wenn Ihr der Leiden anderer Völker gedenkt. Fünf Friedensjahre inmitten eines kriegsversengten Europas sind ein unschätzbares Gut. Ihr kennt die Mühen, die Euch dafür auferlegt werden: einige hundert Diensttage je nach Altersklasse und nach Waffengattung. Ist das ein zu hoher Preis für die Erhaltung unserer Freiheit?

Die Zukunft? Was würden die bis anhin getragenen Opfer nützen, frage ich Euch, wenn Ihr nicht bis zum Ende der Prüfung ausharren würdet? In meinem letzten Tagesbefehl habe ich erklärt, dass die geforderten Massnahmen stets der bestehenden Lage angepasst sein würden und dass den für Euch und für das Land lebenswichtigen Arbeiten Rechnung getragen würde, soweit es die Sicherheit gestattete. So ist es geschehen: Ein Teil der im Juni aufgebotenen Truppen konnte bereits nach Hause entlassen werden.

Der Krieg hat jedoch noch nicht die Gebiete und die Phase erreicht, die für uns zur grössten Gefahr werden könnten; es mögen uns noch dringendere Alarmrufe bevorstehen. Vielleicht müssen wir — wer kann es wissen — schon in Bälde in grösserer Zahl zu den Waffen eilen, oder gar in unserer Gesamtheit, wie im September 1939. Und im Mai 1940. So darf denn, wenn ich gewisse Entspannungsmassnahmen befehle, diese «Entspannung» für Euch nie eine «Erschlaffung» bedeuten. Schon morgen kann die Stunde des Alarmes schlagen.

Für diese Stunde, auf die wir uns bis zum Ende dieser Tragödie unermüdlich vorzubereiten haben, werden Euch fortlaufend neue Waffen geliefert: Sie sind von Jahr zu Jahr zahlreicher und moderner, auf ihre Vollkommenheit dürft Ihr stolz sein. Doch wären diese Waffen nutzlos, wenn nicht Eure moralische Stärke, Euer Eifer und Euer Glaube unversehrt erhalten blieben.

Ihr habt heute den Vorzug, Eure Pflicht zu kennen, einer eindeutigen Weisung zu gehorchen. Wenn morgen Euer Leben gefordert wird, so würde Eure Familie wissen, dass dieses Opfer nicht vergeblich war. Kann jeder in unserer Welt dasselbe sagen?

Darum zeigt, Schweizersoldaten, an diesem 1. August allen denen, die Euch umgeben und die Ihr beschützt, denen die kämpfen und leiden, dass Ihr bis zum Ende treu Eure Weisungen erfüllt und würdig Eures Vorrechtes bleibt. 

General Guisan.

Quelle

  • Tagesbefehl für den 1. August 1944. In: Das Rote Kreuz. Organ des Schweizerischen Roten Kreuzes und des Schweizerischen Samariterbundes. Bd. 52 (1944), Heft 31, S. 315.