Donnerstag, 31. Mai 2007

Des Sternenwirts Immobilien werden versteigert

Die langwierige Depression im Gefolge der grossen Weltwirtschaftskrise von 1873 hatte auch in Weiach viele Konkurse zur Folge. 1882 erwischte es postum einen ehemaligen Wirt des Gasthofs zum Sternen. Dies kann man alten amtlichen Inseraten im Bülach-Dielsdorfer Volksfreund entnehmen:

Gantanzeige

Dieser Titel stand jeweils für eine Versteigerung von Hab und Gut. Interessant sind solche Anzeigen, weil oft der ganze Hausrat en détail aufgeführt wurde, damit sich potentielle Käufer im Vorab ein Bild vom Angebot machen konnten. Diesmal ging es allerdings um Immobilien und Agrarland:

«Aus dem Konkurse des Rudolf Meierhofer, Wegknecht, alt Sternenwirth in Weiach werden die Liegenschaften künftigen Montag, den 22. Mai d. J., Abends 7 Uhr, im Wirthshaus zum „Sternen“ in Weiach öffentlich versteigert; dieselben bestehen in:

1 Wohnhaus mit Schopfanbau u. Werkstätte, assekurirt für Fr. 2700.-, nebst ca. 8 Aren Umgelände. Ca. 60 Aren Wiesland an 4 Stücken. Ca. 12 Aren Waldung an 2 Stücken.

Niederglatt, den 15. Mai 1882.

Notariatskanzlei Niederglatt;
Alex. Schmid, Landschreiber.
» (BDV, 17. Mai 1882)

Beim zweiten Anlauf musste es klappen

Offenbar war das Interesse nicht allzu gross oder die Gebote erreichten nicht die Höhe, die sich die Beamten vorgestellt hatten. Der zweite Versuch fand jedenfalls ein paar Tage später statt, exakt heute vor 125 Jahren.

«Aus dem Konkurse des Rudolf Meierhofer, Wegknecht, alt Sternenwirth, von Weiach werden die Liegenschaften Mittwoch den 31. Mai 1882, Abends punkt 7 Uhr, im Wirthshaus zum Sternen in Weiach auf zweite Steigerung gebracht, wobei unbedingt Zusage erfolgt.

Niederglatt, den 24. Mai 1882.

Notariatskanzlei Niederglatt;
Alex. Schmid, Landschreiber.
» (BDV, 27. Mai 1882)

Quellen
  • Bülach-Dielsdorfer Volksfreund, Nr. 39, Mittwoch, 17. Mai 1882
  • Bülach-Dielsdorfer Volksfreund, Nr. 42, Samstag, 27. Mai 1882
[Veröffentlicht am 17. Juli 2007]

Mittwoch, 30. Mai 2007

Effektentasche made in Weiach


«fruet Weiach Zürich 1977» - das Herstellerzeichen an der Innenseite einer alten Effektentasche der Schweizer Armee beweist, dass auch in Weiach einst ein Zulieferbetrieb des EMD ansässig war.

Die Sattlerei Fruet AG war seit 1970 im Gebäude der vormaligen Schäftenäherei Walder, einer Schuhfabrik, vis-à-vis der Station Weiach-Kaiserstuhl tätig. Zu ihren Hauptauftraggebern gehörten die Beschaffungsorganisationen der Militärdepartemente von Bund und Kantonen. Im Jahre 2000 musste Fruet den Betrieb mangels Aufträgen einstellen. Weiach verlor dadurch einen weiteren traditionsreichen Gewerbebetrieb.

Back to the roots

Sinnigerweise wurde dieser «Eff-Sack» (wie er im Soldatenjargon genannt wird) 1987 an einen Weiacher Wehrmann ausgegeben. Und kehrte so nach einigen Lager-Jahren im Zeughaus an den Ort seiner Entstehung zurück.

In den ersten Dienstjahren wurde er intensiv genutzt. Ab Mitte der 90er Jahre dann nicht mehr so häufig. Denn ab da machte ihm der Kampfrucksack neuer Ordonnanz den Platz streitig. Sein Besitzer war nämlich der Ansicht, letzterer reisse nicht mehr an einem Handgelenk, sondern nur an zwei Schultern und sei daher wesentlich angenehmer zu tragen. (Solche praktischen Rollköfferli, wie sie den heutigen Rekruten abgegeben werden, gab es damals leider noch nicht).

Das tut der Nützlichkeit des Eff-Sacks keinen Abbruch. Zum Aufbewahren aller möglichen Utensilien - auch nichtmilitärischer Art - eignet sich diese quaderförmige Tasche nämlich vorzüglich.

[Veröffentlicht am 15. Juli 2007]

Dienstag, 29. Mai 2007

Köbi stirbt bei Sturz auf Tennboden

Nein, nicht Köbi National. Vom Fussballtrainer Jakob Kuhn ist hier nicht die Rede. Soviel zur Beruhigung der Fans.

Hier geht es um einen Unfall vor genau 50 Jahren, der für einen Weiacher Vornamensvetter fatal endete. Unter der Rubrik «Verkehrswesen/Unfälle» berichtet Dorfchronist Zollinger über das Geschehen wie folgt:

«Einen ganz betrüblichen Unfall (allerdings nicht Verkehrsunfall) brachte der 29. Mai der Familie Jb. Baumgartner, Friedensrichters im Oberdorf. Der ältere Sohn, im ganzen Dorf der "Köbi" genannt und bereits 40jährig, fiel vorm. beim Gras abladen vom Futterwagen auf den Tennboden und erlitt einen Schädelbruch & weitere innere Verletzungen, an denen er am folgenden Morgen, am Auffahrtstag, leider verstarb. Köbi hatte schon als kleiner Bub einen Unfall erfahren und litt seither jahrzentelang [sic!] von Zeit zu Zeit an epileptischen Anfällen, die allerdings in den letzten Jahren nur noch äusserst selten aufgetreten waren. Ob nun doch wieder ein solcher Anfall eintrat und zum Unfall führte? Man weiss es nicht, weil er zu der Zeit allein in der Scheune arbeitete.»

Das Fehlen moderner medizinischer Methoden wirkte sich damals schnell tödlich aus, wie das Beispiel zeigt. Köbis Grabstein mag längst verschwunden sein. Die Erinnerung lebt aber weiter - auch dank Zollingers Chroniken.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1957 – S. 17-18 (Original in der Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Signatur: G-Ch Weiach 1957)
[Veröffentlicht am 15. Juli 2007]

Montag, 28. Mai 2007

Einzigartig abverheytes Porzellangeschirr

«Vorbehalten für Sonn- und Feiertage... Das schönste Porzellan, das jemals für Weiach entworfen wurde», behauptet ein Werbeprospekt der Bexon GmbH aus Basel, der dieser Tage in die Briefkästen in der Gemeinde verteilt worden ist.

Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Abgesehen aber von diesem vollmundigen Spruch auf der Titelseite gibt es gleich ein paar Fehler, die den (Geschäfte)-Machern vom Rheinknie unterlaufen sind.

Bauernfängerei der Extraklasse

Wenn «Porzellanmeister» D. Noppe zum Schluss des Werbe-Briefs schreibt: «Niemals zuvor wurden die schönsten Plätzchen von Weiach in einem Porzellanservice festgehalten», dann ist das zumindest teilweise gelogen. Denn es gibt etliche Beispiele für solche Marketing-Neppereien, die schon vor Jahrzehnten an die Frau gebracht wurden. Das beweisen viele Teller und Tassen, die (beispielsweise letztes Jahr) als Leihgaben im Ortsmuseum Weiach zu sehen waren.

Für das sechsteilige Service wählte die Bexon GmbH sechs Motive aus: «Gemeindeamt», «Ref. Kirche», «Schulhaus Hofwies», «Neoapostolische Kirche», «Alter Bahnhof» und «Orstmuseum». Und zwar genau so geschrieben (!) - vgl. die Abbildung unten.


Keine Ahnung - nicht einmal von Qualitätssicherung

Von besonderer Ignoranz zeugt schon die Bezeichnung des Gemeindehauses als «Gemeindeamt», wie wenn das bei uns ein geläufiger Begriff wäre. Herr Noppe, wir sind NICHT in Deutschland, schreiben Sie sich das hinter die Ohren!

Das Schulhaus Hofwies zeigt - wenig verwunderlich - das «Alte Schulhaus» , das zwar auch auf dem Areal steht, jedoch nicht so heisst.

Zur «Neoapostolischen» Kirche ist zu sagen, dass sich diese religiöse Gemeinschaft erstens «Neuapostolen» nennt und zweitens die Kirche gar keine mehr ist, sondern zum Verkauf steht - selbst der Abriss ist eine Option (vgl. den WeiachBlog-Artikel «Kirche zu verkaufen»).

Das «Orstmuseum»

Einem Ortsfremden mag man ja manches verzeihen. Sprachlos bleibt einem aber der Mund offen, wenn man «Orstmuseum» liest. Das sollte bei der Qualitätssicherung eigentlich sogar einem Laien aufgefallen sein. Was soll man von einem Unternehmen halten, das solche kapitalen Böcke schiesst? Geschäften die auch sonst so schludrig, ja unseriös?

Durchaus möglich. Da steht im Prospekt nämlich: «Wir verpflichten uns, egal wie hoch die Nachfrage ist, die Auflagenhöhe einzuhalten». Dadurch werde das Service «schnell zu einem einzigartigen Sammlerstück» - und letztere beiden Wörter sind auch noch fett gedruckt. Nur: im gesamten Prospekt sucht man vergeblich eine Zahl, welche die Auflagenhöhe festlegen würde. Die können also machen was sie wollen - nummeriert sind die Services ja wohl auch nicht. Auch dass das Angebot «Nur kurze Zeit erhältlich» ist passt in dieses Abzocker-Bild.

Immerhin sind wenigstens die Zeichnungen von Gerard Swaenepoel einigermassen gelungen. Wahrscheinlich von Fotos abgezeichnet. Nur der Hintergrund mit den Wolkengebirgen an Orten, wo diese gar nicht sein können, wirkt etwas lächerlich. Aber das tut der Sache keinen weiteren Abbruch mehr. Das Resultat dann auch noch «originell und exklusiv» zu nennen, wirkt wie unfreiwillige Satire.

Teures Machwerk

Bleibt noch die Frage, was der Spass kostet. 297 Franken zuzüglich Versandkosten von Fr. 19.50 müssen für das 18-teilige Service hingeblättert werden. Ganz schön happig für diese fragwürdige Leistung.

«Es wird darüber gesprochen werden, soviel ist sicher», sagt der Prospekt. Allerdings. Verrisse waren aber wohl nicht geplant.

Hoffen wir, dass wenigstens das Porzellan selber in Ordnung ist und das Dekor sich beim Abwaschen nicht gleich verabschiedet. Trotzdem: bei mir wird man ein solches Machwerk sicher nicht auf dem Tisch finden. Nicht einmal als abschreckendes Beispiel. Dafür genügt der Blog.

[Veröffentlicht am 15. Juli 2007]

Sonntag, 27. Mai 2007

Angetrunkener Mopedfahrer baut Unfall

In den Jahreschroniken Walter Zollingers gibt es auch eine Rubrik «Unglücksfälle und Verbrechen» (erstere häufiger, letztere sehr selten).

Manchmal hat er da auch Originalausschnitte aus Zeitungen eingeklebt, teils sogar mit Quellenangabe.

In diesem Fall fehlt die Quelle, es wird sich allerdings um eine der regional verbreiteten Zeitungen handeln (Bülach-Dielsdorfer Volksfreund, Zürcher Unterländer oder Zürichbieter):

«Verkehrsunfall in Weiach. (Mitg.) Am Sonntag, den 26. Mai, 17.15 Uhr, stiessen auf der Kaiserstuhlstrasse in Weiach ein Moped-Fahrer und ein Personenwagen zusammen. Der von Kaiserstuhl AG herkommende Moped-Fahrer verlor auf offener, übersichtlicher Strasse die Herrschaft über sein Fahrzeug, überquerte die Hauptstrasse und stiess gegen die linke Seite eines korrekt entgegenkommenden Personenwagens. Der offensichtlich angetrunkene Moped-Fahrer erlitt durch den Sturz in die Fahrbahn Schürf- und Quetschwunden im Gesicht und an beiden Händen. Ferner entstand an den Fahrzeugen Sachschaden in der Höhe von ca. 1500 Franken. Dem fehlbaren Moped-Lenker wurde die Blutprobe genommen und sein Führerausweis wurde beschlagnahmt.»

Basis des Artikels war eine Zuschrift («Mitgeteilt»), die möglicherweise direkt von der Kantonspolizei Zürich stammt. Da der Unfall sich auf der Kaiserstuhlerstrasse ereignete (damals noch «Kaiserstuhlstrasse» genannt) war der Polizeiposten Weiach nur wenige Meter entfernt, vielleicht sogar in Sichtweite der Unfallstelle.

Und der Besoffene? Es ist nicht bekannt, ob es sich um einen Weiacher handelte - Zollinger schweigt sich über die Identität aus. Der Verunfallte trank aber wohl im Kreuz in Kaiserstuhl einen über den Durst - wie das über Jahrhunderte Tradition war - und wagte sich dann auf dem Töffli nach Hause. Dumm gelaufen.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1957 – S. 17 (Original in der Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Signatur: G-Ch Weiach 1957)
[Veröffentlicht am 12. Juni 2007]

Samstag, 26. Mai 2007

Rebstickel auf öffentliche Steigerung gebracht

Überschuldung war und ist bei Bauern ein leider nur allzu häufiges Phänomen. Es kann so weit gehen, dass sich die Nachkommen gezwungen sehen, das Erbe auszuschlagen, um nicht selber für die Verbindlichkeiten des Erblassers zur Kasse gebeten zu werden.

Was genau hinter der heute vor 125 Jahren abgelaufenen Vergantung der Habseligkeiten eines verstorbenen Weiachers steht, ist nicht bekannt. Auch nicht ob er Schulden hatte. Anzunehmen ist es allerdings, sonst hätte das Notariat nicht von einem Konkurs gesprochen:

«Im Auftrage der löbl. Notariatskanzlei Niederglatt wird künftigen Freitag den 26. Mai, Nachmittags 1 Uhr, aus dem Konkurs des verstorbenen Hs. Ulrich Meier, Webers, von Weiach, beim Hause der Elisabetha Baltisser daselbst gegen Baarzahlung öffentlich versteigert:

Ca. 4 Ztr. Stroh, ca. 4 Ztr. Erdäpfel, ca. ½ Fuder Mist, 2 Ster Weidenholz, 20 Stück Eichenschälholz zu Rebstickel, ca. 200 tannene Rebstickel, 10 Stangen zu Baumleitern, 1 Beschneidstuhl, 1 Stoßbenne, 3 Hauböcke, 1 Hobelbank nebst etwas Werkzeug, 1 Wald- und 1 Handsäge, 1 Schleifstein sammt Gestell, 1 Holzschlitten, 2 Sandgitter, 1 Bickelhaue, Reut- u. Breithaue nebst versch. andern Haus- u. Feldgeräthschaften, sowie die sämmtl. Kleider des Verstorbenen.

Weiach, den 23. Mai 1882
Das Gemeindammannamt.
»

Das ist nicht gerade die Habe eines Wohlhabenden. Es sieht eher nach derjenigen eines der damals in Weiach so zahlreichen Kleinbauern aus, die gerade so «häbchläb» durchs Leben kamen. Einem Bauern, der offenbar seinen Lebensunterhalt unter anderem mit der Herstellung von Rebstickeln und Baumleitern verdiente.

Quelle
  • Bülach-Dielsdorfer Volksfreund, Nr. 41, Mittwoch, 24. Mai 1882

[Veröffentlicht am 12. Juni 2007]

Freitag, 25. Mai 2007

Maiwetter 1957

«Schnee, Sonne und Regen: Der Mai bot Freude für jeden Geschmack», fasste Reuters zusammen und SF Meteo setzte den Titel «Wildes Aprilwetter» und meinte: «Rein subjektiv wird uns der Mai 2007 nicht als Wonnemonat in Erinnerung bleiben. Immer wieder gab es kräftigen Regen, speziell am Auffahrtstag und dann auch wieder am Pfingstmontag goss es wie aus Kübeln.»

Es stimmt, der Mai 2007 war extrem und voller Gegensätze, als ob er mit dem April den Platz getauscht hätte ohne Anleihen auf den Sommer zu vergessen: immer wieder fielen heftige Niederschläge, am Pfingstmontag war’s saukalt, und dennoch war der Monat im Schnitt zu warm.

Aprillische Launen

Für dieselbe Periode vor 50 Jahren stellte Zollinger eine ganz ähnliche Diagnose:

«Auch der Mai kann gar nicht gerühmt werden! Er zeigte eher aprillische Launen: kühl, regnerisch, bedeckt bis bewölkt; nur 3 ganz schöne Tage mit Nachmittagswärme von über 25° und dreimal zwischen 20 und 25°, sonst immer darunter. Die Morgen waren sogar direkt kühl, sehr oft nur zwischen +1 und +3°. Am 8./9. Mai morgens lag jeweilen starker Reif, der nicht nur den frühgesteckten Kartoffeln weh tat, sondern auch an Reben und Obstblust argen Schaden anrichtete. Wir haben z.B. vom 25. bis 27. Mai daheim geheizt und sogar die Schulzimmer wurden geheizt, was in all’ den 40 Jahren meiner Schultätigkeit sonst m.W. um diese Zeit noch nie vorgekommen ist. Nebel gabs an drei Morgen, Regen fiel an sechs Tagen. Um den 20.5. herum wurden aber doch die ersten Fuder Heu heimgeführt; dann folgte jedoch ein ziemlich langer Unterbruch.»

Immerhin: so viele Hitzetage wie 2007 wies der Mai 1957 nicht auf, Ähnliches erlebte man Mitte des letzten Jahrhunderts nur noch im Mai 1945.

Bereits im WeiachBlog erschienene Wetterartikel

Quelle

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1957 – S. 4 (Original in der Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Signatur: G-Ch Weiach 1957)
  • Wildes Aprilwetter im Wonnemonat Mai In: Website SF TV, 31. Mai 2007, 11:34; Letzte Aktualisierung: 14:33

[Veröffentlicht am 12. Juni 2007]

Donnerstag, 24. Mai 2007

Wo die Jagdhütte Sanzenberg hingekommen ist

In Weiacher Geschichte(n) Nr. 89 war der zweite Teil des von Ruth Schulthess-Bersinger 1941 an der Bezirksschule Kaiserstuhl gehaltenen Vortrags über Weiach abgedruckt. Darin erwähnt ist auch eine Jagdhütte, die auf Gemeindegebiet stand:

«Auf dem Sanzenberg, an der westlichen Strasse, die auf den Bachserbuck führt, wurde vor 5 Jahren ein Blockhaus erstellt. Das Holz zu dessen Bau stifteten die Gemeinden Weiach, Stadel & Bachs. Die Wände sind aus geschälten tannenen Rundhölzern. Solche auf einem Betonsockel aneinandergefügt, bilden den Boden. Ein Dach aus Dachbappen schützt das schöne Innere, welches aus Aufenthaltsraum, Schlafraum, Keller & Cheminée besteht. Neben dem Kochherd erhebt sich ein Geschirrschrank. Die Wände sind mit Rehbockgeweihen behängt. Nicht durch eine Türe gelangt man in den Schlafraum; sondern, indem man einen Vorhang zurückschiebt. Als Ruhelager dienen 2 übereinander befestigte, breite Matratzen. Über der Eingangstür kann man folgende Inschrift lesen:

S Sanzenberg heisst unsere Hütte,
A Aufgebaut in Waldesmitte.
N Nicht so leicht kann’s Schön’res geben
Z Zieht man aus zum Nimrodleben. –
E Einträchtig mit ihrer Beute
N Nahen sich die Jägersleute,
B Bleiben froh zusammen sitzen.
E Es ermangelt nicht an Witzen.
R Ruhm und Heldentat sind feil;
G Glorreich ist das Weidmannsheil!

Gewiss jeder Spaziergänger, der an dieser Jägerhütte vorbeizieht, wird sie bewundern.
»

Nicht mehr am ursprünglichen Standort

Das geht heute nicht mehr, denn diese Hütte steht nicht mehr am damaligen Standort. Im März 2007 habe ich noch gewerweisst, wo sie hingekommen sein könnte:

«Alt Gemeindepräsident Mauro Lenisa ist der Ansicht, dass diese Jagdhütte nicht identisch mit derjenigen der Jagdgesellschaft Sanzenberg sei. Diese Aussage wird durch das Inventar der Gebäudenummern-Konkordanz gestützt. Dort findet man lediglich zwei Waldhütten auf dem Müliboden mit den Baujahren 1955 und 1968. Die von Ruth Bersinger erwähnte Jagdhütte mit Baujahr 1936 ist also entweder durch eine neue ersetzt, an einen anderen Platz versetzt oder ersatzlos abgebrochen worden.»

Wechsel der Revierpächter - Haus gezügelt

Am Rande der Premiere des Stückes «Kolumbus oder Die Entdeckung Amerikas» in Weiach (vgl. WeiachBlog-Beitrag vom 16. Mai) konnte alt Gemeindeschreiber Hans Meier im Gespräch mit WeiachBlog das Rätsel um den Verbleib der Jagdhütte Sanzenberg klären.

Erstens: es gibt sie noch! Das ist sie:

Zweitens: sie steht heute auf dem Grenzsattel zwischen dem Ofen und Zweidlen, hart an der Gemeindegrenze zwischen Weiach und Glattfelden - aber klar auf Glattfelder Boden (Grenze verläuft auf dem obigen Bild etwa 20 m links der Bildmitte).

Deshalb erscheint die Hütte natürlich auch nicht mehr in der Liste der Gebäudeversicherung für unsere Gemeinde, sondern mit der Nr. 1451 in der von Glattfelden.

Auch das Baujahr kann man klar und deutlich auf dieser Aufnahme ablesen: «Erbaut 1937.»

Geweihe gehören noch zum Inventar. Nur der launige Spruch, bei dem der Name Sanzenberg sozusagen zum Akronym wird, der ist verschwunden. Warum, ist auch klar: Das Revier Sanzenberg gehört ja jetzt einer anderen Jagdgesellschaft.

Quellen

  • Bersinger, R.: "Weiach!" 20Min-Vortrag in der Bezirksschule Kaiserstuhl. Handschrift, 10 Seiten. Zusammengestellt im November 1941. Xero-Kopie im Archiv des Ortsmuseums Weiach.
  • Brandenberger, U.: «Die Trotte im Oberdorf war unser Eigentum». Ein Vortrag von Ruth Bersinger an der Bezirksschule, November 1941 (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) 89. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, April 2007 – S. 9-12. (pdf, 1.6 MB)

[Veröffentlicht am 12. Juni 2007]

Mittwoch, 23. Mai 2007

Privatisierung schadet der Infrastruktur

Die Verfechter eines schlanken Staates werden ja bekanntlich nicht müde, kategorisch den Rückzug der Gemeinwesen aus möglichst vielen Infrastrukturen zu fordern. Dazu gehören u.a. die Wasserversorgung, die Stromversorgungsnetze und der Strassenbau.

Die Schalmeienklänge tieferer Ausgaben und damit auch tieferer Steuerbelastung mögen ja ganz schön und verlockend tönen. Nur sollte man sich vor Augen halten, was ein solcher Rückzug letztlich bedeutet, vor allem wenn er ganz generell mit einer Laissez-faire-Politik kombiniert wird.

Die USA bröckeln

Es lohnt sich, dazu einen Blick über den grossen Teich zu werfen, in das Land, das von ebendiesen Apologeten des Staatsabbaus als leuchtendes Vorbild gepriesen wird.

Als Augenöffner über die fatalen Folgen mangelnder Investitionen in den USA sehr geeignet ist dieser kurze Beitrag vom 10. Mai auf der Website des Progressive States Network:

«A major new report released this week by the Urban Land Institute and Ernst & Young revealed shocking statistics on the state of transit infrastructure in the U.S., including:

* 83 percent of the nation's transportation infrasturcture is not capable of meeting the nation's needs over the next 10 years.
* 97 percent of roads, bridges and tunnels, and 88 percent of transit/rail systems will require at least moderate improvement.
* Chicago alone needs $6 billion to bring its subways into good repair. Rehabilitation of the Tappan Zee Bridge north of New York City will cost as much as $14.5 billion.
* There is a $1.6 trillion deficit in needed infrastructure spending through 2010 for repairs and maintanence.

A Threat to Economic Growth

Beyond the inconvenience of longer commute times due to poor upkeep of roads and transit systems, these numbers signal real economic trouble. The loss in time and productivity will slow economic growth, drive job losses, and result in the U.S. becoming less economically competitive globally. Around the world, our economic competitors are investing heavily in infrastructure to strengthen their economies, yet the U.S is spending less than 1 percent of its GDP on infrastructure. Contrast that with India, which spends 3.5 percent on infrastructure, or China, which spends 9 percent of its gross domestic product on infrastructure in its quest for economic growth. The U.S. infrastructure neglect is not limited just to transit. In order to comply with safe drinking water regulations, the U.S. must spend ten times its current budget for replacing aging systems. The power grids are also a mess and poor transmission networks are resulting in loss of electricity and extremely inefficient power delivery.

The False Promise of Privatization

The report emphasizes that the recent hype around privatization of public assets like roads won't solve the problem -- and could make it worse. Another new report released this week, also highlights how states have been wasting taxpayer money by outsourcing and experimenting with other forms of privatization that have just added to costs.

Looking Forward There is simply no way around it -- the current level of infrastructure investment cannot sustain current economic activity, let alone allow our states to grow competitively in the global economy. Any further delay investing in infrastructure will only result in much greater physical repair costs and even greater costs from job losses. The first step is facing up to the need for new revenue. The reality is that the gas tax, when adjusted to inflation, is half of what it was in the 1960s. Road tolls aren't paying enough for overall infrastructure upkeep and other revenues are not making up the slack. New revenues need to be combined with better planning to reduce road congestion and promote more efficient public transit.
»

Erschreckend. Die USA scheinen je länger je mehr zu einem ökonomischen Papiertiger zu verkommen.

Diesen Fehler nicht nachmachen

Wenn man sich die Folgen für die Bevölkerung ausmalt, dann ist zu hoffen, dass sich die Hiesigen mit Händen und Füssen gegen die Privatisierung unserer Wasserversorgung oder der lokalen Übertragungsnetze (im Besitz der Elektrizitätsgenossenschaft Weiach) zur Wehr setzen und dafür einsetzen, dass die nötigen Investitionen rechtzeitig erfolgen.

Denn: Jeden Fehler der Amerikaner müssen wir ja nun wirklich nicht nachmachen. Schon gar nicht, wenn er solch katastrophale Folgen zeitigt.

Quelle

[Veröffentlicht am 1.06.2007]

Dienstag, 22. Mai 2007

«Wahlanordnung» als Zettel im Briefkasten

Am 17. Juni findet nicht nur eine eidgenössische Volksabstimmung über die 5. IV-Revision statt. Es wird nicht nur über zwei kantonale Vorlagen entschieden (Streit um Ärzte-Honorare an öffentlichen Spitälern und die Volksinitiative «Chancen für Kinder»). Am selben Tag ist in Weiach auch Wahltag. Auf kommunaler Ebene stehen nicht weniger als vier Ersatzwahlen an!

Kurzfristig anberaumt

Der Termin ist offenbar ziemlich kurzfristig angesetzt worden, aus welchen Gründen auch immer, jedenfalls scheint es auf den MGW-Reaktionsschluss Ende April nicht mehr gereicht zu haben.

Wie der «Wahlanordnung» zu entnehmen ist (Bild unten), die am 18. Mai als Einzelblatt in die Briefkästen flatterte, müssen je ein Mitglied des Gemeinderates, der Primarschulpflege und der Evangelisch-reformierten Kirchenpflege neu gewählt werden. Darüber hinaus ist auch die Pfarrwahl als Ersatz für den weggezogenen Pfr. Saxer anstehend.



Nur für zwei von vier Vakanzen gibt es schon offizielle Kandidaten

Für die Primarschulpflege wird Ronald Meier, wohnhaft in der Alten Trotte, einem der ältesten Häuser der Gemeinde, offiziell portiert.

Zur Pfarrwahl wird angemerkt, es würden «vorgedruckte Wahlzettel verschickt». Der fleischfarbene Wahlzettel, der kurz darauf im Couvert in die Briefkästen gelangte enthielt keine Überraschung. Der Antrag der Pfarrwahlkommission ist immer noch derselbe wie Anfang April: «VDM Christian Weber» (VDM steht für «Verbi Divini Minister», d.h. soviel wie «Diener des Gottesworts». Man kann sich fragen, ob das allen Stimmberechtigten klar ist oder nicht).

Für die beiden übrigen vakanten Stellen, den Ersatz für den zurücktretenden Gemeinderat Leutwiler und einen Kirchenpfleger sind keine Vorschläge gemacht worden.

Ganz unten auf der Wahlanordnung steht dick und fett: «Anfangs Juni 2007 findet voraussichtlich eine Wählerversammlung statt. Die Einladung dazu erfolgt im Mitteilungsblatt Juni 2007.»

Bis dato ist jedoch noch kein Termin für eine solche Veranstaltung bekannt.

[Veröffentlicht am 1.6.2007]