Dienstag, 28. Dezember 2021

Weiacher Hexe in Baden im Aargau verbrannt, 1616

«WAS? Sie glauben nicht an Hexen? Fensterplatz und in der Schule nicht aufgepasst, hä? Das weiss doch jedes Kind: Hexen muss man töten! Also gibt es sie. Ist doch logo! Die Bibel sagt die Wahrheit. Lies 2. Mose 22,17 - Da steht's!» 

So könnte es damals getönt haben. Vor 400 Jahren behaupteten nur ein paar nicht ernst zu nehmende, gottlose, spinnerte Schwurbler, es gebe keine Hexen.

In Weiach gab es besonders viele Hexen. Und wer mit einer solchen verwandt war, war in Teufels Küche. Wie Barbara Balthasin im Mai 1616. Denn im Januar war schon ihre Schwester Ursula in Zürich als Hexe hingerichtet worden. Die in Kaiserstuhl verheiratete Barbara ereilte dasselbe Schicksal in Baden AG. 

Barbara gab zu, im Stockiwald oberhalb Weiach mit dem Teufel zu tun gehabt zu haben!

Solche Gefährderinnen musste man verbrennen und die Asche richtig entsorgen. Das war ein Gebot der öffentlichen Gesundheitsvorsorge.

Lesen Sie auf S. 54-56, was alt Staatsarchivar Dr. Otto Sigg über diesen Fall herausgefunden hat:

Quelle 

  • Brandenberger, U. (Hrsg.): Die Weiacher Hexenprotokolle. Eine Zusammenstellung der verfügbaren Informationen. Wiachiana Dokumentation Bd. 1, - 4. abermals erweiterte Auflage, Dezember 2021 – S. 54-56 [Download: PDF, 3.47 MB].

[Erstveröffentlicht auf der Facebookgruppe «Du bisch vo Weiach, wenn...» am 28.12.21, 22:17 MEZ; Repost auf WeiachBlog am 30. Mai 2022 um 00:57 MESZ]

Donnerstag, 16. Dezember 2021

Nicht für alle Gemeindeämter genügend Kandidierende

Weyacherinne und Weyacher i d'Hose!

Seit heute ist es offiziell: in die Königsklasse, d.h. den Gemeinderat, will manch eine(r) (9 Kandidaten für 5 Sitze!). Aber sonst gibt es im Kandidaten- und Kandidatinnenfeld noch grosse Lücken, vor allem bei der RPK der Politischen Gemeinde: https://weiach.ch/page/402/news/1195/l/de

Neben Dania Peter will auch noch ein Mann Chef der Primarschulpflege und damit ex officio sechster Gemeinderat werden. Mit dieser Kampfwahl ist schon einmal nicht sicher, dass 2022 die erste Frau in der Geschichte tatsächlich im Gde-Rat Einsitz nimmt (vgl. WeiachBlog Nr. 1454).

[Erstveröffentlicht auf der Facebookgruppe «Du bisch vo Weiach, wenn...» am 16.12.21, 11:03 MEZ; Mit Bild angereicherter und bezüglich RPK präzisierter Repost auf WeiachBlog am 30. Mai 2022 um 00:22 MESZ]

Donnerstag, 9. Dezember 2021

Die Klassenfotos von Hubert & Walter Haagmans

Kurzbeiträge ohne grossen Rechercheaufwand sind immer noch möglich. Ein Adventsgeschenk aus dem auf Eis gelegten Wiachiana-Verlag (mit aktuell 35-40 cm Schneehöhe am Verlagssitz ist es dort tatsächlich eisig):

Die Schulklassen-Fotos von Hubert und Walter Haagmans, die es für Weiach aus einzelnen Jahren zwischen 1938 und 1970 gibt: https://suche.staatsarchiv.djiktzh.ch/detail.aspx?ID=2594484

Im Bild: Die Klasse von Kurt Ackerknecht (ja genau derjenige, der das Material für den Dorffilm aufgenommen hat) vor dem Alten Schulhaus. Im Hintergrund der Turngeräteschopf und die Liegenschaft von Coiffeur Heidelberger. Datum: 23. Februar 1961. (Signatur: StAZH W I 90.44081)

Hinweis: Bilder auf der StAZH-Website sind bis 400% zoombar. Leider dann etwas verschwommen. Aber man erkennt die Gesichter doch etwas besser.


[Erstveröffentlicht auf der Facebookgruppe «Du bisch vo Weiach, wenn...» am 9.12.21, 23:12 MEZ;
Repost auf WeiachBlog am 29. Mai 2022 um 19:29 MESZ]

Dienstag, 7. Dezember 2021

Ministerialadelsfamilie Escher kauft sich in Weiach ein, 1320/21

Allzu hervorragende Persönlichkeiten hatten es in der Schweiz noch nie leicht. Das lässt sich am Beispiel Alfred Eschers besonders gut zeigen. Er war bereits 1850 mit nur 31 Jahren Nationalratspräsident und gelangte wenige Jahre später als Direktor der Schweizerischen Nordostbahn (NOB, gegründet 1853, in den SBB aufgegangen 1902), Präsident der Schweizerischen Kreditanstalt (Credit Suisse, gegründet 1856) und zürcherischer Regierungsrat (1848-1855) sowie vielen weiteren Ämtern und Funktionen in Personalunion in eine Machtposition, die man ihm weitherum übel nahm (vgl. die von Joseph Jung zusammengestellte Liste).

Dazu passt, dass die Zürcher sehr sparsam mit Denkmälern umzugehen pflegen. Nur selten stellen sie einen der Ihren auf den Sockel. So gibt es in der Stadt Zürich nur gerade vier Monumental-Statuen berühmter Einwohner: Huldrych Zwingli aufs Schwert gestützt vor der Wasserkirche, Hans Waldmann hoch zu Ross nahe des Fraumünsters, Johann Heinrich Pestalozzi vor dem Globus an der Bahnhofstrasse und Alfred Escher auf dem Bahnhofplatz.

Interessant an diesen vier Zürcher Säulenheiligen ist, dass sie von aussen her in die Stadt kamen. Einwanderer in erster Generation waren Zwingli aus dem Obertoggenburg und Waldmann aus dem Kanton Zug. Pestalozzis Familie stammt ursprünglich aus dem Tessin und die Escher aus dem Städtchen Kaiserstuhl am Rhein.

Erfolgreiche Manager im Dienste der Mächtigen

Das Erfolgsmodell des Alfred Escher ist eines, das in seiner Verwandtschaft bis weit zurück verfolgt werden kann. Im Gegensatz zu den hochadeligen Freiherren von Regensberg und den Freiherren von Wart, die beide an der Gründung der Stadt Kaiserstuhl beteiligt waren und im Verlauf des 13. Jahrhunderts von den machtpolitisch rücksichtslosen Habsburgern an die Wand gespielt wurden, haben sich die Ministerialadligen wesentlich leichter halten können.

Ministerialadelige sind so etwas wie heutige Topmanager. Sie verdienen gut, sind untereinander weiträumig vernetzt und heiraten auch unter ihresgleichen. Letztlich sind sie aber lediglich Angestellte, die zu tun haben, was die Eigner des von Ihnen Verwalteten für gut und richtig halten. Ein solcher Manager hatte wesentlich geringere Fixkosten, denn er musste ja nicht einen Stammsitz auf irgendeinem Bergsporn aufwändig unterhalten, sondern konnte sich mit einem relativ bescheidenen Haus in einer Stadt begnügen. Wenn er überdies loyal zu seinem hochadeligen Herrn stand, dann war er auch keine Bedrohung für diesen. So konnte man als Ministerialer seine Finanzen im Windschatten der hohen Politik verbessern, anstatt sie zu verpulvern. Das war besonders auch deshalb möglich, weil es für Hochadelige nicht standesgemäss war, sich gewerblich oder kaufmännisch zu betätigen. Auch Geldgeschäfte überliessen Hochadelige lieber Drittpersonen.

Als habsburgische Gefolgsleute installiert worden

Laut Günter B. Escher, dem Autoren der wohl umfangreichsten und am besten mit Quellen und Belegen unterfütterten Geschichte der Escher, habe diese Familie mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Gebiet gelebt, das schon 1190 habsburgisches Territorium war und den Landesherren bereits in den 1230ern als Ministerialen gedient.

So ist es ohne weiteres verständlich, dass sie nach der faktischen Niederlage der Freiherren von Regensberg in der sog. «Regensberger Fehde» (v.a. 1267/68) gegen den mit der Stadt Zürich verbündeten Rudolf von Habsburg (1273-1291 deutscher König) zu Macht und Einfluss in Kaiserstuhl gelangten. Denn neben dem (zerstörten) Glanzenberg an der Limmat war auch der Vorstoss zum Rhein und damit Kaiserstuhl sowohl den Zürchern wie den Habsburgern ein ziemlicher Dorn im Auge. Günter Escher sieht in Kaiserstuhl «eine weitere Ursache der Fehde». 

Eine Annexion des Städtchens ist G.B. Escher zufolge «aus nicht nachvollziehbaren Erwägungen von Rudolf» unterblieben, jedoch sei ein Ministerialer der Habsburger als Schultheiss eingesetzt worden, «was genau den rigorosen machtpolitischen Methoden des Grafen Rudolf entsprach». Und da «Jacob Escher (III)», dessen genaue Lebensdaten nicht bekannt sind, zweifelsfrei der erste habsburgische Amtsträger gewesen sei, werde damit eine «gehobene Stellung» des Familienzweigs der Escher vom Glas «in der Habsburger Ministerialität der Oberschicht dokumentiert». (G.B. Escher 1997, S. 88)

Anderer Meinung ist Keller-Escher 1885, der ein Ministerialenverhältnis mit den Grafen von Küssenberg annimmt (vgl. WeiachBlog Nr. 1482 v. 11. März 2020). Der letzte männliche Vertreter dieses Geschlechts (gest. 1250) war zwar mit einer Habsburgerin verheiratet, hat jedoch seinen Stammsitz 1241 an den Fürstbischof von Konstanz verkauft.

In neuerer Zeit wird die von G.B. Escher vertretene Auffassung von Bihrer explizit abgelehnt: «Die genealogischen Konstruktionen, die aus der Familie Escher habsburgische Ministeriale machen, die schon zu Zeiten der regensbergischen Stadtherrschaft die Schultheissen gestellt hätten (Escher, Geschichte. 57-89), sind nicht haltbar.» (Bihrer 2006, Anm-78, S. 100)

Wechsel des Dienstherrn

Nach dem Tode König Rudolfs I. im Jahre 1291 hätten die Habsburger, so Günter Escher, kein Interesse an Kaiserstuhl mehr gehabt, sodass Lütold von Regensberg das Städtchen 1294 mit allem Zubehör an Heinrich Klingenberg, den Fürstbischof von Konstanz veräussert hat.

Der Sohn des obgenannten Jacob, «Johannes Escher (IV)» wurde gemäss Günter Escher (S. 88) vom Fürstbischof in seinem Amt als Schultheiss von Kaiserstuhl bestätigt und wechselte damit den Dienstherrn. Aus einem habsburgischen wurde ein fürstbischöflich-konstanzischer Manager. Für den Fürstbischof nun war Kaiserstuhl ein wesentlich wichtigerer Teil seiner Landesherrschaft als für die bereits auf Grossmachtebene denkenden Habsburger.

Fortschrittliche Vermögensverwaltung in Gütergemeinschaft

Die Kaiserstuhler Escher sind diejenige Familie, die seit der Gründung des Städtchens (um 1255) und bis zum Ende des Ancien Régime (1798) den grössten und vielfältigsten Einfluss auf Weiach gehabt hat. Dass dem so war, hat vor allem auch damit zu tun, dass die Escher über Jahrzehnte hinweg nicht nur ein merkantil-finanzaffines Verhalten an den Tag legten, sondern gleichzeitig eine Erbschaftspolitik hatten, die der einer Adelsfamilie entsprach. Das erarbeitete Vermögen wurde bei Erbgängen nämlich nicht etwa aufgeteilt, sondern in Gütergemeinschaft zusammengehalten. 

Der obgenannte Heinrich Escher beispielsweise hatte zwar keine politisch herausragende Stellung wie sein Bruder Johannes, war aber massgebend bei der Verwaltung des Familienbesitzes, der über sechs Generationen hinweg ungeteilt blieb (im Wesentlichen bis 1412).

Und dieses beträchtliche Vermögen wurde kontinierlich geäuffnet, wie man dem nachstehenden Auszug einer Aufstellung von Hermann Escher aus dem Jahre 1935 entnehmen kann, die neben dem Datum auch den Verkäufer bzw. Beurkunder der jeweiligen Vermögensposition benennt (vgl. auch G.B. Escher 1997, S. 94-99):

  • Nr. 2 (1320.10.15), S. 16-17 (Lehengut zu Weiach von Frhr v. Regensberg)
  • Nr. 3 (1321.02.17), S. 17-18  (Lehenhof zu Weiach von Fraumünsterabtei)
  • Nr. 4 (1333.11.15), S. 18-19  (Zinsertrag ab Landwirtschaftsbetrieb in Hohentengen)
  • Nr. 8 (1367.07.20), S. 21 (Vogtei mit Zwing und Bann über Windlach)
  • Nr. 9 (1368.04.18), S. 21 (Quart des Laienzehnten der Pfarrei Tengen)  [Quart gem DRW: «II der vierte Teil einer Abgabe, zB. des Zehnten, letzterer als urspr. bischöfliches Recht»]
  • Nr. 10 (1368.07.13), S. 21 (Zehnten zu Kaiserstuhl (bei der Stadt und am Berge), Zehnten zu Hohentengen (beim Dorf und um das Dorf in Wein und Korn))
  • Nr. 11 (1370), S. 21-22  (Verpfändet und versetzt die Quart und den Zehnten zu Weiach, Quart zu Stadel, Quart und den Zehnten zu Wasterkingen)
  • Nr. 13 (1373), S. 22 (Vogtei m. Zwing und Bann zu Rümikon)
  • Nr. 14 (1374), S. 22  (Ein Gut das ein Lehen der Edlen von Krenkingen ist)
  • Nr. 15 (1374), S. 22-23 (Zinsanteil an Gut in Lienheim, das ansonsten ins Kloster Fahr zinst)
  • Nr. 16 (1375.01.31), S. 23 (Die Escher lösen eine Schuld über 6600 Gl. ab, die Bischof Heinrich von Konstanz dem Grafen Rudolf von Habsburg-Laufenburg schuldet)
  • Nr. 17 (1375.03.20), S. 23 (Grosser Zehnten zu Weiach (habsburgisches Pfand) geht für 600 Goldgulden an die Escher)
  • Nr. 18 (1376), (Hof in Windlach gekauft)
  • Nr. 20 (1377), S. 24 (Anteil am Zehnten zu Windlach, ein Lehen der Habsburger)
  • Nr. 21 (1377), S. 24 (Anteil am Zehnten zu Windlach [von anderem Verkäufer])
  • Nr. 22 (1377), S. 24-25 (Drei Güter zu Dettighofen u. ein Gut zu Berwangen erworben)
  • Nr. 23 (1377), S. 25  (Gut genannt Stein, mit Haus genannt Hohenfluh, «auf der Höhe des Ebnet östlich Weiach?», Lehen der Frhr. v. Tengen)
  • Nr. 24 (1378.05.08), S. 25 (Zehnten zu Ober-Fisibach, Lehen der Frhr. v. Tengen [eig. Bachs. StAZH-Katalog sagt aber Fisibach])
  • Nr. 25 (1378.08.21), S. 25 (Quart eines Laienzehntens, örtlich nicht bezeichnet)  
  • [...]
  • Nr. 29 (1380.05.29), S. 27 (Fridboltsche Güter zu Weiach (Lehen derer von Lupfen) gekauft)
  • Nr. 30 (1380.11.05), S. 27 (Lehenbrief der von Lupfen an die Escher für Nr. 29)
  • Nr. 31 (1381.06.20), S. 27 (Zehnten zu Windlach, ein Habsburger Lehen)
  • Nr. 32 (1381.09.24), S. 28 (Zehnten zu Bergöschingen, ebenfalls ein Habsburger Lehen)
  • Nr. 33 (1383.04.28), S. 28 (Bestätigung des Grafen Hans von Habsburg d. J. für: Grosser Zehnten zu Weiach (150 Mark Silber Basler [!] Gewicht), Mandacher/JägklinzuWyl-Zehnten zu Windlach (16 Mark Silber SH Gew.), Meckinger Zehnten zu Windlach (10 Mark Silber SH Gew.), Zehnten zu Mulflen (40 Gulden), Zehnten zu Oeschingen (20 Mark Silber SH Gew.))
  • Nr. 34 (1383), (Gut zu Tengen, das einem Griessener gehörte)

Man sieht hier, dass die Investitionstätigkeit insbesondere ab 1367 enorme Ausmasse angenommen hat. Und zwar durch Käufe von Land und an solches geknüpfte Genussscheine in der ganzen näheren und weiteren Umgebung von Kaiserstuhl. Und wenn man seinem eigenen Dienstherrn 6600 Gulden leihen kann, dann muss dieses Kapital vorher erst einmal erwirtschaftet worden und in liquider Form verfügbar sein.

Den Kern dieser Investments in Sachwerte machten die Escher vor 1300 in der Stadt Kaiserstuhl selber, sowie in ihrem Efaden: mehrere Häuser im Städtchen sowie ein Weinberg auf dem damals noch zur Stadt gehörenden Nordufer (heute Gemeindegebiet von Hohentengen; vgl. Escher 1997, S. 94).

Vor 700 Jahren in Weiach Fuss gefasst

Spätestens ab 1320 fassten die Escher auch im Umland von Kaiserstuhl urkundlich nachweisbar Fuss.

So wird am 15. Oktober 1320 im Lägernstädtchen Regensberg durch Freiherrn Lütold von Regensberg ein Erblehengut an Konrad Escher, Schultheiss in Kaiserstuhl sowie seine Ehefrau Hedwig Schenk von Landegg und die Kinder des Ehepaars übertragen (Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich, N° 3691, Bd. X, S. 100-101; nur als Kopie aus dem 17. Jahrhundert erhalten).

Kurz darauf, am 17. Februar 1321, wird eine weitere Transaktion durch eine andere Lehensinstanz besiegelt. Diesmal ist es die in der Stadt Zürich ansässige Fraumünsteräbtissin Elisabeth von Matzingen, die dem Johann Escher von Kaiserstuhl (einem 1294 geborenen Sohn der obgenannten Konrad und Hedwig) einen Kauf bestätigt. Verkäufer sind die Zürcher Bürger Ulrich Schafli und Elsbeth Schwend (Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich, N° 3699, Bd. X, S. 105-106; Original: StArZH I.A.122). Es geht um einen Hof, der «ze oberost in dem dorfe ze Wijach gelegen ist». Damit dürfte das Oberdorf gemeint sein. Es handelt sich jedoch nicht um den Kernbereich des sog. Brandhofs um die Liegenschaft Oberdorfstrasse 27 herum, deren Keller dendrochronologisch auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert ist. Denn der Brandhof gehörte dem Dominikanerinnen-Kloster Oetenbach in Zürich (das Fraumünsterkloster war ein Benediktinerinnenstift).

Leider wissen wir somit in beiden Fällen nicht, welche Höfe auf dem Weiacher Gemeindegebiet den Eschern gehörten.

Die Escher sichern sich mit dem Zürcher Bürgerrecht ab

Und was hat der Zürcher Alfred Escher nun mit Kaiserstuhl zu tun? 

Nun, Kaiserstuhl war das westliche Verwaltungszentrum des fürstbischöflichen Machtbereichs und so war der Schultheiss auch konstanzischer Obervogt des Amts Kaiserstuhl mit Sitz auf dem Schloss Rötteln (1294 als nördlicher Brückenkopf mitgekauft). Die Schultheissen-Position wurde also nicht nach den Wünschen der Stadtbürger besetzt, sondern von oben herab installiert. Und die Escher stellten unangefochten und ununterbrochen den Kaiserstuhler Schultheissen.

Das änderte sich dramatisch mit dem Tod Bischofs Heinrich von Brandis am 22. November 1383. Damit geriet das Bistum nämlich vollends in den Strudel des kirchenpolitischen Machtkampfs, denn seit 1378 gab es nicht nur zwei Päpste (Schisma Avignon (Clemens VII.) gegen Rom (Urban VI.)), sondern in der Folge auch zwei Konstanzer Bischöfe. Johannes Escher setzte auf den romtreuen Bischof Nikolaus von Riesenburg und musste Kaiserstuhl verlassen, da sich dort der Neffe des 1380 auf die Avignon-Obödienz gewechselten Heinrich (und nun ebenfalls avignonesische, von einer Minderheit des Domkapitels zum Bischof gewählte) Mangold von Brandis niedergelassen hatte.

Was tun? Johannes und sein Bruder Heinrich Escher setzten sich in die Stadt Zürich ab und erwarben dort praktisch zeitverzugslos (am 4. August 1384 Johannes und am 20. Juli 1385 Heinrich) das Zürcher Bürgerrecht. Ob da nur Geld eine Rolle gespielt hat oder auch noch beste Beziehungen, ist nicht bekannt.

Eine Rückkehr nach Kaiserstuhl war zwar kurz darauf möglich (Gegenbischof Mangold starb am 19. November 1385 «als er eben das Pferd besteigen wollte» um gegen seinen Widersacher ins Feld zu ziehen; Escher 1997, S. 89), jedoch nicht mehr in der bisherigen Machtfülle, denn die Personalunion Obervogt–Schultheiss war aufgelöst. Politisch ruhiger wurde es auch nicht, sodass sich die Escher bereits nach wenigen Jahren (ab 1399 nach der Wahl Marquard von Randecks zum Bischof) wieder mitten in einem Machtkampf fanden und – nachdem sie 1402/03 versucht hatten, das Stadtrecht von Baden auf Kaiserstuhler Verhältnisse zu adaptieren und das Städtchen und sich selber damit letztlich wieder habsburgisch werden zu lassen – diesmal Kaiserstuhl für immer verlassen mussten. 

Wegen den Appenzellerkriegen brauchten die Habsburger nämlich insbesondere nach der Schlacht am Stoss 1405 und der Gründung des Bunds ob dem See dringend die Unterstützung des Fürstbischofs von Konstanz. Und konnten ihm daher nicht gut seine Landstadt Kaiserstuhl abspenstig machen.

So wurden die Escher letztlich wegen den Habsburgern eingefleischte Zürcher.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Keller-Escher, Carl Caspar: Fünfhundert und sechzig Jahre aus der Geschichte der Familie Escher vom Glas, 1320-1885: Festgabe zur Feier des fünfhundertsten Jahrestages ihrer Einbürgerung zu Zürich. Bd. 1: Geschichtliche Darstellung und biographische Schilderungen. Bd. 2: Genealogie der Familie Escher vom Glas. Zürich 1885.
  • Strieder, Jacob: Zur Genesis des modernen Kapitalismus. Forschungen zur Entstehung der grossen bürgerlichen Kapitalvermögen am Ausgange des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit, zunächst in Augsburg. Leipzig 1904.
  • Escher, Hermann: Die Familie Escher von Zürich. Dokumente aus ihren Anfängen 1289-1400. Als Manuskript für die Familie gedruckt. Zürich 1935. [Bibliotheksnachweis: StAZH Db E 14.1 – NB GF 30/14.]
  • Escher, Günter B.: Geschichte der Familie ESCHER vom GLAS. Rees am Rhein 1997. [Bibliotheksnachweis: ZBZ Handschr LHS 95 GG Es 3 – NB Nq 144562.]
  • Bihrer, Andreas: Die Stadt Kaiserstuhl im Spätmittelalter (1294-1415). Handlungsspielräume und Funktionen einer Kleinstadt im Aargau. In: Argovia 118 (2006)  URL: http://doi.org/10.5169/seals-19711
[Veröffentlicht am 29. Mai 2022 um 17:50 MESZ; Meinungen Keller-Escher und Bihrer, sowie Appenzellerkriege am 7. Juni 2022 ergänzt]

Dienstag, 30. November 2021

Die Krise fordert Opfer

Sehr geehrte Damen und Herren, 

geschätzte Leserinnen und Leser des WeiachBlog!

Die krisenhafte Entwicklung der letzten Zeit hat in den Finanzen des Autors dieses Blogs verheerende Spuren hinterlassen. Die Sicherung des wirtschaftlichen Überlebens erfordert nun den Einsatz sämtlicher zeitlichen Ressourcen.

Die bisherigen Aktivitäten des Wiachiana-Verlags werden daher mit sofortiger Wirkung eingestellt.

Dies betrifft insbesondere WeiachBlog und WeiachTweet, wo die aktive Publikationstätigkeit hiermit endet. Das Archiv der bisher erschienenen Beiträge bleibt selbstverständlich bestehen.

Die weiteren Produkte des Verlags, insbesondere die auf der Website weiachergeschichten.ch zur Verfügung gestellten Publikationen, werden auf dem heutigen Stand eingefroren. 

Selbstverständlich stehe ich weiterhin für Anfragen und die Wiederaufnahme laufender Publikationsvorhaben zur Verfügung. Ich bitte Sie um entsprechende Geduld, da das Postfach wiachiana@gmail.com nur noch im Wochenrhythmus auf Neueingänge kontrolliert wird.

Für Ihr Interesse in den letzten zwei Jahrzehnten danke ich Ihnen herzlich.

Ihr Ulrich Brandenberger

==== Auf bessere Zeiten! ==== Gott schütze unser Vaterland! ====

Montag, 29. November 2021

In der COVID-Frage ist Weiach hälftig gespalten

Am letzten Abstimmungswochenende von gestern Sonntag waren auf eidgenössischer Ebene drei Vorlagen am Start. Die Justiz-Initiative, die einen nicht mehr von politischen Parteien abhängigen Wahlprozess verlangte, hatte keine Chance. Neben den beiden beherrschenden Themen ist sie auch nur unter «ferner liefen» diskutiert worden.

Kein Wunder. Denn beherrschendes Thema ist seit März 2020 die Gesundheitsfrage. Die unterschiedlichen Auffassungen darüber, wie diese «Corona-Krise» genannte Herausforderung zu meistern sei, spaltet derzeit die Schweiz.

Von einem klaren Nein... 

Das ist auch in Weiach nicht anders. Die erste Abstimmung über das COVID-19-Gesetz, einem wilden Mix von Bestimmungen zu allen möglichen Lebensbereichen, welcher das Gebot der Einheit der Materie, dem Erlasse zu folgen haben, mehr als nur strapaziert, fand Mitte Juni statt.

In der Abstimmung vom 13. Juni 2021 äusserten sich noch 54.89 % der stimmberechtigten Weiacherinnen und Weiacher (1186). Von den 644 gültigen Stimmen fielen 272 Ja (42.2 %) und 372 Nein. Weiach war also mehrheitlich gegen das COVID-Gesetz, ziemlich genau im umgekehrten Verhältnis zu dem, was auf nationaler Ebene als Endresultat ermittelt wurde.

... zu einem knappen Ja

Bei der jüngsten Ausmarchung vom 28. November 2021 um die revidierten Teile des Covid-Gesetzes (bei dem insbesondere die Zertifikatspflicht umstritten war), ist einerseits die Stimmbeteiligung deutlich gestiegen. Trotz zwanzig Stimmberechtigten mehr haben in Weiach 62.27 % der Stimmberechtigten (von total 1206) abgestimmt. Eine Beteiligung, wie es sie letztmals am 5. Juni 2005 gegeben hat. Damals ging es um die bilateralen Verträge mit der EU sowie die Frage, ob es neu den Zivilstand der eingetragenen Partnerschaft geben solle. Damalige Beteiligung in Weiach: 62.74 %

Andererseits – und das ist angesichts des traditionell grossen Einflusses der SVP auf das Abstimmungsverhalten der Weiacherinnen und Weiacher bemerkenswert – hat der Ja-Stimmenanteil um mehr als 10 Prozentpunkte zugelegt! Bei 745 gültigen Stimmzetteln wurden 394 Ja (52.9 %) und 351 Nein ausgezählt. Übrigens von Banknotenzählmaschinen (der Herr Gemeindepräsident ist hauptberuflich in der Bankbranche tätig). 


Damit ist eine deutliche Verschiebung in Richtung der Befürwortung eines Massnahmenstaates erkennbar. Sogar die absolute Anzahl der Nein-Stimmen hat abgenommen!

Von einer solch klaren Zustimmung zu einem autoritären System, wie sie aus der deutlichen Ablehnung der Volksinitiative «für die Rückkehr zur direkten Demokratie» am 11. September 1949 hervorgeht, ist die Gemeinde aber noch weit entfernt. Damals gingen von den 190 Weiacher Stimmberechtigten 134 an die Urne (70.53 %) und die 120 gültigen Stimmzettel wurden mit 26 Ja gegen 94 Nein ausgezählt (vgl. auch WeiachBlog Nr. 1410).

Donnerstag, 25. November 2021

Weyach im Amts-Blatt des Kantons Unterwalden ob dem Wald

Dass man Weyach online selbst in den Beständen des Staatsarchivs des Kantons Obwalden findet, ist doch eher überraschend. Aber wenn man's genau bedenkt, dann doch wieder nicht.

Die Obwaldner haben nämlich ihr Amtsblatt bereits digitalisiert (zumindest die Jahrgänge von 1854 bis 1921), ein Vorhaben, das das Zürcher Staatsarchiv aktuell gerade in Arbeit hat.

Amtliche Mitteilungen betreffen zuweilen auch Weiacher Bürger. Da ist dann die Nennung des Ortsnamens zwingend. So wie im «Amts-Blatt des Kantons Unterwalden ob dem Wald», N° 39, herausgegeben in Sarnen am 26. Septbr. 1890.

Weil Obwalden ein kleiner Kanton ist, sind auch Mitteilungen enthalten, die in grösseren Staaten eher auf Bezirksebene publiziert werden, so Eheverkündungen, Bevogtigungen oder Bekanntmachungen vor der Abreise (bei Auswanderungslustigen).

Eine Mischehe, um Himmels willen!

«Es haben sich die Ehe versprochen: [...] Meyer Heinrich, Agent, von Weyach, wohnhaft in Zürich, ledig, geboren zu Weyach den 12. April 1855, Sohn des Meyer Heinrich und der Angst Juditha sl., und Halter Josefa, von Giswil und Lungern, wohnhaft in Außersihl, ledig, geboren zu Giswil den 25. Februar 1856, Tochter des Hauptmann Peter Halter sl. und der Ming Anna Marie

Die katholischen Obwaldner mögen die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben ob der Vorstellung, dass da die Josefa, eine der ihren (noch dazu die Tochter eines angesehenen Bürgers), in der grossen Stadt einen Reformierten heiraten wollte. Verhindern konnten sie es nicht, denn Religionsdifferenzen waren kein zulässiges Ehehindernis mehr. Genauso wie mangelnde finanzielle Mittel. Da hatte Artikel 54 der Bundesverfassung von 1874 eine deutliche Liberalisierung gebracht (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 64, S. 197).

Aussersihl, seit 1787 eine eigenständige Gemeinde, dort gelegen, wo ab 1847 der Hauptbahnhof Zürich entstanden ist, war in den Jahren bis 1890 explosionsartig gewachsen. Die enorme Bautätigkeit und der Zuzug vieler nicht allzu Wohlhabender überforderte die Gemeinde finanziell derart, dass sie sich in die Arme der alten Stadt flüchten musste (ähnlich wie Bümpliz in die von Bern) und seit der Ersten Stadterweiterung 1893 Teil von Gross-Zürich ist.

Quelle

  • Amtsblatt des Kantons Obwalden, Nr. 39 vom 26.09.1890 (Ziffern 345-353), 1890.09.26 (Dokument) – S. 411. Signatur: StAOW T.01.01.1890.39.

Samstag, 20. November 2021

Nachrichtenloses Vermögen, Anno 1791

Einem Bären kann man das Fell erst dann über die Ohren ziehen, wenn er tot ist. Und einen Menschen kann man auch erst dann beerben, wenn sein Tod einigermassen sicher feststeht. Für ersteres sorgt die Wehrhaftigkeit des Mutzen, für letzteres Vater Staat.

Ist dieser Mensch unter Bedingungen verschwunden, die seinen Tod als sehr wahrscheinlich erscheinen lassen (z.B. von einem Hochwasser führenden Fluss mitgerissen), dann ist das eine Sache. 

Anno 1739 ausgewandert

Eine andere ist es, wenn jemand nachrichtenlos abwesend ist. Wie soll man dann die Frage beantworten, ob er/sie noch lebt oder schon tot ist? In Erbschaftssachen ebenfalls wichtig: hatte die nachrichtenlos abwesende Person Nachkommen oder nicht?

In einer solchen Angelegenheit musste vor 230 Jahren der Landschreiber des Neuamts im Auftrag des Obervogtes tätig werden. Er liess den folgenden Aufruf in der NZZ (damals noch Zürcher Zeitung genannt) abdrucken:

«Da Margaretha Bersinger von Weyach, der Vogtey Neu - Amt in Lobl. Canton Zürich nach sicheren Berichten schon Ao. 1739. aus ihrer Heimath gezogen, und sint der Zeit von derselben nichts in Erfahrung gebracht werden können, als wird gedachte Margaretha Bersinger oder ihre Nachkommen hiermit Oberkeitlich aufgefodert [sic!], in Zeit von sechs Monaten Ends unterzeichneter Canzley Nachricht von sich zu geben, widrigenfalls das vor einigen Jahren ihr erbsweise zugefallene, in vögtlicher Verwahrung liegende Vermögen ihren rechtmäßigen Erben aushingegeben werden wird. Geben Zürich den 8ten April 1791. Canzley des Neuen - Amts.»

Seit der Abreise der Ausgewanderten aus der alten Heimat waren also rund 52 Jahre vergangen. In den Jahren zwischen 1734 und 1744 sind viele Weiacher nach Übersee ausgewandert. Zumindest wollten sie ursprünglich dorthin. Es war aber durchaus möglich, dass eine Auswanderergruppe dann schliesslich ganz woanders hinkam. Denn die Informationen über das Zielland Carolina im gelobten Amerika waren ziemlich lückenhaft. Da konnte ein redegewandter Anwerber einer anderen Destination (z.B. im deutschen Osten) viel bewirken (vgl. auch WeiachBlog Nr. 1503).

Zweimal 15 Jahre nach der letzten Nachricht

Bei seinem Entscheid griff der Landschreiber nicht einfach in die Luft. Er hat sich zwar wohl nicht am Erbrecht der Stadt Kaiserstuhl orientiert, das in Weyach zu dieser Zeit Gültigkeit hatte (vgl. WeiachBlog Nr. 1341), sondern eher an der in Zürich gebräuchlichen Rechtssammlung, deren erster Band im Jahre 1757 in gedruckter Form herauskam und sich u.a. mit dem Erbrecht von 1716 befasste. 

In dessen Theil III, § XII. mit der Zusammenfassung «Wie lang eines, der in der Fremde sich befindt, Hab und Gut unvertheilt bleiben soll» gibt es aber einen Anhaltspunkt für solche Fälle wie den der Margaretha Bersinger:

«Wann einer Person, die an die Fremde sich begiebt, und ihr schon ererbtes Hab und Gut in Vögtlicher Verwaltung hinterlasset, und in während ihrer Abwesenheit in hiesigen Gerichten und Gebieten auch etwas erbsweise anfiele, soll dasselbige gleicher massen vögtlicher Verwahrung anvertrauet werden. Und dafern dann innerhalb fünfzehen Jahren von diesem angefangenen Erb an zu rechnen, oder der Zeit da einer, der ererbte Mittel hätte, von Land gereist ist, nichts gewisses von ihm vernohmen worden, ob er tot oder lebendig sey, mögen seine dannzumal rechtmässige Erben den jahrlichen Zins von seinen zinstragenden Mitteln, jedoch ohne Schmälerung des Haupt-Guts, 15 Jahre zu ihren Handen nehmen, und selbige unter sich vertheilen; nach Verfließung auch dieser fünfzehen Jahren aber, wann inmittelst kein weiterer Bericht von ihm naher einkommt, sind sie dannzumalen befügt, auch das Haupt-Gut mit einander gegen eingebender genugsamer Versicherung um Zins und Kapital zu vertheilen. Es müssen aber diese 15. oder 30. Jahre nicht allemal von der Zeit an, da einer an die Fremde verreist, oder da ihm im Land etwas erblich angefallen, sondern wann er in währender seiner Abwesenheit, seines Aufenthalts halber an der Fremde etwas in das Vaterland berichtet hätte, von der Zeit an des lezten Berichts gerechnet werden. Zu dem End hin ein jeder hiesiger Burgern und Angehörigen, so sich in fremde Lande begiebt, ermahnet wird, die Seinigen von Zeiten zu Zeiten, an welchen Orten er sich aufhalte, zu berichten.»

Jedes Lebenszeichen liess also sozusagen die Verjährungsfrist neu beginnen. Und selbst, wenn jemand verschollen war: Vor Ablauf von 15 Jahren durfte auch der Ertrag nicht angetastet werden. Er wurde wohl thesauriert. Den Ertrag der dann vorhandenen Summe durften die Erbberechtigten während weiterer 15 Jahre nutzen. Nicht aber die zugrundeliegende Erbmasse selber. Das Bärenfell (um beim eingangs gewählten Bild zu bleiben) konnten sie also erst nach 30 Jahren untereinander aufteilen. Und selbst das nur unter Auflagen.

Auch heute gilt eine Frist von 15 Jahren

Wenn wir diese Regelungen aus alter Zeit mit den heutigen vergleichen, dann finden wir viele dieser Bestimmungen in ähnlicher Form wieder. 

Bei nachrichtenloser Abwesenheit ist es nach geltendem Bundesrecht so, dass 15 Jahre abgewartet werden müssen, ehe die Rechtsfolgen der sog. «Verschollenerklärung» eintreten können (vgl. Art. 35-38 ZGB sowie Art. 546-550 ZGB). Innerhalb dieser Zeitspanne erfolgt in der Regel auch eine behördliche Erbschaftsverwaltung, denn das Erbe muss bei plötzlichem Auftauchen der verschollenen Person wieder zurückgegeben werden können (für Details vgl. Merkblatt in den Literaturangaben).

Interessant ist, dass das Recht im 18. Jahrhundert keine Altersgrenze kannte, das aktuelle Recht aber eine absolute Altersgrenze von 100 Jahren vorsieht (vgl. Art. 546 Abs. 2 und Art. 550 Abs. 1 des ZGB). Und das, obschon die aktuelle Lebenserwartung um einiges höher liegt als vor zwei bis drei Jahrhunderten. Die Autoren des 1912 erlassenen ZGB (Eugen Huber et al.) haben im Endeffekt die Rechtssicherheit höher gewichtet.

Quelle und Literatur

  • Sammlung der bürgerlichen und Policey-Geseze und Ordnungen, lobl. Stadt und Landschaft Zürich. Erster Band. Zürich, Orell und Comp., 1757 – Erbrecht S. 60-62.
  • Neue Zürcher Zeitung, Nummer 30, 13. April 1791 – S. 4.
  • Schauberg, J. (Hrsg.): Beiträge zur Kunde und Fortbildung der zürcherischen Rechtspflege, Band 2, Zürich 1842 – S. 49.
  • Merkblatt Feststellung des Todes und Verschollenerklärung von gerichte-zh.ch

Freitag, 19. November 2021

Erzwungene Bundesverfassung von 1848. Weyacher stimmten Ja.

Wenn ein Verein seine Statuten ändert und das einigen Mitgliedern nicht gefällt, dann haben sie das Recht auszutreten. Oder etwa nicht? Unter Staatswesen wird das nicht immer so gehandhabt. Austretende werden schikaniert (siehe Brexit im Falle der EU) oder gar mit Waffengewalt daran gehindert, ihren eigenen Weg zu gehen.

Auch die Schweiz war einst ein Verein von unabhängigen Staaten, die miteinander durch den Bundesvertrag von 1815 verbunden waren. Der war nicht ganz freiwillig entstanden. Inhalt und Gebiet wurden letztlich durch die europäischen Grossmächte im Wiener Kongress 1814/15 ausgehandelt und garantiert, denn sie alle hatten ein Interesse daran, dass keiner von ihnen und auch kein Dritter sich im Herzen Mitteleuropas einen (militärischen) Vorteil verschaffen konnte. So kam unsere immerwährende Neutralität zustande.

Legitime Schutzvereinigung oder illegaler Sonderbund?

In diesem eidgenössischen Staatenbund sahen einige der Mitglieder die Welt anders als die anderen. Die schlossen sich bereits nach wenigen Jahren zu dem zusammen, was später mit dem Kampfbegriff «Sonderbünde» bezeichnet wurde. Schon anfangs der 1830er-Jahre war das der Fall, als die per Verfassungsänderung freisinnig-radikal umgebauten Kantone eine Revision des Bundesvertrags anstrebten, sich zum Siebnerkonkordat (ZH, BE, LU, SO, SG, AG, TG) zusammenschlossen und die konservativen Stände daraufhin den überkonfessionellen sogenannten Sarnerbund (UR, SZ, OW, NW, NE, BS) bildeten. Der wurde Mitte November 1832 gegründet, um die faktische Teilung der Kantone Basel und Schwyz rückgängig zu machen. Die Vertragsparteien des Sarnerbundes beschlossen, an keiner Tagsatzung teilzunehmen, an der Basel-Landschaft (ab Januar 1831 mit eigener Regierung) oder Ausserschwyz (das sich 1831 vom alten Kantonsteil losgesagt hatte) zugelassen würden. Der Sarnerbund wurde von der Tagsatzung im August 1833 als dem Bundesvertrag zuwiderlaufend betrachtet und für aufgelöst erklärt. Das ebenso bundesvertragswidrige Siebnerkonkordat hingegen durfte bestehen bleiben.

Nach etlichen weiteren Wirren, u.a. Freischarenzügen nach Luzern, etc. schlossen die Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Zug, Freiburg und Wallis im Jahre 1845 schliesslich ein Separatbündnis, das als Schutzvereinigung der katholisch-konservativen Stände dienen sollte. Auch diese Vereinigung erachteten die Freisinnig-Radikalen als illegalen Sonderbund, was schliesslich im November 1847 zum Bürgerkrieg führte, dem sogenannten Sonderbundskrieg.

Ablehnende Kantone zum Bund gezwungen

Die Verlierer dieses Krieges wurden nicht mehr gefragt, ob sie eine neue Verfassung und den engeren Zusammenschluss zu einem Bundesstaat wollten. Er wurde über ihre Köpfe hinweg beschlossen. Das ging umso eher, als die Garantiemächte des Bundesvertrags von 1815 mit eigenen Aufstandsbewegungen quer durch Europa gerade mehr als ausgelastet waren und sich nicht auch noch um die Auseinandersetzungen in der Eidgenossenschaft kümmern konnten bzw. wollten. 

Acht Kantone (UR, SZ, NW, OW, ZG, AI, TI und VS) haben sich gegen den Bundesstaat entschieden, wurden aber trotzdem - nolens volens - in diesen zwangsintegriert.

Dass es dabei nicht in allen Kantonen so ganz direktdemokratisch zugegangen ist, zeigt sich im offiziellen Internet-Archiv des Bundes, wo alle Volksabstimmungen seit 1848 aufgeführt sind.

Da heisst es wörtlich zum Entscheid über die neue Verfassung von 1848: «Das genaue Datum der Abstimmung ist unbekannt. Das Verfahren war nicht einheitlich. Nach heute geltender Ordnung (vgl. Art. 123 Abs. 3 BV [s. unten]) stimmten nur 14 Voll- und 2 Halbkantone ab. In Freiburg entschieden der Grosse Rat, in Graubünden die Komitialstimmen, in den Kantonen Uri, Ob- und Nidwalden, Glarus, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden die Landsgemeinde (vgl. BBl 1879 I 426f). Die Zahl der gültigen, der Ja- und Nein-Stimmen bezieht sich nur auf die 14 Ganz- und die 2 Halbkantone.» Da es heute 26 Ganz- und Halbkantone gibt und der Kanton Jura erst 1979 gegründet wurde, fehlt hier noch einer.

Unter Art. 123 Abs. 3 BV ist der Wortlaut nach Bundesverfassung von 1874 gemeint, der bis Ende 1999 in Kraft war. Er betrifft Verfassungsrevisionen und lautet: «Das Ergebnis der Volksabstimmung in jedem Kanton gilt als Standesstimme desselben.» Daraus ergibt sich, dass zwingend eine Volksabstimmung durchzuführen ist.

Nichtstimmende sind Ja-Stimmende

Bei diesem einen Kanton dürfte es sich um Luzern gehandelt haben, wo offiziell 59 % Ja-Stimmen resultierten. Waren die Luzerner also mehrheitlich für den Bundesstaat? Man darf es bezweifeln. Denn: Abwesende (d.h. Nichtstimmende) wurden den Ja-Stimmen zugerechnet! (vgl. e-HLS-Artikel Bundesverfassung (BV)). Da sind 9 % ein allzu dünnes Polster.

Ein solches Verfahren hat zur Zeit der Helvetischen Republik auch dazu geführt, dass Weyach 1802 in der Abstimmung um die helvetische Verfassung geschlossen Ja gestimmt haben soll (wo in Tat und Wahrheit einfach niemand teilgenommen hat; d.h. dafür offenbar keine Gemeindeversammlung einberufen wurde), vgl. WeiachBlog Nr. 663.

Im Bezirk Regensberg war der Fall klar

Bereits in den ersten Augusttagen hatten sich die Stimmberechtigten im Kanton Zürich klar und deutlich für den Bundesstaat ausgesprochen. Die «Eidgenössische Zeitung» meldete in der Morgenausgabe vom 8. August 1848 das «Resultat der Abstimmung über die neue Bundesverfassung in sämmtlichen Gemeinden des Kantons Zürich»:

Man sieht, wie extrem hoch die Ja-Anteile ausgefallen sind. In etlichen Fällen gab kein einziger Stimmbürger ein Nein-Votum ab, von den Raatern mit 25 Ja und 8 Nein einmal abgesehen. In Weyach gab es immerhin noch 3 Anhänger des alten Bundesvertrags. 97.6 % wollten aber den Bundesstaat. Die bundesstaatliche Begeisterung im Bezirk war also gross. Bei diesen Werten verwundert es nicht, dass die NZZ am 9. August meldete, von der Lägern herab hätten am Abend des 6. August fünfundzwanzig Kanonenschüsse und ein grosses Feuer die Annahme der Bundesverfassung verkündet.

Mit 91 % Ja ist der Schnitt über den ganzen Kanton Zürich nur unwesentlich tiefer. Ähnlich hohe Werte erreichten nur noch die beiden Basel. Höher lag von den Kantonen ohne Landsgemeinde nur Neuenburg mit 95 %.

Im Aargau und im Bernbiet hingegen war das längst nicht so klar. Da waren nur 70 resp. 77 % für die neue Verfassung. Im Kanton St. Gallen 68% und im Kanton Solothurn gar nur 62 %.

Ebenso deutliche Nein-Mehrheiten ergaben sich in allen Sonderbunds-Kantonen (mit Ausnahme von Luzern und Freiburg), dem im Krieg neutralen Appenzell-Innerrhoden sowie dem eigenwillig die Bundeshoheit über die Zölle ablehnenden Tessin. In Obwalden gab es nur 3 % Ja-Stimmen (geschätzter Anteil an der Landsgemeinde), in Nidwalden immerhin 17 % (ebenfalls geschätzt).

Wie ermittelt man ein Abstimmungsresultat?

Bei einer solchen Vielfalt an Verfahren, die angesichts der Kantonsverfassungen all dieser souveränen Staaten nicht zu vermeiden war, muss man sich natürlich Gedanken darüber machen, nach welchen Kriterien man eine Annahme oder Ablehnung denn nun konkret feststellen soll.

Die dazu eingesetzte Kommission der Tagsatzung stellte in ihrem Bericht am 9. September 1848 fest, dass von «zirka 437,103 stimmfähigen Schweizerbürgern (d.h. 1/5 der Gesammtbevölkerung) im Ganzen beiläufig 241,642, also mehr als die Hälfte an der Abstimmung über die neue Bundesverfassung persönlich Theil genommen haben. Es stimmten nämlich (Freiburg inbegriffen) circa 169,743 für und (Tessin ganz dazu gerechnet) 71,899 gegen dieselbe.»

Also ca. 70 % Ja (mit nicht quantifizierten Nein-Anteilen aus Luzern und Freiburg) sowie ca. 30 % Nein (mit nicht quantifizierten Ja-Anteilen aus dem Tessin) bei rund 55 % Stimmbeteiligung (auch die nur abschätzbar).

Man muss einen versöhnlichen Weg finden

So ganz anders als in heutiger Zeit war es also mit Mehrheiten und Minderheiten auch nicht. Wollte man den Bürgerkrieg nicht zum Dauerzustand werden lassen, so blieb der Mehrheit trotz militärischem Sieg nichts anderes übrig, als sich mit der nicht einfach wegzudiskutierenden Minderheit so weit zu arrangieren, dass beide Seiten zumindest damit leben konnten.

So wird es nach der Abstimmung vom 28. November 2021 über die Revision zum COVID-19-Gesetz wohl auch in der Impffrage herauskommen müssen. Es sei denn, man wolle partout einen blutigen Glaubenskrieg entfesseln und die Spaltung auf Generationen hinaus in Beton giessen.

Denn jedes Durchdrücken von Mehrheitsentscheiden hat gravierende Folgen. Der streitbare Basler Rechtsgelehrte Dr. David Dürr hat die Bundesstaatwerdung von 1848 jedenfalls offen als «Sündenfall» bezeichnet, als «unrechtmässigen Staatsstreich». Das missachtete Einstimmigkeitsprinzip habe vielen die Würde genommen. Und das, so Dürr, spüre man bis heute. Ein bissiger, aber lesenswerter Artikel (s. unten).

Quellen

  • Eidgenössische Zeitung, Nummer 218, Dienstag den 8. August 1848, Morgenausgabe, S. 870.
  • Neue Zürcher Zeitung, Nummer 222, 9. August 1848, S. 992.
  • Kommissionalbericht an die hohe Tagsatzung und Beschlussesvorschläge, betreffend die Abstimmung, die Annahme und Einführung der neuen Bundesverfassung der schweizerischen Eidgenossenschaft, d.d. 9. Herbstmonat 1848. (Google Books)
  • Dürr, D.: Der Sündenfall von 1848. In: Basler Zeitung, 6. November 2015.

Mittwoch, 17. November 2021

Rechnen lernten die Weiacher Schüler vor 250 Jahren nicht

Aus der Zürcher Schulumfrage von 1771/72 geht Erstaunliches hervor. Die von der Zürcher Regierung durchgeführte Erhebung wurde (so vermutet das Staatsarchiv) für Weiach durch den hiesigen Pfarrer Johann Heinrich Wiser (1728-1782) beantwortet.

Rechnen zu können gehört zu den absoluten Grundfähigkeiten. Wer das nicht kann, hat im Leben nichts als Probleme. Noch vor 250 Jahren war das aber offensichtlich eine entbehrliche Fähigkeit. Da reichte es, wenn ausgewählte Personen im Dorf zu rechnen wussten.

Auf die Frage «Was Wird im Rechnen gethan? wird hiezu auch in der Haupt-Schule, oder nur in Neben-Schulen, und Nacht-Schulen Zeit gewiedmet?» (Frage Bb20) bemerkt der Pfarrer lapidar:

«Nichts, der schulmeister versteht diese edle kunst nicht.»

Nun denn, wenn der Lehrer das nicht kann, dann halt auch die Schulkinder nicht. Egal auf welcher Stufe. In Weyach selber war da nichts zu wollen. Wer rechnen lernen wollte, musste sich das auswärts beibringen lassen. Das geht aus der darauffolgenden Position in der Umfrage hervor:

«Lernen viele Bauerknaben rechnen? und werden sie auch vornemlich auf das nöthigste und gemeinnüzigste in der Rechenkunst geführt?» (Frage Bb21)

Antwort: «Etwann in einer fränden schul lernet wenige knaben etwas.»

Man musste also, erläutert Pfarrer Wiser, in eine fremde (d.h. nicht in der Gemeinde oder gar ausserhalb des Zürichbiets gelegene) Schule um Rechnen zu lernen.

Wie aus der Stapfer-Enquête von 1799 (einer Schulumfrage der Helvetischen Republik) hervorgeht, gab es Ende des 18. Jahrhunderts die Möglichkeit, beim Müllermeister Mayer in Fisibach das Rechnen zu lernen (vgl. WeiachBlog Nr. 1449)

Quelle