Donnerstag, 8. August 2013

Wünsche und Träume eines Unternehmers zum 1. August

Traditionsgemäss wie jedes Jahr hat WeiachBlog auch 2013 den diesjährigen 1. August-Redner um die Abdruckrechte gebeten. Nachdem die Rede im Jahr 2012 kurzfristig ausgefallen war (zu den Gründen vgl. WeiachBlog vom 3. August 2012), war die Suche nun wiederum erfolgreich.

Mit Heinz Eberhard hielt der Verwaltungsratspräsident des für unsere Gemeinde zur Zeit wichtigsten Unternehmens die sechste auf WeiachBlog veröffentlichte Erst-August-Ansprache (für die früheren siehe die Links am Schluss des Beitrags).

[Hinweis: Die Rede wurde auf Schweizerdeutsch gehalten. Dieser Text wurde auf Wunsch des Redners redaktionell bearbeitet. Die nicht kursiv gesetzten Zwischentitel stammen von der Redaktion des WeiachBlog.]

Mit dem Gemeindepräsidenten über die Pässe

«Wenn ich gewusst hätte, was es heisst, in Weiach eine 1. August Rede zu halten, ich hätte kaum zugesagt. Da musst du zuerst mit dem Gemeindepräsidenten am Wochenende davor über das Stilfserjoch im Südtirol. Wohlverstanden, mit dem Rennvelo. Von 900 m im Vinschgau auf 2758 m, 48 Kehren den Berg hinauf, ohne Pause!

Was Sie vielleicht nicht wissen können: ein Eberhard ist ja hart im Nehmen, eben wie ein Eber! Aber gegen einen Paul Willi anzutreten? Der steht einfach vor dem Berg und sagt: «Gopf Paul, da uë Willi!»

Ich darf sagen, mit dem Paul schaffst du auch diese Herausforderung. Er geht voraus, führt, unterstützt, motiviert, treibt an, weist den Weg, schaut zurück ob du mitkommst.

Am Abend waren wir dann in Livigno. Das ist ein zollfreies Gebiet hinter dem Ofenpass, in Italien. Wir waren beeindruckt. Einerseits von der Schönheit dieses Bergdorfes mit intakter Architektur. Aber vor allem, was da los war. Da ging die Post ab. Es hatte so viele Leute, wie an der Zürcher Bahnhofstrasse an einem Weihnachts-Einkaufstag. Und eben – alle waren am Shoppen oder essen. Sozusagen eine Geldmaschine.

Paul entwickelte gleich eine Vision für Weiach – eine zollfreie Zone mit Tankstellen und Shops. Wenn all diejenigen, die über die Grenze nach Deutschland einkaufen gehen, nur bis Weiach müssen. Ist das nicht super? Wundern Sie sich also nicht über einen Antrag.

Was ich auf unserer gemeinsamen Velofahrt noch feststellen konnte: Ihr habt einen guten Gemeindepräsidenten und ihr wisst jetzt auch, warum er nicht hier ist. Er braucht Erholung in den Bergen. Ich soll euch herzliche Grüsse ausrichten.

Und so steh ich jetzt hier und habe die Ehre, zum 1. August zu Euch zu sprechen. In meiner politischen Karriere als Parlamentarier im Grossen Gemeinderat von Kloten habe ich gelernt: Zu Beginn einer guten Rede eines Politikers gehört immer: «Keine Angst, ich rede nicht lange». Es ging dann meist sehr lange. Und da ich kein guter Politiker bin, kann ich euch sagen: Keine Angst, meine Rede geht lange. Und wenn ich dann früher fertig bin, seid ihr sicher alle froh.

Warum stehe ich überhaupt hier? Das habe ich mich natürlich auch gefragt!»

Wie das Kies unter den Boden und die Firma Eberhard nach Weiach kam

«Das geht auf viel früher zurück als die Geburtsstunde unseres heutigen Geburtstagskindes, der Eidgenossenschaft. Vor über 100'000 Jahren wurde es dem Rhein- und Linthgletscher zu eng in ihren Bergtälern. Sie haben sich weit vorgewagt. Als am Ende ihrer Reise vor rund 10'000 bis 12'000 Jahren die Würmeiszeit ihren maximalen Stand erreichte, endete der Rheingletscher vor dem heutigen Rafz und Eglisau, der Linthgletscher erstreckte sich über Bülach hinaus bis fast nach Glattfelden. Im Gepäck hatten die Gletscher gewaltige Fels- und Schuttmengen aus den Alpen ins Mittelland transportiert. Die Warmzeit führte zu einem abrupten Abschmelzen der Eismassen. Durch die Hochwasser wurden die grossen Schuttmengen weiter verfrachtet, zu Kies gerundet und in den Gletschervorfeldern auf dem Molassefels abgelagert. So auch in Weiach.

Wie Sie wissen und gerade an diesen heissen Sommertagen wieder erleben, sind die Gletscher immer noch auf dem Rückzug, um neuen Kies zu holen.

Anfangs der Sechziger-Jahre entdeckten die Gebrüder Aymonod aus Pratteln und Muttenz den schlummernden Schatz im Boden von Weiach. Sie wollten den Kies gewerblich abbauen, scheiterten aber. Der Franz Haniel-Konzern übernahm die Konzession und erstellte 1962 im Hard ein grossangelegtes Kieswerk. Das Werk war die erste Anlage in der Schweiz, mit welcher der Kiesabbau im industriellen Verfahren betrieben wurde. Die Besonderheit der Anlage war, dass von allem Anfang an auf den Bahntransport gesetzt wurde. Und so tragen die Kies- und Aushubwagen auch heute noch den Namen Weiacher in die Schweiz hinaus.

Bis im Frühjahr 2004 war die Weiacher Kies AG eine Tochter der Franz Haniel & Cie. GmbH in Duisburg, Deutschland. Dann wechselte die Konzernsprache von Hochdeutsch auf Französisch. Die Weiacher Kies AG wurde an den Baustoff-Konzern Lafarge mit Sitz in Paris verkauft.

Obwohl die Eberhard’s, Aushübler und Recycler aus Kloten und Oberglatt, schon lange von einem Kieswerk träumten und als einer der besten Aushubkunden mit der Weiacher Kies AG bestens bekannt waren, hatten sie nichts von einem Verkauf geahnt und konnten nicht mietbieten. Das hat auf einer anderen Ebene stattgefunden, eben unter Grosskonzernen. Also hiess es für uns weiter träumen.

Im Februar 2009 erfuhr mein Bruder Hansruedi vom Direktor der Weiacher abends spät an der Bar, dass bei der Lafarge infolge der Finanzkrise die Finanzen im Argen stehen. Die weltweit enormen Zukäufe von Lafarge, wie so üblich mit Fremdkapital finanziert, gingen nicht mehr auf. Es startete ein Milliarden-Desinvestitionsprogramm, das Tafelsilber musste verscherbelt werden. Und dazu zählte auch die Weiacher Kies AG. Eine solche Chance durften wir nicht verpassen. Zum Glück haben wir von unseren Vätern gelernt, die noch so richtig urschweizerisch dachten: Spare in guten Zeiten, damit du hast in schlechten Zeiten.

Und so konnten wir für den Kauf der Weiacher Kies AG ein Angebot einreichen. Dass es nicht günstig war, können Sie sich vorstellen. Die Weiacher Kies AG wirft ja seit Jahren gute Erträge ab, was in den Steuereinnahmen von Weiach zu spüren ist und durch die 5%-Beteiligung der Gemeinde fliesst auch regelmässig eine Dividende in die Gemeindekasse. Der Verkauf musste schnell gehen. Mitte Februar 2009 hatten wir den ersten Kontakt zu den Verkäufern. Am 30. April 2009, also nur 2 ½ Monate später, war das Geld auf dem Konto der Franzosen. Am 2. Mai 2009 durften wir vier Brüder Eberhard mit Stolz vor die Belegschaft der Weiacher Kies AG stehen und uns als die neuen Besitzer vorstellen. Selbstverständlich wurde auch der Gemeinderat von Weiach unmittelbar informiert. Unser Traum vom eigenen Kieswerk ging in Erfüllung.

Wir dürfen sagen: Wir sind glücklich und stolz auf unsere Tochter. Dass dem so ist, durften Sie am letztes Jahr anlässlich des 50-Jahr-Jubiläum der Weiacher Kies mit den Tagen des offenen Kieswerkes und dem Kieswerkspektakel erfahren. Der eine oder andere von euch war sicherlich mit dabei, sei es als Besucher oder Helfer. Dafür nochmals besten Dank. In der Zwischenzeit haben wir uns daran gewöhnt, dass wir mit der Gemeinde Weiach einen verlässlichen Minderheitsaktionär mit an Bord haben und wir wissen das uns gegenüber geschenkte Vertrauen sehr zu schätzen.

So jetzt wisst ihr warum ich hier stehe. Nein, natürlich ist nicht dies der Grund.»

Einfache Verfassungen und komplizierte EU-Verordnungen

«Der wahre Grund ist: wir feiern heute den 722. Geburtstag der Schweiz. Am 1. August 1291 haben die drei Stände Uri, Schwyz und Unterwalden im Bundesbrief Einigkeit beschworen.

314 Worte haben sie dazu gebraucht. Klar, deutlich, einfach. In Gottes Namen, Amen.

Seither ist die Welt etwas komplizierter geworden. Das zeigen alleine die Längen der heutigen Verordnungen.

So hat zum Beispiel ihre Gemeindeordnung der Primarschule über 1670 Wörter.

Die Verfassung des Kantons Zürich zählt über 6600 Wörter:

"Wir, das Volk des Kantons Zürich,
in Verantwortung gegenüber der Schöpfung und im Wissen um die Grenzen menschlicher Macht,
im gemeinsamen Willen, Freiheit, Recht und Menschenwürde zu schützen
und den Kanton Zürich als weltoffenen, wirtschaftlich, kulturell und sozial starken Gliedstaat der Schweizerischen Eidgenossenschaft weiterzuentwickeln"
(...)

Die Bundesverfassung verfügt schon über 20'000 Wörter, 64 Mal so viel wie der Bundesbrief von 1291:

"Im Namen Gottes des Allmächtigen!

Das Schweizervolk und die Kantone,
in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,
im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,
im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,
im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,
gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen," (...)

Gern zitiert wird die EU-Verordnung zur Einfuhr von Karamelbonbons, die ganze 25'911 Wörter haben soll. Sie war aber glaub ich eine Mär, steht aber trotzdem symbolisch für die heutigen Gesetzgebungen. Was sich zeigt: kein Politiker kann solche Gesetze erläutern, geschweige denn erklären oder verstehen. Unser Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz hatte schon seine Mühe, als er von der Zollverwaltung zusätzlich sogenannt schweizerische Erläuterungen zum Zolltarif, zum Beispiel für's Bünderfleisch, vor dem Parlament vorlesen sollte.»

Die Stärken der Schweiz

«Warum die Welt komplizierter und auch schneller geworden ist, könnte ich euch jetzt anhand der Geschichte der Eidgenossenschaft erzählen. Ich habe aber gemerkt, dass dies «Wasser in den Rhein getragen» wäre. Weiach wurde ja schon 1271, also 20 Jahre vor der Gründung der Eidgenossenschaft, erstmals urkundlich erwähnt, also kennt ihr die Geschichte bestens und ich lasse sie weg. Ich möchte lieber auf das Heute und in die Zukunft schauen.

Warum steht die Schweiz besser da, als viele Staaten im Umfeld?
Einige unserer Stärken sind:
  • direkte Demokratie
  • ein funktionierender Rechtsstaat
  • die liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die jedoch immer wieder gefährdet ist
  • einigermassen offene Arbeitsmärkte
  • eine moderate Steuerbelastung
  • gutes Bildungswesen
Dies sehe ich übrigens immer wieder bei einem meiner Hobbies, dem Unihockey. Die Finnen schiessen bei der Pisa-Studie bekanntlich immer wieder oben aus. Dasselbe gilt im Unihockey. Sie sind zusammen mit den Schweden an der Weltspitze. Darum holen die Schweizer Unihockey-Clubs immer wieder Verstärkung aus Finnland. So auch die Kloten-Bülach Jets.

Was ich feststellen konnte: Im Anschluss an die Grundausbildung fehlt bei den Finnen eindeutig die Berufslehre, wie wir sie haben. Da kommen oftmals 20–22 Jahre junge Spieler in die Schweiz, die haben keine berufliche Ausbildung. Vielleicht haben sie noch knapp einen weiteren Schulabschluss, vielmals können sie aber nur irgendwelche Gelegenheitsjobs ausweisen und dazu ihr Können im Unihockey.

Daraus ist die Stärke unserer Berufslehren ersichtlich. Sie bildet die Grundlage für gute Ausbildungen, trägt zur tiefen Jugendarbeitslosigkeit bei und bildet die hervorragende Grundlage für eine berufliche Karriere und dadurch auch das Fundament für die Existenz einer Familie. Dem müssen wir sehr sehr Sorge tragen.

Unsere Stärken zu pflegen, ist ein Gebot der politischen und der wirtschaftlichen Vernunft.»

Sieben Wünsche aus der Sicht des Unternehmers

«Darum äussere ich hier noch einige Wünsche und Träume:

1. Die Schweiz bleibt weiterhin das innovativste Land der Welt. Als Beispiel: Es findet endlich die Lösung für die weitere Verwendung der enormen Energie, die noch im Atommüll steckt. Da das Lager in Weiach zum Glück nur als Zwischenlager und nicht als Endlager gebaut wurde, ist der Atommüll eben kein Müll sondern ein wertvoller Rohstoff für die Zukunft, der weiter ausgeschöpft werden kann.

2. Ebenfalls Weltmeister ist die Schweiz in der Kombination von Strasse, Schiene, Luftverkehr; Personentransport, Individualverkehr, Öffentlicher Verkehr und Gütertransport. Es geht nicht mehr um ein Gegeneinander, sondern um ein Miteinander. Leute aus der ganzen Welt kommen und bewundern unsere zukunftsweisenden Systeme ebenso wie die Fabrik, in der die revolutionären Reifen hergestellt werden die keinen Abrolllärm erzeugen und wo die Karosserieteile entwickelt werden, die den Lärm des Fahrtwindes absorbieren.

3. Die lieben Nachbarn aus dem Südbadischen und wir Schweizer haben endlich wieder einen konstruktiven Dialog gefunden und den Wert der gegenseitig guten Beziehungen neu erkannt und schätzen gelernt. Die Fakten des gegenseitigen Nutzens und der zu tragenden Lasten wurden in die Waagschale geworfen und eine für alle zufriedenstellende Lösung gefunden, die den Nutzen der internationalen Erreichbarkeit über den Flughafen Kloten anerkennt, nutzt und schätzt, dies auf beiden Seiten des Rheins.

4. Das duale Bildungssystem der Schweiz konnte weiter gestärkt werden und ist Vorbild für viele weitere Länder. Unsere Lehrlinge sind und bleiben Weltmeister in ihrem Beruf. Wir verfügen dadurch über genügend hochqualifizierte Handwerker, Angestellte und Unternehmer. Aber auch über hervorragende Abgänger an den Universitäten und Hochschulen. Wir kennen keine Jugendarbeitslosigkeit. Wer will, kann etwas erreichen.

5. Das Unternehmertum wird gefördert. Nicht nur an den Schulen, Universitäten und in den Lehrbetrieben, sondern auch von Gesetzes wegen. Es werden nicht ständig neue Regelungen geschaffen, sondern gestrichen und durch Verantwortung, Vertrauen, Experimentieren, Innovieren, Mut und Unternehmertum ersetzt.

6. Das Schweizer Volk hat sämtliche Neidinitiativen wie die 1:12-Initiative, die Mindestlohn-Initiative und die Erbschaftssteuer-Initiative abgeschmettert. Zum Wohl vom Volk, der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber. Die grosse Mehrheit der Unternehmungen waren sich ihrer Verantwortung schon immer bewusst und die wenigen Ausreisser sind auch wieder in der Realität angekommen.

7. Achtung, Respekt, Verantwortung übernehmen und Kritikfähigkeit erlauben es uns Schweizern, einzigartig zu sein, gemeinsam um die beste Lösung zu ringen und unseren Wohlstand über viele weitere Generationen zu wahren.»

Weiach als Akronym - mit einer hintergründigen Bedeutung

«Ganz im Sinne von «WEIACH». Das heisst:
W wie Willen
E wie Einsatz
I wie Innovation
A wie Achtung und Respekt
C wie Chies
H wie Hoffnung und Beständigkeit

Ich danke für das Zuhören und freue mich jetzt auf das gemeinsame Singen.

Da hatte der Schiller im Tell doch gesagt:
Wir sind ein einzig Volk von Brüdern und Schwestern.
Singen aus voller Kehle unsere Nationalhymne.»

Man spürt den Unterschied zu einer Politikerrede. Und erfährt Neues. Darüber wie schnell das Geschäft mit Lafarge zustande kam, beispielsweise. Oder vom langjährigen Traum der Eberhards, eine eigene Kiesgrube zu besitzen. Und so weiter. Besonders gelungen sind der Einstieg und die Ausdeutung des Wortes Weiach am Schluss der Rede.

Diese Ansprache wird wohl die mit Getöse aus der Regionalkonferenz Nördlich Lägern ausgetretenen KLAR!-Leute in ihrer Meinung bestätigen, dass die Firma Eberhard den Standort des Atomabfall-Lagers nur deshalb nach Weiach holen wolle, weil sie grad am passenden Ort Land besitze. Umso mutiger der von Heinz Eberhard als Nr. 1 genannte Wunsch.

Weitere Bundesfeier-Reden
[Veröffentlicht am 22. Januar 2014]

Mittwoch, 31. Juli 2013

Die Männerriege lädt zur Bundesfeier 2013

Nachdem für 2012 noch die Jungspunde des Turnvereins Weiach für die Organisation der Bundesfeier verantwortlich zeichneten, so waren es dieses Jahr die etwas älteren Semester von Turnvater Jahns Jüngern: die Männerriege Weiach.

Im Zürcher Unterländer vom Montag, 29. Juli 2013 (etwas pathetischer Titel: «Tag der hehren Reden und währschaften Würste») waren die hiesigen Aktivitäten angekündigt: «Weiach: 17.30 Uhr Festwirtschaft auf dem Gelände ...» und auf der Website der Gemeinde die offizielle Einladung abgelegt:


Interessanterweise lautet der Eintrag unter den Anlässen auf: «1. Augustfeier / Nationalfeiertag». Zwar formell ebenfalls korrekt. Aber «Bundesfeier» tönt halt eben doch heimeliger.

Und so lautet der Text der Einladung:

Einladung zur Bundesfeier 2013
Erster August 2013 – auf dem Gelände
der Schulanlage Hofwies

Programm
» 17.30 Festwirtschaft der Männerriege
» 18.30 Konzert der Dorfmusik Bachenbülach
» 19.00 Läuten der Glocken
Festansprache von H. Eberhard,
Leiter der Eberhard Unternehmungen
Singen der Landeshymne
Dorfmusik Bachenbülach
» 22.00 Entzünden Höhenfeuer

Es erwartet Sie ein dreifaches Buffet vom Grill, Salate und Kuchen.
Jeder Besucher erhält einen Bon im Wert von acht Franken.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch

Männerriege Weiach

Alles traditionell. Dafür ein grosses Dankschön an die Männerriege.

[Veröffentlicht am 27. Januar 2014]

Freitag, 26. Juli 2013

Juliwetter 1963: stete Wechsel zwischen schön und regnerisch

Der Juli vor 50 Jahren war in Weiach gemäss der Jahreschronik 1963 von Walter Zollinger eine eher unstete Angelegenheit. Er gibt diesem Monat das Prädikat "wechselvoll":

«Juli: Die ersten Julitage sind immer noch durchzogen, d.h. wechselnd zwischen schön und regnerisch am selben Tag. Erst ab dem 6.7. kommt das eigentliche schöne Sommerwetter: sonnige Tage mit Nachmittagstemperaturen zwischen 21° und 25°; allerdings nachts auch etwa ein mächtiger gewittriger Schauer. Vom 10.7. an beginnt wieder der Wechsel zwischen Bewölkung und Aufhellungen, gewittrigen Schauern und Wind.

Ein Beispiel (der 13.7.): "Sehr schöner Morgen, aber nach und nach sich überziehend und nun, gegen mittag bereits bedeckt und um 12 1/4 Uhr tröpfelt es sogar; am Nachmittag wieder besser, eher etwas aufhellend, aber immer noch bewölkt; gegen abend wieder stärker und grauer bewölkt und gegen 20 Uhr plötzlich ein ordentlicher aber kurzer Schauer, eigentlich unerwartet; 20.15 Uhr: eben blitzt und donnert es, nach kurzem Unterbruch beginnt es von neuem zu regnen und jetzt, 22 Uhr, macht es ganz ordentlich herunter." So etwa sahen sehr viele Tage aus, was ich eben mit "wechselvoll" bezeichne.

"Ein herrlicher Sommertag, wie wir dies Jahr noch wenige hatten," ist endlich der 15.7., ausgerechnet der Tag, allwo zu Stadt und Land die Ferien beginnen. Auch die folgenden Tage sind sommerlich und schwül, bringen aber auch dafür in der Nacht etwa ein Gewitter mit Regenschauer, so z.B. am Spätabend des 17.7., des 22.7. und des 25.7.

Die Kirschenernte, sie gab erfreulich aus, war schon um den 20.7. herum beendet. Auch der Emdet hat natürlich ringsum begonnen, wie auch die Getreideernte. Es gibt ja jetzt, im Zeitalter der Maschinen, sozusagen keinen Unterbruch mehr zwischen Heuet, Emdet, Härdöpflen, Obsten, Wümmen. Alles geht im "Nonstop" zu!!

Der heisseste Tag des Monats war der 24./25.7. mit je 30° am Nachmittag, der "kälteste" Tag der 11.7. mit "nur" 20°.»

Interessant sind die in den Zollingerschen Wetterbeschreibungen häufig auftauchenden, direkten Bezüge zur Landwirtschaft, denen (wie oben) meist auch eine mehr oder weniger technikkritische Note anhaftet.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1963 - S. 6-7. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1963].
[Veröffentlicht am 21. Januar 2014]

Mittwoch, 26. Juni 2013

Juniwetter 1963: Verregnetes und missfärbiges Heu

Nachdem der Mai vor 50 Jahren nicht gerade überzeugte (vgl. WeiachBlog vom 21. Mai 2013), machte der Juni nach Einschätzung von Walter Zollinger in seiner Jahreschronik 1963 eine bessere Figur - zumindest teilweise:

«Juni: Der Heumonat lässt sich gut an; die ganze erste Woche ist angenehm; allerdings nicht gar heiss, aber da noch der Wind mitwirkt, ist's doch zum Trocknen des Futters günstig. Es wird wacker eingebracht. Der kurze regnerische Unterbruch vom 7. und 8. ist sogar willkommen für Gärten, Wiesen und Ackerland. Es war schon ziemlich trocken geworden. Nach dem 8.6. wird's etwas unsicher, da sich hie und da nachmittags, einmal sogar schon um 12.30 Uhr, kurze Gewitter mit Regenschauern einstellen und so die Heuarbeit verzögern. Ganz ungünstig sind die 3 Tage vom 14.-16. Juni, immer düster, zeitweise regnerisch, auch kühl (nur 15°, 16° am Nachmittag).

Der 17. 18. und 19.6. machen wieder eine bessere "Figur"; aber dann ist's wieder aus und es will einfach nicht vorwärts gehen mit dem Heuet. Es ist zwar nicht direkt bös, aber eben doch unsicher, wolkig oder gar bedeckt, meist erst gegen abend etwas sonnig, wenn's zu spät ist zum heuen. Eine rühmliche Ausnahme machen einzig der 26., 27. und 29.6. An diesen Tagen kann wieder zünftig Dürrfutter eingebracht werden.

Schönes Heu gab's diesen Sommer wahrlich nicht, vielmehr verregnetes und missfärbiges. Kein Wunder, dass darum auch bei uns der eine und andere Landwirt zur Heubelüftung überging, wieder andere sich mehr und mehr der Herstellung von Silofutter zugewandt haben. Auch die Herstellung von Trockengras (Heimgarten bei Bülach) kommt ziemlich auf.

Höchsttemperaturen  morg. 22°, mitt. 25°, abds. 23°;
Tiefsttemperaturen morg. 10°, mitt. 14°, abds. 10°.»

Heubelüftung ist natürlich nur dann möglich, wenn genügend günstige Elektrizität zur Verfügung steht und sich der Aufwand für das Nachtrocknen des eingebrachten Futters letztlich auszahlt.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1963 - S. 5-6. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1963].
[Veröffentlicht am 21. Januar 2014]

Dienstag, 21. Mai 2013

Maiwetter 1963: kein Flugwetter für Bienen

Der Mai vor 50 Jahren war wohl angenehmer als der heurige aber auch kein wahrer Wonnemonat, jedenfalls wenn man nach dem entsprechenden Eintrag Walter Zollingers in seiner Jahreschronik 1963 gehen will:

«Mai: Er glänzt nicht mit übermässiger Wärme: Höchsttemperaturen: morg. 15°, mitt. 24°, abds. 20°; Tiefsttemperaturen: morg. 1°, mitt. 9°, abds. 5°.
Immerhin zeigt er im Durchschnitt ziemlich milde, wenn auch vielfach bedeckte, wechselvolle Tage; hie und da auch noch etwas Wind. Ich notierte 9 ganze sonnige Tage, 3 sonnige Vormittage und 6 sonnige Nachmittage. Bedeckt oder trüb waren allenfalls 9 ganze Tage, dazu noch 6 Vormittage und 2 Nachmittage; regnerisch waren ein ganzer Tag, nur je 2 Vormittage, Nachmittage, Abende, dafür 5mal nachts; Nebel gab's nur noch an 2 Morgen. So konnte ich schon am 6.5. melden: "die Birnbäume blühen überall mächtig". Bald darauf folgten schon die ersten Apfelbäume, sodass fast alles zusammenfiel, da ja auch die Kirschbäume etwa seit dem 29.4. ihre Blütenpracht entfaltet haben. Schade ist es nur, dass der zu wenigen Sonnentage wegen die Bienen nicht recht zum Fluge kommen und dadurch die Bestäubung etwas gehindert wird. - Der Heuet hat ebenfalls eingesetzt.»

Mit Blick auf den gerade laufenden Monat unserer Tage kommt einem das sehr bekannt vor. Diejenigen Bienen, die den letzten Winter und die Varroa-Milbe überlebt haben, müssen nun von den Imkern durchgefüttert werden, denn bei diesem Wetter können sie nicht fliegen. Schade um all die Blüten an den Obstbäumen.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1963 - S. 5. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1963].

Montag, 20. Mai 2013

Kirchenrat macht Standortbestimmung an der Basis

In den Einleitungen zu seinen Jahreschroniken beleuchtete Walter Zollinger jeweils einen Aspekt aus Geschichte und Gegenwart des Dorfes etwas ausführlicher. Welche das waren, findet man im WeiachBlog-Beitrag «Einleitungen zu den Chroniken 1952-1967» (WeiachBlog Nr. 682, 3. Okto­ber 2009).

Für das Jahr 1963 heisst es da: «Fokus auf Kirchenwesen – Kirchenvisitation 1963 durch den Kirchenrat. Zita­te aus den Antworten auf die Fragen des Rates».

Diese Einleitung aus der mittlerweile vor fast einem halben Jahrhundert in die Schreibmaschine getippten Jahreschro­nik 1963 (Abschluss datiert auf den November 1964) wird nachstehend vollumfänglich wiedergegeben (Titel durch WeiachBlog gesetzt):

«Als eines der wichtigsten Ereignisse in unserm Gemeindeleben (wie natürlich auch anderswo im Kanton Zürich) betrachte ich für 1963 die Durchführung der Kirchenvisitation von seiten des zürcherischen Kirchenrates, weshalb ich diese (statt erst unter dem Titel "Kirchenwesen") gleich hier am Anfang meiner Jahreschronik erwähnen und darüber einige Gedanken äussern möchte.

Sie zog sich, nach Angaben des Kirchenpflegepräsidenten, vom 4. September bis 11. Dezember hin und beanspruchte acht Vollsitzungen der Pflege und zwei Sitzungen mit Visitation. Der Kirchenrat legte den Kirchenpflegen in 13 Abschnitten 62 Fragen zur Beantwortung vor. Es sollen aber diese Fragen nicht nur Einsicht in das kirchliche Gemeindeleben vermitteln, sondern vielmehr, wie der Kirchenrat in seiner "Einführung" selber hofft, Anlass zu einer Besinnung über den Auftrag der Kirche, das Wesen ihres Dienstes und den Stand ihres Lebens werden.»

Mit oder ohne Befragung der normalen Mitglieder

«Eine einfache Sache ist eine solche "Visitation", d.h. ein Ueberdenken all' der aufgeworfenen Probleme, nicht. Der Verfasser dieser Chronik erinnert sich noch gut daran, wie er als Kirchenpflegepräsident anlässlich der letzten Visitation vor ca. 25 Jahren, zusammen mit seinen Pflegekollegen und dem damaligen Pfarrer, Herr Albert Kilchsperger, über den dannzumal noch zahlreicheren Fragen grübelte, bis ein Bericht verfasst war, der ein einigermassen richtiges Bild des "kirchlichen Lebens" unserer Gemeinde widerspiegelte. Um auch die übrigen Kirchgenossen (Männer und Frauen) mit dem Gedankengut der Visitation vertraut zu machen, wurden sie ein oder zwei Mal zu öffentlichen Gesprächen darüber in die Kirche eingeladen.

Ich kann es der gegenwärtigen Behörde also lebhaft nachfühlen, wie sie prüfen und erwägen musste, um in der heutigen, in kirchlichen Fragen noch viel problematischeren Zeit ein annähernd wirklichkeitsgetreues Bild geben zu können. Leider wurden aber diesmal m.W. keine öffentlichen Ausspracheabende durchgeführt.»

Staatskirchen sind unabhängiger!

«Beim Durchgehen des von der Kirchenpflege Weiach abgegebenen Berichtes bekommt man den Eindruck, dass jede Frage gründlich überlegt und die Antworten gut überdacht und auch sprachlich und stilistisch sorgfältig redigiert worden sind.

Einige Beispiele! Die Frage über die äussere Gestaltung als Volkskirche wird so beantwortet:
"Als Volkskirche wird sie ihrer missionarischen Aufgabe insofern gerecht, als sie alle nicht anderswo angeschlossenen Menschen umfasst, sie mit dem kirchlichen Unterricht erreicht und ihnen die Möglichkeit zu einem persönlichen Glaubensstil verschafft. Durch ihre Verbindung mit dem Staat ist sie nicht von einzelnen Menschen abhängig, wird sie finanziell gestützt und aller äusserlichen Verwaltungsarbeit enthoben. Anderseits verlangt sie keine persönliche Entscheidung des Gläubigen und droht dadurch in ihrer gesicherten Stellung zu verflachen. Da sie keine kämpfende Kirche mehr ist, treten bei vielen Gliedern die Anzeichen von Sättigung, Gleichgültigkeit, Abstumpfung und Passivität auf (Papierchristen)."»

Obligatorische Kinderlehre wäre gut

«Oder die Frage betr. Sonntagsschule und Kinderlehre: "In unserer Sonntagsschule sehen wir den Grundstein und Vorbereitung auf die spätere kirchliche Unterweisung. Wir sind daran interessiert, möglichst alle Kinder damit zu erfassen, da ihnen hier grosse Werte für später mitgegeben werden können. Das Obligatorium der Kinderlehre bringt die Gefahr der religiösen Ueberfütterung mit sich, ausserdem kann durch den Zwang auch eine grosse Abneigung entstehen; sonst aber beurteilen wir es positiv, da so alle erfasst werden."

Reformiert definiert

«Endlich noch zur Frage: "Was verstehen Sie unter "reformiert"?" Da heisst es: "Darunter verstehen wir jene Kirche, die nicht auf einmal festgesetzten Thesen beharrt, sondern immer wieder versucht, auf die Bibel als das Wort Gottes zu hören, ständig um neues Verstehen ringt und sich in jeder Lage und zu jeder Zeit neu darnach ausrichtet."»

Besucherquoten Gottesdienst: gut

«Vielleicht noch den ungefähren Kirchenbesuch:
an gewöhnlichen Sonntagen  10%   1/4 Männer
Festgottesdienste  30%  1/3 Männer
Familiengottesdienste  50%
Er wird von der Kirchenpflege als "gut" beurteilt.»

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1963 – S. 1-2. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1963]. 

Sonntag, 12. Mai 2013

Abbruch der Waschhäuschen in der Chälen

In den «Schlussbemerkungen» zu seiner Jahreschronik 1963 kam Walter Zollinger auf die Folgen der Moderne für die Weiacher Bausubstanz zu sprechen. Aus seiner Sicht waren das keine erfreulichen Entwicklungen:

«Schade ist's, dass heutzutage dem Verkehr oder der "Bauwut" auch in unsern Bauerndörfern schon das eine oder andere "liebe, alte Hüttchen", als unnütz eingeschätzt, weichen muss. Leider ist das mit dem besten Willen einfach nicht immer aufzuhalten, und manchmal verschwindet etwas so plötzlich, ohne dass man's vorher vernehmen kann. Der Chronist hofft zwar zuversichtlich, den einen oder andern dieser heute noch stehenden "Zeugen aus alter Zeit" retten zu können; aber erzwingen lässt sich's nicht, ausser man kaufe es grad und dazu ermangelt er eben der nötigen Finanzen. Drum habe ich begonnen, solch gefährdete alte Sujets wenigstens noch im Bilde festzuhalten, solange sie noch stehen. Diese Photos werden jeweilen im Text oder auf besonderem Blatt einer Jahreschronik beigegeben. Es sind vor allem die Gemeindewaschhäuschen dem Absterben gewidmet. So sind die beiden an der Kellenstrasse, im Zuge der Errichtung der neuen Wasserleitung und der Kanalisation abgebrochen worden. Das eine, hinter der alten Schmiede gelegene, konnte ich noch vorher knipsen (siehe unten), vom Abbruch des zweiten hörte ich leider zu spät. Es stehen nun nur noch zwei solche: im Bühl gegenüber der Kirche und im Oberdorf zwischen den Häusern Zeindler und Härtsch. Auch die alte "Trotte" an der untersten Rebstrasse läuft Gefahr, umgebaut zu werden, ebenso die "Hafnerhütte" am Bach im Oberdorf. (Bilder davon siehe 1961er-Chronik)»

In der Chronik 1963 folgen diesen Zeilen vier Fotografien. Die erste davon ist nachstehend abgebildet:
Das Waschhäuschen in der unteren Chälen.
Heute befindet sich an dieser Stelle die Einmündung der Riemlistrasse in die Chälenstrasse. Rechts im Bild die Liegenschaft Chälenstrasse 4, eine ehemalige Schmiede. Im Erdgeschoss gibt es noch heute eine Art Werkstatt.

Das an der Fassade rechts der Türe angebrachte Brett ist wahrscheinlich ein Schwellbrett, mit dem der noch oberirdisch entlang der Chälenstrasse verlaufende Sägebach aufgestaut werden konnte.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1963 - S. 25-26. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1963].

Samstag, 11. Mai 2013

In memoriam Werner Attinger

Es ist mittlerweile schon sieben Jahre her, dass die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Weiach das 300-jährige Bestehen ihres Gotteshauses feiern konnte. WeiachBlog hat in diesem Zusammenhang mehrere Artikel veröffentlicht, vgl. die Liste unter http://weiachergeschichten.ch/300-jahre-kirche-weiach/. Aus diesen Beiträgen ist letztlich auch die Broschüre mit dem Titel «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach» entstanden, die im Herbst 2006 zum Jubiläumsanlass von Ortsmuseumskommission und Kirchgemeinde gemeinsam herausgegeben wurde.

Unerwarteter Tod

Nun musste ich leider den Mitteilungen für die Gemeinde Weiach entnehmen, dass Werner Attinger, ein wichtiger Wissensträger zur Kirchengeschichte unseres Dorfes, bereits am 24. März verstorben ist (vgl. MGW Mai 2013, Zivilstandsnachrichten, S. 7: «Todesfall: 24. März; Attinger, Werner; Büelstrasse 6» [Kolon und Semikolon von WeiachBlog]).

In derselben Ausgabe der MGW (Mai 2013,  S. 16) hat der Kirchgemeinderat unter dem Titel «Wir gedenken: Werner Attinger» einen kurzen Nachruf publiziert:

«Herr Attinger war während mehr als 20 Jahren, bis in die späten 1990er Jahre, als Sigrist in unserer Kirche tätig. Nachher hat er sich bis zu seinem plötzlichen Tod Ende März hingebungsvoll um die Kirchturmuhr gekümmert. Wir verlieren in Werni Attinger einen äusserst pflichtbewussten und engagierten Menschen. Seiner Familie drücken wir unser herzlichstes Beileid aus und wünschen ihr viel Kraft und Zuversicht für die Zukunft.»

Dankbar erinnere ich mich an die grosse Hilfsbereitschaft von Werni, der mir während dem Zusammenstellen des Materials für die Broschüre und dem Verfassen der vorbereitenden Blogartikel immer wieder wertvolle Hinweise gegeben hat.

In WeiachBlog findet man sein Wirken deshalb an verschiedenen Stellen, so im Beitrag Nr. 45: «Kirchlicher Alleingang definitiv» vom Montag, 19. Dezember 2005, wo eine Wortmeldung Attingers an der Kirchgemeindeversammlung dokumentiert ist.

Wichtige Beiträge zur Kirchengeschichte

Werni ist aber vor allem im Zusammenhang mit der Kirche, beispielsweise in Bezug auf die Glocken erwähnt, wie im Artikel «Aktenzeichen «Glockensprüche 1843» ungelöst» vom Sonntag, 7. Mai 2006  [Nr. 184]: «Werner Attinger, der frühere Weiacher Sigrist und immer noch für die Glocken Verantwortliche, meinte vor ein paar Tagen, diese stammten eindeutig aus dem Jahre 1843. Die Glockensprüche seien aber schwierig zu lesen, da sie gegen den Glockenstuhl gerichtet seien und die Glocken unter Strom stünden (Stundenschlag). Aber er sei sicher, dass diese Gedichtzeilen auf den Glocken drauf seien. Er vermutet, es könnte ein älterer Spitteler sein, habe aber leider dessen Geburtsdaten nicht zur Hand.»

Vor allem aber gab Werni wertvolle Hinweise auf die Baugeschichte der Kirche Weiach, wie man im WeiachBlog-Beitrag «Die Schiessscharte unter der Kanzel» vom Freitag, 8. September 2006  [Nr. 272] nachlesen kann (samt Bildern).

Wir zitieren hier in dankbarer Erinnerung die gesamte Passage der schliesslich im Druck veröffentlichten Fassung aus der Jubiläumsbroschüre «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach»:

«Anlässlich der Restaurierung 1967/68 wurden an der Südostwand der Kirche unter der Kanzel und an der Südwestwand im Bereich des heutigen Elektrokastens nachträglich zugemauerte mit einem Bogen verstärkte Nischen (in einem Fall mit quadratischer Öffnung) gefunden. Werner Attinger, früherer Sigrist der Kirche Weiach, deutet sie als vermauerte Schiessscharten. Von ihnen aus habe man die Feindseite der Friedhofmauern mit Feuer bestreichen können.

Aufgrund dieser Beobachtung schliesst Attinger, dass die heutige Mauer zwischen Kirche und Altem Gemeindehaus nicht von 1706 stammen kann. Sie liegt zu weit im Westen, denn von der südwestlichen Scharte in der Kirchenfassade aus würde man in den heutigen Friedhof schiessen und damit die eigenen Leute treffen. Die Scharten dieser Mauer sind überdies für knieende oder liegende Schützen konzipiert, die Scharten der anderen Mauerabschnitte und der Pfarrscheune jedoch für stehende Schützen.

Auch auf dem ältesten Ortsplänchen von Heinrich Keller (datiert auf die 1820er-Jahre, vgl. S. 10) sowie auf einem 1837/38 erstellten handkolorierten Plan des Kirchenbezirkes, der im Ortsmuseum liegt (vgl. S. 14), ist diese Mauer an anderer Lage eingezeichnet als die heutige positioniert ist.

Roland Böhmer von der Zürcher Denkmalpflege unterstützt Attingers Argumentation. Als Beleg führt er u.a. den Eintrag der Memorabilia Tigurina von 1742 zur Wehrmauer von Schönenberg an: «Die Kirche und das Pfarrhaus sind in zwey Egg der Kirch-Mauer gebauet, daraus man alle vier Seiten der Mauren füglich bestreichen, und sich darinnen im Nothfall wohl defendiren kann». Die Anlage in Schönenberg wurde 1702 ebenfalls von Werdmüller erstellt (vgl. Kasten). Dazu kommt: in Weiach liegt eine ähnliche Bausituation vor.»

Quelle des Zitats
  • Brandenberger, U.: «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706 – 2006. Herausgegeben von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach und der Ortsmuseumskommission Weiach. Weiach 2006 – S. 13/14.

Freitag, 10. Mai 2013

Wenn Volkes Stimme Fussgängerstreifen fordert

Unter dem unspektakulären Titel «Fussgängerstreifen» teilt der Gemeinderat im neuesten Gmeindsblettli (Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Mai 2013, S. 5) nichts weniger als eine kleine Revolution mit:

«Aufgrund der Begehung der Stadlerstrasse mit Vertretern der kantonalen Bau- und Volkswirtschaftsdirektion sowie der Kantonspolizei beantragt der Gemeinderat die Planung und Erstellung eines Fussgängerstreifens mit Anpassung der bestehenden „Mittelinsel“ bei der Postautohaltestelle Gemeindehaus. Nach Aussage der kantonalen Amtsstellen können die Kosten für die Nachrüstung aufgrund von veränderten internen Vorschriften durch den Kanton übernommen werden. Die bauliche Ausführung ist im kommenden Jahr vorgesehen».

Die zebrastreifenlose Ära, die mit dem Beginn der Sanierung der Stadlerstrasse 2009 angebrochen war, geht also nach rund fünf Jahren zu Ende. Und warum? Weil einige Weiacherinnen und Weiacher hartnäckig und immer wieder einen solchen Streifen gefordert haben. Mit der Begründung, nur so seien die Schulkinder sicher.

Experten finden: es braucht keine Fussgängerstreifen

Wie man dem Beitrag «Zebrastreifen braucht es hier nicht» (WeiachBlog, 22. Januar 2010) entnehmen kann, waren 2009 die Experten des Kantons und der Unfallverhütungsstellen der Meinung, ein Zebrastreifen wirke sich nachgerade kontraproduktiv aus, er gaukle nämlich falsche Sicherheit vor. Der damalige Gemeindepräsident von Weiach glaubte, die Leute würden sich dann schon an die neue Situation gewöhnen.

Da hatte er aber den langen Schnauf einiger Eltern nicht auf der Rechnung. Schon 2009 wurden rund 80 Unterschriften für einen Zebrastreifen bei der Schule gesammelt. Und am 6. Mai 2010 setzte der Tages-Anzeiger Unterland den Titel «Weiacher kämpfen weiter für Zebrastreifen» über einen Artikel zum Thema. Spätestens da war klar, dass dieses Thema nicht so schnell vom Tisch sein würde.

Als der Tages-Anzeiger in der Regionalausgabe «Zürichsee rechtes Ufer» am 30. Dezember 2010 den Beitrag «Der Tüftler und sein Mittel gegen den Tod auf dem Zebrastreifen» veröffentlichte, haute ein Kommentarschreiber der sich «Peter Casutt» nennt, folgende Zeilen in die Tasten:

«Und der gleiche Kanton hebt nun klammheimlich Ein Fussgängerstreifen nach dem Anderen im Norden des Kantons auf (Neerach, Stadel, Weiach) mit der fadenscheinigen Begründung, dass Fussgängerstreifen eh nichts bringen und die Fussgänger gefälligst besser aufpassen sollen. JEKAMI beim Kanton, Jeder Beamte ein kleiner König!»

Das war nur einer von vielen für die Experten und den Kanton nicht sehr schmeichelhaften Kommentaren.

Forderung nach einem Zebra nicht umzubringen

In Weiach war das längst nicht das Ende der Geschichte. Das sah man auf der Website des FORUM Weiach und im Herbst letzten Jahres auch wieder in den Medien.

Da setzte nämlich der Zürcher Unterländer am 29. September 2012 einen Artikel zu einem Informationsabend der Gemeinde Weiach ins Blatt - daneben einen Kasten mit dem Titel «Zu viele Lastwagen im Dorf!» Und siehe da, die Forderung ist quicklebendig:

«Ein Weiacher forderte am Informationsabend einen Fussgängerstreifen über die Stadlerstrasse. Viele Lastwagen würden durchs Dorf fahren und das Überqueren der Strasse gefährlich machen. Stadel habe auch neue Zebrastreifen erhalten. Gemeindepräsident Paul Willi informierte den Bewohner, dass die Kantonspolizei einen möglichen Fussgängerübergang geprüft und verworfen habe. Die Kantonspolizei hätte argumentiert, dass so auch die Fussgänger in die Verantwortung genommen würden. Würden alle Verkehrsteilnehmer Vorsicht walten lassen, gäbe es weniger Unfälle.»

Ein paar Monate später ist alles ganz anders. Der Gemeinderat selber beantragt beim Kanton einen Fussgängerstreifen unter Einbezug des Designelementes Mittelinsel bei der Bushaltestelle. Und offenbar übernimmt der Kanton nun sogar die Rechnung. Wohlverstanden für etwas, was seine Experten jahrelang für unnötig, ja geradezu gefährlich hielten.

Bleibt nur noch die Frage: Was hat den Kanton zum Einlenken bewogen? Gab Stadel den Ausschlag?

Sonntag, 5. Mai 2013

Zuchthausstrafe für Unangepasste nicht verlängert

Ausgaben für die Gemeindekasse vermeiden. Das ist nicht erst heute das Ziel vieler Gemeinderäte. Das war auch 1817, vor fast 200 Jahren, nicht viel anders. Nur mit dem Unterschied, dass damals die Gemeindefinanzen wirklich arg strapaziert wurden.

Schliesslich war man gerade erst den napoleonischen Grossmachtsträumen entkommen, hatte 1816 wegen eines Vulkanausbruchs am anderen Ende der Welt ein Jahr ohne Sommer und darauf 1817 eine Hungersnot zu bewältigen. Keine gute Zeit.

Da ist es verständlich, dass die Gemeinde Weyach ein - aus heutiger rechtsstaatlicher Perspektive doch eher fragwürdiges - Ansinnen an den Kleinen Rat (heute: Regierungsrat) des Standes Zürich richtete.

Ausschweifender Lebenswandel führt ins Zuchthaus

Ohne Erfolg, wie man dem Protokoll des Kleinen Rates vom 10. Mai 1817 (StAZH MM 1.63 RRB 1817/0508; S. 176-177) entnehmen kann:

«Auf das von dem Herrn Oberamtmann von Regensperg unterm 8ten d. M. empfehlend einbegleitete Bittschreiben der Gemeinde Weyach, daß eine gewiße Verena Ritzmann, ihre Gemeindsbürgerin, welche, wegen ihres ausschweifenden Lebenswandels, sich gegenwärtig schon zum zweyten Mal im Zuchthause befindet, nun aber mit dem 18ten d. M. entlaßen, und in ihre Gemeinde zurückgeschickt werden solle, – noch länger im Zuchthause zurückbehalten werden möchte, – ist dem Herrn Oberamtmann Heß zu Handen der Gemeinde Weyach anzuzeigen, daß die Regierung nicht im Fall ist, eine richterlich ausgesprochene Strafzeit zu verlängern; und da diejenige der Ritzmann mit dem 18ten d. M. zu Ende gehet, so kann dem Begehren, sie noch länger im Zuchthause zu behalten, nicht entsprochen werden. Es muß deßnahen dem E. Stillstand und Gemeindrath zu Weyach überlaßen werden, diese Person unter möglichst strenge Aufsicht zu stellen, und sie auf diese Weise unschädlich zu machen, in so fern dieselbe aber dennoch in ihrem ausschweifenden Lebenswandel fortfahren würde, darüber Klage bey dem dortigen Amtsgericht anhängig zu machen, welchem dann überlaßen bleibt, mit einem Ansuchen um ihre Wiederaufnahme ins Zuchthaus bey der Regierung einzukommen, welches indeßen, wie in allen dergleichen Fällen, nicht anderst, als gegen Bezahlung eines nicht unbedeutenden Tischgeldes geschehen kann.»

Worin diese «Ausschweifungen» genau bestanden haben, könnte man allenfalls den Gerichtsakten und vielleicht sogar dem Stillstandsprotokoll von Weyach entnehmen (sollte letzteres noch vorhanden sein).

Weitere Zuchthaus-Aufenthalte nur gegen Bezahlung

Man darf es dem Kleinen Rat hoch anrechnen, dass er so klar für die Gewaltenteilung einsteht und nicht versucht, sich richterliche Kompetenzen anzueignen. Auch wenn das in diesem Fall bedeutet, dass die Weiacher gar keine Freude am Bescheid aus Zürich gehabt haben dürften.

Eine dritte Einweisung ins Zuchthaus könne zwar auf Anordnung des Amtsgerichts in Regensberg erfolgen, allerdings werde es dann für die Gemeinde Weiach teuer.

Wie die Angelegenheit ausging? Eine Antwort findet man vielleicht in den Archiven.

Quelle