Donnerstag, 28. Februar 2019

Ein Koranübersetzer als Pfarrer in Weyach?

Der berühmte Theologe und Koranübersetzer Theodor Bibliander (1509-1564) sei in jungen Jahren –zu Beginn der Zürcher Reformation – Pfarrer in Weiach gewesen, habe ich Ende Januar auf WeiachTweet keck behauptet. Mit der Allgemeinen Deutschen Biographie (ADB) von 1875 als Belegstelle:

WeiachTweet Nr. 2019 (31. Januar 2019, 14:55 MEZ)
WeiachTweet Nr. 2020 (31. Januar 2019, 15:00 MEZ)

Im Monument Schweizer Lexikographie des 18. Jahrhunderts

Die ADB, ein Standardwerk deutscher Provenienz, stützt sich wahrscheinlich auf den Bibliander-Artikel im Leu'schen Lexicon, dem umfangreichsten Schweizer Lexikon des 18. Jahrhunderts (erschienen in Bd. IV von 1750 auf S. 11, vgl. Link in den Quellen unten):



«...versahe auch zugleich die Pfarr Weyach mit Predigen», heisst es da unmissverständlich. Aber irgendetwas stimmt da möglicherweise nicht.

Nur bei Leu und in der ADB

Das vermutete ich selber bereits vor Jahren, als ich 2005 über die Wikipedia auf den ADB-Eintrag aufmerksam wurde (die Leu'sche Belegstelle habe ich erst 2010 gefunden, vgl. die Diskussion zum Wikipedia-Artikel Theodor Bibliander).

Denn nicht nur die späteren Biographie-Lexika (wie bspw. die Neue Deutsche Biographie von 1955 –aus demselben Verlag wie die ADB), sondern vor allem die einschlägigen Verzeichnisse Zürcher Provenienz erwähnen Theodor Bibliander nicht:

«Eine Verbindung von Th. Bibliander mit Weiach findet sich weder in der Liste der Pfarrer von C. Wirz, Etat des Zürcher Ministeriums von der Reformation bis zur Gegenwart. Aus gedruckten und ungedruckten Quellen zusammengestellt und nach Kirchgemeinden geordnet (Zürich 1890) noch im Zürcher Pfarrerbuch 1519-1952 von Emanuel Dejung und Willy Wuhrmann (Zürich 1953).» (WG(n) 2005)

Fehler in den Listen oder Verwechslung im «Leu»?

Jetzt kann man den Verdacht äussern, Dejung und Wuhrmann hätten bei Wirz abgeschrieben und dieser das Wirken von Theodor Bibliander in Weiach übersehen. Oder dies sei schon 1777 Pfr. Esslinger passiert, als er seine Handschrift Conspectus ministerii turicensis verfasste.



Mindestens so plausibel ist aber die Möglichkeit einer bereits im 18. Jahrhundert aufgetretenen Verwechslung, wie der Titel des am 23. Juni 2005 begonnenen Diskussionsbeitrags "T. Bibliander" = verschiedene Personen? (vgl. Abbildung oben) schon andeutet:

«In beiden Listen [Wirz und Dejung/Wuhrmann] ist jedoch ein T. Bibliander verzeichnet. Buchmann (Bibliander), 3) Tobias (+1564). Ord. 1563, dann Pfr. in Weiach, starb schon 1564 an der Pest. (Dejung/Wuhrmann) und 1563. Tobias Buchmann, ordin. 63. Er starb im Sept. 64. (Wirz). Dieser Pfarrer ist ziemlich sicher nicht identisch mit Theodor Bibliander (obwohl gleicher Todesmonat), da dieser wesentlich früher in Weiach tätig gewesen sein muss – vor 1532. Könnte durchaus ein Sohn von Theodor oder dessen Bruder Heinrich gewesen sein.»

Woher die Person, die den Eintrag Bibliander, Theodorus im Leu'schen Lexicon verfasst hat, die Information zur Predigttätigkeit in Weyach hatte, bleibt nach wie vor im Dunkeln. So lange, bis eine Primärquelle gefunden wird, die diese Sachverhaltsdarstellung stützt.

In der Zwischenzeit erwähnt die Bibliander-Forschung mit guten Argumenten weiterhin keinen Einsatz ihres Protagonisten in der frühreformatorischen, jungen Kirchgemeinde Weiach.

Quellen
[Veröffentlicht am 17. Juni 2019 um 14:01 MESZ]

Freitag, 8. Februar 2019

Ex libris Bundesrat Delamuraz

«Habent sua fata libelli», hat WeiachBlog am 11. September 2017 getitelt (vgl. WeiachBlog Nr. 1350). Was zu Deutsch bedeutet, dass auch Bücher (und deren Inhalte) ihre Schicksale haben. Heute soll vom Schicksal eines ganz besonderen Exemplars die Rede sein, das mit Jean-Pascal Delamuraz in Verbindung steht.

Neu in den Online-Katalog aufgenommen

Vor wenigen Tagen habe ich auf Swissbib, dem Metakatalog für Schweizer Bibliotheken, einen neuen Eintrag entdeckt. Wo vorher noch lediglich vier Fundstellen für die Dorfchronik von Zollinger (Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach 1271-1971) verzeichnet waren, gab es da nun plötzlich deren fünf.


Der Neuzugang erfolgte bei der Bibliothek am Guisanplatz (BiG) in Bern, dem Zusammenschluss einer ganzen Reihe von Bibliotheken der Bundesverwaltung.

Erste oder doch zweite Auflage?

Die Erstausgabe von Zollingers blauem Büchlein datiert, wie mittlerweile in Online-Bibliothekskatalogen korrekt angegeben wird (vgl. WeiachBlog Nr. 1351), auf das Jahr 1972. Weiter gibt es eine zweite Auflage, die 1984 publiziert wurde.

Das Problem: sowohl bei der 1. wie bei der 2. Auflage fehlt jeglicher Publikationsvermerk. Ein Impressum müssen in der Schweiz lediglich Zeitungen und Zeitschriften aufweisen. Autor und Herausgeber (die Politische Gemeinde Weiach) haben also durchaus rechtskonform gehandelt. 

Den Katalogisierern der Bibliotheken aber bereitet das heute noch Kopfzerbrechen. Denn: wo eine Angabe zum Publikationsdatum fehlt, da muss diese indirekt erschlossen werden. Der einzige Hinweis ist das Vorwort Zollingers, das irrtümlich auf Ostern 1971 datiert ist. Publiziert wurde das Werk erst an Ostern 1972 (vgl. WeiachBlog Nr. 19).

Nach gut zwölf Jahren war die 1. Auflage (500 Exemplare) vergriffen. Der Gemeinderat entschloss sich zu einer – mit zusätzlichen Bildern aufgewerteten – Neuauflage (wieder 500 Exemplare). Und natürlich fehlen auch da Angaben zum Publikationsdatum.  

Wie man die erste und die zweite Auflage unterscheidet? Vgl. dazu WeiachBlog Nr. 1365.

Die BiG hat die zweite Auflage!

Dass es überhaupt eine zweite Auflage gibt, können die Bibliothekare nicht wissen, denn in der Schweiz gibt es (anders als bspw. in Frankreich) kein sogenanntes Dépôt légal, also ein Gesetz, welches Druckereien und Verlagen die Abgabe eines oder mehrerer Pflichtexemplare vorschreibt. Deshalb ist diese zweite, erweiterte Auflage auch in keiner gedruckten Bibliographie erfasst, auch in der Schweizer Nationalbibliographie nicht.

Der Autor des WeiachBlog hat deshalb bei der BiG angefragt, ob es sich bei ihrem Exemplar um die erste oder die zweite Auflage handle. Der Befund: es ist die zweite Auflage! Damit verfügt die BiG als bisher einzige öffentliche Bibliothek (soweit bekannt: weltweit) über ein solches Exemplar.

Entsprechend ist auch beim Eintrag in der Datenbank von Alexandria (dem Bibliotheksverbund der Bundesverwaltung) das Publikationsjahr bereits angepasst worden:

Es scheint fast, als sei unser Dorfkünstler Hans Rutschmann (der in wenigen Tagen 91 Jahre alt wird und von dem sämtliche Titelblätter der «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» seit Juni 1982 stammen) bei dieser Gelegenheit sozusagen zum Coautor befördert worden. 

Die Detailangaben sind indes etwas präziser:

Mit den eckigen Klammern deutet die Bibliothek an, dass die darin stehenden Angaben indirekt erschlossen wurden – in diesem Fall aus dem Hinweis des WeiachBlog-Autors.

Ein Geschenk an und von Delamuraz

Und was hat das alles mit dem 1998 verstorbenen Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz zu tun? Laut einem Stempel auf der ersten Innenumschlagseite (dem Vorsatzblatt) kam dieses Exemplar der «Chronik Weiach» als «Cadeau de Jean-Pascal Delamuraz» 1998 in die Bestände der damaligen Eidgenössischen Militärbibliothek (EMB). Es wurde auf einer Katalogkarte verzeichnet. Und ist nun vor kurzem in den Online-Katalog des Bibliotheksverbunds Alexandria aufgenommen worden.


Wie aber gelangte Delamuraz in den Besitz der «Chronik»? Die plausibelste Antwort lautet: Parteizugehörigkeit. 

Am 4. Juni 1986 empfing der knapp zweieinhalb Jahre im Amt stehende Waadtländer Bundesrat die Weiacher Jungbürger (vgl. WeiachBlog Nr. 1386). Organisator der Reise nach Bern war der damalige Weiacher Gemeindepräsident Mauro Lenisa (1948-2018, vgl. WeiachBlog Nr. 1384). Und der war – was viele nicht wissen, weil es in der Gemeindepolitik bis heute keine Rolle spielt – Mitglied der FDP, der Partei, für die Delamuraz 1983 in den Bundesrat gewählt wurde. 

Fazit: Einen wasserdichten Beweis gibt es zwar nicht. Aber die «Chronik» könnte das Gastgeschenk für die «Kurzaudienz» gewesen sein.

[Veröffentlicht am 10. April 2019 um 13:55 MESZ]

Mittwoch, 30. Januar 2019

Landrecht für die Lieberts

Landrecht? Das war früher die Bezeichnung für das Kantonsbürgerrecht:

«Ein gemeinsames Bürgerrecht gab es nicht. Die Landleute besassen das sog. Landrecht, das im 16. Jh. aus der hoheitl. Schirmgewalt entstanden war und durch die Land- und Obervögte, im 18. Jh. durch den Kl. Rat erteilt wurde. Der Besitz des Landrechts war Voraussetzung, um auf der Landschaft Gemeindegenosse zu werden. Die Stadtbürger besassen ihr eigenes Stadtbürgerrecht.» (Suter 2017)

Es war vor dem Ende des Ancien Régime also anders als heute, wo zwar die Gesetze die Voraussetzungen festlegen, aber formell der Erwerb des Gemeindebürgerrechts das Kantonsbürgerrecht und auch die Staatsbürgerschaft als Schweizer begründet.

Der Kleine Rat wurde seit der liberalen Staatsreform von 1831 als Regierungsrat bezeichnet. Ihm kam dieses Recht auch in den Jahrzehnten darauf zu.

Ein Handwerker aus dem Süddeutschen

Die Familie der letzten Eigentümerin des Ortsmuseums Weiach, Luise Liebert, stammt ursprünglich aus Süddeutschland. Heute vor 150 Jahren erteilte der Regierungsrat des Kantons Zürich das Zürcher Landrecht an: «Liebert, Vater nebst Ehefrau u. Jb. Liebert, Sohn v. Schneitheim». Jakob Liebert jun. war der Vater von Luise und wurde erst im Alter von über 35 Jahren eingebürgert.


Der vollständige Protokolleintrag lautet wie folgt:

«Die Bürgerversammlung der Gemeinde Weiach hat unterm 15. November v. Js. dem Jb. Liebert, Vater, seiner Ehefrau u. seinem majorennen unverehelichten Sohn Jb. Liebert, Geschirrhändler, von Schneitheim Kgrch. Württemberg, welche sich schon seit dem Jahr 1834 in der dortigen Gemeinde als Niedergelassene aufgehalten haben, das Gemeindsbürgerrecht ertheilt.

Der Gemeindrath Weiach stellt nun mit Zuschrift vom 25. Januar d. Js. das Gesuch, daß denselben das Landrecht ertheilt werden möchte, indem er erklärt, daß die gesetzlichen Ausweise geleistet worden seien, namentlich, daß die Familie Liebert sich immer unklagbar betragen habe u. daß die gesetzliche Einkaufsgebühr bezahlt worden sei. Dem Gesuche ist eine Urkunde beigelegt, woraus sich ergibt, daß die Familie Liebert aus ihrem heimatlichen Bürgerrechtsverbande entlassen worden sei.

Der Regierungsrath, auf den Antrag der Direktion des Innern, beschließt:

1. Sei den beiden Jakob Liebert, Vater u. Sohn das Landrecht ertheilt u. deren Aufnahme in das Bürgerrecht der Gemeinde Weiach bestätigt, in der Meinung, daß von den Petenten innert Monatsfrist eine Landrechtsgebühr von Frk. 200 bezahlt werde.

2. Sei nach Erfüllung dieser Bedingung von der Staatskanzlei die Landrechtsurkunde auszufertigen.

3. Mittheilung an die Finanzdirektion im Auszuge, an den Gemeindrath Weiach, an die Gesuchsteller, sowie an die Direktion des Innern.
»


Man beachte, dass die Ehefrau Lieberts nicht einmal namentlich erwähnt wurde, denn ihr neues Bürgerrecht war von dem ihres Ehemannes abhängig. Umgekehrt war das auch bei Frauen so, die einen Ausländer heirateten. Sie verloren mit der Heirat ihr Landrecht und auch das Gemeindebürgerrecht. Waren also keine Schweizerinnen mehr.

Kriegerische Umstände in der alten Heimat

An diesem 30. Januar 1869 also wurden die Lieberts auch mit offiziellem Segen aus Zürich zu Schweizern – und hörten auf Württemberger zu sein. Schneitheim wird heute übrigens Schnaitheim genannt und gehört zur Stadt Heidenheim an der Brenz in Baden-Württemberg, ca. 30 km nördlich von Ulm nahe der bayrischen Grenze.

Die Lieberts schätzten sich wohl doppelt glücklich, Schweizer geworden zu sein. Denn noch 1866 führte ihre alte Heimat Württemberg zusammen mit Nassau und Hessen und in einer Koalition mit Österreich-Ungarn Krieg mit Preussen, was dazu führte, dass die Württembergische Armee bei Tauberbischofsheim (drei Wochen nach der kriegsentscheidenden Schlacht bei Königgrätz) eine empfindliche Niederlage erlitt.

Ausländische Handwerksmeister hatten ein Problem

In Weyach hatte sich Jakob Liebert sen. als Hafner betätigt. 1835, 1841 und 1845 wurde seine Niederlassungsbewilligung vom Regierungsrat bestätigt, ebenso 1848 und 1850, allerdings nur unter der Bedingung, dass ihm die Ausübung eines selbstständigen Handwerks verboten sei und bei Zuwiderhandlung der Entzug der Niederlassung drohe. Bemerkenswert ist unter diesen Umständen, dass es in der Sammlung des Ortsmuseums eine Ofenkachel von 1834 mit Lieberts Namen gibt. Waren die Vorschriften 1834 noch liberaler? Man muss es annehmen. Und versteht, warum sich die Lieberts auf den Handel mit Geschirr verlegt haben. Nun, mit dem Bürgerrecht in der Tasche, war ihnen auch die volle Gewerbefreiheit gegeben.

Quellen
  • Regierungsrat des Kantons Zürich: Landrechtsertheilung, 30. Januar 1869. Signatur: StAZH MM 2.183 RRB 1869/0171 - S. 176-178.
  • Suter, M.: Artikel «Zürich (Kanton)». Kapitel 2.3.1 Das Zürcher Regiment, der Staat und die Staatsverwaltung. In: Historisches Lexikon der Schweiz (e-HLS), Version vom 24.08.2017.
  • Brandenberger, U.: 50 Jahre Ortsmuseum Weiach. Wiachiana Dokumentation Nr. 4, September 2018 – S. 28. (Bild des Grabsteins von Jakob Liebert jun. oben)
[Veröffentlicht am 16. Juni 2019 um 18:54 MESZ]

Mittwoch, 16. Januar 2019

Wie die Weiacher Jungbürger vom Bundesrat empfangen wurden

Vor kurzem ist Mauro Lenisa von uns gegangen (vgl. WeiachBlog Nr. 1384). In seiner Funktion als Gemeindepräsident hat er mehreren Jahrgängen von Weiacher Jungbürgerinnen und Jungbürgern zu einem staatsbürgerlichen Aha-Moment verholfen. Alle zwei Jahre reiste er mit den frisch in die vollen Bürgerrechte Aufgenommenen in die Bundesstadt und erklärte ihnen dort den Parlamentsbetrieb und die hohe Politik.

So auch dem Schreibenden, der sich noch gut an die Verwunderung seiner Jahrgangskollegen erinnert, die angesichts der Verhältnisse im Nationalraatssaal Platz griff. Denn da hörte von den wenigen Anwesenden kaum jemand zu. Viele lasen sogar Zeitung, während sich am Rednerpult ein anderer Politiker ins Zeug legte.

Jean-Pascal Delamuraz hautnah erlebt

Beim Durchblättern der ersten Ausgaben der von Mauro Lenisa gegründeten «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» ist mir deshalb der nachstehend abgedruckte Beitrag von Karin Klose besonders aufgefallen. Denn die Jahrgänge 1965 und 1966 sassen nicht nur auf den Tribünen der heiligen Hallen der Bundespolitik, sie kamen sogar in den Genuss einer Privataudienz bei Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz, der zu diesem Zeitpunkt seit etwas mehr als zwei Jahren Vorsteher des Eidg. Militärdepartements war (EMD 1984-1986; EVD 1987-1998).

Karin Klose ist in Weiach keine Unbekannte. Sie war Präsidentin der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde und ist seit Jahren Präsidentin der Rechnungsprüfungskommission der Gemeinde Weiach. In den Kontrollen von Karin und ihren RPK-Kollegen ist schon mancher Punkt ans Tageslicht befördert worden, der dann in einer Gemeindeversammlung zu mehr als nur kritischen Bemerkungen geführt hat.

Nachstehend der Beitrag von Karin in der Juli-Ausgabe 1986 der MGW im vollen Wortlaut samt Bildern. Bemerkungen des WeiachBlog-Autor sind in eckigen Klammern gesetzt.

Jungbürgerfeier 1986, Jahrgänge 1965 + 1966

Mittwoch, 4. Juni, 6.30 Uhr, Bahnhof Weiach: 12 Regenschirme mit ihren Besitzern warten auf die Abreise. Der Zug kommt - wir steigen ein. Nun konnte unsere Jungbürgerfeier beginnen.

Bei Kaffee und Gipfeli fuhren wir über Winterthur - Zürich nach Bern. Kurz nach 9 Uhr kamen wir in der Bundeshauptstadt an und schlenderten gemütlich Richtung Bundeshaus. Mit gemischten Gefühlen traten wir in den bekannten und doch unbekannten Tempel der Demokratie.

Ein Weibel führte uns in den linken Flügel, wo wir auf Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz warteten. [Das Bundeshaus Ost ist traditionell der Sitz des EMD] Kurz nach 10 Uhr betrat der EMD-Vorsteher das Sitzungszimmer. In sehr gutem Deutsch erklärte er uns in einer kurzen Ansprache die Aufgaben des Bundesrates und verglich unsere föderalistische Staatsform mit der des Auslandes.

Für Fragen blieb uns leider nur sehr wenig Zeit; es reichte nur für die drei folgenden:
- Was halten Sie von einer Frau im Bundesrat?
- Haben Sie noch Zeit für Hobbies, wenn ja, für welche?
- Was geschieht nun bezüglich des neuen Kampfpanzer Leopard II?

Er finde es positiv, dass auch eine Frau im Bundesrat vertreten ist. [Die erste Bundesrätin, Elisabeth Kopp, wurde im Dezember 1983 zusammen mit Otto Stich und Delamuraz gewählt]

Bei der Frage nach seinen Hobbies antwortete er: "Mein grösstes Hobby ist meine Familie!" Sehr gerne entspannt er sich bei klassischer Musik. Ein grosser Teil seiner Zeit gehöre natürlich auch seinem Boot auf dem Lac Leman. 

Auf die letzte Frage folgte eine lange, ausführliche Antwort, welche ohne militärische Kenntnisse nur sehr schwer zu verstehen ist.

Anschliessend knipste unser Gemeindepresi noch ein Foto. Super, oder?



[Delamuraz mit Krawatte in der Mitte, rechts aussen Pfr. Koelliker]

Nachdem wir Monsieur Delamuraz "au revoir" gesagt hatten, ging es weiter in den National- und Ständerat. Amüsant war es, die Nationalräte zu beobachten, wie "interessiert" sie dem Referenten "zuhörten". Im Ständerat war das Klima schon ein wenig anders - sympathischer. Vielleicht war aber auch nur das Thema "packender".

Um ca. 11 Uhr verliessen wir das Bundeshaus und genehmigten uns ein Gläschen Wein. Nach einem kurzen Spaziergang an der Zytgloggen vorbei kamen wir beim Restaurant "Casino" an. Beim gemütlichen Beisammensein erklärte uns Herr Lienhard die Pflichten gegenüber der Gemeinde, wie Wegzug, Neuzuzug, Heirat, Geburt, u.s.w.

Darauf wurde dann endlich unser langersehntes Mittagessen aufgetischt. Nach Stroganoff mit Reis, Salat, Suppe und zum Dessert Zwetschgenmousse, sahen wir uns frisch gestärkt die Altstadt an.

Manche suchten eine der gemütlichen Beizli auf, anderen gefiel das "Lädele" besser, und einige bestaunten, wie das Foto zeigt, die schönen Brunnen.
Ungefähr eine Stunde später fanden wir uns beim abgemachten Treffpunkt wieder ein, und schon ging es weiter Richtung Münster.

In 1 1/2 Stunden erzählte uns der Münsterpfarrer allerlei Wissenswertes über "sein" Gotteshaus.

Der Münsterbau begann 1421 nach Plänen und unter der Leitung von Matthäus Ensinger im spätgotischen Flamboyant-Stil. Der Einbau der komplizierten Netzgewölbe im Mittelschiff erfolgte erst nach der Reformation in den Jahren 1573-1575. Beim Turmbau stellte der wenig druckfeste Melassesandstein [Molassesandstein] unlösbare Probleme. Man liess es daher auf der 1521 erreichten Höhe von rund 61 m bewenden. Erst die moderne Bautechnik erlaubte die Vollendung des Turmes in den Jahren 1889-1893 bis zu einer Höhe von ca. 100 m. Vielleicht hatten [sic!] wir etwas weniger gekeucht, wenn es bei der alten Höhe geblieben wäre... Dafür wurden wir mit einem wunderschönen Ausblick über die Stadt Bern belohnt.

Nach einem kurzen Abschiedstrunk in einem der vielen gemütlichen Cafés verabschiedeten wir uns von der Bundeshauptstadt.

Nach dem Nachtessen im Zürcher "Chropf" schnappten wir uns den letzten Zug nach Weiach. [Der fuhr damals noch vor 22 Uhr!] Dort war es dann ziemlich ruhig, und alle stellten fest, dass diese Jungbürgerfeier etwas ganz tolles und eindrückliches gewesen ist. Eine Möglichkeit mehr, sich wieder einmal zu sehen.

V.l.: I. Troxler, R. Willi, S. Meierhofer, R. Angst, K. Klose, H. Lienhard, A. Schmid, M. Lenisa, M. Baltisser, F. Duttweiler, R. Baltisser  [Foto: Pfr. Koelliker]

Im Namen aller Jungbürger möchte ich mich recht herzlich bei Herrn Lenisa, Herrn Pfarrer Kölliker und Herrn Lienhard bedanken.

Leider war trotz des Top-Programms die Zahl der Teilnehmer sehr bedenklich. Es wird für Jungbürger etwas organisiert, und die Gelegenheit etwas Einmaliges zu erleben, wird nicht wahrgenommen. Wirklich schade.

K.K. [Karin Klose]

Quelle
  • Jungbürgerfeier 1986, Jahrgänge 1965 + 1966. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Juli 1986 - S. 19-21
[Veröffentlicht am 10. April 2019 um 13:00 MESZ]

Dienstag, 1. Januar 2019

Jahrzehntelange Kontinuität auf dem Orgelbänkli

Im Jahre 1969 wurde die aktuelle Orgel auf der Empore der evangelisch-reformierten Kirche Weiach, ein Instrument der neuenburgischen Orgelmanufaktur Neidhart & Lhôte, eingeweiht. Aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums unserer Orgel wird WeiachBlog 2019 diverse Artikel zur Orgel und den Personen veröffentlichen, die mit ihr zu tun hatten und haben.

Es gibt wenige Ämter, die in Weiach in den letzten 125 Jahren mit einer derartigen zeitlichen Ausdauer ausgeübt wurden, wie gerade das des Organisten. Gerade einmal 3 (!) Amtsinhaber gab es in dieser langen Zeit:
  • Albert Griesser 1891-1946 (Jahrzahlen erschlossen aus Maurer 1966)
  • Walter Harlacher 1946-1997 (Jahrzahlen aus Gesprächen mit Willi Baumgartner-Thut und Claire Griesser erschlossen)
  • Lydia Kellenberger 1997-2019 (amtierend)
Mit Walter Harlacher, der im September 1996 (vgl. MGW 09/1996, S. 20) für 50 Jahre treue Dienste geehrt wurde, hat die damalige Kirchenpflegerin Regula Brandenberger zum 40sten Dienstjubiläum im September 1986 ein Interview geführt. Es enthält auch Informationen zur Orgel sowie ein paar Anekdötchen des Kirchenmusikers Harlacher.

Seltenes Dienstjubiläum. Seit 40 Jahren amtet Herr Walter Harlacher (geb. 1927) als Organist in der Kirche Weiach.

R.B. - Erinnern Sie sich, wann Sie zum ersten Male in Weiach Orgel gespielt haben?

W.H. - Ja, das war am 1. oder 2. Juni 1946.
[Was stimmen kann: der 2. Juni 1946 war ein Sonntag; gemäss http://www.ewigerkalender.de/]

R.B. - Bei welchem kirchlichen Anlass war das?

W.H. - Bei einem gewöhnlichen Gottesdienst.

R.B. - Haben Sie vorher in der Kirche geübt?

W.H. - Ja, ich war damals mit meiner zukünftigen Braut (sie 17 1/2, ich 19) von Schöfflisdorf per Velo zum damaligen Kirchenpflegepräsidenten, Herrn Zollinger gefahren, um mich vorzustellen, und anschliessend habe ich zum ersten Mal auf der Orgel geübt.

R.B. - Wie sind Sie zum Orgelspiel gekommen?

W.H. - Mein Vater war 30 Jahre lang Organist in Schöfflisdorf. Bereits mit 7 Jahren durfte ich in Niederweningen bei Frau Schultheiss Klavier spielen lernen. Vater nahm mich aber auch oft mit in die Kirche und liess mich Choräle und Choralvorspiele ausprobieren. Im Krieg bat mich dann unser Kirchenpflegepräsident, doch den Vater bei Bedarf zu vertreten.

R.B. - Orgelspielen ist Ihr Nebenamt, Ihr Hobby. Welches ist denn Ihr Brotberuf?

W.H. - Ich habe bei meinem Vater das Handwerk des Sattler/Tapezierers erlernt. Eigentlich hätte ich Lehrer werden wollen. Eine ledige Tante hatte den grössten Teil meiner musikalischen Ausbildung bezahlt: Im Konservatorium zB Harmonielehre und Komposition bei Ernst Hörler und Heinrich Funk, an der Musikakademie eine Ausbildung zum Blasmusikdirigenten. (Mit 20 Jahren habe ich die Blasmusik Niederhasli übernommen und 19 Jahre lang geleitet. Im ganzen habe ich 36 Jahre lang Blasmusiken dirigiert.)

Da ich in meinem erlernten Beruf nicht glücklich war, besuchte ich in Zürich eine kaufmännische Abendschule und wechselte 1963 zur Firma Elco, wo ich heute noch arbeite, als Geschäftsführer.

Mein Traumberuf wäre aber Kapellmeister gewesen. Heute würde ich mich nicht mehr von meinem Ziel abbringen lassen, denn damals hiess es, Musiker sei eine gar zu unsichere Existenz.

R.B. - Sie üben zuhause. Wie lange pro Woche?

W.H. - Eine halbe bis eine ganze Stunde pro Tag, oder einen ganzen Samstagnachmittag.

R.B. - Auf welcher Art Instrument spielen Sie zuhause?

W.H. - Auf zwei elektronischen Orgeln: eine speziell für geistliche Musik; eine grosse Konzertorgel, die alle möglichen Stile, Mixturen und Klangfarben erlaubt. [Und] auf einem Klavier.

R.B. - Hatten Sie nie den Wunsch nach einer schönen, alten Toggenburger Hausorgel?

W.H. - Doch, sehr. Das ist ein ganz riesiger Wunsch! Und auch einen Flügel wünsche ich mir, einen 2.80 m langen mindestens ...

R.B. - Ich nehme an, unsere Orgel hier wurde bei der letzten Kirchenrenovation 1968 auch revidiert.

W.H. - Ja, sie wurde 1969 gebaut. Die alte Orgel aus dem Jahre 1930 stand vorne im Chor[,] stammte von Orgelbauer Kuhn aus Männedorf. Sie hatte nur verzinkte Pfeifen.

Architekt Hintermann aus Zürich liess sich von Jakob Kobelt beraten. Da die Orgelbauer Metzler (in Dietikon) und Kuhn (in Männedorf) Lieferfristen von 7 und 8 Jahren hatten, entschloss man sich für ein Instrument des Orgelbauers Neidhardt aus St. Martin, Kt. Neuenburg. Entsprechende Orgeln hat es in Windisch und Mettmenstetten. Sie sind grösser, haben mehr Register, sind aber auch zweimanualig (dh zwei Tastaturen übereinander). Ich durfte jene Orgeln ausprobieren, hatte aber eigentlich keinen Einfluss auf den Entscheid.

Die Weiacher Orgel hat folgenden, guten und geschickten Aufbau:
- Hauptwerk als Brustwerk, mit eingebautem Spieltisch
- in die Empore eingebautes Rückpositiv
- hinter dem Brustwerk separat aufgestelltes Pedalwerk.

R.B. - Hat diese Orgel bestimmte Vorzüge, oder auch Nachteile, Eigenheiten?

W.H. - Sie ist sehr gut disponiert, sie hat eine klare Führung in hohen Tonlagen, keine Verzögerungsmechanik. Sie gehe fast zu leicht, sagt Jakob Kobelt. Hingegen sind die Mixturen zu stark, zu wenig differenzierbar. Der Klang wird zu dünn und es fehlt ihm an Wärme.

R.B. - Haben Sie einen ganz speziellen, vergleichweise "einfachen" Verbesserungswunsch für diese Orgel - irgend etwas, das Sie schon lange stört?

W.H. - Das Trompetenregister ist zu laut und zu scharf, man kann es nur gekop[p]elt, also nie allein für einen strahlenden Cantus firmus einsetzen. Man müsste es umintonieren, gewissermassen umstimmen, und das wäre kein gar so gewaltiges Unterfangen.

R.B. - Erinnern Sie sich an die erste Hochzeit, bei der Sie gespielt haben, vielleicht sogar an den Namen des Paares?

W.H. - Das war am 17. August 1946: Edwin Baltisser (Weiach) und Lina Fröhlich (Neerach).

R.B. - Könnten Sie überschlagsweise sagen, wievielen heute hier wohnenden Weiachern Sie zur Hochzeit gespielt haben?

W.H. - Nein! Das sind gar zu viele! Einzelne weiss ich schon noch. Da sind eben gar viele, denen ich zur Taufe, zur Konfirmation und zur Hochzeit gespielt habe! - Bei wenigen sogar auch schon zur Abdankung.

R.B. - Wieviele Pfarrer haben Sie miterlebt in diesen 40 Jahren?

W.H. - Pfr. Hauser, Pfr. Ryhiner, dann Pfr. Schäppi (Verweser), der unseren jüngsten Sohn getauft hat vor gut 24 Jahren, Pfr. Wyss, Pfr. Bär (Verweser) und jetzt Pfr. Koelliker.

R.B. - Haben Sie zu diesen Amtszeiten irgend eine besondere Erinnerung?

W.H. - Pfr. Weiss von Bachs
[sic!] ist mir in Erinnerung als kauziger Naturmensch, ich kannte ihn etwas besser, weil er hin und wieder meine Fahrdienste brauchte. Bei unseren jetzigen Pfarrersleuten schätze ich, dass sie allezeit ain [sic!] offenes Haus haben.

R.B. - Wieviele Sigristen, wieviele Kirchenpflegepräsidenten waren es?

W.H. - Sigristen: Robert Meierhofer, Albert Erb, Ernst Baltisser, Werner Attinger.
- Kirchenpflegepräsidenten: Walter Zollinger, Rudolf Meierhofer (alte Post), Emil Maurer (Station), Hans Griesser, Ruth Hauser, Rosa Baumgartner[-Thut].

R.B. - Erzählen Sie doch einige Begebenheiten aus Ihrer langen Organistenzeit!

W.H. - Da wäre einiges zu erzählen vom Weg hierher, jeweils am Sonntagmorgen! Von Schöfflisdorf her fuhr ich jeweils mit dem 6.45 Uhr-Zug bis Oberglatt, von dort nach Büli. Dort musste ich immer eine ganze Stunde warten auf den Weiacher Zug und habe im Wartsaal oft düstere und traurige Existenzen angetroffen. Oft fuhr ich aber auch mit dem Velo, später mit dem Töffli, und bin unzählige Male jammervoll verregnet worden. In solchen Fällen pflegte ich meinen nassen Kittel hinten in der Kirche, bei der Heizung unter der Empore aufzuhängen. Da kam es oft vor, dass die Läutbuben (die damals mit dem Mei[e]rhofer Robert in den Turm stiegen und beim Läuten halfen) mir aus meiner Jackentasche Zigaretten filzten und im Turm oben rauchten. Ein späterer Kirchenpfleger war auch dabei!

R.B. - Gibt es bestimmte Sonntage, Festtage im Kirchenjahr, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

W.H. - Ja: alle Abensmahlgottesdienste [sic!] und Weihnachten.

R.B. - Eine Frage nun, den Kirchengesang betreffend: Empfinden Sie unsere Form des Gemeindegesanges als bemühend und "renovationsbedürftig", oder ist Ihnen wohl in unserer jetzigen Praxis?

W.H. - Es ist mir soweit durchaus wohl. Ich bin aber immer aufgeschlossen für Anderes, Neues. Beispielsweise würde ich gerne bei der Begleitung der Kirchenlieder die Registerfarben bei den einzelnen Versen varieren [sic!], ich weiss aber nicht, ob das bei den Kirchgängern zu grosses Befremden auslösen könnte.

R.B. - Gab es Zeiten, da Ihr Orgelamt Ihnen zur Last wurde? Im Krieg etwa?

W.H. - Ja, am Anfang meiner beruflichen Karriere, vor allem, weil ich damals noch kein eigenes Instrument hatte zum Ueben und es in Wettingen äusserst schwierig war, Uebungszeit an einer Orgel zu bekommen. Hingegen im Krieg war das Orgelamt keine Belastung - im Gegenteil. Probleme gab es aber etwa an Weihnachten.

R.B. - Womit wir bei Ihrer Familie wären. Wieviele Kinder haben Sie?

W.H. - Vier: Zuerst eine Tochter (Coiffeuse), dann einen Sohn (Förster), dann eine Tochter (Sekretärin) und wieder einen Sohn (Gartenbauer).

R.B. - Seit 40 Jahren lebt nun Ihre Frau mit dem klar profilierten Hobby ihres Gatten, "immer" lebten Ihre Kinder mit Vaters Orgeln. Gab das nicht oft Engpässe und Schwierigkeiten?

W.H. - Doch, ab und zu schon. Am schwierigsten war es immer an Weihnachten: Früher war am zweiten Weihnachtstag auch noch Gottesdienst, und so war ich oft beide Weihnachtstage eigentlich nicht zuhause.

R.B. - Könnten Sie sich eine andere Art von Amt vorstellen, das Sie ebenso treu über so viele Jahre hätten ausüben können?

W.H. - Ja: Chorrepetitor, dh einen Chor bei den Proben begleiten auf dem Klavier. Das ist übrigens etwas, das ich gerne tun möchte in den nächsten Jahren: ich denke nicht, dass ich in der ständig zunehmend härteren Arbeitswelt ausharren werde bis 65. Ich möchte mich vorher teilweise zurückziehen und mehr Zeit haben für mein Hobby.

R.B. - Wir gratulieren Ihnen (und uns!) ganz herzlich zu Ihrem seltenen Dienstjubiläum! Wir wünschen Ihnen recht gute Gesundheit, und viel Freude für die musikalischen Aufgaben, die Sie in den nächsten Jahren vermehrt übernehmen möchten. Wir wünschen uns, dass wir weiterhin auch zu Ihren musikalischen Aufgaben zählen werden.

Vielen Dank für Ihre langjährige Arbeit und die ausdauernde, gar nicht selbstverständliche Diensttreue!

Pfarramt und Kirchenpflege


Quellen
  • Maurer, E.: Eine neue Orgel für die Kirche Weiach. Weiach, 1966 - S. 8
  • Unter uns... Seltenes Dienstjubiläum. Seit 40 Jahren amtet Herr Walter Harlacher (geb. 1927) als Organist in der Kirche Weiach. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Oktober 1986 - S. 30-34.

Donnerstag, 27. Dezember 2018

In memoriam Mauro Lenisa

Heute um 14:30 beginnt in der evangelisch-reformierten Kirche Weiach der Trauergottesdienst für den am 17. Dezember verstorbenen Mauro Lenisa statt, vgl. WeiachTweet Nr. 1939:




Der Redaktor des WeiachBlog spricht der Trauerfamilie auf diesem Weg sein Beileid aus.

Im Gedenken an unseren ehemaligen Gemeindepräsidenten wird an dieser Stelle ein von Mauro verfasster Artikel eingerückt. Er zeigt beispielhaft auf, welche Ziele er zusammen mit seinen Gemeinderatskollegen während seiner Amtszeit von 1982 bis 1990 verfolgt hat.

Heute würde man das Nachstehende wohl ein «Leitbild» nennen. Früher nannte man das noch ganz bescheiden «Ziele». Der Sinn und Zweck bleibt aber der gleiche. Möge das damals Gesäte auch in unseren Tagen Frucht tragen.

Weiach – eine Dorfgemeinschaft verwirklicht sich

Von Gemeindepräsident Mauro Lenisa

Im Lauf der jüngsten Geschichte hat die Gemeinde Weiach verschiedene Zeitabschnitte erlebt, welche die Behörden vor jeweils unterschiedlich gelagerte Aufgaben stellten. Die sechziger und der Beginn der siebziger Jahre waren durch den Ausbau der Infrastruktur geprägt. In der Folgezeit standen der Neubau des Schulhauses und die kommunale Richtplanung zuoberst auf der behördlichen Traktandenliste.

Dieser Zeitabschnitt wurde zu Beginn der Amtszeit der jetzigen Behörde abgeschlossen. Der Gemeinderat setzte sich für die laufende Amtsperiode zum Ziel,
- die Dorfbevölkerung offen über die Belange der Gemeindepolitik zu orientieren und damit zur aktiven Teilnahme zu motivieren;
- bestehende, starre Richtlinien zu hinterfragen und zu überdenken;
- die persönlichen Kontakte und den Gedankenaustausch zu intensivieren;
- ganz allgemein das Wohlbefinden der Dorfbevölkerung zu steigern.

Offenheit in Politik und Information

Um diesem Anliegen gerecht zu werden, benötigten die Behörden ein Werkzeug. Es wurde in Form des «Mitteilungsblattes für die Gemeinde Weiach» geschaffen. Im monatlichen Rhythmus wird aus der Arbeit der Behörden berichtet. Mit persönlichen Artikeln einzelner Behördemitglieder wird auch über die Hintergründe einzelner Entscheide informiert. Die Tatsache, dass sich Leser mit Stellungnahmen zu aktuellen Problemen äussern, zeigt, dass das Mitteilungsblatt beliebt und unentbehrlich geworden ist.

Anstrengungen im Natur- und Landschaftsschutz

Der Beschluss der Grundeigentümer, die Güterzusammenlegung durchzuführen, bedeutete für die Weiacher Landwirte einen Lichtblick, ermöglicht sie doch für die Betriebe eine Planung auf lange Zeit. Güterzusammenlegungen sind aber nicht nur mit eitel Freude verbunden. Vielerorts wurde bei ihrer Durchführung der Forderungen von Natur- und Landschaftsschutz wenig Beachtung geschenkt. Den Behörden ist es ein grosses Anliegen, gemeinsam mit der Meliorationsgenossenschaft und den Grundeigentümern zu zeigen, dass eine Erhöhung der Effizienz und Produktivität in der Landwirtschaft ohne Zerstörung unserer Umwelt erreicht werden kann.

Ziel: Wohlbefinden

Wohlbefinden in einem Dorf kann mit Zusammengehörigkeitsgefühl umschrieben werden. Hier werden Gefühle und Verhalten angesprochen -  nicht Zahlen und Kurven. Zu erkennen, dass ein Gespräch oft der Frustration und Enttäuschung vorbeugen kann, ist Voraussetzung. Eine Güterzusammenlegung ohne gegenseitiges Vertrauen und ohne Gesprächswillen, z.B. zwischen Grundeigentümer und Pächter, ist kaum denkbar. Wir Weiacher scheinen dies verstanden zu haben.

Das hübsch renovierte «alte Schulhaus» brachte Platz für die Schul- und Gemeindebibliothek. Mit viel Elan versucht die neukonstituierte Bibliothekskommission, das Interesse für Kunst und Literatur zu wecken. Die übrigen Räume werden den Dorfvereinen zur Verfügung gestellt. Der warme Kachelofen lädt geradezu zu Kaffee und Kuchen ein!

In der neu erstellten Schulanlage bemühen sich zur Zeit 47 Schülerinnen und Schüler der Primarschule ums ABC. Die Schule wird in Doppelklassen geführt. Als Unikum ist zu erwähnen, dass die fünfte Klasse lediglich von einem Knaben und einem Mädchen besucht wird. Das besonders gute Verhältnis zwischen Eltern, Lehrerinnen, Schülern und Schulbehörde ermöglicht eine optimale Führung des Schulbetriebes. Die Sekundarschule, Realschul- und Oberschulstufe besuchen die Weiacher Schüler in Stadel. Leider führt der Radweg noch nicht bis ins Dorf, so dass die Schüler auf ihrem Schulweg die Hauptstrasse benützen müssen. Die Weiterführung des Radweges ist dringend notwendig.

Die Bautätigkeit hat zwar nicht abgenommen, sich aber doch eher auf Umbauten verlagert. Viele schön herausgeputzte Riegelbauten schmücken das Dorf, und die Neubauten fügen sich gut ins Dorfbild ein. Eine rege Tätigkeit hat sich in Form von Sanierungen in bezug auf das Wasser-, Abwasser- und Elektrizitätsnetz entwickelt. Die Müllbeseitigung ist in Weiach geregelt. Die Gesundheitsbehörde hat dieses Problem seit Jahren erkannt und hat auch Lösungen dazu gefunden.

Es liegt nun an jedem einzelnen, auch danach zu leben und zu handeln.

Quelle

Unpaginierte Beilage zu: Neues Bülacher Tagblatt, Mittwoch, 18. April 1984.

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Im Wappen zwei Zacken zugelegt

Auf Anfrage einer Journalistin des Zürcher Unterländers habe ich in meinen ortshistorischen Unterlagen gegraben. Die Dame war auf der Suche nach einer Sonderbeilage des Neuen Bülacher Tagblatts: «Weiach – lebendiges Dorf in der nordwestlichen Ecke des Zürcher Unterlandes», erschienen am Mittwoch, 18. April 1984, die in der Schweizer Mediendatenbank (für Nicht-Medienschaffende unter der Marke Swissdox verfügbar) nicht enthalten ist. Ich konnte ihr den gewünschten Beitrag zur Verfügung stellen.

Ein Fehler des NBT?

So weit, so gut. Nur habe ich dann noch den nachstehenden Kasten mit dem Titel «Das Gemeindewappen» kurz überflogen und dachte mir: «Moment mal, was schreiben die denn da? Das stimmt doch nicht!» Was genau da nicht stimmt, davon handelt dieser Beitrag.


«Die älteste Darstellung des Wappens von Weiach wird im Dekanatsalbum des Pfarrkapitels Regensberg von 1719 überliefert. Es zeigt im von Silber und Blau schräggeteilten Schild einen achtstrahligen Stern. Dieser ist von Gold und Schwarz facettiert und steht in keinem bestimmten Verhältnis zum Zürcher Schild. Auf der 1843 gegossenen Kirchenglocke fehlt die Schrägteilung; es wurde lediglich ein sechsstrahliger Stern abgebildet. Die gleiche Darstellung, einen sechsstrahligen goldenen Stern auf blauem Grund, wählte man als Verzierung für die 1860 angeschaffte Fahne des Gesangsvereins Weiach. Die Wappentafel von Krauer brachte wieder den Zürcher Schild und den achtstrahligen Stern, diesmal in verwechselten Farben. Nach diesem Vorbild wurde offensichtlich das Gemeindewappen auf der Schützenfahne von 1902 gestaltet. Die Wappenkommission der Antiquarischen Gesellschaft hielt an der Version von Krauer fest. Der Gemeinderat Weiach erklärte sich am 28. November 1931 mit dem ihm eingereichten Entwurf ohne Facettierung einverstanden. Das Wappen geht wohl auf die alte Taverne «Zum Sternen» zurück.»

Lesern der Monographie «Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» kann dieser Abschnitt bekannt vorkommen. Er ist dort zu grossen Teilen in Anhang 5 abgedruckt.

Mit Ausnahme des letzten Satzes stammt der gesamte Text dieses Kastens von Dr. h.c. Peter Ziegler  aus seinem Standardwerk «Die Gemeindewappen des Kantons Zürich» (Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd. 49 / 142. Neujahrsblatt; Zürich, 1977 – S. 106). Der letzte Satz ist leicht umgeschrieben aus Walter Zollingers «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach» (1972; 1984 in 2. Auflage erschienen – S. 10) übernommen.

Hatte der Stern acht Zacken? Oder doch sechs?

Folgt man Ziegler, ist der Fall klar: die älteste erhaltene Darstellung zeige einen achtzackigen Wappenstern, der lediglich von den Einheimischen auf sechs Zacken reduziert, von Krauer dann aber wieder richtig dargestellt worden sei, nur «diesmal» halt in verwechselten Farben (d.h. gespiegelt am Zürcher Schild).

Nun ist Ziegler nicht nur in Wädenswil und am oberen Zürichsee seit Jahrzehnten eine unumstrittene Kapazität in historischer Lokalforschung. Er hat auch viel zur Geschichtsschreibung des Kantons Zürich beigetragen, ist Autor der Schulbuch-Reihe «Zeiten – Menschen – Kulturen».

Zitate einer solchen Koryphäe nimmt man als Hobbyhistoriker deshalb erst einmal für bare Münze. Bis... ja bis man auf dem indirekten Weg über das NBT auf eine Ungereimtheit stösst. Und zwar geht es um die Frage, ob die «Ursprungsform» des Weiacher Wappenstern acht oder nicht doch nur sechs Zacken (auch Strahlen genannt) aufweist. Es sei vorweggenommen, die richtige Antwort lautet «6» und Ziegler hat einen Bock geschossen.

Zieglers Fehler

Wenn man sich die aktuelle Fassung des Anhangs 5 in der dieses Jahr erschienenen 6. Auflage von «Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» vornimmt (vgl. Bild unten), dann muss man in der Tat schon fast Tomaten auf den Augen haben, um die offensichtliche Diskrepanz zwischen Zieglers Aussage, der Weiacher Stern im Dekanatsalbums sei achtstrahlig (roter Kasten) und dem Original auf Blatt 98 des besagten Albums (weisser Pfeil auf die Abb. 36), wo der Stern eindeutig lediglich sechsstrahlig ist, zu übersehen:

Die älteste erhaltene Überlieferung gibt also dem Weiacher Wappenstern sechs Zacken, dito viele aus dem 19. Jahrhundert überlieferte lokale Objekte (Glocken, Fahnen, etc.). Das Standardwerk liegt falsch und die Journalisten des NBT sind freizusprechen.

Krauer hat doch obsiegt

Warum also hat der Weiacher Wappenstern heute acht Zacken und nicht sechs? Das haben wir Krauer zu verdanken, einem findigen Unternehmer, der um 1860 eine sogenannte Wappentafel auf den Markt warf.

Johannes Krauer war Lithograph. Und nicht unbedingt Heraldiker. So könnte es zu erklären sein, dass er nichts dabei fand, die implizit gegebene Blasonierung (also die Beschreibung der verbindlichen Elemente des Wappens - und nicht nur eine «Version», wie Ziegler das nennt) gleich in zwei Punkten eigenmächtig abzuändern, konkret: aus sechs Zacken acht zu machen und die Schrägteilung auch im Stern zu spiegeln.

Nicht ausgeschlossen ist, dass Krauer oder die von ihm Beauftragten das Dekanatsalbum gekannt haben, denn er übernimmt die dort gegebene Facettierung, eine Unterteilung der Fläche des Wappensterns, die einen 3D-Effekt ergibt:


Dank der vom Zeichner des Dekanatsalbums begangenen heraldischen Todsünde «Metall auf Metall» (goldener Stern auf silbernem Hintergrund) und seiner in den 1920ern doch schon seit einigen Jahren verbreiteten achtzackigen Version (Beispiel: Weiacher Schützenfahne von 1902) hat im Verlauf der Arbeiten der Gemeindewappenkommission zwischen den zwei Weltkriegen dennoch die Krauer'sche Blasonierung obsiegt, unser Wappen also definitiv zwei Zacken zugelegt:


Links im Bild die Weiacher Wappenpostkarte, aus einer Abfolge von Serien, die von der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich (AGZ) zwischen 1926 und 1936 herausgegeben wurde, eine neue Serie jeweils dann, wenn wieder fünf durch die zuständige Gemeindebehörde genehmigte Wappen vorlagen (vgl. Ziegler 1977 – S. 17). Man sieht, dass aufgrund des Neigungswinkels der Schrägteilung die Zacken nicht im rechten Winkel zur Papierachse stehen.

Rechts die Darstellung, wie man sie im Gemeindewappenbuch von 1977 auf S. 106 findet. In diesem ab 1969 laufenden Projekt wurde die geschwungene Oberkante begradigt, was dann zur Folge hatte, dass der Neigungwinkel steiler gestellt werden musste. Nur so konnte man den schräggeteilten Stern ins Lot stellen. Nicht geklärt ist, ob diese Version von Walter Käch (im Dezember 1970 verstorben) oder seinem Nachfolger, Heraldiker Fritz Brunner gezeichnet worden ist.

Weiterführende Links
  • Antiquarische Gesellschaft in Zürich (Hrsg.): Wappenkarte Weiach. Ansichtskarte: Strichklischee; 14 x 9,3 cm. Aus der AGZ-Wappenkarten-Serie, Zürich 1926-1936. Karte Weiach nach November 1931 (Annahmeschreiben Gemeinderat vom 28. November 1931) erschienen.
  • Korthals, M.: 75 Jahre Gemeindewappen-Kommission – Was Gemeinden im Schilde führen. In: Neue Zürcher Zeitung, 4. Januar 2001.
  • Brandenberger, U.: Dorfzeichen, Wappen und Logo. Wie unsere Gemeinde zu ihren Erkennungszeichen kam (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) Nr. 84. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, November 2006 – S. 11-15, (Gesamtausgabe 2017 – S. 303-307).
  • Brandenberger, U.: 75 Jahre offiziell anerkanntes Wappen. Wie unsere Gemeinde zu ihren Erkennungszeichen kam (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) Nr. 85. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Dezember 2006 – S. 14-21, (Gesamtausgabe 2017 – S. 308-315).
  • Dbachmann (Hauptautor): Wikipedia-Artikel Zürcher Gemeindewappen
  • Weiacher Wappen im Heraldry Wiki

Dienstag, 25. Dezember 2018

Beim Läuten Kopf und Kragen riskiert

Der Weiacher Sigrist riskierte Kopf und Kragen. Er gab alles für das Wohlergehen seiner Gemeinde. Das muss man zumindest glauben, wenn man den folgenden Beitrag im Lägern-Boten vom Samstag, 29. April 1865 liest:

«Als am Montag zu Weiach anläßlich eines in einer Waldung ausgebrochenen Brandes der Sigrist die S[t]urmglocke läutete, rieß [sic!] der Zugriemen entzwei und der Sigrist that in Folge dessen einen so unglücklichen Fall rücklings, daß er ein Bein brach. Der Brand ist bald gelöscht worden und hat keinen großen Schaden angerichtet.»

Der Brand und der damit einhergehende Unfall ereigneten sich also am 24. April. 

Bezeichnend ist, dass diese Kurzmeldung kein Wort über mangelnden Unterhalt des Zugriemens verliert. Es ist ja offensichtlich, dass die Kirchgemeinde da am falschen Ort gespart hatte. Auf Kosten ihres Angestellen. Auch darüber, wie es dem Verunfallten danach gesundheitlich erging, schweigt sich die Kurzmeldung unter der Rubrik Lokales leider aus. 

Zu hoffen ist, dass der Sigrist keine bleibenden Schäden davongetragen hat oder gar gestorben ist. Bei komplizierten Brüchen kam das damals häufiger vor; denn ein ausgebautes Gesundheitswesen und medizinische Wunderwaffen wie Antibiotika gab es noch nicht.

Quelle

 Lägern-Bote No. 17, Regensberg, Samstag den 29. April 1865 – S. 2.

Montag, 24. Dezember 2018

Kuhgespanne in älterer Fassung des Dorfgedichts

Ja, Weiach hat ein Dorfgedicht - mindestens eines! So muss man das wohl nennen, wenn ein paar Verse lokalpatriotischen Inhalts für Wert erachtet werden, über Jahrzehnte in den Schubladen unterschiedlicher Gemeindebürger zu schlummern.

Das Dorfgedicht, um das es hier geht, wurde unter dem Titel «Es Dörfli» 2008 in den Gemeindemitteilungen abgedruckt (vgl. den mit Kommentar versehenen Text in WeiachBlog Nr. 651 vom 23. September 2008).

Solche spontan eingesandten (und veröffentlichten) volkstümlichen Beiträge haben im 21. Jahrhundert Seltenheitswert. In den Anfangszeiten der «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» sind sie hingegen regelmässig zu finden. Die Redaktion (das Ehepaar Mauro und Ursula Lenisa) hat die oft handschriftlichen Zuschriften nicht selten im Original drucken lassen. So auch diese hier vom Mai 1988:

Wer den nachstehenden von Schenkel eingereichten, mit Schreibmaschine getippten Text mit dem 2008 publizierten vergleicht, erkennt die bis auf die Orthographie über weite Strecken identischen Inhalte. Ein Kommentar folgt im Anschluss:

Oises Dörfli ano 1920

1.
Es git es Dörfli, sisch z'underscht im Land,
E herzigs Nestli mit Züri verwandt.
J gsenes vormer wies artig da lit,
von Obstbäume beschattet zur Summerszit.

2.
Jm Mai doch erst wie schön isches im Mai.
Jm Blühet muesch es go g'schaue Juhei.
Jm Herbst na wenn Zwigli hanget voll Frücht.
Und alles amene prächtige Garte glicht
Und usem Garte chömed die herrliche Grücht

3.
Es Chirchli staht da, s'isch tusig nett
Jm Büehl ene luegets vom Türmli det
Es lueget fründli uf d'Hüser uf d'Lüt
Wie gester so sorgets für alli na Hüt.

4.
Von "Hofwiese" grüesst es heimeligs Hus
Fast Tägli springt d’Jungmannschaft i und us
S'wird [nöd] nu läse und schriebe drinn g'lehrt
Au d'Wisheit fürs Läbe wo so vill isch wert

5.
Jm Dorf obe chlapperet d'Mühli am Bach
Sie lauft mit der Zit verstaht ihres Fach.
Sie Mahlt und sortiert s'Mehl schmackhaft und zart
Us Cherne, usem Hasli und usem Hard.

6.
Witer une flüsst s'Bächli wieder in Teich
Es müend halt d'Wasserchreft usgnutzt sii zWeich.
E Werchstatt tribts na scho vili Jahr
Ja früener het mer det Tröschet sogar.

7.
Zur Sagi hindere gats Källe-n-uf
Am Holz fehlts nannig wos brucht für de Bruef
Me bringts vo de Bleiki, vom Sanzeberg
Vom Jsebüheli isch grad so begehrt.

8.
De Bedme i, muess mer wämmer per Bahn
Z'Visite, oder uf Züri will ga
Js Holzwerk, oder i Schäftliastält
Js Rhistedtli oder Kaiserstuhl wenns eim gfallt

9.
Gascht am Rhjhof une vorbj
Stoht es Wasserrad im Rhj
Wils elektrisch zoge is Land
Stoht sie jetzt im Ruhestand

10.
Und prachtvolli Wiese hets, Ackerland
Das ghört ja zum löbliche Buurestand
S'hett herliche Wald, nachli Rebe und Chlee
Vill Geisse und hühner, feiss Säu und schöns Veh

11.
S'isch gsuecht das fin Tafelobst wos da git
Die chreftig Milch bis i Stadt ie beliebt
D'Herdöpfel glichfals was meistens guet grat
Und s'Uebrig wo d'Landwirtschaft stellt parad

12.
Jm Früehlig natürli lockt d’Fasnachtflueh
Ganz bsunders s’Jungvolk gern zuenere ue
De Blick ufs Rafzerfeld uf de lieb Rhj
Uf Brugg und de Römer-turm ziehts eim hi

13.
Am Sunntig drum öppe wen d’Sunne lacht
Wird e sone gfreuts Türli i d’Höchi gmacht
S'wird gsunge und g'juchzet und gmüetli ta
S'wott Strüssli vo Maie e jedes na ha

14.
Dur d’wuche dur puurets vom Berg bis an Rhj
Potz wüeschte Fahne wie henkets da i
Mit Chüegspann fahrets über Land
Sie ziehend au de Pflueg durs Ackerland

15.
Obwohl ei gross Werch am andere folgt
So werdet im Summer vill Beeri gholt
Jm Stocki, im Schwendi, im Büechlihau
Und sinds derbi z'friede im Weiachergau

16.
Bim heiga wird gsunge und g'johled derbj
Dass es tönt bis äne an Rhj
Heubeerirolle - Chrätte hämer volle
Und Buschle i der Hand und es Mul es ischt e Schand

17.
Drum wämers nu grad eso mache wie sie
Und wöisched mer Gottessägä na dri
Und leged mer alles i sini Hand
Eusers so liebi W e i a c h e r l a n d .

Kommentar Anno 2018

Strophen 9, 11 und 16 nach der Fassung Schenkel (s. oben) sind in der Fassung Wagner (vgl. WeiachBlog Nr. 651) nicht enthalten. Möglich - ja wahrscheinlich - ist es, dass sie direkt von Schenkel stammen, erwähnt er doch in seinem handschriftlichen Kommentar selber, er habe das Gedicht «erweitert».

In Strophe 9 bringt Schenkel die Sprache auf das Wasserrad im Rhein beim Rhihof, welches gemäss Lagerbuch der Gebäudeversicherung 1912 einem Hochwasser zum Opfer gefallen ist (möglicherweise bereits 1910; vgl. Wasserrad beim Rheinhof weggeschwemmt, WeiachBlog Nr. 859 vom 15. Juni 2010; Bild des Wasserrads: vgl. http://doi.org/10.3932/ethz-a-000131290; im Mai 1925 postalisch gelaufen). Schenkel sagt im Gedicht einerseits, dieses Rad habe noch in den 1920ern bestanden und sei letztlich der Elektrifizierung zum Opfer gefallen, bzw. deswegen ausser Betrieb gesetzt worden (die Elektrizitätsgenossenschaft Weiach gibt es seit 1912). Vielleicht handelt es sich um ein nicht mehr versichertes Nachfolgeobjekt.

Mit der «Brugg» (bei Wagner nicht erwähnt) ist in Strophe 12 die Kaiserstuhler Rheinbrücke gemeint. «Römerturm» ist der (irreführende) volkstümliche Name des mittelalterlichen Oberen Turms, dem weithin sichtbaren Wahrzeichen des Städtchens.

Es dürfte auch so sein, dass es sich bei der Schenkelschen Vorlage tatsächlich um einen älteren Text handelt. Wo nämlich an entsprechender Stelle (Strophe 14) bei Schenkel steht: «Mit Chüegspann fahrets über Land. Sie ziehend au de Pflueg durs Ackerland» ist bei Wagner dieser Passus durch: «Scho mängi Aarbet muess eläktrisch gaa. Mit Raat und Taat gänd d’Eltere naa.» ersetzt worden.

An dieser Modernisierung widerspiegelt sich indirekt der technologische Wandel, der bereits in den 1950er-Jahren Kuhgespanne zu einer aussterbenden Kuriosität gemacht hatte (darüber hat Walter Zollinger in seinen Jahreschronik 1959 geschrieben, vgl. WeiachBlog Nr. 680 vom 1. Oktober 2009).

Noch in den 1920er-Jahren aber, wo Schenkel die Entstehungszeit des Dorfgedichts ansetzt, dürften angesichts der damals noch vorherrschenden kleinbäuerlichen Strukturen vorgespannte Kühe gang und gäbe gewesen sein. So wie schon Mitte des 19. Jahrhunderts, wie es in der sog. Ortsbeschreibung 1850/51 zum Ausdruck kommt:

«Unter allen Hausthieren sind die armen Kühe am meisten zu bedauern, die Pflug und Wagen der kleinen Landwirthe allein schleppen und zugleich die ganze Haushaltung sammt denen, die draussen harren, mit hinreichender Milch versehen sollten, was den guten und willigen Thieren um die schwere Zeit ein etwas bedenkliches Aussehen gibt.» (Ortsbeschreibung Weiach, Abschnitt VII Viehzucht von Hans Heinrich Willi, Vieharzt)

In Schenkels Strophe 15, 3. Zeile, wird der Flurname «Büechlihau» erwähnt. Bei Wagner steht an selbiger Stelle (wohl verschrieben) «Büechli au», was so natürlich keinen Sinn macht. «Stocki» und «Schwendi» sind gleichfalls dorfnahe Waldstücke. Eine sinnentstellende Auslassung kennt auch die Fassung Schenkel in Strophe 4. Die fehlende Negation ist deshalb in eckigen Klammern ergänzt.

Auch die Strophe 16 wirkt schon vom Dramaturgischen her wie nachträglich eingebaut. Denn da kommt schon wieder Gesang und - diesmal gar: «Gejohle» vor.

Damit bleibt mir an Heiligabend nur noch eins übrig: mich dem in Strophe 17 geäusserten Wunsch nach Gottes Segen anzuschliessen.

Quelle

Schenkel, Joh.: Oises Dörfli ano 1920. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Mai 1988 - S. 4-5.

Sonntag, 4. November 2018

Warum liegt der «Sternen» an der Stadlerstrasse?

Warum trägt der ehemalige Gasthof Sternen (Assekuranznummer 603) die Adresse Stadlerstrasse 2 und nicht das Riegelhaus rechterhand des Beginns der Chälenstrasse (Assekuranznummer 460), dessen Hauseingang eindeutig auf der Seite der Stadlerstrasse liegt, das aber nichtsdestotrotz die Adresse Chälenstrasse 2 trägt?

Betrachtet man die heutige Situation mit dem grossen asphaltierten Platz, dann kann man genauso auf die Idee kommen, der «Sternen» liege an der Kaiserstuhlerstrasse. Sie führt von der Parzellenbezeichnung «74» auf dem Plan der Amtlichen Vermessung aus nach Westen (nach Osten verläuft von dort aus die Glattfelderstrasse):

Bild: Amtliche Vermessung Kanton Zürich, 2016 (Stand am 23. Mai 2016)

Stützt man sich hingegen auf alte Karten, die den Zustand vor dem Ausbau der Sternenkreuzung (Mitte der 1970er-Jahre) zeigen, dann könnte der «Sternen» auch an der Kaiserstuhlerstrasse liegen. Ohne Ausbau der Kreuzung trüge das Gebäude seit 1992 wohl die Adresse Kaiserstuhlerstrasse 1.

Gehen wir auf eine Zeitreise. Und sehen uns zuerst die Situation wenige Jahre nach dem 1830 erfolgten Bau des «Sternen» an. Die Vorlage für die sog. Topographische Karte des Kantons Zürich (Wild-Karte), ist eine detailgenaue kolorierte Tuschzeichnung (StAZH PLAN A 8.24), die in den 1840ern erstellt wurde:


Grün punktiert dargestellt sind Baumgärten, bzw. Hausgärten, rot Häuser in denen Menschen leben, schwarz reine Ökonomie- und Gewerbebauten, sowie öffentliche Bauten, wie Gemeindewaschhäuschen.

Etwas weniger übersichtlich und detailreich als die Zeichnung das Resultat im Druck auf der Wild-Karte ab 1850:


Im Topographischen Atlas der Schweiz, genannt Siegfried-Karte, der ab 1870 entstanden ist, zeigt sich die Situation des Jahres 1880:


Der Baumgarten auf der gegenüberliegenden Strassenseite des «Sternen» existiert nach wie vor. Auf der den Zustand von 1930 abbildenden Siegfriedkarte wurde er einer neuen Linienführung der Hauptstrasse geopfert. Neu ist da ein Dreieck eingezeichnet, das allerdings auf der Landeskarte nicht mehr existiert:

Siegfriedkarte 1930

Landeskarte L+T, zw. 1956 und 1961

Inflation der Nummer 2

Gehen wir zurück zum eingangs gezeigten Katasterplan, auf dem es rund um die Sternenkreuzung eine wahre Inflation der Gebäudenummer 2 gibt. Im Uhrzeigersinn beginnend im Osten haben wir da die Glattfelderstrasse 2, dann den Bachweg 2, die Büelstrasse 2, die Chälenstrasse 2 und die Stadlerstrasse 2 (eben den ehemaligen «Sternen»). Merkwürdigerweise gibt es auf diesem Plan von 2016 die Adresse Bachweg 2 scheinbar gleich doppelt.


Eine Parzelle, zwei Strassennamen

Auf den Karten ist der Fall klar: die in der Verlängerung der Chälenstrasse liegende Strasse nach Nordosten, welche Stadlerstrasse und Glattfelderstrasse verbindet, ist eine topologische Einheit und bildet auch eine Parzelle, die Nr. 1475. Für die amtlichen Vermesser war deshalb klar, dass der Bachweg direkt in die Stadlerstrasse mündet. Das tat er aber in der Realität nie. Dort wo auf dem Vermessungsplan «Bachweg» prangt, hat die Gemeinde eine Strassentafel mit der Bezeichnung «Büelstrasse» angebracht.

Der Vermessungsplan enthält gleich noch einen weiteren Fehler. Der Hauseingang des Gebäudes mit der Assekuranznummer 220 (Büelstr. 2) ist nicht auf derjenigen Gebäudeseite eingezeichnet, wo er sich tatsächlich befindet. Ruft man auf dem GIS des Kantons das Gebäuderegister auf, dann liegt der Hauseingang des Gebäudes Büelstr. 2 dort, wo sich der rote Kreis befindet. Wenn nun der Bachweg schon an der Stadlerstrasse begänne und nicht erst nach der Verengung, nachdem die Rechtskurve Richtung Oberdorf passiert ist, dann müsste dieses Gebäude die Adresse Bachweg 2 tragen, die ehemalige Post die Adresse Bachweg 4.

Da muss das Ingenieur- und Vermessungsbüro Landolt, das den Plan für Weiach führt, über die Bücher. Und wo sie schon dabei sind, wäre auch eine klare Abgrenzung zwischen Kaiserstuhlerstrasse und Glattfelderstrasse sinnvoll. Denn aufgrund der Grenzen der Parzelle 74 kann man analog zum soeben geschilderten Problem auf die Idee kommen, die Glattfelderstrasse beginne erst auf der Höhe der Einmündung des Bachwegs, nicht dort, wo die Stadlerstrasse auf die Hauptstrasse stösst.

Nachtrag vom 7. November 2018

Wie man aktuell auf maps.zh.ch (dem GIS des Kantons Zürich) sehen kann, ist die Abgrenzung zwischen Bachweg und Büelstrasse mittlerweile an die Realität angepasst worden. Die Parzelle 1475 wird jetzt durch einen Strich dort unterteilt, wo der Strassenname ändert. So zumindest im Plan der Amtlichen Vermessung (http://maps.zh.ch/s/fgguu8i8). Auf dem sog. «Übersichtsplan» (http://maps.zh.ch/s/gprtyms9) ist die Darstellung wie gehabt irreführend.

Andere Situationen, bei denen Parzellengrenzen in die Irre führen, stehen noch im Plan der Amtlichen Vermessung. So die oben erwähnte Situation auf der Sternenkreuzung. Oder die Abgrenzung zwischen Seerenstrasse und Dörndlihag. Nur dank dem als Bauprojekt eingetragenen Haus Dörndlihag 2 kommt man auf die Idee, dass die Seerenstrasse nicht die gesamte Parzelle 1206 umfasst: http://maps.zh.ch/s/tjmz3x83 - da hätte man doch die Abgrenzung zwischen den Parzellen 1205 und 1206 gleich an der richtigen Stelle machen können. Oder stehen die nicht beide im Gemeindeeigentum?

Und um die im Titel dieses Artikels gestellte Frage abschliessend zu beantworten: Die Adresse des «Sternen» kann seit der umfassenden Sanierung der Kaiserstuhlerstrasse gar nicht mehr anders lauten als «Stadlerstrasse 2». Man sieht das an einem kleinen Detail, der nun entlang der gesamten Nordflanke durchgezogenen Insel zwischen Strasse und Trottoir/Radweg (im Mai 2016 war die noch nicht durchgehend, vgl. erstes Bild oben). Damit ist eine Zufahrt auf den Platz vor dem «Sternen» mit Motorfahrzeugen nur noch über die Stadlerstrasse möglich.