Freitag, 1. Mai 2015

So schnell starb das Milchbüchlein nicht

Wenn man die Zeilen Walter Zollingers über den Wechsel der Milcheinnehmer per 1. Mai 1965 zum Nennwert nimmt (vgl. WeiachBlog vom 30. April 2015), dann wurde auf diesen Zeitpunkt auch vom Milchbüechli auf die Milchmarken umgestellt.

So schnell wurde aber auch in Weiach das Büechli nicht abgeschafft. Und man konnte weiterhin mit Bargeld bezahlen, wenn man wollte. Das erklärte zumindest eine der beiden letzten Einnehmerinnen, Elisabeth Odermatt, im Gespräch mit WeiachBlog.

Was macht man bei Preisaufschlägen?

Odermatt (noch heute wohnhaft an der Riemlistrasse 13) war zwischen 1977 und 1989 eine feste Grösse im täglichen Leben des Dorfes. Zusammen mit Elisabeth Hösli schmiss sie den Laden in der «Hütte».

Interessant ist, dass die Weiacher nicht wie andere Genossenschaften auf die Idee kamen, bei Preisänderungen Löcher in die Marken stanzen zu lassen, um Jetons erkennen zu können, die noch nach altem Preis verkauft worden waren (vgl. Kunzmann 2013 für Beispiele).

Als der Verkaufspreis heraufgesetzt wurde, da habe der Präsident der Genossenschaft sparen und auf neue Marken verzichten wollen. Sie habe sich richtig wehren müssen für andersfarbige Jetons. Nach den Bestellbüchern von Güller zu schliessen dürfte sich diese Auseinandersetzung entweder 1979 oder 1985 abgespielt haben. Odermatt setzte sich durch und wohl deshalb gibt es heute verschiedenfarbige Milchmarken mit dem gleichen Nennwert.

Marken erleichtern Abrechnung

Auch Odermatt hebt die Vorzüge des Milchmarken-Systems hervor. Das habe viel Zeit gespart, weil sie nur noch einmal Ende Monat hätten abrechnen müssen. Auch zu ihrer Zeit habe es noch die Milchbüechli gegeben. Aber die meisten Kunden hätten jeweils die Marken bezogen.

Anfang Monat sei es jeweils ums Geld gegangen. Eine von ihnen beiden (Hösli oder sie) habe die Monatsabrechnung gemacht, die andere während dieser Zeit Milchmarken verkauft. Und den Erlös hätten sie dann samt Abrechnung dem Kassier abgegeben (ob es der Post-Ruedi gewesen sei, wisse sie nicht mehr sicher).

Die Zeit in der «Hütte» sei eine schöne gewesen. Gegen Ende der 80er-Jahre habe sie aber zunehmend gesundheitliche Probleme bekommen, vor allem mit dem Rücken, wegen der einseitigen Belastung durch das Hantieren mit schweren Milchkannen und das Ausschenken. Gerade gesund sei die Arbeit also nicht gewesen.

Besuche im Eichi Niederglatt

Im Januar 1990 sei dann die «Hütte» geschlossen, die Milch mittels Tankwagen ab dann direkt von den Höfen abgeholt worden. Da habe sie dann Zeit gehabt für anderes.

Zusammen mit Elisabeth Hösli hat Odermatt im Alterszentrum Eichi in Niederglatt regelmässig betagte Weiacherinnen besucht: darunter meine langjährige Nachbarin Luise Wagner, ehemals wohnhaft Chälenstrasse 25, sowie Frau Schwendener und Emma Erb. Die drei hätten immer ganz genau wissen wollen, was in Weiach laufe.

Quellen
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1965 – S. 20. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1965].
  • Kunzmann, R.: Milchmarken der Schweiz. Gietl-Verlag, Regenstauf, 2013 - S. 415.
  • WeiachBlog: Gespräch mit E. Odermatt vom 20.7.2015
[Veröffentlicht am 28. Juli 2015]

Donnerstag, 30. April 2015

Milchmarken statt Milchbüchlein

Milch und daraus hergestellte Produkte waren früher auch in Weiach ein wesentlicher Bestandteil der landwirtschaftlichen Realität. 1883 gründeten die Weiacher Landwirte zur besseren Vermarktung eine Käsereigenossenschaft (kurze Zeit später in «Käsereigesellschaft» umbenannt, vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 47). Diese Gesellschaft wurde im Juni 1910 aufgelöst.

Ab 1912 existierte dann die «Milchgenossenschaft Weiach», welche im November 2009 ihren Zweck änderte und sich seither «Bauerngenossenschaft Weiach» nennt.

Neue Einnehmer, neues Abrechnungssystem

Vor 50 Jahren war die «M.G. Weiach», wie sie in der Kurzbezeichnung hiess, noch sehr aktiv und betrieb auch die Milchhütte beim VOLG, eine Annahme- und gleichzeitig Verkaufsstelle für Rohmilch. Eine wichtige Position nahm die Stelle des Milcheinnehmers ein, wie Walter Zollinger in seiner Jahreschronik 1965 notierte:

«Milchgenossenschaft Weiach: Mit dem 30.4.65 traten Herr und Frau Jost-Griesser als Milcheinnehmer zurück; neu übernahmen ab 1.5. diesen Posten Herr und Frau Walter Schmid-Gantert im Berg. Zugleich werden auf diesen Zeitpunkt anstelle der bisherigen Milchbüchlein nun Milchmarken ausgegeben, die jeweils anfangs jeden Monats im Milchlokal gekauft werden können.»
(G-Ch Weiach 1965, S. 20)

Von den Vorteilen der Milchmarken

Die durch Milchmarken ermöglichte Vereinfachung im täglichen Gebrauch leuchtete sowohl den Genossenschaften wie den Privathaushalten ein.

Für die Milcheinnehmer entfiel das mühsame Hantieren mit Bargeld, was nicht nur eine Zeitersparnis bedeutete (Austausch des Wechselgelds entfiel), sondern auch eine Verbesserung der Hygiene, denn der Kunde konnte seine Jetons in eine Schachtel legen und erhielt dafür die entsprechende Menge Milch in sein Kesseli abgemessen. Mütter konnten bereits kleine Kinder mit Kesseli und Jetons ausgerüstet zum Milchholen schicken. Und liefen dabei nicht Gefahr, dass Bargeld anderweitig verputzt wurde oder das Wechselgeld nicht stimmte.

Und nicht zuletzt konnte man auf diese Weise am Monatsanfang die ungefähr benötigte Menge Milch im Voraus bezahlen. Die Milchproduzenten erhielten so ihr Geld früher und liefen erst noch weniger Gefahr, sich bei Zahlungsausfall eines Kunden den Betrag ans Bein streichen zu müssen. Was beim Milchbüechli-System natürlich ab und zu passierte. Denn da wurde Milch auf Kredit ausgeschenkt und nicht gegen Einhändigung eines Zahlungsmittels, wie dem Ersatzgeld «Milchmarke».

Ein weites Feld für Numismatiker

Bei diesen praktischen Vorteilen wundert es nicht, dass solche Milchmarken im 20. Jahrhundert in der Schweiz weitherum üblich waren. Der Numismatiker Dr. Ruedi Kunzmann hat in seinem Buch «Milchmarken der Schweiz» hunderte von Beispielen dokumentiert. Sie sind nach seiner Einschätzung etwa ab 1910 entstanden und waren bis in die 90er-Jahre in Gebrauch.

In den meisten Fällen handelt es sich bei diesen Marken um runde Jetons aus Messing, ab den 50er-Jahren auch aus eloxiertem Aluminium (das damals erschwinglich wurde). Mit ihnen konnte auf einfache Weise der Warenbezug abgerechnet werden, wobei es sich praktisch immer um Milch handelt, seltener auch um Butter oder Rahm.

Neben der Milchgenossenschaft Weiach gaben nach dem 2013 publizierten Katalog von Kunzmann auch die Milchverkaufsstellen von Windlach, Bachs, Stadel und Steinmaur eigene Prägungen heraus. Was nicht bedeutet, dass es solche in Fisibach, Kaiserstuhl oder Glattfelden nicht gegeben hat.

Wie die Weiacher Marken aussahen

Ab und zu tauchen auf den Auktionsportalen auch solche Milchmarken auf. Im März 2011 zum Beispiel die unten abgebildeten,aus rot eloxiertem Aluminium geprägten Münzen (Vorder- und Rückseite):
Gemäss dem damaligen Anbieter auf Ebay hat die Wert-Marke für 1 Liter Milch der M.G. Weiach einen Durchmesser von 24,1 mm.

Auch im Katalog Kunzmann (1. Aufl. 2013) sind auf S. 415 unter den Nr. 2051 und 2052 vom Prägebild her identische Beispiele abgebildet. Dazu sind folgende Erläuterungen gegeben:

«WEIACH / M. G. (Milchgenossenschaft)Weiach (Kt. ZH)

2051
1/2 Liter Milch ohne Jahr
Legierung: Aluminium hellgrün oder hellblau eloxiert
Durchmesser: 20 mm
Prägestätte: Güller
Seltenheit: selten
Besonderes: Auslieferungen am 23.4.1965 und 10.5.1985

2052
1 Liter Milch ohne Jahr
Durchmesser: 24 mm
Prägestätte: Güller
Seltenheit: selten
Besonderes: Auslieferungen am 23.4.1965, 18.5.1965, 6.12.1966, 27.6.1979, 10.9.1979 und 10.5.1985
»

Als «selten» bezeichnet Kunzmann Milchmarken, die er zwischen 2008 und 2013 zwischen 3 und 10 mal angetroffen hat.

Die auf Ebay verkaufte Marke eingerechnet gab es also Halblitermarken in hellgrün und hellblau, sowie Litermarken in natur (silbern) und rot. Wann genau welche Farben beschafft, bzw. im täglichen Gebrauch eingesetzt wurden, ist mir bislang nicht bekannt.

Die Angaben aus den Geschäftsbüchern der Firma Güller betreffend die erste Auslieferung per 23. April 1965 passt perfekt auf die Angaben von Zollinger, ab wann die Milchgenossenschaft Weiach Milchmarken in Umlauf brachte.

Fast alle Marken kamen aus dem Furttal

Die Prägestätte Güller war übrigens zu dieser Zeit der unangefochtene Quasimonopolist auf diesem Gebiet. Nach Kunzmanns Schätzung (vgl. S. 15 oben) stammten zur Blütezeit der Milchmarken (zwischen 1930 und 1960) mehr als 90% aller Auslieferungen an Milchmarken von dieser 1845 gegründeten und im kleinen Hüttikon im Furttal ansässigen Firma. Sie existiert bis heute als Familienunternehmen in der 6. Generation und arbeitet seit 1864 am selben Standort, vgl. http://www.guellersoehne.ch/

Die Herkunft aus dem Furttal erklärt denn auch, weshalb sich sehr viele Marken punkto Grösse und Design so sehr ähneln. Güller bot nämlich ihren Kunden an, für die Wert-Seite der Marke einen Standardstempel gratis mitbenutzen zu können. So musste jeweils nur die genossenschaftsspezifische Seite eigens hergestellt werden. Das sparte Kosten.

Quellen
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1965 – S. 20. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1965].
  • Kunzmann, R.: Milchmarken der Schweiz. Gietl-Verlag, Regenstauf, 2013 - S. 415.
[Veröffentlicht am 28. Juli 2015]

Mittwoch, 29. April 2015

Aprilwetter 1965: reichlich Regenfall und sehr kühle Winde

Ein «unfreundlicher, regnerischer und windiger Geselle» sei der März 1965 gewesen, schrieb Lokalchronist Zollinger vor bald 50 Jahren (vgl. WeiachBlog vom 30. März 2015). Der nachfolgende Monat überzeugte genauso wenig, wenn man ihn an der jahreszeitlich geeichten Erwartung misst:

«April. Auch dieser Monat fuhr ähnlich fort, immer über 10° Mittagswärme und nur nachts zuweilen wenig unter 5° sinkend. Die Nachmittage sind meist sonnig und angenehm. „Die Pfirsich- und Aprikosenspaliere blühen bereits, wenn auch noch nicht voll“, steht in meinem Heft. Die zweite Monatshälfte allerdings zeichnet sich dann durch reichlichen Regenfall und sehr viel kühle Winde aus, zweimal sogar noch Schneegestöber und Sturmnächte. Der letzte Apriltag schenkt uns dann nochmals einen schönen, sonnigen Nachmittag. Sonst also war die zweite Hälfte April sehr wechselvoll, regnerisch, unfreundlich. Dadurch konnten die Frühjahrssaaten erst verspätet und nur in unterbrochenen Intervallen durchgeführt werden, was sich ungünstig auf das ganze Wachstum auswirkte. Gut nur, dass nicht noch Spätfröste auftraten, sonst wär’s dann ganz gefehlt.

Höchsttemperaturen morgens 10°, mittags 19°, abends 11°
Tiefsttemperaturen morgens 2°, mittags 5°, abends 2°
»

Ein April zum Abhaken also. Leider war auch die Hoffnung auf Besserung vergebens, wie man im späteren Verlauf des Jahres feststellen musste.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1965 – S. 5. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1965].
[Veröffentlicht am 27. Juli 2015]

Sonntag, 26. April 2015

Musikalisch grenzüberschreitend zusammengespannt

Das Wehklagen, Vereine aller Couleur hätten allenthalben mit Mitgliederschwund zu kämpfen und niemand möge sich mehr engagieren, ist heute Legion.

Weniger bekannt ist, dass dies schon vor 50 Jahren so war - zumindest in unserer Gegend und im Bereich der Musikvereine. Dies beweist die nachstehende Mitteilung, die damals in alle Haushaltungen verteilt wurde - und von Walter Zollinger in seine Jahreschronik aufgenommen worden ist:

«Musikgesellschaft Kaiserstuhl / Dorfmusik Weiach

An die Bevölkerung von Kaiserstuhl, Weiach und Fisibach

Jedes Jahr verlassen junge Leute nach der Lehre oder Rekrutenschule das Elternhaus und ziehen in die Fremde. So entstehen in den verschiedenen Vereinen immer grosse Lücken. Von dieser Strömung sind auch die beiden Musikgesellschaften von Weiach und Kaiserstuhl nicht verschont geblieben. Um die nun in letzter Zeit entstandenen Lücken auszufüllen, haben die beiden Musikgesellschaften beschlossen, bis auf weiteres gemeinsame Proben abzuhalten. Sie treten je nach Anlass gemeinsam oder unter Zuzug der nötigen Bläser des andern Vereins selbständig auf.

Wir geben hiermit der Bevölkerung der 3 Gemeinden von diesem Sachverhalt Kenntnis und wir rechnen auch weiterhin auf Verständnis und moralische Unterstützung seitens der Bevölkerung. Mit unsern Vorträgen hoffen wir auch in Zukunft Freude und Abwechslung in den Alltag zu bringen. Für die bis anhin gewährte finanzielle Unterstützung möchten wir auch an dieser Stelle herzlich danken.

Musikgesellschaft     Dorfmusik
Kaiserstuhl               Weiach

Kaiserstuhl und Weich [sic!], den 26. April 1965»

(Quelle: G-Ch Weiach 1965, S. 36)

Auf der letzten Zeile sieht man einen der klassischen Vertipper: Weiach ohne «a». Da fühlt man sich gleich an Google erinnert, wo man gefragt wird, ob man «Weich» meine. Oder an Twitter, wo gleich ungefragt nur «weiche» Resultate erscheinen.

Der Dirigent als Auslöser

Weiter vorn, im Textteil der Jahreschronik 1965, verrät Zollinger auch, was bei den Vereinen intern ablief und wie sie zu dieser engen Zusammenarbeit gefunden haben:

«Dorfmusik: Am 20.2. fand die Abendunterhaltung im "Sternen" statt. Zum letzten-mal [sic!] leitete Herr Walter Harlacher den Konzertteil. Er wird ab Frühjahr die Musikgesellschaft Regensdorf übernehmen, ein bedeutend grösserer Verein. An der G.V. wurde deshalb ein neuer Dirigent gewählt, Herr E. Wyss aus Bassersdorf, der zugleich die "Stadtmusik Kaiserstuhl" leitet. Da beide kl. Musikkorps unter starkem Bläsermangel zu leiden haben, wurde dazu noch beschlossen, ab Frühjahr 1965 erstmals den Versuch zu wagen, i.W. zwischen einem Lokal in Weiach und einem in K'stuhl, die Proben zusammenzulegen. Bei grössern Anlässen wird zudem gemeinsam aufgetreten, bei lokalen Festen einander ausgeholfen. Weil ja nun beide Korps denselben Dirigenten haben, ist diese Vereinbarung unter den gegenwärtigen ungünstigen Verhältnissen eine ganz geschickte Lösung.» (G-Ch Weiach 1965, S. 18)

Allianzen sind halt doch wesentlich einfacher zu schmieden als Fusionen. Walter Harlacher war übrigens auch lange Jahre Weiacher Organist.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1965 – S. 18, 36. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1965] 
[Veröffentlicht am 27. Juli 2015]

Dienstag, 31. März 2015

Gefährliche Rindviecher

Landwirte leben gefährlich. Das war früher so und gilt bis heute. Nicht nur der Umgang mit der modernen Technik, mit Traktoren, Frontladern, Güllengruben und Siloballen, bringt Risiken mit sich. Eine altbekannte Gefahr lauert vor allem auch im und um den Stall.

Kühe und Rinder sind durch ihre schiere Grösse eine Gefahrenquelle. Eine Kuh wiegt rasch einmal 600 kg, ein Stier kann auch mehr als eine Tonne auf die Waage bringen. Wenn diese Masse in Bewegung kommt und der Mensch ihr in die Quere gerät, dann sind schwere Verletzungen unvermeidlich.

Heute vor genau 50 Jahren traf es einen älteren Weiacher, damals 69-jährig, wie Walter Zollinger in seiner Jahreschronik vermerkt:

«An Nichtverkehrs- Unfällen muss ich erwähnen:

31. März: Albert Baumgartner 96, Amtsrichteralbi genannt, verunfallte im Stall, als er dem Klauenschneider ein Stück Vieh hinausführen wollte; Beinbruch und innere Verletzungen, die leider zum Tode im Spital führten.
»

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1965 – S. 22. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1965]
[Veröffentlicht am 15. Juni 2015]

Montag, 30. März 2015

Märzwetter 1965: der Winter geht in die Verlängerung

Für den Februar 1965 berichtete Dorfchronist Zollinger über einen «gewaltigen Schneesturm». Der Februar habe sich mit richtigem Winterwetter verabschiedet. Deshalb verwundert es nicht, welches Wetter dann zu Beginn des März vorherrschte:

«Man hätte nun eigentlich genug Winter genossen. Aber der März will wohl zeigen, dass er es so gut versteht, wie sein Vorgänger: gleich am ersten Morgen überrascht er mit einer schneeweissen Landschaft. Es hat so tüchtig geschneit, dass die Pfadschlitten nochmals aufgeboten werden müssen. Auch in den nächsten Tagen noch mehrmals! Dazu ist es ordentlich kalt (-12°, -10°, am 4. bzw. 5.3.), sodass der gefrorne Schnee umsolänger brauchen wird, bis er wieder verschwindet. Die Vormittage sind meist neblig oder der Himmel durch Hochnebel bedeckt, nachmittags dann jeweilen eher sonnig und warm (+5°, +7°, +12°). So schmilzt die Schneedecke doch langsam weg; dafür wird’s überall auf den Hausplätzen und Dorfstrassen recht kotig. Erst der Regen vom 16.3. räumt endlich ganz auf mit den letzten Resten. Die zweite Monatshälfte bringt überhaupt ziemlich reichliche Regenfälle, sei es nachts oder vormittags. Die Nachmittage und Abende sind, mit wenig Ausnahmen, sonnig und ziemlich warm (13, 14. 16°). Der 21.3., der kalendermässige Frühlingsanfang, war allerdings ein überaus unfreundlicher, regnerischer und windiger Geselle. Im übrigen aber konnten die Gartenarbeiten wenigstens begonnen werden. Die vielen Tage mit Nachmittagstemperaturen von 10 und mehr Graden (deren 12 seit mitte Monat) förderten auch den Graswuchs auf den Wiesen und die Blütenbildung an den Obstbäumen.»

Erst Mitte März war also der Winter 1964/65 so richtig vorbei. Und wenn die Weiacher Bauern gewusst hätten, was das Jahr sonst noch so mit sich bringen würde... Aber davon sei in späteren Artikeln die Rede.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1965 – S. 4-5. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1965].
[Veröffentlicht am 21. Juli 2015]

Donnerstag, 5. März 2015

Pneumatische Orgeln: früh ein Sanierungsfall

Die erste richtige Orgel in der reformierten Kirche Weiach wurde 1930 eingebaut. Und bereits in den 60er-Jahren war dieses Instrument ein Abbruchobjekt! Weniger als 40 Jahre - das ist für eine Kirchenorgel kein Alter. Wie kam es dazu?

Dass die Kirchgemeinde nicht gerade Glück mit diesem Instrument hatte, wurde bereits kurz nach der Einweihung klar: «Problemlos war der Umgang mit dem neuen Schmuckstück nicht. 1932 gab es «Störungen wegen Feuchtigkeit». Das gewählte pneumatische System ist auf Temperaturschwankungen ganz besonders anfällig. Holz arbeitet, was Ventile klemmen lässt.» (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 68).

Der im Rahmen der grossen Gesamtrestauration der Kirche ab 1965 beigezogene Experte riet schliesslich gar davon ab, auch nur noch einen Franken in diese Kuhn-Orgel zu investieren. Die Spielart sei ungenau und das hänge ursächlich mit dem pneumatischen System zusammen (vgl. WeiachBlog vom 14. September 2006).

Eine Frage der Traktur

Das System, das da Probleme machte, ist eines der Herzstücke einer Orgel, die sogenannte Traktur. Der entsprechende Wikipedia-Artikel erklärt: «Als Traktur bezeichnet man bei der Orgel einerseits die Verbindung zwischen den Tasten und den Spielventilen (Spieltraktur oder Tontraktur) und andererseits das System zum Ein- und Ausschalten der Register (Registertraktur).»

Der Abschnitt über die pneumatische Ausführung spricht die Schwachstellen deutlich an: «Ein Hauptbestandteil jeder pneumatischen Traktur ist eine große Zahl kleiner Bälgchen, Taschen und/oder Membranen. Je nachdem, wie zugänglich diese in den Windladen verbaut wurden, konnte es bei einer Wartung oder Reparatur Probleme geben. Ein ganz besonderer Nachteil war jedoch, dass diese Bauteile recht störanfällig waren und oft schon nach wenigen Jahrzehnten komplett ausgetauscht werden mussten. (Eine solide mechanische Traktur kann hingegen mehrere Hundert Jahre halten.) Das Fehlen eines spürbaren Druckpunktes beim Anschlagen einer Taste ist ein weiterer Nachteil der pneumatischen Traktur.»  (https://de.wikipedia.org/wiki/Traktur#Pneumatisch)

Nicht nur ein Weiacher Problem

Die Einschätzung, dass viele Besitzer pneumatischer Orgeln mit denselben Problemen kämpf(t)en wie die Weiacher, bestätigt ein Tages-Anzeiger-Beitrag von Ende Januar 2015 über die Inhaber der Orgelbaufirma Metzler in Dietikon (vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Metzler_Orgelbau). Das Familienunternehmen baut mittlerweile seit über 125 Jahren Kirchenorgeln, da kommt einiges an Erfahrung zusammen:

«Etwas nostalgisch blicken sie [Andreas und Mathias Metzler] auf die Boomzeit des kirchlichen Orgelbaus zurück: In den 60er- bis 80er-Jahren musste man die vielen qualitativ schlechten pneumatischen und elektrischen Orgeln aus der Vorkriegszeit ersetzen. Wobei der Trend weg von der romantischen Orgel, zurück zu den Wurzeln ging, also zu den barocken und mechanischen Orgeln. Auch im Grossmünster ersetzte Vater Hansueli Metzler die kaputte pneumatische Orgel durch eine mechanische, die sich besonders für barocke Musik, Bach und moderne Kompositionen eignet. Es war die erste grosse Orgel, die wieder eine mechanische Spieltraktur (Verbindung von den Tasten zu den Ventilen) hatte, versehen neuerdings mit einer elektrischen Koppelung.» (TA, 30.1.2015)

Offenbar alles eine Frage der Traktur. So gesehen ist es kein Wunder, dass die erste Weiacher Orgel nicht lange durchhielt.

Quelle
[Veröffentlicht am 21. Juli 2015]

Freitag, 20. Februar 2015

Kies statt Salz auf die Strasse

Bereits in den Angaben Walter Zollingers zum Februarwetter 1965 (vgl. WeiachBlog vom 8. Februar) liest man, die Pfadschlitten hätten in diesem Monat viel Arbeit gehabt.

Um die Strassen befahrbar zu machen, kann man zwar auch nur pfaden. Schwarzräumung durch Einsatz von Tausalz war aber anscheinend vor 50 Jahren das Mittel der Wahl:

«Der viele Schneefall im Februar im ganzen Gebiet des Kt. Zürich bewirkte, dass das "Strassensalz" knapp wurde; deshalb bemerkte ich, dass am 17.2. und in den nächstfolgenden Tagen die Strassen nicht mehr gesalzen, sondern, wie ehedem, wieder Kies von Lastwagen auf die Fahrbahn geschaufelt wurde.»

Damals gab es also offenbar noch keine Splitt-Streuer an den Fahrzeugen der kantonalen Strassendienste.

Dass Schnee auf der Strasse die Autofahrer im Flachland auch vor Jahrzehnten schon überfordert hat, zeigt übrigens bereits Zollingers Jahreschronik über das Wetter von Anfang Dezember 1964. Der erste richtige Schnee des Winters, eine «schlüpfrige Nassschneeschicht», brachte etliche Automobilisten in Schwierigkeiten (vgl. WeiachBlog vom 29. Dezember 2014).

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1965 – S. 22. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1965].
[Veröffentlicht am 18. Juni 2015]


Sonntag, 8. Februar 2015

Februarwetter 1965: Gewaltiger Schneesturm

Bereits in seinen Ausführungen zum Januar 1965 verwendete Walter Zollinger den Begriff «Hornerwetter». Was damit genau gemeint ist? Eine Definition habe ich in Lexika und Wörterbüchern früherer Jahrhunderte bislang noch nicht gefunden - und auch Google bringt es nur auf 52 Fundstellen.

Eine davon gibt immerhin einen weiteren Hinweis. Es handelt sich um den «Volkskalender für Freiburg und Wallis» von 1919, auf dessen Kalenderblatt zum Hornung (die Bezeichnung «Februar» steht in Klammern klein daneben) man nicht nur Angaben zu den Mondphasen sowie Bauernregeln findet, sondern auch die auf den Februar 1919 passende Aussage aus dem «100jährigen Kalender»: «(...) der Monat schließt mit richtigem Hornerwetter, mit unfreundlichem Schneegestöber ab».

Ob Regen wie bei Zollinger (Beschreibung des Januars 1964) oder Schneegestöber (wie in diesem katholischen Kalender) - die Bezeichnung «Hornerwetter» lässt auf eine ungemütliche Witterung schliessen.

Wie war demnach der Horner 1965? Zollinger beginnt seine Schilderung mit einer Bauernregel:

«"An Maria-Lichtmess Sonnenschein,
geht der Fuchs in sein' Höhle hinein".

Und richtig! Am 2.2. war der ganze Nachmittag sonnig; gegen abend wehte allerdings ein kalter Oberwind. Vom 3. Februar an zog dann der Winter nochmals ein; es schneite öfters, sodass die Pfadschlitten wieder tüchtig Arbeit bekamen. Am 8.2. notierte ich folgende "Besonderheit":

"Nachmittags 13.15 Uhr zieht ein gewaltiger Schneesturm v. NW her; man sieht keine 100 m weit, dazu Blitz und Donner und nachher sehr kühler Wind".

Dieses Wintergewitter ist etwas so seltenes, dass sogar Radio und Meteorologische es für Wert erachteten, es zu erwähnen. Auch weiterhin hielt das winterliche Wetter an; der ganze Monat Februar hat also gezeigt, dass es in unsern Breitengraden doch noch Winter sein kann, wenn's schon in den letzten Jahren gar nicht mehr so schien. Wiesen und Gärten und Häuser waren während des grössten Teils des Monates immer etwa mit Schnee bedeckt, die Pfadschlitten wurden auch in der zweiten Monatshälfte mehrmals benötigt. Kalt war's ebenfalls immer, vor allem abends und nachts, wenn auch nie übermässig. Einzig am 22. morgens war's -13°, aber gleich nachmittags nur noch -2°.

Tiefsttemperaturen morgens -9° (-13°), mittags -4°, abends -8°
Höchsttemperaturen morgens +4°, mittags +4°, abends +2°.

Neben meist mit Hochnebel bedecktem Himmel, brachte der Februar, trotz den öftern Schneefällen, doch 12 sonnige Nachmittage und 2mal sogar schon am Vormittag etwas Sonne.
»

Also. So extrem war es mit dem Hornerwetter wohl dann doch nicht grad - bei so viel Sonne! Bemerkenswert ist aus der heutigen, von Klimaerwärmungsdiskussionen geprägten Sicht, dass im Flachland bereits vor 50 Jahren der Eindruck aufkam, es gebe keine richtigen Winter mehr.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1965 – S. 3-4. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1965].
[Veröffentlicht am 17. Februar 2015]

Mittwoch, 4. Februar 2015

Alertswiss. Hochwachten, Sirenen und Smartphone-Apps

Heute ist der erste Mittwoch im Februar. Und das bedeutet in der Schweiz: Sirenentest! Dafür gibt es sogar eine eigene URL: sirenentest.ch. Sie verweist auf eine Webseite des Bundesamts für Bevölkerungsschutz wo u.a. folgendes erklärt wird:

«Ausgelöst wird um 13.30 Uhr in der ganzen Schweiz das Zeichen "Allgemeiner Alarm", ein regelmässig auf- und absteigender Heulton von einer Minute Dauer. Wenn nötig darf die Sirenenkontrolle bis 14.00 Uhr weitergeführt werden. Ab 14.15 Uhr bis spätestens 15.00 Uhr wird im gefährdeten Gebiet unterhalb von Stauanlagen das Zeichen "Wasseralarm" getestet. Es besteht aus zwölf tiefen Dauertönen von je 20 Sekunden in Abständen von je 10 Sekunden. Insgesamt werden rund 7800 Sirenen auf ihre Funktionstüchtigkeit geprüft.»

Auf den jährlichen Test-Termin hin hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) eine Website lanciert, die in einem Gemeinschaftsprojekt mit den Kantonen entwickelt wurde: alertswiss.ch.  

Relevante Informationen und ein persönlicher Notfallplan...

Auf ALERTSWISS werden für die Schweizer Bevölkerung relevante Informationen zur Vorsorge und zum Verhalten bei Katastrophen und Notlagen zur Verfügung gestellt.

Aktuell findet man zu folgenden Gefährdungen Erläuterungen und passende Verhaltensempfehlungen: Erdbeben, Hitzewelle, Hochwasser, Kältewelle, Pandemie, Starkschneefälle, Stromausfall, Sturm, Unfall Chemie, Unfall KKW, Unfall Stauanlage sowie Waldbrand.

Eine gute Vorbereitung ist das A und O. Wer vorsorgt und sich vorbereitet, kann Leben schützen und retten - das eigene und das seiner Angehörigen. Ein vom BABS in Auftrag gegebenes Video (Sind Sie sicher?) zeigt auf, wie wichtig eine gute Vorsorge ist und wie ein persönlicher Notfallplan helfen kann, im Ernstfall schnell und richtig zu reagieren:



Die Website bietet auch einen Blog. Und man kann ALERTSWISS followen: auf Twitter, Youtube sowie mit RSS.

Für Smartphone- und Tablet-Besitzer gibt es die Möglichkeit, sich eine App zu besorgen, auf der man u.a. die Vorlage für den persönlichen Notfallplan herunterladen und ihn dann mit den eigenen Informationen befüllen kann.

Seltsame Organisation im Kanton Zürich

Alles gut und brauchbar. Nur der Link «Mehr über Gefahren in meinem Kanton erfahren» wirft für den Kanton Zürich mehr Fragen als Antworten auf: wo bei anderen Kantonen auf die Kantonale Krisenorganisation gelinkt wird und es dort konkrete Informationen zu Gefahren gibt (so z.B. für die Kantone Freiburg und Bern) wird beim Kanton Zürich nur auf die Kontaktseite des Kantons und damit - halten Sie sich fest - auf die Staatskanzlei verwiesen. Was die wohl mit Katastrophenmanagement zu tun haben?

Für so etwas gäbe es eigentlich schon eine zuständige Stelle: die Kantonale Führungsorganisation mit ihren regionalen und kommunalen Pendants (RFO und GFO). Als Kontakt fungiert die Bevölkerungsschutzabteilung, die Teil der Kantonspolizei ist.

Die grösste Schweizer Stadt hat sogar eine eigene Stabstelle Katastrophenmanagement, die bei der Stadtpolizei angesiedelt ist.

Verweis auf den Fehlalarm von 1703

Die Verbindung nach Weiach hat der Winterthurer «Landbote» geschlagen. In einem heute publizierten Artikel mit dem Titel «Harz, Feuer und Böller anstelle von Sirenen» erläutert Jonas Gabrieli, wie das Hochwachtensystem bis 1870 eine schnelle Alarmierung sicherstellte. Wobei da natürlich vor allem eine Gefährdung im Vordergrund stand: ein militärischer Angriff.

In einem Abschnitt zu Fehlalarmen und deren Auswirkungen schreibt Gabrieli: «Ein zweiter Vorfall  [nach einem von 1664 am Menzingerberg] ereignete sich 1703 in Weiach, als elsässische Touristen fälschlicherweise für Spione gehalten wurden. Zwei Frauen schrien voller Angst: «Der Franzos ist im Land!» Der Wachtmeister auf der Hochwacht war aber glücklicherweise skeptisch und alarmierte die anderen Hochwachten nur halbherzig.»

Details zum Vorfall in Weiach finden Sie in den Weiacher Geschichte(n) Nr. 56: «Blinder Lärmen». Wie die Weiacherinnen 1703 gegen die Franzosen kämpfen wollten. (publiziert in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Juli 2004). Anhand dieses von Gabrieli verwendeten Originals kann man sich dann auch überlegen, ob die Elsässer wirklich Touristen waren - und nicht doch eher zu Geschäftszwecken in der Eidgenossenschaft weilten.