Mittwoch, 17. Juni 2020

Projekt «Balance». Gibt Kaiserstuhl den Fahrplan vor?

Das Projekt soll ohne ausreichende Reifezeit in der öffentlichen Diskussion durchgeboxt werden, ohne alle wesentlichen Stakeholder zu beteiligen! So einer der Vorwürfe der Gegner der Vorlage zum Ersatzbau Schul- und Mehrzweckanlage Hofwies (sog. Projekt «Balance»), die am 28. Juni 2020 zur Urnenabstimmung gelangt.

Da fragt man sich natürlich, woher die Eile kommt. Was sind die Gründe für den von Gemeinderat und Schulpflege vorgegebenen, als Parforce-Ritt empfundenen Zeitplan?

Unverschiebbarer Anlass für das Projekt ist die Schulraum-Frage. Konkret: die Bugwelle an schulpflichtigen Kindern, die Weiach mit dem Abschluss der Bauprojekte im Gebiet zwischen Bedmen und Altem Bahnhof, aber auch in der Chälen erreicht hat.

Dass diese Welle kommen würde, war nach Genehmigung der Quartierpläne schon vor vielen Jahrn sonnenklar. Deutlicher wurden die Umrisse bei der Analyse der jeweiligen Baubewilligungen. Unwägbarkeiten gab es nur noch die Umstände betreffend: wann, in welcher Konzentration und mit welcher Alterstruktur diese Welle im Schulalltag eintreffen würde.

Fakt ist: dieses Problem haben sich die Weiacher ganz allein eingebrockt. Die Kaiserstuhler und Fisibacher Kinder erhöhen nur die Amplitude der Welle. Die Energie derselben hat aber auf Weiacher Boden ihren Ursprung.

Das Blöleboden-Gambit

Ein weiterer Antrieb für das Projekt «Balance» findet sich in der auf der Projektsite verlinkten Videopräsentation zum Bauprojekt (die als Ersatz für eine damals Corona-bedingt nicht mögliche öffentliche Informationsveranstaltung erstellt wurde):

«Kaiserstuhl und sein Blöleboden-Wohnbau-Projekt treiben die Gemeinde Weiach vor sich her. Daher der Druck auf rekordverdächtige Umsetzungszeit für Ersatzneubau MZH Hofwies (November 2020 bis Sommer 2022).»  (vgl. WeiachTweet Nr. 2853 vom 1. Mai 2020)

Seitdem die Kaiserstuhler Schüler die Bildungsangebote in Weiach, Stadel und Bülach nutzen (also seit gut vier Jahren) steht die Anlage Blöleboden westlich des alten dreieckigen Stadtkerns leer. Der Rat von Kaiserstuhl unter Stadtammann Weiss musste nun das Problem lösen, was damit geschehen solle. Das war die Eröffnung eines Schachspiels, das nun Zeitdruck auf die Weiacher ausübt.

Nein, wir wollen keine Testosteron-Bomben

Der Kanton Aargau, immer auf der Suche nach geeigneten Unterkunftsmöglichkeiten für Asylanten, wurde auf diese leerstehende Immobilie aufmerksam. Die Aussicht, dass da bald hundert vor allem junge testosterongeladene Immigranten auf einem Haufen leben würden, stiess aber sowohl in Fisibach wie auch in Weiach auf Ablehnung. Das konnte man in den Mainstream-Medien (vgl. Quellen unten) aber auch in den Social Media (für Weiach: der Gemeindepräsident) nachverfolgen.

Es hätte keine Container-Lösung geben müssen

Nach Auskunft von Stadtammann Weiss habe Kaiserstuhl bereits damals, als es um die Frage ging, ob man zur Abfederung der Schülerzahlen Container stellen wolle (Schulweg 10; heute neben dem roten Platz und dem Sandbecken realisiert, wo früher eine kleine Wiese war), seinen Schulraum angeboten. In der Weiacher Schulpflege entstand ob der Frage «Container oder Kaiserstuhl?» eine Patt-Situation, die der Präsident mit dem Stichentscheid zugunsten der Container drehte.

Reservationsvertrag bis im September 2020

Weiter gibt es gemäss Weiss einen Reservationsvertrag für die Miete der Räume im Blöleboden, der für 50'000 Franken abgeschlossen wurde. Dadurch musste er von der Schulpflege Weiach nicht dem Stimmvolk zur Genehmigung vorgelegt werden. Wenn die Weiacher die darin stipulierte Möglichkeit, die Schulräume und die Turnhalle im Blöleboden zu nutzen, auch ausüben, dann würden die CHF 50'000 sogar an die Mietkosten angerechnet, so Weiss.

Schulsouveränität und Alterswohnungsmangel

Die Schulfrage war übrigens für Kaiserstuhl eine conditio sine qua non für die Unterschrift unter den Fusionsvertrag mit den Studenländer Gemeinden (Ziffer 9.7 des Vertrags, vgl. Quellen unten). Hätte es diesen Passus, dass die Kaiserstuhler (und vor ihrem Ausstieg auch die Fisibacher) eigenständig über den Schulstandort ihrer Kinder entscheiden können, nicht gegeben, dann wäre Kaiserstuhl auch 2022 nach wie vor selbstständig und nicht Teil der künftigen Fusionsgemeinde Zurzach.

Für das Areal Blöleboden ist aktuell eine Umzonung in der Pipeline, so Weiss. Sie werde wohl nicht vor Ende 2021 beendet sein, so dass man frühestens 2022 an den Umbau gehen könne. Auf der bestehenden Tiefgarage soll dann eine neue Siedlung mit 60 Einheiten entstehen, die vor allem kleinere Wohnungen umfasst. Denn Kaiserstuhl hat das Problem eines akuten Mangels an altersgerechtem Wohnraum, weshalb viele Einwohner lieber in ihrem Altbau im alten Stadtkern vier Stockwerke belegen, bis es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr geht. Und sie dann für immer aus dem Städtchen wegziehen müssen. Klar ist: In den nach Realisierung der Wohnüberbauung Blöleboden freiwerdenden Altbauten könnte es dannzumal natürlich auch wieder mehr Kinder geben...

Fazit: Den Druck haben nicht (nur) die Kaiserstuhler aufgesetzt

Das Städtchen Kaiserstuhl ist seit seiner Gründung im Jahre 1255 ein Machtfaktor, den die Weiacher immer auf der Rechnung haben müssen. Dieser wohlbekannte Umstand darf aber nicht den Blick auf hausgemachte Probleme verstellen.

Wenn man mehr als vier Jahre braucht, um eine langfristige Lösung für seine eigenen, sehr wohl absehbaren und zu mindestens zwei Dritteln selbst erzeugten Schulraumsorgen zu finden (ca. 70 von 233 Schülern kommen aus dem Aargau), dann ist nicht das Städtchen daran schuld.

Man muss konstatieren, dass man in Weiach jahrelang planlos herumgeeiert hat (unter anderem mit einem Projekt namens The Bridge). Ebenso, dass sich Gemeinderat und Schulpflege zu spät zu einem gemeinsamen Vorgehen entschlossen haben. All das lässt sich nicht von der Hand weisen.

Wenn man jetzt seitens der Befürworter von «Balance» Druck aufbaut mit dem Hinweis, dass der Blöleboden nur noch für kurze Zeit zur Verfügung stehe und sonst alles teurer werde, dann ist festzuhalten: diese zeitliche Zwangslage ist zu einem sehr grossen Teil auf Weiacher Mist gewachsen.

Quellen

Montag, 15. Juni 2020

Eine calvinistische Bibel im Weiacher Pfarrarchiv

Im Archiv des evangelisch-reformierten Pfarramts einer zürcherischen Gemeinde würde man Zürcher Bibeln vermuten, nicht wahr? Es muss ja nicht gerade eine der ersten Zwingli-Bibeln aus der Werkstatt des berühmten Zürcher Druckers Froschauers sein (dort wurde 1522 das reformatorisch motivierte Sakrileg eines Wurstessens kurz nach Beginn der Fastenzeit begangen).

Das gewichtigste Stück im Weiacher Pfarrarchiv ist jedoch eine 1684 in Bern gedruckte Bibel-Ausgabe. Es handelt sich um eine sogenannte Piscator-Bibel, benannt nach dem zum Calvinismus übergetretenen Elsässer Übersetzer und Kommentator Johannes Piscator (1546-1625), die anfangs des 17. Jahrhunderts erstmals publiziert worden ist.

Die Piscator-Bibel im Weiacher Pfarrarchiv wurde ab 1681 im Auftrag und mittels Vorfinanzierung durch den bernischen Staat gedruckt. Und zwar in einer für die damalige Zeit sehr hohen Auflage von rund 6000 Exemplaren in verschiedenen Ausstattungen. Dennoch war die Nachfrage aus den bernischen Gebieten (die damals vom Waadtland bis in den Aargau reichten) derart rege, dass z.B. dem Landvogt von Lenzburg beschieden wurde, man müsse seine Bestellung um einen Drittel kürzen, da man nicht genügend Exemplare drucken könne.

Wenn also schon die bernischen Untertanen, die sich dafür interessierten, nicht alle eine dieser Staatsbibeln erhalten haben, dann stellt sich die Frage, wie es dazu kommt, dass ausgerechnet ein solch gefragtes Exemplar den Weg nach Weiach findet (das ja bekanntlich nie zum bernischen Gebiet gehört hat).

Wurde diese Bibel erst im 18. oder 19. Jahrhundert antiquarisch erworben und (womöglich an der Zensur vorbei) ins Zürcher Gebiet importiert? Das wird wohl eine für immer ungeklärte Frage bleiben.

Literatur

Freitag, 12. Juni 2020

Unnötiges und verantwortungsloses Luxusprojekt!

Aus der Chälen ist dem Wiachiana-Verlag gestern das nachstehende von einem Weiacher Stimmbürger privat finanzierte und im Zürcher Unterländer vom 11. Juni 2020 eingestellte Inserat (!) zugegangen. Wie das Contra-Flugblatt (vgl. WeiachBlog Nr. 1524) und die Leserbrief-Kanonade (vgl. WeiachBlog Nr. 1525) wird auch diese Wortmeldung im Volltext wiedergegeben.

Hochmut kommt vor dem Fall! oder Wer soll das bezahlen?

Liebe Stimmbürgerinnen und Stimmbürger von Weiach

Am 28. Juni 2020 stimmen wir über einen Mammutbaukredit für einen Neubau der Schul- und Mehrzweckanlage «Hofwies» ab. Ein sogenanntes «Generationenprojekt».

In einer mehrseitigen und farbigen Broschüre von Gemeinderat und Schulpflege soll uns Stimmbürgern von Weiach dieses überrissene Mammutprojekt schmackhaft gemacht werden und die angeblich seriös berechneten Kosten von Fr. 20'000'000.00 zur Verdauung vorgesetzt werden.

Ich persönlich finde ein solches «Generationenprojekt», wie das von unseren Behörden genannt wird, in der jetzigen Zeit absolut unverantwortlich. Wir gaukeln unseren ohnehin schon wohlstandsverwöhnten Kindern eine noble Zukunft vor, an welcher genau die nächste und auch die übernächsten Generationen noch hart und härter zu beissen haben werden wie je zuvor. Ob sie uns dann noch rühmen für unsere heutige Überheblichkeit, wage ich zu bezweifeln.

Wir haben in Weiach alles was wir brauchen, einen neueren Gemeindsaal mit grosser Küche, eine Turnhalle, wenn auch nicht mehr neu aber durchaus brauchbar. Man kann mit den Schülern auch einmal in der freien Natur und an der frischen Luft turnen. Wir hatten, auch im Kanton Zürich, im Jahr 1967 überhaupt keine Turnhalle und sind trotzdem gross geworden. Oder werden in Weiach, an den Schulen alles Spitzensportler produziert?

Ebenfalls stelle ich die Nutzungsmöglichkeit der gesamten Anlage für Grossveranstaltungen in Frage. Brauchen wir solche Grossveranstaltungen in Weiach wirklich? Wo ist hier der Kosten-Nutzeneffekt? Wie hoch sind die Betriebskosten der neuen Anlage (Sonderpädagogikräume, Werkräume, Lehrer- und Verwaltungsbereich)? Kann Weiach das alles wirklich stemmen, ohne sich ins finanzielle Jenseits zu begeben? In der Umgebung sind genug Klassenzimmer vorhanden, man müsste diese einfach auch nutzen wollen.

Ebenfalls sehr unsympathisch ist die Bauausführung durch einen Generalunternehmer, welcher selber ein hübsches Sümmchen der Baukosten für sich einstreicht, bei der Bauvergabe nur die günstigsten Anbieter berücksichtigt und ganz sicher keine einhemischen Handwerker berücksichtigt. Die einheimischen Weiacher Unternehmer werden dann allenfalls für eventuelle Reparaturen zugezogen.

Man muss ordentlich blauäugig sein, um den Behörden die angekündigte Steuererhöhung von 6% für die nächsten Jahre abzukaufen. In einer Zeit von Coronakrise mit steigender Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, himmelschreiender Staatsverschuldung (laut Thomas Jordan, Nationalbankpräsident), sollten wir hier in Weiach nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen. Laut schweizerischem Städteverband ist in den nächsten Jahren ohnehin in allen Lohnklassen mit empfindlichen Lohneinbussen zu rechnen. Daher ist auch in den Gemeinden, wegen all den vorgenannten Gründen, mit einem massiven Rückgang der Steuereinnahmen zu rechnen. Ebenfalls rückläufig werden in Zukunft die Erträge aus dem Kiesgeschäft sein, von welchem die Gemeinde Weiach nun seit Jahren verwöhnt wurde. Auch ohne luxuriöses Schul- und Saalprojekt ist die angekündigte Steuererhöhung bestimmt nur der kleine Anfang. Die Gemeinde Weiach ist daher gut beraten, will sie auch in Zukunft für Neuzuzüger attraktiv bleiben, haushälterisch und verantwortungsvoll mit ihren Finanzen umzugehen, den Steuerfuss tief zu halten und auf solche unnötigen Luxusprojekte zu verzichten.

Sie liebe Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, haben es am 28. Juni 2020 in der Hand, hier korrigierend einzugreifen. Ich empfehle Ihnen daher ein klares Nein in die Urne einzulegen.


-- Peter Lamprecht, Landwirt, Weiach

Donnerstag, 11. Juni 2020

Projekt «Balance». Gegenoffensive im «Zürcher Unterländer»

Am 9. Juni hat WeiachBlog den Text eines Flyers publiziert, der in allen Briefkästen der Gemeinde Weiach gelandet ist. Er nimmt die Gegenposition zur Pro-Allianz von Gemeinderat, Schulpflege und auswärtigen Amtsträgern aus Fisibach und Kaiserstuhl ein. Und wirbt für ein Nein zum Multimillionen-Bauprojekt «Balance».

Diskutiert wird die Vorlage bisher mehrheitlich ausserhalb der Öffentlichkeit, was vor allem der Corona-Verordnung des Bundes und den darauf aufbauenden rigiden Schutzkonzepten geschuldet ist. Einer der wenigen Punkte wo die Debatte sichtbar und für jedermann nachvollziehbar wird, ist die letzte verbliebene grosse Regionalzeitung «Zürcher Unterländer».

Auf Distanz geführter Meinungskrieg

In deren Leserbriefspalten erschien am 23. Mai ein Contra-Beitrag von alt Gemeindepräsident Werner Ebnöther. Ihm folgten Repliken des amtierenden Gemeindepräsidenten Stefan Arnold und des Schulpflegepräsidenten Sämi Meier am 29. Mai, sowie ihnen sekundierende Beiträge am 6. Juni: einer vom Fisibacher Gemeindepräsidenten Berglas und einer von zwei Frauen aus Alt-Weiacher Familien, Maya Bütler und Heidi Meier.

Wie das beim Meinungskrieg auf Distanz fast unvermeidlich ist, wird der Artillerieangriff Ebnöther mit einem Konterbatteriefeuer auf Bataillonsstufe in zwei Wellen erwidert.

Die einzelnen Salven werden nachstehend gesamthaft im Volltext aufgeführt. Zuerst der Leserbrief von Ebnöther, danach die vier Beiträge der Gegenseite. Die Titel in Anführungszeichen wurden jeweils von der Redaktion des Zürcher Unterländers gesetzt:

«Abstimmung in Weiach im Blindflug»

Die Weiacher Behörden beantragen den Weiacher Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern, dem Kredit über 20 Millionen für die Erweiterung der Schulhausanlage Hofwies am 28. Juni an der Urne zuzustimmen. Für den Neubau würden die Mehrzweckhalle und der 25-jährige Gemeindesaal bis auf die Grundmauern abgerissen. Ohne Informationsveranstaltung müssen die Stimmberechtigten praktisch im Blindflug abstimmen. Ein Informationsaustausch während der Corona-Zeit ist nicht möglich.
Weiach finanziert dieses Projekt allein. Fisibach und Kaiserstuhl beteiligen sich nicht an diesen Investitionskosten, obwohl der Anteil dieser Schüler ein Drittel der Gesamtschule Weiach beträgt. Beim Analysieren der Finanzen aufgrund des Budgets 2020 der Primarschulgemeinde sieht es aber für Weiach sehr schlecht aus. Die Kosten für die Schule mit 233 Schülern (Kindergarten und Primarschule) belaufen sich auf 4'334'504 Franken, also 18'603 Franken pro Schüler. Die beiden Aargauer Gemeinden leisten daran einen Beitrag von 912'100, also 12'668 Franken pro Schüler. Dies ergibt pro Aargauer Schüler eine Deckungslücke von 5934, bei 72 Schülern also 427'317 Franken. Diesen Betrag bezahlen die Weiacher Steuerzahler (über 12 Steuerprozente), damit die Aargauer Schüler bei uns zur Schule gehen können! Diese für Weiach negative Kostenentwicklung stellt man auch beim Steuerfuss der Primarschulgemeinde fest. In den Jahren 2012 bis 2015 lag der Steuerfuss bei 42 Prozent. Ab Sommer 2016 kamen die Schüler aus Fisibach und Kaiserstuhl zu uns in die Schule, und siehe da, der Steuerfuss stieg um 12 Prozent auf 54 Prozent. Dies ist nicht haltbar und auch nicht fair. Denn jede Gemeinde sollte für ihre eigenen Schulkosten aufkommen.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder beteiligen sich Fisibach und Kaiserstuhl an den gesamten Schulkosten, oder die Anschlussverträge mit Fisibach und Kaiserstuhl werden auf den nächstmöglichen Termin gekündigt (durch eine Urnenabstimmung). Somit wäre eine vernünftige Replanung der Schulhauserweiterung möglich, zugeschnitten auf die Weiacher Schüler.
Bevor all diese Probleme nicht geklärt sind, muss dieses Projekt abgelehnt oder mindestens zurückgestellt werden.
Deshalb am 28. Juni ein klares Nein zum unausgereiften Bauprojekt.

-- Werner Ebnöther, Weiach


Es folgen die zwei Leserbriefe vom 29. Mai, von der Unterländer-Redaktion mit dem Hinweis  Ausgabe vom 23. Mai. «Abstimmung in Weiach im Blindflug» versehen.

«Indirekte Beteiligung der Aargauer»

Die Aussage «Abstimmung im Blindflug» ist so nicht korrekt. Die Behörden haben trotz Corona-Krise alles darangesetzt, die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger möglichst detailliert über das Projekt zu informieren. So konnte eine erste Ausstellung am 2. März 2020 noch durchgeführt werden. Weiter wurden die Bürger Ende April mit einer ausführlichen Broschüre über das gesamte Bauvorhaben informiert. Zudem wurde auf der Website der Gemeinde extra eine Seite zum Projekt aufgeschaltet. Im Mai beantworteten Vertreter der Baukommission an drei Abenden während jeweils zwei Stunden telefonisch Fragen zum Projekt. Zu guter Letzt wird dank der erneuten Lockerung durch den Bundesrat am 12. Juni 2020 um 19 Uhr in der Turnhalle Weiach eine Informationsveranstaltung durchgeführt.
Laut Leserbrief würden sich die Aargauer Gemeinden nicht am Projekt beteiligen. Auch diese Aussage ist so nicht korrekt. Im Jahr 2013 gingen in Weiach nur 55 Kinder zur Schule, und die Schule stand kurz vor einer Schliessung. Dank dem Abschluss des Regionalen Anschlussvertrages (RSA) konnte die Schule Weiach als Standort gesichert und eine langfristige Planung in Angriff genommen werden. Dass die Schülerzahlen in den letzten Jahren derart stark ansteigen würden, konnte trotz der hohen Bautätigkeit nicht erahnt werden. Die Aufteilung der Kosten wird im RSA-Vertrag wie folgt geregelt: Die Aargauer Gemeinden zahlen der Gemeinde Weiach einen jährlich von der Konferenz neu festgelegten Betrag pro Schüler. In diesem Betrag sind laut RSA-Gesetz die durchschnittlichen Ausbildungskosten enthalten. Somit beteiligen sich die Aargauer Gemeinden indirekt am Bauprojekt. Weiter wurde bereits in der Broschüre erklärt, dass der Weiacher Steuerzahler praktisch denselben Beitrag pro Schüler bezahlt wie die Aargauer Gemeinden. Die Differenz wird durch den Ressourcenausgleich aufgefangen. Es ist zwar richtig, dass der Steuerfuss in den Jahren 2012 bis 2015 bei 42 Prozent lag. In den Jahren 2014 und 2015 wies die Schule jeweils einen Aufwandüberschuss von circa 500'000 Franken im Jahr 2014 und 570'000 Franken anno 2015 aus. Dieser Überschuss kam ohne die Aargauer Schüler zustande. Eine Steuererhöhung im Rahmen dieser 12 Prozent wäre also auch ohne die Aargauer Schüler unumgänglich gewesen. Deshalb stimme ich dem Bauprojekt mit einem klaren Ja zu, um die Weichen für eine nachhaltige Zukunft von Weiach zu stellen.

-- Sämi Meier, Schulpflegepräsident Weiach

«Ersatzneubau Weiach – ein zielführendes Projekt mit Weitsicht»

Leserbriefe wie der von Herrn Ebnöther entbehren jeglichen sachlichen Inhalts. Darin wird die finanzielle Beteiligung der Aargauer Gemeinden Fisibach und Kaiserstuhl gefordert, weil offenbar diese verantwortlich für die hohen Kosten des Ersatzneubaus in Weiach sein sollen. Sollten sie sich nicht finanziell beteiligen, so soll das regionale Schulabkommen (RSA), welches auf das Schuljahr 2016/2017 in Kraft getreten war, gekündigt werden. Gute nachbarschaftliche Zusammenarbeit sieht anders aus!
Würde man sich informieren, so kann im Art. 7 (Festsetzung der Kantonsbeiträge) im Gesetz über den Beitritt zum regionalen Schulabkommen über die gegenseitige Aufnahme von Auszubildenden und Ausrichtung von Beiträgen entnommen werden, dass in den Kantonsbeiträgen die Betriebs- und Infrastrukturkosten bereits abgegolten sind.
Die Gründe der hohen Investitionskosten für den geplanten Ersatzneubau sind weniger bei unseren «Nachbarn» zu suchen, sondern vielmehr in Weiach selber. So hat man in den letzten Jahren kaum werterhaltende Investitionen in die bestehende Schulinfrastruktur getätigt und der Einwohnerentwicklung, welche schon seit Jahren bekannt und berechenbar war, keine Beachtung geschenkt. Man spricht hierbei von einem Investitionsstau.
Ein massiv überteuerter und wenig funktionaler neuer Kindergarten und eine notdürftige Aussensanierung des bestehenden Schulhauses mussten reichen.
Man versucht, mit Steuerprozentdiskussionen die Wähler zu beeinflussen. Ganz ausgeblendet wird dabei, dass nicht zuletzt die beiden Aargauer Gemeinden mit dem Entscheid, die Kinder nach Weiach in die Schule zu schicken, zum Zeitpunkt des Abkommens den Schulstandort Weiach gesichert haben. Für eine nachhaltige und gesunde Entwicklung einer Gemeinde wie Weiach ist es von zentraler Bedeutung, dass eine gut funktionierende Schule mit zeitgemässer Infrastruktur vorhanden ist. Profitieren von diesem Generationenprojekt würden jedoch nicht nur die Schüler, sondern auch die Vereine und die gesamte Dorfbevölkerung, da bekanntlich auch die Turnhalle, der Gemeindesaal, das Feuerwehrlokal und die Holzschnitzelheizung zwingend saniert werden müssen. Alle diese Bau-/Renovationskosten sind im Projektkredit beinhaltet und werden bei bei einem Ja am 28. Juni umgesetzt. Ich werde am 28. Juni mit grosser Überzeugung ein Ja in die Urne legen.
-- Stefan Arnold, Gemeindepräsident Weiach


Am 6. Juni schliesslich veröffentlichte der Unterländer zwei weitere Leserbriefe mit dem Hinweis Diverse Artikel und Leserbriefe zum Schulhausprojekt in Weiach:

«Eine starke Partnerschaft»

Als Fisibach und Kaiserstuhl den Kampf um den Schulerhalt im eigenen Dorf aufgeben mussten, nahmen sie Gespräche mit den Nachbarn auf. Auch Weiach hatte wenig Schüler und geriet unter Druck der Bildungsdirektion. Ob das geplante Dorfwachstum rasch genug Schüler bringen würde, war unklar. Der Vertrag mit den Aargauern brachte die Garantie. Damit war der Schulstandort Weiach gesichert. Nicht selten kam es vor, dass bis zu drei Jahrgänge in einer Klasse geführt werden mussten. Mit der Partnerschaft kamen echte Jahrgangsklassen. Doch die war nicht der einzige Vorteil. Grössere Schulen profitieren gegenüber kleineren. Sie können professioneller geführt werden und sind attraktiver für Lehr- und Schulpersonal. Der Mittagstisch entstand, weil nun genügend Kinder für einen sinnvollen Betrieb da waren. Aber auch die Gemeinde profitierte: Weiach war nun «Zentraler Schulstandort für drei Gemeinden». Wer die Kosten für auswärtige Schüler berechnen will und die Gesamtkosten durch Anzahl Schüler teilt, rechnet leider falsch. In den Gesamtkosten sind zum Beispiel Weiacher Sonderschulkosten enthalten, welche nichts mit den Aargauern zu tun haben. Der noch grössere Fehler liegt in der Annahme, dass sich Schulkosten linear verhalten. Auch dürfen Abschreibungen nicht auf Auswärtige abgewälzt werden, da Weiach alleinige Besitzerin ist und Investitionen das eigene Vermögen vergrössern. Betrachtet man bereinigt die stets vorhandenen, hohen Grund- und Personalkosten, so merkt man, dass auswärtige Schüler gar nicht mehr so viel kosten. Dies lässt sich auch an einer anderen Tatsache beweisen. Alle zwei Jahre legen die Regierungsräte der Regionalkonferenz die RSA-Beiträge fest. Sie gelten für alle Schulen in mehreren Kantonen. Die Schule Weiach erhält genau diese Beiträge. Wären die RSA-Beiträge zu niedrig, gäbe das längst einen Aufschrei in Dutzenden von Schulen. Fakt ist, dass die Schulen mit den RSA-Beiträgen mehr einnehmen, als was die Auswärtigen effektiv kosten.
Noch ein Wort zu den Machtverhältnissen. Wer zahlt, befiehlt. Nicht in diesem Fall. Obwohl die Aargauer jährlich eine anständige Summe bezahlen, ist es ihnen nicht gestattet, sich an Abstimmungen zu beteiligen oder sich in die Schulpflege wählen zu lassen. Zusammenfassend bin ich fest davon überzeugt, dass alle beteiligten Vertragspartner von der Zusammenarbeit profitiert haben und auch in Zukunft profitieren werden.

-- Roger Berglas, Gemeindeammann Fisibach

«Gut für die Zukunft gerüstet»

Den
[sic!] Vorwurf der ungenügenden Information im Zusammenhang mit dem Projekt ist haltlos. Die Behörden haben die Einwohner mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (Broschüre, Video auf der Website Gemeinde Weiach usw.) vollumfänglich über das Bauvorhaben in Kenntnis gesetzt. Die gute Zusammenarbeit der Behörden (Gemeinderat, Schulpflege, Baukommission) untereinander und mit den Nachbargemeinden sollte gewürdigt und den Stimmbürgern nicht durch widerlegte Zahlen (Broschüre S. 18) madig gemacht werden.
Der Schulstandort und die Gemeinde Weiach sind mit dem Projekt gut für die Zukunft gerüstet. Ein weiterer Punkt, der bis jetzt selten erwähnt wurde, ist die Oberstufe Stadel, die als weiterführende Schule auch vom Arrangement mit den Aargauer Nachbargemeinden profitiert.
Wir empfehlen den Stimmbürgern dringend, die in alle Haushalte verteilte Broschüre bei Zweifeln nochmals durchzulesen und am Infoanlass vom 12. Juni um 19 Uhr in der Turnhalle teilzunehmen.
-- Maya Bütler und Heidi Meier


Eine Analyse der vorstehenden Beiträge erfolgt in einem späteren Artikel des WeiachBlog.

Dienstag, 9. Juni 2020

Bringt «Balance» die Gemeinde Weiach aus dem Gleichgewicht?

Grosse Projekte mit weitreichenden Auswirkungen für Jahrzehnte sind geeignet, für Unruhe und heftige Diskussionen zu sorgen. Vor allem wenn sie bezüglich zentraler Entscheidkriterien im Geheimen vorbereitet, im Eilverfahren ausgerollt und schliesslich dem Stimmvolk als alternativlos verkauft werden.

Das war 2017 bei der Frage der Kirchenfusion mit Stadel und Bachs so (vgl. WeiachBlog Nr. 1338 und 1339). Und es ist offenbar auch heute nicht viel anders, wo Gemeinderat und Primarschulpflege Weiach in wenigen Tagen ein «Generationenprojekt» mit dem Namen «Balance» zur Abstimmung bringen (Zürcher Unterländer, vgl. WeiachTweet Nr. 2847 v. 30. April).

Offizielle Kommunikation mit Medienbrüchen

Der Bedeutung des Vorhabens entsprechend hat die Politische Gemeinde auf ihrer Website zwar eigens eine Kategorie «Ersatzneubau Schul- und Mehrzweckanlage Hofwies» eingerichtet. Dort sind – mit einer Ausnahme – sämtliche Unterlagen abgelegt.

Ausgerechnet der «Beleuchtende Bericht für die Urnenabstimmung vom 28. Juni 2020» aber (der auch den Bericht der RPK enthält) ist auf der Website nirgends zu finden. Er ist den Abstimmungsunterlagen beigelegt und es gibt ihn ausschliesslich in gedruckter Form, wie die Gemeindeverwaltung auf Rückfrage von WeiachBlog am 8. Juni ausdrücklich bestätigte.


Dazu kommt, dass es bedingt durch die Corona-Verordnung des Bundes bislang nicht möglich war, Informationsveranstaltungen durchzuführen, an denen die Verantwortlichen den Stimmberechtigten unmittelbar Red und Antwort stehen, wie das in unserer Gemeinde sonst üblich ist.

Die Stimme der Gegenseite als Flugblatt

Nun hat der Verfasser des WeiachBlog von einer Leserin des WeiachTweet Fotos eines farbigen Flyers zugeschickt erhalten. Mit dem Hinweis, dieser sei in den letzten Tagen in ihrem Briefkasten gelandet:

 

Im Hinblick auf die Informationsveranstaltung vom Freitag, 12. Juni und die kurz darauf anberaumte kommunale Volksabstimmung vom 28. Juni 2020 wird nachstehend der Volltext dieses von «Besorgten Stimmberechtigten von Weiach» aufgesetzten Flugblatts veröffentlicht.

Weiach: Schulhauserweiterung Hofwies für 20 Millionen
Urnenabstimmung vom 28. Juni 2020

Ein klares NEIN zu diesem Generationen-Projekt: warum?
  • Wir erweitern und finanzieren die Schulanlage, ohne dass die Gemeinden Fisibach und Kaiserstuhl sich finanziell daran beteiligen (ein Drittel der Schulkinder in Weiach kommen von diesen beiden Gemeinden)!
  • Wir bezahlen schon heute zwischen 8 und 12 Steuerprozente mehr, damit die Aargauer-Schüler seit 2016 nach Weiach kommen dürfen! Der Steuerfuss der Schulgemeinde stieg demzufolge seit 2015 von 42 auf 54 Steuerprozente!
  • Bestehende Schulinfrastrukturen in Fisibach und Kaiserstuhl werden nicht berücksichtigt oder abgebrochen! Diese «verlorenen» Kapazitäten bauen wir mit diesem Projekt wieder bei uns in Weiach!
  • Der 25-jährige Gemeindesaal in Weiach wird abgebrochen. Im Neubau befindet sich ein neuer Gemeindesaal, der aber bedeutend kleiner als der bestehende sein wird!
  • Ein Ja zu diesem Riesen-Projekt würde die Gemeinde über kurz oder lang in finanzielle Schieflage bringen!
  • Der grosse Steuerertrag aus dem Kiesabbau geht dem Ende entgegen. Zusammen mit der Corona-Krise ist zu befürchten, dass die Steuereinnahmen sinken werden und der Steuerfuss massiv erhöht werden muss.
Deshalb gehört am 28. Juni 2020 ein klares NEIN in die Urne

Besorgte Stimmberechtigte von Weiach

Auf der anderen Seite des Flyers steht:

Begründung

Die Primarschulpflege zusammen mit dem Gemeinderat Weiach beantragen den Weiacher Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, dem Kredit über 20 Millionen für die Erweiterung der Schulhausanlage Hofwies zuzustimmen. Mit diesem Projekt würde die Mehrzweckhalle und der 25 jährige Gemeindesaal abgerissen für das neue Gebäude. Dieser riesige Betrag würde aber auch unsere Gemeinde über viele Jahre arg strapazieren.

Die meisten Stimmberechtigten konnten sich nur über die zugestellten Unterlagen informieren. Für ein solch grosses «Generationenprojekt» müsste aber vor der Abstimmung zwingend die Gelegenheit geboten werden, sich eine Meinung an einer entsprechenden Informationsveranstaltung zu bilden. Nach mehreren Jahren Planung muss der Bevölkerung Zeit dafür eingeräumt werden.

Die Kosten dieser Schulhauserweiterung tragen voll die Weiacher Steuerzahler. Die mit Fisibach und Kaiserstuhl abgeschlossenen Anschlussverträge sehen nicht vor, dass zusätzliche Investitionskosten von diesen beiden Gemeinden mitgetragen werden sollten.

Zu den Fakten:

Im Juni 2015 stimmte die Gemeindeversammlung dem Antrag zu, die Schüler von Fisibach und Kaiserstuhl mittels Anschlussvertrag in Weiach zu schulen.

Gemäss dem Budget 2020 der Primarschulgemeinde betragen die Schulkosten über 4,3 Millionen für die 233 Primarschüler und Kindergärtner (72 Schüler kommen von den beiden Aargauer Gemeinden), also 18'600  pro Schüler. Von den beiden Aargauer Gemeinden erhalten wir insgesamt 912'100'000 [schön wär's: korrekt ist wohl 912'000] also 12'600 pro Schüler. Die Differenz von 5'900 pro Schüler (als Total 427'000) tragen die Weiacher Steuerzahler. 

Das heisst, wir Weiacher bezahlen bereits heute zwischen 8 und 12 Steuerprozente zusätzlich (1 Steuerprozent = 34'685), damit die Aargauer Schüler bei uns zur Schule gehen können. Dazu würde künftig auch die Amortisation und Verzinsung dieses riesigen Baukredites kommen, welcher unweigerlich zu einer grossen Steuererhöhung führen würde.

Dies ist nicht haltbar und auch nicht fair. Denn jede Gemeinde sollte für ihre gesamten Schulkosten aufkommen.

Aus diesem Grund sollten die Anschlussverträge mit Fisibach und Kaiserstuhl auf den nächstmöglichen Termin gekündigt werden. Somit wäre eine vernünftige Neuplanung der Schulhauserweiterung möglich, zugeschnitten auf die Weiacher Schüler.

Bevor all diese Probleme geklärt sind, muss dieses Projekt abgelehnt werden.

Deshalb ein klares NEIN am 28. Juni 2020

Besorgte Stimmberechtigte von Weiach

Die Frage, die sich stellt, ist also: Bringt das als ausgewogen und zukunftsweisend angepriesene Projekt die Gemeinde in Tat und Wahrheit finanziell aus dem Gleichgewicht?

Dies soll in den nächsten Tagen bis zum Abstimmungstermin auf WeiachBlog mit Pro und Kontra diskutiert werden.

Montag, 8. Juni 2020

Zurzach ante portas. Der Niedergang eines Städtchens.

Bisher grenzte Weiach ja nur an den Bezirk Zurzach. Ab dem 1. Januar 2022 wird es aber die Gemeinde Zurzach sein, die eine gemeinsame Grenze mit Weiach (und dem Kanton Zürich) hat. Die Zurzacher stehen buchstäblich vor den Toren von Weiach.

Denn im September letzten Jahres hat sich das kleine Städtchen Kaiserstuhl definitiv für eine Fusion mit sieben weiteren Studenländer Gemeinden entschieden. Fisibach und Siglistorf sind schon früher aus dem Fusionsprozess ausgestiegen. Mellikon hat sich an der Volksabstimmung vom 8. September 2019 mit nur sechs Stimmen Unterschied gegen die Aufgabe der Eigenständigkeit ausgesprochen (vgl. für Details zur neuen Fusionsgemeinde den Wikipedia-Artikel Zurzach).

Somit wird – Bestätigung durch den Aargauer Grossen Rat vorbehalten – bereits in anderthalb Jahren auch für Weiach etliches ändern.

Zurzach auch auf der Ortstafel

Neu wird auf der Ortseingangstafel nicht mehr wie heute an der Kreiselausfahrt beim Hotel-Restaurant zum Kreuz ein verschämtes weisses Täfelchen mit der Aufschrift «Kaiserstuhl AG» stehen, sondern wohl eins mit dem Text «Kaiserstuhl (Gde. Zurzach)» oder ähnlichem.

Der territoriale Flickenteppich, der durch diese Fusion entsteht, mutet schon etwas seltsam an. Die neue Gemeinde Zurzach (so hiess das neue Gemeindezentrum Bad Zurzach bis 2006 selber noch) erstreckt sich dem Rhein entlang bis fast bis zur Aaremündung bei Koblenz.

Westlichster Teil wird Rietheim sein, gefolgt von Bad Zurzach und Rekingen. Dann steigt das Territorium auf die Hügel des Studenlandes, umfasst dort Baldingen, Böbikon und Wislikofen und kommt schliesslich mit Rümikon wieder ans Rheinufer.

Die territorialen Auffälligkeiten sind Mellikon (bis auf die Landesgrenze vollständig umschlossen von der neuen Gemeinde) sowie das neu zur 32 Hektar grossen Exklave mutierte Kaiserstuhl.

Und unsere Ansprechpartner sitzen nicht ein paar hundert Meter von uns entfernt. Nein, sie sind im über 15 km entfernten Bad Zurzach zu finden.

Der weitere Niedergang eines Städtchens

Der definitive Verlust der Autonomie ist ein neuer Tiefpunkt in der Geschichte der Kleinstadt mit dem Dreiecksgrundriss.

Noch anfangs des 15. Jahrhunderts hatte sie den Griff nach den Niedergerichtsrechten des fürstbischöflich-konstanzischen Amtes Kaiserstuhl mit Sitz auf dem Schloss Rötelen geprobt, wurde auch zu diesem Zweck 1402 für kurze Zeit habsburgisch und wollte das Badener Stadtrecht einführen. Dieser Emanzipationsversuch scheiterte aber und das Fürstbistum restituierte seine Machtposition.

Danach wurde Kaiserstuhl immer mehr an den Rand gedrängt, wirtschaftlich wie politisch. Die Rückkehr des Fürstbischofs (spätestens 1406) hat zwar lokal eine gewisse Machtstellung ermöglicht. Aber wirtschaftlich waren da enge Grenzen gesetzt. Dafür sorgten die acht Alten Orte der Eidgenossenschaft (ab 1415 die Herren in der Grafschaft Baden), der Stadtstaat Zürich (der seinen 1496 erworbenen Rheinübergang bei Eglisau protegierte) genauso wie der jeweilige Bischof, der sich kein Powerplay erlauben konnte.

Die Neuordnung der Helvetik ab 1798 erhöhte das Gewicht der Hochgerichtsgrenze am Rhein. Wie Eglisau, so hatte auch Kaiserstuhl auf beiden Seiten des Flusses Hoheitsrechte, aber eben untergeordnete. Noch dazu das Pech, dass hüben und drüben unterschiedliche Herren das Sagen hatten (und nicht wie in Eglisau nur die Zürcher). Der Verlust der Rheinbrücke (abgebrannt 1799 im Zweiten Koalitionskrieg) hat bis zum Neubau durch Blasius Balteschwiler 1823 die Wirtschaftsbeziehungen weiter beschädigt, was sich auch in der baulichen Substanz der Stadt massiv niederschlug.

So ist Kaiserstuhl heute vor allem eine gut konservierte historische Hülle. Grosse Teile der Verwaltung sind schon seit Jahren ausgelagert (Projekt Verwaltung 2000). Nun wird es bald auch politisch völlig obsolet und ist nur noch ein weitab gelegenes Verwaltungsgebiet der Zurzacher – soweit mir bekannt ohne jegliche Eigenständigkeit.

Was wäre gewesen, wenn?

Ein paar kontrafaktische Geschichtsschreibungs-Gedanken kann sich der Autor dieses Beitrags aber doch nicht verkneifen.

Hätte Kaiserstuhl bereits nach seiner Gründung (um 1254/55 mit den Freiherren von Regensberg als mächtigstem Partner des Gründerkonsortiums) die Handelsströme von Augsburg nach Lyon an sich ziehen können, hätte ab dem Beginn des 15. Jahrhunderts das Ziehen der habsburgischen Karte durch den Kaiserstuhler Bürgermeister Erfolg gezeitigt oder wären spätestens der damals amtierende Fürstbischof Marquard und seine Nachfolger Albrecht Blarer und Otto von Hachberg merkantil und machtpolitisch derart auf Zack gewesen, dass sie den Zürchern Paroli hätten bieten können, dann wäre die Geschichte möglicherweise anders gelaufen.

Selbst die mächtigen Habsburger waren aber (ebenfalls anfangs des 15. Jahrhunderts) in ihrem ehemaligen Stammland so schwach auf der Brust, dass sie einerseits 1415 den gesamten Aargau (insbesondere Stadt und Grafschaft Baden) an die Eidgenossen verloren. Ausserdem brauchten sie Geld, weshalb sie sich mit dem Zürcher Rat kurz darauf (1424) auf pfandweise Übergabe der Grafschaft Kyburg einigten. Damit ging auch die hochgerichtliche Herrschaft über Weiach an Zürich.

Dieser Vorstoss nicht nur an den Rhein, sondern bis an die östliche Stadtmauer von Kaiserstuhl (dort verlief die Hochgerichtsgrenze), ja sogar bis in die Stadt hinein (Zürich hatte Anspruch auf Teile der Erbschaftssteuer), hat die Weiterentwicklung verhindert.

Wäre die Geschäftsidee der adeligen Kaiserstuhler Stadtgründer aus der Mitte des 13. Jahrhunderts hingegen voll aufgegangen, dann wären Weiach, Fisibach und Hohentengen heute vielleicht nur noch Quartiere einer beidseits des Rheins prosperierenden Stadt Kaiserstuhl.

Sonntag, 7. Juni 2020

Als die Bezirksschule in Kaiserstuhl noch Weiacher ausbildete

Oberstufenschulen waren noch nicht häufig Thema in den Weiacher Geschichte(n) oder auf WeiachBlog. Und wenn, dann meist am Rande. Das gilt vor allem für die Bezirksschule Kaiserstuhl. Sie wurde 1836 gegründet und bestand (gemäss Wenziger Plüss: «mit Unterbrüchen») bis Ende Juli 2009 (Auflösung des Standortes und Verlegung nach Bad Zurzach).

In dieser Schule sind ganze Generationen von ambitionierten Weiacher Sekundarschülern ein und aus gegangen. Darunter Ruth Schulthess-Bersinger, die dort 1941 einen Vortrag über ihr Heimatdorf Weiach gehalten hat (vgl. die Literaturangaben unten für Weiacher Geschichte(n) Nr. 88 u. 89).

Zollingers Typoskripte als Fundgrube

Auf die Anfrage eines früheren Weiacher Gemeindepräsidenten von gestern Samstag habe ich in meinen gesammelten Notizen nachgeforscht und bin auf interessante Details gestossen. Die nur als Typoskripte in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich erhaltenen Jahreschroniken Walter Zollingers erweisen sich erneut als Fundgrube.

So schreibt er in der Einleitung der Chronik des Jahres 1953, welche die Beziehung zum Nachbarstädtchen zum Thema hat:

«Mit dem Geschehen in Kaiserstuhl ist auch dasjenige unseres Dorfes in verschiedenen Belangen nahe verknüpft: [...] 1906-1953 Besuch der Bezirksschule Kaiserstuhl durch die Weiacher Schüler, [...]» (G-Ch Weiach 1953 – S. 1)

Zu diesem Eintrag gibt es weitere in den Chroniken für die Jahre 1952, 1954 sowie 1956. Die erste von Zollinger verfasste Chronik 1952, in der er Weiach näher vorstellt, gibt die ausführlichste Darstellung (G-Ch Weiach 1952 – S. 10):

«Weiach gehört zum Sekundarschulkreis Stadel. Weil aber der Weg dorthin reichlich weit ist und über die Höhe von Raat führt, bestand seit 1906 ein Staatsvertrag mit dem Aargau, wonach unsere Schüler aus der 5. oder 6. Klasse in die Bezirksschule im viel näher gelegenen Kaiserstuhl übertreten konnten. Die daraus erwachsenden Kosten hatte das Sekundarschulgut Stadel solange zu übernehmen, bis es "die Schüler von Weiach selber dauernd aufzunehmen imstande ist".

Am 5. Oktober dieses Jahres wurde nun das neue Zentralschulhaus Stadel eingeweiht; somit fällt der Vertrag von 1906 automatisch dahin und unsere künftigen Sekundarschulaspiranten werden, ab Frühjahr 1953 also, trotz des ungünstigen Schulweges, den Unterricht in Stadel zu besuchen haben.»

Von diesem Staatsvertrag zwischen den Kantonen Zürich und Aargau habe ich in den Online-Katalogen der jeweiligen Staatsarchive keinen direkten Nachweis finden können. Aber da Zollinger offensichtlich daraus zitiert, dürfte ein Exemplar davon zumindest im Archiv der Oberstufenschulgemeinde Stadel zu finden sein. [Anmerkung vom 1. August 2020: Dem ist leider nicht so, wie von Christian Seegmüller, dem Weiacher Vertreter in der Oberstufenschulpflege, zu erfahren war.]

Zu langer Schulweg nach Stadel

Die hier thematisierte Länge des Schulweges ist natürlich ein wichtiges Kriterium, damals noch weit eher als heute. Denn zu Beginn war der Besuch der weiterführenden Schule (Sekundarschule) ein Privileg, das sich die Eltern leisten können mussten. Gerade Jugendliche waren als Arbeitskraft im eigenen Betrieb ein unverzichtbare Ressource.

Wer nicht nur eine 7./8. Klasse im eigenen Dorf für richtig hielt und für die Sekundarschulausbildung (v.a. im 19. Jahrhundert) auch noch ein stattliches Schulgeld zahlen musste, der wollte natürlich den zu Fuss zurückzulegenden Schulweg so kurz wie möglich halten.

Das Städtchen Kaiserstuhl ist zu Fuss gut 20 Minuten von Weiach entfernt. Die Wegstrecke ins Ortszentrum von Stadel hingegen beträgt auf der erst ab 1846 bestehenden Strasse ab Ortsmitte Weiach 4.3 Kilometer und damit gut eine Wegstunde.

Zwei Stunden versus eine gute halbe Stunde. Die Rechnung ist einfach: Jeden Schultag mehr als eine Stunde Verzicht auf Hilfsarbeiten durch den Sekundarschüler? Eine Frage des Geldes.

Offenbar doch Wahlfreiheit beim Schulstandort

Zwei Einträge in den Jahreschroniken 1954 und 1956 zeigen, dass nur die neuen Jahrgänge zwingend nach Stadel in die Sekundarschule mussten. Wer bereits in Kaiserstuhl zur Schule ging, der durfte dort auch bleiben:

«Vielleicht darf noch erwähnt werden, dass mit dem im Mai 1954 beginnenden Schuljahr 9 Schüler aus Weiach die Sekundarschule Stadel besuchen, während nur noch deren 3 in der Bezirksschule Kaiserstuhl sitzen. Vor 1953 war’s immer umgekehrt.» (G-Ch Weiach 1954 – S. 11)

«An die Sekundarschule nach Stadel fahren täglich 11, nach Kaiserstuhl in die Bezirksschule noch 1 Schüler.» (G-Ch Weiach 1956 – S. 11)

Interessant ist die Bemerkung, vor 1953 sei es immer umgekehrt gewesen. Die Anzahl Weiacher, die schon vor 1953 nach Stadel in die Sek gingen, war also (wenn der Eindruck nicht trügt) offenbar nie Null. Und da Zollinger schon seit 1919 in Weiach Lehrer der oberen Klassen war, hat seine Aussage gerade in Schulbelangen doch ein gewisses Gewicht.

P.S.: 1836 als Boomjahr der Schulausbildung

Einleitend habe ich festgehalten, dass es die Bezirksschule Kaiserstuhl seit 1836 gab. Im selben Jahr ist auch die Sekundarschule Stadel aus der Taufe gehoben worden (vgl. Hafner 1886). Und ebenfalls 1836 wurde am 24. November das Alte Schulhaus in Weiach feierlich eröffnet (vgl. WeiachBlog Nr. 324).

Quellen und Literatur
  • Zur Gründung der Bezirksschule Kaiserstuhl siehe auch: Allgemeiner Schweizerischer Anzeiger. In: Der Schweizer-Bote, 33. Jg., Nro. 6, 20. Januar 1836 – S. 24.
  • Hafner, J.: Die Sekundarschule Stadel in den Jahren 1836-1886. Denkschrift zur Feier ihres fünfzigjährigen Jubiläums. Im Auftrag der Sekundarschulpflege bearb. von Jakob Hafner. Stadel 1886.
  • Zollinger, W.: Jahreschroniken Weiach. Originale: Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Fundstellen zur Bezirksschule Kaiserstuhl in: G-Ch Weiach 1952, S. 10. G-Ch Weiach 1953, S. 1, G-Ch Weiach 1954, S. 11 sowie G-Ch Weiach 1956, S. 11.
  • Brandenberger, U.: «Weiach – mein Heimatdorf». Ein Vortrag von Ruth Bersinger an der Bezirksschule, November 1941 (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) Nr. 88. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, März 2007 – S. 9-13.
  • Brandenberger, U.: «Die Trotte im Oberdorf war unser Eigentum». Ein Vortrag von Ruth Bersinger an der Bezirksschule, November 1941 (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) Nr. 89. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, April 2007 – S. 9-12. (pdf, 1.6 MB)
  • Wenzinger Plüss, F.: Kaiserstuhl. In: Historisches Lexikon der Schweiz. e-HLS, Version vom 26. November 2014.

Samstag, 6. Juni 2020

Ein Teil der Hofwiese gehörte zum Pfarrpfrundgut

Im gestrigen WeiachBlog-Beitrag Nr. 1520 wurde der eine Teil eines Planes von Geometer Diezinger aus dem Jahre 1821 vorgestellt, der den Kirchenbezirk von Weiach zeigt. Also den zentralen Teil der Pfarrpfrundgüter mit der Hofstatt des Pfarrherrn: Pfarrhaus, Pfarrscheune, Waschhaus, Garten und Baumgärten, die sich alle in unmittelbarer Nähe von Kirchhof und Kirche befinden.

Der rechte Teil des Diezingerschen Plans zeigt eine separate Wiese von weniger als einer Juchart Fläche, die ebenfalls zum Pfarrpfrundgut gehörte und sich mitten im heutigen Dorfkern befand. Nämlich auf der Hofwiese.

Dargestellt ist dieses Grundstück mit der traditionellen Nennung der Anstösser:


Offen ist die Frage, wo genau auf der historischen Hofwiese diese Fläche zu lokalisieren ist.

Geht man davon aus, dass die beiden Plänchen von Diezinger nicht willkürlich auf das Papier gebracht wurden und der leere (nicht mit einer Plandarstellung versehene) Zwischenraum denselben Massstabsangaben folgt wie die beiden Plänchen, dann kann das ganze Dokument mittels Abgleichung von markanten Punkten innerhalb des Kirchenbezirks georeferenziert werden. 

Das Resultat auf der Mitmachplattform des Staatsarchivs des Kantons Zürich sieht dann im Overlay-Modus so aus:


Mittels Schieberegler kann man den historischen Plan transparenter machen und die daruntergelegte Karte von Open Street Map hervorscheinen lassen:


Es wäre jedenfalls möglich, dass das Wiesengrundstück mit der Bezeichnung D so auf der Hofwiese zu finden war, wie im vorstehenen Bild angezeigt. Denn diese Fläche liegt innerhalb der historischen Flur, die man Hofwiese nennt.

Die Ausrichtung im Raum könnte die im Overlay oben gezeigte sein, falls die eine Windrose auf dem Original-Plan oben links über dem Kirchenbezirk nicht nur für diesen gilt, sondern auch für das Grundstück auf der Hofwiese.

Dagegen spricht, dass die Fusswege und Bewässerungskanale, die sich über die Hofwiese erstreckten, nach aktuellen Erkenntnissen (vgl. die ca. 20 Jahre jüngere Karte mit Signatur StAZH PLAN S 385 in WeiachBlog Nr. 1511) anders verliefen als es die oben dargestellte Ausrichtung des Pfarrpfrund-Grundstücks auf der Hofwiese verlangen würde.

Quellen
  • Weiach: Pfrundgüter Garten und Baumgarten bei Kirche und Pfarrhaus und Hofwies; Grundrisse (Nr. 1); 1821. Signatur: StAZH PLAN R 1189
[Veröffentlicht am 7. Juni 2020 um 01:32 MESZ]

Freitag, 5. Juni 2020

Wie sich der Kirchenbezirk Weiach seit 1821 verändert hat

Die Broschüre «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706–2006. (Online-Ausgabe, April 2007, PDF, 16.75 MB) wird aktuell im Auftrag der Evangelisch-reformierten Kirchenpflege Weiach vollständig überarbeitet. Und zwar so, dass neu der gesamte Kirchenbezirk, wie man ihn als Betrachter vor Ort erlebt, in angemessener Weise zur Sprache kommt.

Dabei steht die Kirche immer noch im Zentrum. Eigene Kapitel erhalten aber neu das Pfarrhaus, die Pfarrscheune, der Friedhof (sowohl im alten Kirchhof wie ausserhalb der historischen Mauern), das Waschhaus des Pfarrpfrundgutes (heute eine Garage), sowie das Alte Gemeindehaus. All diese Bauelemente machen optisch und funktional den Kirchenbezirk Weiach aus und zwar sowohl historisch wie auch in der gegenwärtigen Nutzung.

Plan der Pfarrpfrundgüter von 1821

Der älteste erhalten gebliebene, nach vermessungstechnischen Kriterien erstellte Plan des Kirchenbezirks ist 1821 vom Geometer Rudolf Diezinger (1770-1847) gezeichnet worden:


Der «Grundriss des Pfarrpfrundguts Weÿach» zeigt zwei Inselkarten.

Eine bildet den bereits erwähnten, als Kirchenbezirk bezeichneten Kernbereich der Pfrundgüter unmittelbar bei der Kirche ab und umfasst den «Garten samt dem kleinen Baumgärtlein» (B) sowie einen grossen «Baumgarten» (C; im nördlichen Teil heute neuer Friedhofsteil; Bezeichnungen nach Diezinger).

Die andere zeigt ein weiteres Grundstück, das Teil der Hofwiese mitten im Dorf ist und damit nur wenige Schritte entfernt zwischen Chälen, Bühl und Oberdorf liegt.

Zu dieser zweiten Inselkarte kommen wir im morgigen WeiachBlog-Beitrag. Dieser Beitrag zeigt auf, wie sich der Kirchenbezirk in den letzten zweihundert Jahren verändert hat.

Diezinger 1821 vs. ARE 2020

In der nachstehenden Gegenüberstellung links der Plan Diezingers von 1821, rechts die aktuelle Situation des Amtlichen Vermessungsplans im GIS Kanton Zürich (Amt für Raumentwicklung):


Was hat sich in den letzten 200 Jahren verändert?

Man muss schon genau hinschauen, um die Unterschiede zu erkennen.

1. Ein Fixpunkt ist die Kirche, die ihren Grundriss in den letzten 315 Jahren nur bezüglich des südwestlichen Vorbaus verändert hat. Das bereits auf der Darstellung von Heinrich Meister aus dem Jahre 1716 erkennbare Vordach vor dem Hauptportal wurde 1859 um einen nordwestlichen Fachwerk-Teil erweitert und gleichzeitig die Kirchhofmauer auf der Nordwestseite in die Verlängerung der Kirchenfassade umplatziert.

2. In der Südwestecke der Ummauerung stand ab 1802 ein Ersatzbau für das im Zweiten Koalitionskrieg (mutmasslich 1799) abgebrannte Gemeindehaus, der 1857 durch einen Neubau (Assek.-Nr. 237) ersetzt wurde. Und zwar so nach Nordwesten versetzt, dass er nicht mehr an der Aussenmauer platziert war, sondern nun wie selbstverständlich als Eckstein in die Anlage integriert wurde.

3. Die Südwestfassade des Alten Gemeindehauses von 1857 wird ebenfalls mit einer neu erstellten Friedhofmauer weitergeführt, für die aber wohl eine Aufschüttung nötig wurde. Noch unklar ist, ob diese südwestliche Friedhofmauer bereits 1838/39 erstellt wurde und an die Südwestfassade des Vorgängerbaus von 1802 anschloss und die Mauer bei der Versetzung des Gemeindehauses nach Nordwesten dann verlängert wurde, oder sie erst 1857/59 im Zuge des Neubaus entstanden ist.

4. Belegt ist jedenfalls durch einen Vertrag von 1838 zwischen dem Kanton Zürich als Eigentümer der Pfrundgüter (Pfarrhaus, Pfarrscheune, etc.) und der Gemeinde Weiach als Eigentümerin von Kirchhof und Kirche, dass damals vereinbart wurde, das alte Waschhaus (das Teil der Mauer zwischen dem Kirchof und der Hofstatt der Pfrundliegenschaft war) abzubrechen und innerhalb der Hofstatt ein neues Waschhaus (Assek.-Nr. 241) zu errichten.

5. Die auf dem Vermessungsplan mit «17.2» bezeichnete Gartenlaube des Pfarrhauses besteht offensichtlich bereits 1821. Auch die der Büelstrasse entlangführende Mauer des Pfarrgartens ist augenscheinlich in ihrer Position unverändert. Die mit einem in nordwestlicher Richtung zeigenden Pfeil versehene Struktur auf der Südwestseite der Strasse zeigt übrigens den Verlauf des Mülibachs, der damals noch offen verlief.

6. Die Pfarrscheune (heute Kirchgemeindehaus) ist noch unterteilt in den nordwestlichen «Schopf» mit Pultdach und die eigentliche «Scheuer» (Bezeichnungen nach Diezinger).

7. Die Verkleinerung der Grundfläche des Baumgärtleins (südöstlicher Teil des heutigen Pfarrgartens) geht zurück auf eine Landabtretung in den 1940er-Jahren an Albert Erb, den damaligen Eigentümer der Liegenschaft Oberdorfstrasse 1. Davon wird ein späterer Beitrag handeln.

Quellen
  • Weiach: Pfrundgüter Garten und Baumgarten bei Kirche und Pfarrhaus und Hofwies; Grundrisse (Nr. 1); 1821. Signatur: StAZH PLAN R 1189
  • Vertrag zwischen dem Baudepartement des Kantons Zürich und der Gemeinde Weiach betreffend Versetzung des zur Pfrundlokalität gehörenden Waschhauses und Erweiterung des Kirchhofes. 1838. Signatur: StAZH M 30.606
  • Geografisches Informationssystem des Kantons Zürich. Amtliche Vermessung schwarz/weiss. 2020. Link auf obigen Ausschnitt: https://maps.zh.ch/s/ymioe86b

Montag, 1. Juni 2020

Der Ausbau der Sternenkreuzung im 19. Jahrhundert

Wo sich in Weiach die Glattfelder-, die Kaiserstuhler- und die Stadlerstrasse treffen, da ist die Sternenkreuzung. Die heisst so, weil das ehafte Wirtshaus «zum Sternen» seit dem Bau der Kunststrassen in den 1840er-Jahren an diese Kreuzung zu stehen kam.

Als das Gasthaus anfangs der 1830er-Jahre gebaut wurde, da lag es noch an der Landstrasse von Kaiserstuhl nach Zürich. Auf der Höhe der Einmündung der heutigen Chälenstrasse führte diese in einer rechtwinkligen Linkskurve auf die Büelstrasse, die sich nach wenigen Metern nach rechts wendet, an Kirchhof und Pfarrhaus vorbei durchs Oberdorf und entlang der Bergstrasse Richtung Raat schlängelt. Das war damals die Landstrasse nach Zürich. 

«Komplett neu gebaut...» trifft auf «Alte Trasse übernommen...»

Die durch das Siedlungsgebiet schnurgerade verlaufende heutige Stadlerstrasse wurde erst Mitte der 1840er-Jahre realisiert. Sie ist von A bis Z eine neu angelegte Strecke. Anders die Verbindung nach Osten, die fast gleichzeitig ausgebaut wurde.

Die Strasse Richtung Glattfelden hat nämlich mit wenigen kleinen Abweichungen bis zur Grenze bei Rheinsfelden die bereits bestehende Trasse übernommen. Die markanteste Änderung der Glattfelderstrasse ergibt sich bei diesem nach ingenieurtechnischen Kriterien geplanten Projekt an der genannten Sternenkreuzung. 

Links sieht man das Resultat der Strassenbaumassnahmen, wie es sich auf dem 1859 gedruckten Blatt IX Weiach der Topographischen Karte des Kantons Zürich (sogenannte Wildkarte) präsentiert. 

Rechts sieht man den von der Baudirektion 1843 vor dem Bauvorhaben erstellten Plan, mitsamt einer genauen Verzeichnung aller betroffenen Grundeigentümer. Und das waren sehr viele. Allein auf Weiacher Gemeindegebiet und für die Glattfelderstrasse insgesamt 144. Besonders auffällig: das Gebäude des Gasthauses zum Sternen mit seinem Wirtshauszeichen, dem sechsstrahligen Stern.


Vergleicht man die Breite der neuen Strassen mit der der alten Landstrasse, dann springt einem der Unterschied sogleich ins Auge. Die neuen Verkehrsachsen müssen den Zeitgenossen gigantisch vorgekommen sein. 

Auch klar ist nun, wie es zu diesem verbindenden, kurzen Strassenstück zwischen Glattfelder- und Stadlerstrasse gekommen ist, dessen östlicher Teil heute Bachweg genannt wird. Wenn man dazu noch weiss, dass die noch wenige Jahre vor dem 1975/76 erfolgten neuerlichen Ausbau der Sternenkreuzung noch nicht unter den Boden verlegten, sich an dieser Stelle vereinigenden beiden Dorfbäche (Mülibach und Sagibach) ihren Verlauf einst entlang dieser Strasse Richtung Glattfelden genommen haben (vgl. Wild-Karte), dann wird die Namensgebung erst so richtig verständlich.

Quellen
  • Strasse I. Klasse Nr. 17, Winterthur-Weiach. Politische Gemeinden Glattfelden, Weiach: Projektierte Strasse von der Gemeindegrenze zwischen Zweidlen und Rheinsfelden bis Weiach; Situationsplan, 1843. Signatur: StAZH PLAN S 356.
  • Topographische Karte des Kantons Zürich (Wild-Karte). Blatt IX: Weiach, Mai 1859. Leitung: Johannes Wild (1814-1894), Ingenieur sowie Strassen- und Wasserbauinspektor des Kantons Zürich. Zeichnung: Heinrich Enderli (1830-1902). Stich: Johann Jakob Brack (1824-1867), Lithograf. Signatur: StAZH PLAN A 4.9