Montag, 7. August 2023

«Kein Vortritt» an der Stadlerstrasse

Wer die Theorieprüfung beim Strassenverkehrsamt bestanden hat, der kennt die Regeln (oder sollte sie zumindest kennen). Wenn nichts anderes signalisiert ist (weder mit Schildern noch mit Bodenmarkierungen), dann gilt rechts vor links, also der Rechtsvortritt. 

Bei untereinander gleichberechtigten Strassen, wie sie innerorts im Gemeindeverkehrsnetz üblich sind, gibt es immer solche, auf denen die Verkehrsteilnehmer (zu) schnell unterwegs sind, weil sie sich auf einer Hauptstrasse wähnen. So ist das z.B. bei der Hauptachse durch das Chälen-Quartier. 

Wer in die Chälenstrasse einfährt, dem muss bewusst sein, dass er keinen Vortritt hat gegenüber Fahrzeugen aus der Riemlistrasse, der Stockistrasse oder der Sackgasse Im Bruchli. Wer das nicht auf der Rechnung hat, der riskiert schwere Unfälle.

Es geht nicht mehr ohne Verkehrszeichen

Heute ist den meisten klar, dass die Stadlerstrasse eine Hauptstrasse ist, sie fühlt sich ja auch so an. Und die Bodenmarkierungen sprechen eine deutliche Sprache. 

Zu Zeiten des Chronisten Walter Zollinger war das aber noch nicht so, wie man in der Jahreschronik 1966 unter der Rubrik «Verkehrswesen/Unfälle» lesen kann:

«Der stetig zunehmende Autoverkehr (vor allem L.W. und Tank) erforderte die Anbringung von deutlichen Verkehrszeichen bei den Einmündungen unserer Nebenstrassen in die Hauptverkehrsstrasse (Stadlerstrasse). Es waren deren acht notwendig mit dem Zeichen "KEIN VORTRITT". Sie konnten allerdings verschiedener Verzögerungen wegen erst Mitte Januar 1967 definitiv aufgestellt werden.» (S. 23 mit Bild unten)

Neue Tafel an der heute mit Steinblöcken blockierten Einmündung des Müliwegs in die Stadlerstrasse

Unter einem «L.W.» ist ein Lastwagen zu verstehen, klar. Was Zollinger aber mit einem «Tank» meint? Einen Tanklastwagen? Denn so häufig waren und sind die Panzer der Armee dann auch nicht auf den Strassen unterwegs.

Gefährdete Ortstafel

In derselben Jahreschronik wird auch über die Gefahren berichtet, denen die drei Weiacher Ortstafeln ausgesetzt waren: 

«28. Mai: Auto legt Ortstafel um zwischen Haus Schneider und dem Dreschgebäude.» (S. 24)

Das war also die Tafel aus Richtung Kaiserstuhl. Und das Dreschgebäude der Elektrizitätsgenossenschaft Weiach ist heute das Lagergebäude des Pneugeschäfts First Stop.

Heutzutage beginnt der Innerortsbereich mehr als 500 Meter weiter westlich: auf der Höhe der ehemaligen Schäftenäherei Walder (später: Fruet AG).

P.S. Weiss jemand, welches das «Haus Schneider» war? Das 1931 von Schuhmacher Gaido erbaute Wohnhaus Kaiserstuhlerstrasse 35?

Quelle

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 23 & 24. Weiach, August 1967. -- Typoskript in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966.

Sonntag, 6. August 2023

Strasse unwichtig. Die Eisenbahn wird alles übernehmen.

Am heutigen Datum vor genau 150 Jahren wurde im Regierungsratszimmer über ein Gesuch der Gemeinde Weiach verhandelt. 

Die Weiacher Stimmberechtigten waren unzufrieden mit der Korrektur der Kaiserstuhlerstrasse, die im Gefolge der Errichtung der Eisenbahnlinie im Bereich der neuen Station Weiach-Kaiserstuhl nötig wurde. Insbesondere die Kurve am Südostende des neuen Bahnhofgeländes, an der Stelle, wo seit 1924 das Haus Allenwinden steht (ehemals Kaiserstuhlerstrasse 45, heute Dörndlihag 7) stiess auf Ablehnung: zu starke Biegung!








Situation vorher (Wildkarte 1850er-Jahre) vs. nachher (Siegfriedkarte 1880er-Jahre)

Nur so wenige Anpassungen wie nötig, bitte!

Die Experten und Beamten der Kantonsverwaltung wollten das aber ganz anders sehen und empfahlen der Regierung, auf das Begehren nicht einzutreten. Und so kam es dann auch. Nachstehend der Entscheid im vollen Wortlaut:

«In Sachen der Gemeinde Weiach, betreffend Korrektion der Straße I. Klasse daselbst,  

hat sich ergeben:  

A. Gemäß Beschluß der dasigen Gemeindsversammlung vom 6. Juli d. Js. gelangte der Gemeindrath Weiach mit dem Gesuch an den Regierungsrath, es möchte die Richtung der Straße I. Klasse, Weiach–Kaiserstuhl bis an die Kantonsgrenze verbessert und die Straße soweit sie es bedarf, einer Korrektion unterworfen werden. Bei der im Bau begriffenen Eisenbahnlinie Winterthur–Koblenz sei die Anlage der Station Weiach–Kaiserstuhl ungefähr in der Mitte zwischen beiden Ortschaften projektirt und es werde bei Abänderung der Straße durch die schweiz. Nordostbahngesellschaft rechts derselben eine große Kurve abgeschnitten. Durch diese Aenderung, die bereits in Ausführung begriffen, sei aber am Ende der neu angelegten Strecke gegen Weiach hin eine neue ziemlich starke Biegung entstanden, so daß hauptsächlich da eine Verbesserung wünschbar werde.»

Von den Bundesbehörden genehmigter Plan der Nordostbahn (Quelle: vgl. WeiachBlog Nr. 1784)

«B. Die Straßeninspektion berichtet: Die Nordostbahn war genöthigt die Straße Weiach–Kaiserstuhl auf ca 1 600‘ Länge zu verlegen, wodurch die stärkste auf derselben bestehende Ausbiegung abgeschnitten wurde, jedoch keine größere Verkürzung als ca 80‘ resultirte. Die gerügte Biegung am Ende dieser Korrektion gegen Weiach hat einen Radius von 100 Mtr. oder 333 1/3‘. Es kann daher von einer starken Biegung keine Rede sein. Eine ganz gleiche Biegung besteht auch am untern Ende der Korrektion und sodann eine weit stärkere beim Eintritt der Straße in den Kanton Aargau, die durch eine durchgehende Korrektion ohne Beitritt der aargauischen Straßenbehörde nicht vermieden werden könnte. Wie in der Eingabe richtig bemerkt, betrüge die Länge der zu korrigirenden alten Straße ober- und unterhalb der Bahnstation ca 3000‘. Die Kosten für diese Korrektion: technische Vorarbeiten, Expropriation, Erdarbeit, Mauerwerk, Steinbett & Anschaffung des Straßenmaterials müßten sich mindestens auf Fr. 8000 belaufen. Habe die Straße für den frühern sehr starken Verkehr zwischen Basel und Winterthur etc. genügt, so werde sie als bloße Zufahrtsstraße zur Bahnstation auch genügen. 

C. Die Direktion der öffentlichen Arbeiten berichtet: Da die Gemeinde Weiach bei der Planaufnahme durch die Nordostbahngesellschaft sich nicht veranlaßt gefunden hat, Einwendungen gegen die Straßenkorrektion als Zufahrt zur Station zu machen, die Straßenverlegung nach dem genehmigten Plane aber noch eine Abkürzung und eine Verbesserung der Niveauverhältnisse aufweist, im Uebrigen die Straßenstrecke als Landstraße durch die Erstellung der Eisenbahn an Bedeutung verloren hat, so dürfte zur Zeit die Abweisung des Gesuches gerechtfertigt sein.  

Der Regierungsrath, 

nach Einsicht eines Antrages der Direktion der öffentlichen Arbeiten,  

beschließt:  

1. Sei das Gesuch der Gemeinde Weiach abgewiesen.  

2. Mittheilung an den Gemeindrath Weiach und an die Direktion der öffentlichen Arbeiten unter Rückstellung der Akten und Pläne.»

Wer zu spät kommt...

Über die Beweggründe der beiden Kontrahenten (Weiacher vs. Verwaltung) kann man ohne Einsicht in weitere allenfalls noch vorhandene Unterlagen, z.B. das Gemeindeversammlungsprotokoll, nur spekulieren. Jedenfalls wurde den Weiachern ihr gemächliches Entscheidungstempo zum Verhängnis. Das hat den Weiacher Gemeinderat aber nicht daran gehindert, auch künftig seinen eigenen Fahrplan zu verfolgen (vgl. WeiachBlog Nr. 1783).

Verhandeln mit den Aargauern zwecklos

Dass die Strasseninspektion hier die Meinung vertritt, mit der Aufnahme des Bahnverkehrs werde die Strasse ihre bisherige Bedeutung für den Warenverkehr weitgehend einbüssen und aus der heutigen Hauptstrasse 7 werde eine «bloße Zufahrtsstraße zur Bahnstation» werden, war bereits zwanzig Jahre früher eine akzeptierte Auffassung. (Die lag durchaus auch im Interesse der Nordostbahn. Je mehr Güter auf der Bahn transportiert werden, desto besser rentiert auch der Betrieb der neuen Eisenbahnlinie.)

Ihre abwehrende Haltung dürfte aber auch und vor allem an den Erfahrungswerten liegen, die man bereits 1851/52 mit dem Nachbarkanton gewonnen hat (vgl. WeiachBlog Nr. 1725).

Die ihr vorgesetzte Direktion hat diese Einschätzung übernommen, wenn auch abgeschwächt. Und immerhin offengelassen, dass sich die Situation (und damit die Einschätzung) später auch noch ändern könnte. 

Blosse Zufahrtsstrasse? Die Strasse boomt und der Schienenverkehr ist ein Schatten seiner selbst. Je länger, je mehr.

Quelle und Literatur 

  • Gede Weiach, abgewies. Gesuch um Correcktion [sic!] d. Straße I. Kl. das. -- Regierungsratsbeschluss vom 6. August 1873. Signatur StAZH MM 2.201 RRB 1873/1871
  • Brandenberger, U.: Hauptstrasse durchs Städtchen Kaiserstuhl? Planung von 1851/52. WeiachBlog Nr. 1725 v. 19. August 2021.
  • Brandenberger, U.: Landwirtschaftliche Arbeiten vor Eisenbahnangelegenheiten. WeiachBlog Nr. 1783 v. 29. Januar 2022.
  • Brandenberger, U.: Poststrasse muss Eisenbahn Platz machen, Detailplan 1873. WeiachBlog Nr. 1784 v. 30. Januar 2022.

Samstag, 5. August 2023

Kredit für Oberstufenschulhaus einstimmig bewilligt

G-Ch Weiach 1964, S. 13v

«In der Versammlung v. 16. Januar wurde folgendes Projekt genehmigt: "Erstellung eines Oberstufenschulhauses im Stegli" (neben dem jetzigen Zentralschulhaus Stadel, das ja der Primarschulgemeinde Stadel gehört), Kostenvoranschlag Fr. 2'239'000.--.» (G-Ch Weiach 1964, S. 14)

Auch die Bachser mussten bei diesem Projekt mitzahlen, nachdem sie 1961 mit ihrem Vorhaben, die mit der Gesetzgebung von 1959 als obligatorisch erklärte Oberstufe selber führen zu wollen, zuerst beim Erziehungsrat auf wenig Gegenliebe gestossen waren und danach vom Regierungsrat zurechtgestutzt wurden. Um ihrem Hauptargument, der Schulweg sei zu lang und ihre Sekundarschüler hätten den ja bisher freiwillig auf sich genommen, den Wind aus den Segeln zu nehmen, wurde die Sekundarschulpflege Stadel aufgefordert, Massnahmen für den Transport zu treffen (vgl. Guggenbühl 1994, S. 183-184). Das ist letztlich der Grund, weshalb die Bachser eine Busverbindung nach Stadel hinüber haben.

Das Raumprogramm laut Presseartikeln

In Zollingers Jahreschronik findet man neben der oben abgebildeten Einladung auch einen Zeitungsartikel – wie bei ihm oft anzutreffen – leider ohne Angabe der Herkunft und des Datums.

«(Korr.) Der Oberstufenkreis Stadel-Neerach-Bachs und Weiach hiess in der Gemeindeversammlung das von den Architekten Knecht und Habegger in Bülach ausgearbeitete Projekt für ein Oberstufenschulhaus einstimmig gut und bewilligte den Baukredit von 2 239 000 Franken. Das Raumprogramm umfasst fünf Unterrichtszimmer für die Sekundar-, Real- und Oberschule sowie Nebenräume, Mädchenhandarbeitszimmer, Singsaal mit kleiner Bühne, Lernschwimmbecken, Metallwerkstatt und kleinere Räume. Schon 1953 wurde ein Sekundarschulhaus im Kostenbetrage von rund 1,5 Millionen Franken von Architekt Adolf Kellermüller (Winterthur) eingeweiht.» (G-Ch Weiach 1964, S. 13v)

Das einleitende «Korr.» bezeichnet einen eingesandten, nicht von der Redaktion verfassten Text. Wo dieses angeblich 1953 erbaute frühere Sekundarschulhaus gestanden haben soll, erschliesst sich auch nach Lektüre von Guggenbühls Stadler Buch von 1994 nicht einmal ansatzweise. Es ist dort mit keinem Wort erwähnt. 

Sehr wohl aber der Umstand, dass die Oberstufe bereits ab Eröffnung in Räumlichkeiten des 1952 fertiggestellten Zentralschulhauses eingemietet war (2 von 6 Schulzimmern; vgl. S. 179) und die Primarschule Stadel überdies 1962 eine Klasse ins alte Schulhaus nach Windlach verschoben hatte (vgl. S. 184).

Ebenfalls erstaunlich ist der Bericht in der NZZ. Er ist fast zwei Wochen nach dem Entscheid datiert und womöglich auch noch redaktionell bearbeitet. Denn die Kurzmeldung unterschlägt wesentliche Teile des Bauprogramms und lässt damit die paar Schulzimmer extra teuer erscheinen:

«Stadel, 29. Jan. In der Gemeindeversammlung des Oberstufenkreises Stadel, umfassend die Gemeinden Stadel, Weiach, Bachs und Neerach, wurden das von den Architekten Knecht und Habegger in Bülach ausgearbeitete Projekt für ein Oberstufenschulhaus und der Baukredit im Betrag von 2 239 000 Fr. einstimmig gutgeheißen. Das Raumprogramm umfaßt fünf Unterrichtszimmer für die Sekundär-, Real- und Oberschule sowie ein Lernschwimmbecken.»  (NZZ Nr. 489, 6.2.1964)

Die Hälfte der Steuern ging 1962-1964 an die Oberstufe

Diese hohe Projektsumme war ein ziemlicher Brocken für die Steuerzahler in den Kreisgemeinden. Dass man nicht ums Bauen herumkommen wird, das war nach der Aufgabenerweiterung zu einer dreiteiligen Oberstufe (Sek, Real, Ober) völlig klar. Bereits 1962 hatte die Oberstufenschulgemeinde daher ihren Steuerfuss von bisher 45 % auf 70 % angehoben. Und musste ihn auch nach diesem Entscheid vom Januar 1964 nicht weiter erhöhen.

«Für 1964 wurde der Gesamtsteuerfuss von 140% nochmals beibehalten, nämlich Politisches Gut  0 %; Armengut  5 %; Primarschulgut  30 %; Ref. Kirchengut 35 %; Oberstufe Stadel 70 %» (G-Ch Weiach 1964, S. 9)

Dieses Bild von der teuren Oberstufe begann aber bereits 1965 zu bröckeln, als die Primarschulgemeinde Weiach ihren Steuerfuss auf 70 % verdoppeln und im Jahr darauf gar auf 85 % anheben musste, um Bauvorhaben (wie bspw. das Lehrerwohnhaus mit Einliegerwohnung an der Neurebenstrasse 2) finanzieren zu können.

Positiv für die Steuerzahler: 1966, im Jahr der Eröffnung des neuen Oberstufenschulhauses, konnte die Oberstufe bereits wieder um 15 % auf 55 % reduzieren. Da hatte also der Schulgutsverwalter der Oberstufenschulgemeinde entweder gut budgetiert oder eine glückliche Steuerertragslage in den vier Gemeinden. Vielleicht auch beides.

Quellen und Literatur

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1964 – S. 9, 13v, 14. Weiach, September 1965. – Typoskript in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1964.
  • Neue Zürcher Zeitung, Nummer 489, 6. Februar 1964.
  • Guggenbühl, H.: Stadel. Raat, Schüpfheim, Stadel und Windlach. Entwicklung einer Gemeinde. [Hrsg. Gemeinde Stadel [b. Ngl.] 1994.
  • Brandenberger, U.: Den Zeitgeist der 60er aufs Bild gebannt. WeiachBlog Nr. 611 v. 6. Mai 2008.
  • Brandenberger, U.: Das Oberstufenschulhaus Stadel feiert den 50sten. WeiachBlog Nr. 1308 v. 4. September 2016.
  • Brandenberger, U.: Geniale Schwimmbeckenkonstruktion by Jucker Engineering. WeiachBlog Nr. 1837 v. 30. Juni 2022.

Mittwoch, 2. August 2023

Ein Vierteljahrhundert Pendeln Oerlikon–Weiach, 1927-1952

In der Gemeinde Weiach sind Arbeitsplätze traditionellerweise nicht gerade dicht gesät. So kommt es, dass viele Einwohner Wegpendler waren und sind, wenn sie sich nicht zum Wegzug entschieden haben.

Die umgekehrte Pendelrichtung ist selten anzutreffen. Im 16. Jahrhundert gab es diese bereits, als der auf die Weiacher Pfarrstelle gewählte reformierte Prädikant über ein halbes Jahrhundert hinweg jeweils zu Fuss aus der Stadt Zürich nach Weyach kommen und daselbst predigen musste. Denn bis 1591 gab es in unserer Gemeinde weder ein Pfarrhaus noch ein für einen Pfarrherrn zum Leben ausreichendes Pfrundgut. Es wundert daher nicht, dass uns diese Pfarrer im Durchschnitt nur wenige Monate erhalten blieben.

Den SBB sei Dank

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte man sich ein Arbeitspendeln aus der Stadt in die Nordwestecke des Kantons schon eher vorstellen, denn da gab es ja seit 1. August 1876 eine Bahnverbindung. Trotzdem ist es bemerkenswert, wenn jemand ein Vierteljahrhundert lang diese Strecke regelmässig unter die Räder nimmt, wie Walter Zollinger in der Jahreschronik 1963 berichtet:

«Erwähnen darf man sicher auch, dass in Zürich-Oerlikon in der ersten Juniwoche unsere langjährige, frühere Arbeitschul-Lehrerin, Frau Berta Stegmüller-Bachmann, im 82. Altersjahr gestorben ist. (Siehe Chronik 1952!). Frau Stegmüller kam während der langen 25jährigen Amtszeit allwöchentlich 2-3 mal von Oerlikon per SBB hieher. Sie amtete ebenfalls im benachbarten Zweidlen-Glattfelden.» (G-Ch Weiach 1963, S. 17) 

Noch bemerkenswerter wird es, wenn man sich vergegenwärtigt, dass auf der Linie Koblenz–Eglisau bis 1945 ausschliesslich mit Kohle befeuerte Dampflokomotiven unterwegs waren. Im Zweiten Weltkrieg war Kohle Mangelware, was zu massiven Fahrplaneinschränkungen geführt hat (vgl. WeiachBlog Nr. 1539 über die Notelektrifikation).

Mit 70 war die Altersgrenze für Nähschullehrerinnen erreicht

Und da uns Zollinger gerade explizit (und mit Ausrufezeichen) auf die Jahreschronik 1952 hinweist, sei hier auch die entsprechende Stelle aus dem Abschnitt «Schulwesen» wiedergegeben:

«Weiach führt innert seiner Gemarkung "nur" eine Primarschule mit 2 Abteilungen (Elementarschule 1.-3. Kl.) (sog. Oberschule 4.-8. Kl.). Diese beiden Abteilungen zählten 1952 zu anfang des neuen Schuljahres je 30 Schüler. An der Elementarabteilung arbeitete von 1906 bis 1952, somit volle 46 Jahre lang, Fräulein Luise Vollenweider aus Langnau a. Albis. Die oberen Klassen leitet seit 1919, also "erst" während 33 Jahren der Unterzeichnete [d.h. Walter Zollinger]. An der Nähschule unterrichtete seit 1927 und damit auch schon 25 Jahre, Frau Berta Stegmüller aus Zürich-Oerlikon. 

Dieses treue Ausharren der Lehrkräfte während Jahrzehnten im kl. Bauerndorf steht in wohltuendem Gegensatz zur sonst leider üblich gewordenen Landflucht der meisten jungen Lehrerinnen und Lehrer in den umliegenden Nachbarorten. Man darf daraus wohl auch gute Schlüsse auf Schulbehörde und Elternschaft unserer Gemeinde ziehen.

Als neue Lehrkraft an die Unterschule wurde von der Erziehungsdirektion Herr Kurt Ackerknecht geb. 1925 aus Zürich "gesandt" und an die Nähschule kam Fräulein Verena Schnydrig geb. 1931 aus Bülach, da Frau Stegmüller ebenfalls infolge Erreichung des 70. Altersjahres zurücktreten musste.» (G-Ch Weiach 1952, S. 9)

Mit dem Jahr 1952 ging also das Wirken von gleich zwei langjährigen Lehrkräften zu Ende. Die Primarschulgemeinde verlieh fünf Jahre später ihrer Dankbarkeit durch eine freiwillige Ergänzungszulage zum Ruhegehalt Ausdruck. Für Frau Stegmüller betrug diese 100 Franken pro Jahr (vgl. WeiachBlog Nr. 370).

Quellen

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1952 – S. 9. Weiach, Sommer 1954. -- Typoskript in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1952.
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1963 – S. 17. Weiach, November 1964. -- Typoskript in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1963.

Dienstag, 1. August 2023

Bundesfeier-Konstante «Schulhausplatz»

Bei der vorherrschenden Wetterlage hatten es die Organisatoren der Bundesfeier 2023 in Weiach leichter als andere, die ihren Anlass witterungsbedingt gleich ganz absagen mussten, vgl. die Angaben von MeteoSchweiz:

Denn bei uns ist der Platz am Trockenen fix eingeplant. In Fällen wie heute setzt man auf die Ausweichvariante, nur wenige Meter daneben. Statt auf dem Schulhausplatz unter freiem Himmel und auf Kompass und Schachbrett findet die Feier «bei unsicherem Wetter» (vgl. Bild unten) im Gemeindesaal statt.

Schon in den 1950ern an diesem Platz

Die Tradition, dass die Bundesfeier auf dem Schulhausplatz stattfindet, ist bereits jahrzehntealt. Sie lässt sich in den Jahreschroniken Zollingers bis aufs Jahr 1953 zurückverfolgen:

«Auch an der Bundesfeier auf dem Schulhausplatz wirkten die beiden Chöre, neben Turnverein, Damenriege und Schülerchor, wie jedes Jahr übrigens, wacker mit.» (G-Ch Weiach 1953, S. 10) 

Mit den beiden Chören sind Kirchenchor und Männerchor gemeint. Wie man sieht, beteiligten sich etliche weitere Dorfvereine an der Feier. Heute beschränkt sich jeweils einer der Vereine im Turnus darauf, die Festwirtschaft zu führen.

Auch der eigene Pfarrer war einst Festredner

Punkto Veranstaltungsort ist auch ein Jahrzehnt später keine Veränderung festzustellen. Zur Bundesfeier 1964 schreibt Zollinger:

«1. August: An der Bundesfeier auf dem Schulhausplatz spricht Herr Pfr. Wyss zu den Einwohnern. - Das Niederbrennen des Augustfeuers muss diesmal vom sonst üblichen Platz in der obersten Rebstrasse ins Riemli hinüber verlegt werden; in der Fastnachtfluh droben wär's, weil zu nahe am Waldrand gelegen, der grossen "Tröchni" wegen zu riskant.»  (G-Ch Weiach 1964, S. 23)

MGW, August 2023, S. 20

Die Formelhaftigkeit dieses Zollinger'schen «Bundesfeier auf dem Schulhausplatz» deutet daraufhin, dass die Tradition noch um einiges älter ist als die seither vergangenen 70 Jahre.

N.B.: Sollte die 1964er-Ansprache des Weiacher Pfarrers Robert Wyss (vgl. WeiachBlog Nr. 1166) bei einer genaueren Durchsicht des Pfarrarchivs noch zum Vorschein kommen, dann wird sie – wie die heutige Rede von Wilma Willi – auch in die Sammlung «Dasses es Ross patriotisch hätt gmacht» (Neuauflage von Wiachiana Doku Bd. 5) aufgenommen.

[Veröffentlicht am 2. August 2023 um 00:11 MESZ]

Montag, 31. Juli 2023

«Ein ganz ohnnottwendig ding»! Feuerwerksverbot vor 400 Jahren

Feuerwerk ist eine höchst umstrittene Sache. Eine, die die Gemüter so richtig in Wallung bringt. Tierliebhaber beklagen die Verstörung ihrer Schützlinge als Folge der Knallerei. Umweltschützer bringen die Belastung durch Feinstaub und Schwermetalle aufs Tapet. Andere können und wollen davon trotz (oder gerade wegen) der damit verbundenen Gefahren nicht Abstand nehmen. Nur schon der Knalleffekte wegen gehört für sie ein richtiges Feuerwerk zum Nationalfeiertag. Wie Höhenfeuer, Bratwurst und Cervelat. Ein Politikum.

Antiknall. Eidgenössische Volksinitiative

So wundert es auch nicht, dass letztes Jahr die Eidgenössische Volksinitiative «Für eine Einschränkung von Feuerwerk» (https://www.feuerwerksinitiative.ch/) lanciert worden ist. Deren Ziel: Alles, was knallt, soll künftig nur noch in Ausnahmefällen erlaubt sein. Wie man in diesen Tagen lesen konnte, seien bereits knapp unter 100'000 Unterschriften zusammengekommen. Die Initiative dürfte die Hürde von ebensovielen gültigen Signaturen also wohl überspringen, was uns in nächster Zeit ein weiteres Volksabstimmungs-Thema bescheren wird.

Nicht nur Kanton und Gemeinde können ein Veto einlegen

Und wenn es für einmal nicht die Dürre ist, die am 1. August zu einem behördlichen Feuerverbot führt, dann kann im Unterland auch ein Privatunternehmen kommunalen Feuerwerks-Vorhaben einen Strich durch die Rechnung machen. 

So titelte der Zürcher Unterländer (Online-Ausgabe) am 25.7.2023: «Flughafen verärgert Gemeinden mit Feuerwerksverbot». Und der Lead erläutert ansatzweise, weshalb: «In Höri und Niederglatt wird es am 1. August kein offizielles Feuerwerk geben. Der Flughafen lehnte die Gesuche der Gemeinden ab».

Hochobrigkeitliches Verbot des Raggetenschiessens

Wie Sie, geneigte Leserinnen und Leser, schon anhand des Titels erraten haben, ist der Versuch, diese ganze Pyromantik zu unterbinden, schon vor Jahrhunderten unternommen worden. Sicherheitsbedenken hatte man damals schon. Die Brand- und Explosionsgefahren sind schliesslich nicht von der Hand zu weisen.

In einem auf die 1620er-Jahre zuzuordnenden Dekret, einem sog. Mandat, hat die Regierung des Zürcher Stadtstaates ein Totalverbot ausgesprochen. Sie hat das wie folgt begründet:

«Alß auch fehrners wolgesagt unser g[nedig]en h[err]en in betrachtung genommen, was gestalten us dem allhie überhand nemmenden Raggeten schiesen lychtlichen groses unglück entstehn, und bald unwiderbringlicher schaden hardurch verursachet werden mochte, somliches aber ein ganz ohnnottwendig ding ist; 

So laßent hiemit villwolernant unser g[nedig]en h[err]en das Raggetenschießen allhie auch genzlichen verbieten, und darvon jederman oberkeitlichen abmannen und verwarnen, by ihrer straf und ungnad.»

Dem Autoren dieses Artikels nicht bekannt ist, wie dieses Verbot gewirkt hat. In der Sammlung von Campi und Wälchli, die bis ins Jahr 1675 reicht, ist jedenfalls kein weiteres Raketenverbot zu finden.

Studierenden wird Umgang mit Pulver und Raketen untersagt

Dafür aber in Akten derjenigen Behörde, die heute Bildungsdirektion genannt wird. Eingereiht ist der Erlass unter «Mancherlei Erkanntnussen [...] betreffend Excess der Studiosorum» (StAZH E I 19.1, Nr. 3). Da hatten also Studenten über die Stränge gehauen.

Ein auf den 3. August 1703 datierter Ratsbeschluss verlangt von den «Verordneten zur Lehr», dass «das Abfeuern von Raketen und der Umgang mit Pulver, sonderlich zur Nachtzeit, den Schülern ernstlich zu verbieten sei». (StAZH E I 19.1, Nr. 3.15)

Quelle

  • Nr. 211. Besuch der Katechismus-Predigten; Reiten an Sonntagen nach Baden; Schiessen mit Raketen (1620?). In: Campi/Wälchli (Eds.): Zürcher Kirchenordnungen 1520-1675. Theologischer Verlag Zürich, 2011 - S. 573 [2 Bde. mit insg. 1452 Seiten] -- Die Herausgeber haben dieses Mandat im Dossier StAZH A 42.4 [1561-1616] gefunden.

Sonntag, 30. Juli 2023

Spende für Dr. Sagers Osteuropabibliothek

«Der Feind ist rot und kommt von Osten!» Wer seine Sozialisation in der Schweiz während des Kalten Kriegs (1947-1989) durchgemacht hat, der weiss aus eigenem Erleben, was mit diesem plakativen Propaganda-Spruch gemeint ist. Und wie er zu verstehen ist. Gemeint ist die Farbe der Kommunisten, im konkreten Fall das Rot der Flagge der UdSSR mit gekreuzten Symbolen, Hammer und Sichel.

Kommunisten wollen uns angreifen, vernichten, etc. Das war das Leitnarrativ damaliger Zeiten. Heute sind es statt der Sowjets «die Russen».

Ungarn 1956: Solidarität mit dem Kleinen

Das prägende Ereignis der 1950er-Jahre war für die Weiacher nicht so sehr der Volksaufstand des 17. Juni 1953 in der noch jungen DDR. Es war vielmehr der Kampf der Ungarn gegen den Einmarsch der Sowjetarmee vom 1. bis 4. November 1956, der auch für die Volksmeinung in Weiach prägend war und zu diversen Aktivitäten führte, vgl. den Protokolleintrag des Frauenvereins Weiach in WeiachBlog Nr. 339

Und damit war unser Dorf nicht allein, wie man auch dem Artikel Ungarn im Historischen Lexikon der Schweiz entnehmen kann: «Einen kritischen Höhepunkt erfuhren die ungarisch-schweizerischen Beziehungen 1956 anlässlich der durch sowjetische Truppen niedergeschlagenen Revolution in Ungarn. Eine beispiellose Sympathie- und Solidaritätswelle schlug sich in der Schweiz nebst Hilfslieferungen besonders in der Aufnahme von über 20'000 Flüchtlingen nieder, die meist problemlos integriert wurden.»

Antikommunismus ist Mainstream

Es ist daher auch kein Wunder, dass die Angst und das Bedrohungsgefühl nicht mehr speziell geschürt werden mussten. Da war der Anschauungsunterricht dieser Machtdemonstration des Spätstalinismus völlig ausreichend. 

Wer es jetzt noch wagte, kommunistische Ideen zu äussern, der wurde schnell verdächtig und wenn er oder sie im falschen Beruf tätig war, beispielsweise als Lehrer, dann stellte sich schon einmal ein ganzer Lehrkörper geschlossen gegen diesen Verräter und verlangte von den Behörden seine sofortige Entlassung.

In Weiach führte seit Jahren ein glühender Patriot die Geschicke der Gemeinde. Als solcher darf Gemeindepräsident Albert Meierhofer-Nauer mit Fug und Recht bezeichnet werden. Loyal zur Heimat stand nach der Bedrohungserfahrung des Zweiten Weltkriegs auch die überwiegende Mehrheit der Weiacherinnen und Weiacher. Wer diese Haltung nicht teilte, wird den Teufel getan haben, dies offen zum Ausdruck zu bringen.

Selbstverständlich war auch Walter Zollinger in Richtung geistiger und physischer Landesverteidigung gepolt. In seiner Jahreschronik 1960 notiert er:

«Auf Antrag des Aktuars bewilligte die Schulpflege einen Beitrag von Fr. 100.- an die "Stiftung Schweizerische Osteuropabibliothek" in Bern, ein Zweig des "Schweiz. Ost-Institutes" (S.O.I.) unter Dr. Peter Sagers Leitung.» [G-Ch Weiach 1960, S. 12]

Was hier nicht steht, jedoch aus einer früheren Jahreschronik hervorgeht: Bei diesem Aktuar handelte es sich um den Chronikverfasser selber (vgl. WeiachBlog Nr. 1958).

Wer war Dr. Sager?

Dr. Peter Sager im Jahre 1986. 
Quelle: Bibliothek am Guisanplatz, Sammlung Rutishauser, Wikimedia CC BY-SA 4.0

Hier wurde also eine Spende aus Steuermitteln ausgerichtet. Da musste sich die Schulpflege schon sehr sicher sein, dass dies von der überwiegenden Mehrheit der Stimmberechtigten ohne grosse Diskussion gutgeheissen würde, sonst hätte man sich eine solche Ausgabe nicht erlauben können.

Peter Sager (1925-2006) war in dieser Hinsicht für seine Weiacher Zeitgenossen über jeden Zweifel erhaben. Zu seinem Werdegang schreibt das Historische Lexikon der Schweiz:

«1952 Dr. rer. pol., 1952-54 am Soviet Union Program der Univ. Harvard. Unter dem Eindruck des Totalitarismus sowjet. Prägung ab 1948 in Bern systemat. Aufbau der Osteuropa-Bibliothek (seit 1997 Schweiz. Osteuropabibliothek) sowie 1959 Gründung des Schweiz. Ost-Instituts, 1959-91 dessen Leiter. 1945-91 Mitglied der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB, später SVP) [...]»

First-rate propagandist

Die Osteuropa-Bibliothek gab es also schon geraume Zeit. Nun hatte sie mit dem Ost-Institut auch noch eine institutionelle Umhüllung erhalten. Dieses erhielt die Aufgabe, die Entwicklung im Ostblock mit wissenschaftlichen Methoden zu beobachten und diese einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

«Aber jede sachliche Arbeit im Zusammenhang mit dem Kommunismus ist notwendigerweise eine Aufklärung über das Wesen dieser Bewegung und weist deshalb politischen Charakter auf.» (zit. n. Wikipedia-Artikel Schweizerisches Ostinstitut)

Dieser Satz aus dem Memorandum, einer Art Missionsbeschreibung aus dem Jahre 1963, zeigt deutlich die Stossrichtung auf, die ihre transatlantische Prägung über das Soviet Union Program einer U.S.-Top-Universität nicht leugnen kann. Sager wurde dadurch vom Wissenschaftler immer stärker zum Politaktivisten:

«Dieser Rollenwechsel akzentuierte die immer schon vorhandene politisch-aufklärerische Note der wissenschaftlichen Feindforschung in der Tätigkeit Sagers: Ausländische Geheimdienstkreise qualifizierten ihn deshalb als ,not very scientific, but a first-rate propagandist‘» [Christophe von Werdt (2014), zit. nach Wikipedia-Artikel Peter Sager]

Quelle und Literatur

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1960 - S. 12. Typoskript in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1960.
  • von Werdt, Ch.: Sager, Peter. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 07.02.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/006777/2011-02-07/, konsultiert am 30.07.2023.
  • Christophe von Werdt: Peter Sager und die Ostforschung in der Schweiz. In: Religion und Gesellschaft in Ost und West, Jg. 42 (2014), H. 3, S. 23.
[Veröffentlicht am 31.7.2023 um 00:55 MESZ]

Freitag, 28. Juli 2023

Die Gerätebaracke als Turnlokal bei Schlechtwetter?

In der Jahreschronik 1959 vermerkt Walter Zollinger eine bauliche Innovation auf dem Schulareal. Dabei schimmert seine Profession als Lehrer der oberen Primarschulklassen unweigerlich durch. Unter dem Titel «Polit. Gemeindegut» schreibt er:

«Da der alte, abbruchreif gewordene und auch zu kleine Turngeräteschopf wegen der Erstellung der Spielwiese gottlob verschwinden muss, beantragt der Gemeinderat die Anschaffung einer grösseren, von der Gemeinde Opfikon käuflichen Baracke. Diese soll bis zum Bau einer Turnhalle zugleich auch als "Turnlokal" für Schlechtwetter dienen. Kosten Fr. 3'700.-. Die Gemeindeversammlung vom 2.5. bewilligt diesen Kredit.»

Umgerechnet nach dem Historischen Lohnindex von swistoval.ch wären das heute rund 30'000 Franken. Man sieht hier, dass die Politische Gemeinde sich auch schon in «Vorkieszeiten» in Schulbelangen finanziell engagiert hat. Mit der mehrheitsbeschaffenden Begründung, dass die Sportvereine ja dann auch einen Nutzen davon haben, nicht nur die Schule.

Bildlegende: «Neuer Geräteschopf»

Eher die Dreschscheune genutzt

Wie sich die Herren Gemeinderäte das mit dem «Turnlokal» wohl vorgestellt haben? Schon Zollinger hat diese Bezeichnung nicht ohne Anführungszeichen durchgehen lassen. Laut einem heute noch aktiven Mitglied der Männerriege, das diese Zeit selber miterlebt hat, habe man in der neuen Baracke drin immerhin «den Handstand machen» können. 

Tatsächlich sei dann allerdings eher die Dreschscheune der Elektrizitätsgenossenschaft genutzt worden, wenn die Witterung allzu schlecht ausgefallen ist. Dieses Gebäude wurde 1919 errichtet und nach einem Brand 1940 wiederaufgebaut. Sie beherbergte später das Lager von Pneu Müller (heute First Stop), wurde 2002 runderneuert und trägt jetzt die Adresse Grubenweg 1.

Turngerätedepot als Datierungshilfe

Der alte Schopf und die neue Occasionsbaracke können nun als Marker verwendet werden: zur Datierung von Aufnahmen, auf denen die Hofwiese zu sehen ist. Fehlt die Baracke, dann deutet das auf eine Zeit vor dem Sommer 1959 hin (sog. Terminus ante quem), ist sie vorhanden, auf danach (sog. Terminus post quem). In letzterem Fall kann die Aufnahme nicht vor diesem Zeitpunkt entstanden sein.

Eine Luftbildaufnahme von 1953 zeigt auf dem Schulhausdach noch deutlich das im Zweiten Weltkrieg als Hinweis an alliierte Flugzeugbesatzungen aufgemalte weisse Schweizerkreuz. Rechts davon der Pausenplatz mit Kletterstangen und am Rande der Geräteschopf:

ETH-Bibliothek Bildarchiv, LBS_H1-015087, 1953 (Ausschnitt)

So gross war die Baracke wirklich nicht

Auf einer jüngeren Aufnahme, 10 Jahre später, zeigt sich das Schweizerkreuz noch verblichener. Deutlich hervorstechend die jüngst umgesetzten Bauprojekte: die Stützmauer der neuen Spielwiese, samt einem mauerparallel am Nordwestrand installierten hohen Zaun, der verhindern sollte, dass die Bälle reihenweise auf dem Nachbargrundstück gesucht und dort das Gras zertrampelt werden musste. In einem Zwischenniveau eine Sprintbahn, die in Richtung Berg und Chälen mit ziemlich hohen Stützmauern abgesichert wird. Und: man sieht die 1959 angekaufte Baracke, samt den Fundamenten, auf die sie gestellt wurde:

ETH-Bibliothek Bildarchiv, Com_F63-00686, 1963 (Ausschnitt)

Ein aus leicht anderem Winkel ein Jahr später aufgenommenes Luftbild zeigt, wie die Baracke (in den 70ern zu Gunsten des neuen Schulhauses abgebrochen) und das (zwischen 1998 und 2002 ebenfalls abgebrochene) sog. Kellerhäuschen im Verhältnis zueinander standen.

ETH-Bibliothek Bildarchiv, LBS_H1-024537, 1964 (Ausschnitt)

Quelle

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1959 - S. 7. Weiach, Juli 1961. Typoskript in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1959.
[Veröffentlicht am 29. Juli 2023 um 16:01 MESZ]

Donnerstag, 27. Juli 2023

«Die fürgesetzten der gmeind». Wer bei uns 1958-62 das Sagen hatte

In einigen der alten Weiacher Turmkugeldokumente sind die sog. Vorgesetzten der Gmeind aufgeführt. Es wird also eine Liste der Amtsträger gegeben.

So schreibt der Weiacher Pfarrherr Johann Rudolf Erni, datiert auf den 14. Februar 1659 (nach julianischem Kalender), im ältesten erhalten gebliebenen Dokument (KTD 1):

«jetz welind wir die fürgesetzten der gmeind melden:
hern hanss Rudolf Ernj pfarher welcher predigtet alhier,
Mathiss Baumgartner Vogt,
Andres Bersinger auch geschworner.
»

Bei Baumgartner und Bersinger handelte es sich um die von den beiden Obrigkeiten, dem Rat der Stadt Zürich und dem Fürstbischof von Konstanz eingesetzten Amtsträger.

Eine alte Tradition aufgenommen

Auch wenn Chronist Walter Zollinger die Originale vor der grossen Restauration der Kirche Mitte der 1960er-Jahre nicht zu Gesicht bekommen hat, so dürften ihm die Inhalte dennoch nicht unbekannt gewesen sein, denn da gab es mehrere Abschriften, u.a. eine, die 1855 durch Pfr. Konrad Hirzel ins Stillstandsaktenbuch («Protocoll der Kirchenpflege Weÿach» von 1838 bis 1884) eingetragen wurde, eine weitere durch Pfarrer Ernst Wipf (in den Jahren 1903-1907; sog. Wipf-Akten), sowie eine von seinem Lehrerkollegen Adolf Pfister in den Jahren 1936-1942 erstellte Abschrift, die Eingang in den sog. Ortsgeschichte-Ordner gefunden hat.

Dieser Tradition folgend hat sich Zollinger entschieden, in der Einleitung zur Jahreschronik 1958 die sich – 300 Jahre nach Erni – an der Macht befindlichen «Vorgesetzten» mit vollem Namen aufzuführen.

Ein massgebender Unterschied zu damals: diese Amtsträger wurden samt und sonders ohne Beeinflussung durch die Obrigkeiten von den in Weiach ansässigen Stimmberechtigten gewählt.

«Die diesjährigen allgemeinen Gemeindewahlen geben Anlass, einmal unsere Behördemitglieder [sic!], wie sie sich für die Amtsdauer 1958/62 ergeben haben, namentlich aufzuführen:

Gemeinderat:

Albert Meierhofer-Nauer  Präsident  [vgl. u.a. WeiachBlog Nr. 426]
Fritz Näf-Schmid
Gottlieb Griesser-Oeschger
Ernst Bersinger-Bernhard
Otto Meierhofer-Spühler
(Gemeindeschreiber und Gutsverwalter: Ernst Pfenninger-Bühler)

Armenpflege:

Heinrich Baltisser-Bösiger  Präsident
Otto Meierhofer-Spühler
Ernst Bersinger-Willi  Verwalter
Ernst Rüedlinger-Näf
Kurt Ackerknecht, Lehrer (Letzterer zugleich Aktuar)

Kirchenpflege:

Rudolf Meierhofer-Müller  Präsident
Karl Gut-Willi
Ernst Baumgartner-Brennwald  Verwalter   
[vgl. u.a. WeiachBlog Nr. 1479]
Rudolf Schenkel-Meierhofer
Willi Ryhiner-Landenberger, Pfr.
Albert Erb-Saller   
[vgl. u.a. Weiacher Geschichte(n) Nr. 72]
Wilhelm Kuster-Sidler (Letzterer zugleich Aktuar)

Primarschulpflege:

Ernst Pfenninger-Bühler  Präsident
Albert Schenkel-Griesser
Ernst Baumgartner-Imhof   Verwalter
Ernst Bersinger-Bernhard
Hans Meier-Bleuler
(Aktuar: W. Zollinger, Lehrer)

Rechnungsprüfungskommission:

Jakob Meierhofer-De Bastiani  Präsident
Walter Kölliker-Schmid
Ernst Baltisser-Nüssli
Hans Schenkel-Albrecht
Albert Griesser-Willi (Letzterer zugleich Aktuar)

Vorstand der Elektrizitätsgenossenschaft:

Walter Zollinger-Funk  Präsident
Albert Erb-Saller
Ernst Baumgartner-Imhof  Verwalter
Heinrich Baltisser-Bösiger
Albert Meierhofer-Meier
Fritz Näf-Schmid
Albert Meierhofer-Nauer (Letzterer zugleich Aktuar)
»

Dreimal identische Namen

Selbst seinen eigenen Namen hat der Chronist in dieser Aufstellung als Allianznamen ausgeschrieben, was sonst in keiner Weise seinen Gepflogenheiten entsprach. 

Um ihn selber eindeutig identifizieren zu können, wäre das nicht nötig gewesen. Sehr wohl aber, wenn es um die diversen Baltisser, Baumgartner, Bersinger, Griesser, Schenkel, Meierhofer, Meier und andere weitverzweigte Weiacher Geschlechter geht. 

Nur schon innerhalb obiger Liste von Funktionsträgern gibt es zwei Albert Meierhofer, zwei Ernst Bersinger und zwei Ernst Baumgartner! Ohne Zusatzbezeichnungen irgendwelcher Art (und seien es als Alternative individuelle Jahrgänge, oder die Übernamen der einzelnen Familienzweige) hat man schon da keine Chance, sie auseinanderzuhalten.

Ebenso auffällig ist, wie häufig Doppelämter sind. Sei es nun, weil fähige (und amtsbereite) Amtsträger schon damals nicht einfach zu finden waren oder weil man so auch ganz praktische Synergien nutzen konnte.

Versammelte Weichensteller

Die oben genannten Männer (Frauen hatten damals in der Politik höchstens indirekt etwas zu sagen, z.B. über ihren Ehemann) nehmen eine für die Gemeinde Weiach sehr wichtige Rolle ein. 

Sie waren es, die massgeblich die Entwicklungsrichtung und -modalitäten bestimmt haben, als es just in diesen entscheidenden Jahren von 1958 bis 1962 um die Frage ging, wie die Kiesreserven unter dem Weiacher Boden genutzt werden sollen.

Ob man den Kiesabbau und seine Folgen kritisch sieht (wie Chronist Zollinger, vgl. u.a. WeiachBlog Nr. 1318) oder ihn rein positiv bewertet: Es ist unbestritten so, dass Weiach seither nicht mehr das ist, was es bis dahin gewesen war. Diese Herren haben epochale Entscheidungen auf die Schiene gebracht. Mit Auswirkungen bis weit in die Zukunft hinein. Die eigene und selbst die der heutigen Weiacherinnen und Weiacher.

 Quellen und Literatur

  • Erni, J. R.: Turmkugeldokument Nr. 1, datiert 14. Februar 1659, St.v. (Signatur: OM Weiach KTD 1)
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1958 – S. 1-2. Weiach, August 1960. -- Typoskript in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1958.

Mittwoch, 26. Juli 2023

Klassenfotos, von der Bildungsdirektion organisiert?

In seiner Jahreschronik 1957 vermerkte Walter Zollinger lapidar: «2. Mai: Schulphotograph Haagmans Zürich macht die alle 3 Jahre üblichen Gesamtphotos.». 

Diese Jahreschronik findet man heute in der Zentralbibliothek (ZBZ) am Predigerplatz in der Zürcher Altstadt. Ebenfalls auf Stadtgebiet, aber auf dem Milchbuck, sind die Originale dieser «Gesamtphotos» eingelagert. In den Untergeschossen des Staatsarchivs des Kantons Zürich (StAZH). 

Abliefernde Stelle für die unten eingerückten Bilder war der kantonale Lehrmittelverlag, der zur Bildungsdirektion gehört. Bedeutet das nun, dass diese Fotos durch den Kanton angeordnet wurden?

Nein, so ist das nicht. Die Haagmans, Vater und Sohn, waren Unternehmer. Und haben sich über Jahrzehnte hinweg darauf verstanden, sehr viele Schulgemeinden davon zu überzeugen, dass Klassenfotos sozusagen zum Courant normal gehören.

Alle drei Jahre? Bei uns nur so ungefähr  

Für Weiach ist die von Zollinger behauptete Dreijahresfrist nur so ungefähr eingehalten worden. Das muss jedenfalls vermuten, wer davon ausgeht, dass alle je von den Haagmans geschossenen Klassenfotos erhalten geblieben sind. Heute beim StAZH vorhanden sind nämlich nur solche aus den Jahren 1938, 1943, 1947, 1950, 1954, 1957, 1961, 1963, 1968 und 1970.

Auch bei unseren zürcherischen Nachbargemeinden waren die Haagmans über Jahre hinweg sozusagen die Hoffotografen, was Klassenfotos betrifft: In Glattfelden und Stadel von 1931 bis 1990, in Bachs zwischen 1938 und 1954 und in Neerach ab 1939 bis 1972.

Nachstehend die beiden Aufnahmen, die auf diesen eingangs erwähnten 2. Mai 1957 datiert sind:

Obere Klassen. Lehrperson: Herr Walter Zollinger mit 43 Schülerinnen und Schülern

Untere Klassen. Lehrperson: Herr Kurt Ackerknecht mit 46 Schülerinnen und Schülern

Quellen und Literatur

  • Primarschule Weiach. Realabteilung. Lehrperson: Herr W. Zollinger. Aufnahme vom 2. Mai 1957. Signatur: StAZH W I 90.36551.
  • Primarschule Weiach. Elementarabteilung. Lehrperson: Herr K. Ackerknecht. Aufnahme vom 2. Mai 1957. Signatur: StAZH W I 90.36553.
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1957 – S. 12. Typoskript in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1957. Weiach, im August 1959.
  • Brandenberger, U.: Die Klassenfotos von Hubert & Walter Haagmans. WeiachBlog Nr. 1776 v. 9. Dezember 2021.