Freitag, 10. März 2006

Land unter im Unterland

Dieser Titel im Zürcher Unterländer von heute 10. März ist ein so schöner Kalauer, dass ich nicht widerstehen konnte, ihn für den WeiachBlog abzukupfern. Er übertreibt zwar etwas, könnte aber dennoch nicht besser gewählt sein. Denn nach dem grossen Schnee kam ebenso plötzlich das grosse Tauwetter. Und damit die Überschwemmung:

«Vollgelaufene Keller, ersoffene Setzlinge in Gärtnereien, geflutete Felder, Wiesen und Strassen: Der Regen und die milden Temperaturen raffen den Schnee dahin und sorgen für Probleme im Unterland», schrieb Steffen Riedel im «Zürcher Unterländer».

«Die Nachtruhe vieler Feuerwehrleute in der Region endete gestern schon gegen 4 Uhr früh. Hausbesitzer zahlreicher Gemeinden im Unterland schlugen Alarm. Der Regen und das Schmelzwasser hatten ihre Keller geflutet. Fast während des ganzen Tages pumpten die verschiedenen Feuerwehren in Weiach, Glattfelden, Steinmaur, Schöfflisdorf und in Neerach das Wasser wieder aus den Häusern

Etwas weiter unten erwähnt Riedel auch die blockierten Strassen: «Für Behinderungen sorgte das ungebetene Nass auf den Strassen im Unterland. Besonders in Senken oder Talmulden liefen die Wassermassen zusammen und überfluteten die Verkehrswege. So geschehen auf der Hauptstrasse zwischen Weiach und Glattfelden, auf jener durchs Neeracherried zwischen Höri und Dielsdorf und auf der Wehntalerstrasse bei Adlikon

Über die Überschwemmung der Hauptstrasse Basel-Winterthur auf Weiacher Gemeindegebiet, Höhe Winkelwiesen, berichtete sogar der Blick. Sie ist wohl darauf zurückzuführen, dass an den nordexponierten Hängen von Ebnet und Wörndel (Leuenchopf) vielerorts der Boden noch gefroren war. Statt zu versickern lief das Wasser dort zusammen, wo es bis zur Bachkorrektur natürlicherweise durchgeflossen war. Nämlich durch die Winkelwiesen gleich nordöstlich des Dorfeingangs.

«Am späteren Nachmittag beruhigte sich die Situation wieder. Die Gefahr von Überflutungen bleibt aber akut. Das regnerische Tauwetter soll noch einige Tage anhalten», schliesst Riedels Beitrag.

Die Bilder zum Text finden Sie im Originalartikel auf der Website des «Zürcher Unterländers».

Quellen

Donnerstag, 9. März 2006

Ein Kriterium in der Berner Zeitung

Der Median ist der perfekte Durchschnitt. Wenn man Zahlenwerte der Grösse nach sortiert und genau in der Mitte eine Linie zieht, dann hat man den Median. Macht man das bei den Gemeinden der Schweiz, so liegt die Linie (Stand: 31.12.2004) bei 960 Einwohnern. Weiach lag Ende 2005 bei - 959 Einwohnern!

Weiach in der Berner Zeitung? Wie schafft es eine Gemeinde, die durchschnittlicher nicht sein könnte, in die Tageszeitung eines anderen Kantons? Das geht in der Regel nur in drei Fällen - spektakuläre Unglücksfälle, erschreckende Verbrechen, herausragende sportliche Leistungen. Oder in letzterem Fall wenigstens die Gelegenheit dazu.

Es muss nicht immer ein Flugzeugabsturz sein, oder gar ein Mord. In der Berner Zeitung, die sich als «die grösste schweizerische Tageszeitung in der Region Bern, Freiburg und Solothurn» verkauft, war es vorgestern Dienstag die Sportseite. Dort wurde das Frauen-Profi-Team Bigla Cycling im Telegramstil samt Erfolgen vorgestellt und auf Wichtige Termine verwiesen.

«Rennen in der Schweiz. 12. März: Brissago. – 30. April: Magali Pache. – 1. Mai: Mauren. – 14. Mai: Uzwil. – 20. Mai: Cham. – 25. Mai: Diessenhofen. – 27. Mai: Thun. – 28. Mai: Rigi. – 23. Juni: SM Zeitfahren in Boningen. – 25. Juni: SM Strasse in Aarau. – 1. Juli: Unterägeri. – 2. Juli: Weiach. – 30. Juli: Schaffhausen. – 1. August: SM Berg in Sion. – 5. August: Diessenhofen. – 13. August: Zunzgen. – 19. August: Bern-West. – 9. September: Horgen. – Weltcup. 2. April: Flandern-Rundfahrt (Be). – 19. April: Flèche Wallone (Be). – 23. April: Berner Rundfahrt in Lyss. – 7. Mai: GP Castilla–Leon (Sp). – 27. Mai: Montreal (Ka). – 28. Juli: Vargarda (Sd). – 30. Juli: Aarhus (Dä). – 26. August: GP Ouest France in Plouay (Fr). – 3. September: Rotterdam (Ho). – 10. September: Nürnberg (De). – WM. 19.–24. September in Salzburg (Ö).»

Das 4. Kriterium von Weiach, organisiert durch den Veloclub Steinmaur auf einem ca. 1 km langen Rundkurs durch die Strassen von Oberdorf und Bühl, findet dieses Jahr also am Sonntag, 2. Juli statt. Hoffentlich bei schönem Wetter. Und hoffentlich auch mit der zweifachen Weiacher Strassenschweizermeisterin Sereina Trachsel.

Quelle

  • Bigla Cycling. Die Fahrerinnen und alle Rennen. In: Berner Zeitung, 7. März 2006

Mittwoch, 8. März 2006

Fluglärmkurve gekratzt?

«Die Zürcher Baudirektion hat ihre Praxis bezüglich Baubewilligungen in Gemeinden mit übermässigem Fluglärm angepasst. Der Norden wird entlastet», meldet der Lead des Artikels von Dani Schurter im Neuen Bülacher Tagblatt vom 1. März 2006. «Ab sofort werden Baugesuche und Gesuche betreffend Bau- und Zonenordnungen sowie Quartierpläne anhand der Lärmkurven des vorläufigen Flughafen-Betriebsreglementes und aufgrund der Lärmkurven des Jahres 2000 beurteilt. «Dadurch werden Gebiete insbesondere im Zürcher Unterland und Weinland entlastet», teilten die Volkswirtschaftsdirektion und die Baudirektion gestern mit.»

Hat die Gemeinde Weiach am Rande der neuen Fluglärmkurven grad noch einmal die Kurve gekratzt? Oder werden wir vom Kanton erneut präventiv zum Lärmkübel degradiert und entschädigungslos mit einem Bauverbot belegt?

Hochobrigkeitliche Verlautbarung

Das fragt man sich nach der Lektüre der am 28. Februar veröffentlichten Neuregelung der Planungs- und Baubewilligungsverfahren im Einflussbereich des Flughafens Zürich.

Die Verlautbarungen des Amtes für Raumordnung und Vermessung, eine Medienmitteilung und das dazugehörende sind in bestem Planungschinesisch verfasst und deuten in diese Richtung.

Da heisst es zum Beispiel: «Im Rahmen der Ortsplanung dürfen neue Bauzonen nur ausgeschieden werden, wenn die Planungswerte (PW) eingehalten sind. Dasselbe gilt für die Erschliessung von Bauzonen im Quartierplanverfahren.»

Schauen wir uns die von der Medienmitteilung aus verlinkte BZO-Karte genauer an:


Was bedeutet das jetzt für Weiach? Immerhin muss offenbar nicht jedes Baugesuch zwecks obrigkeitlicher Beurteilung nach Zürich geschickt werden.

Quartierpläne See/Winkel und Bedmen gefährdet

Ein Grenzfall sind wir trotzdem: ausgerechnet im Gebiet am nordwestlichen Rande der blauen Fläche sind derzeit gleich mehrere Quartierplanverfahren am Laufen. Die Perimeter liegen unglücklicherweise exakt im Grenzbereich der hier in Anflugrichtung etwas ausfransenden Kurve.

Gemeindepräsident Gregor Trachsel teilte auf Anfrage von WeiachBlog mit, dass der Gemeinde vorläufig nichts anderes übrig bleibe, als weiter zu warten, bis man vom Kanton endlich die parzellenscharfen Pläne erhalte. Man sei an der Arbeit, habe es dort geheissen.

Na toll! Die endlose Geschichte der vom Bund, den Kanton und den Flughafen-Bossen verschuldeten Verzögerungen der Quartierpläne See/Winkel und Bedmen geht also weiter. (Die Quartierpläne Lee und Berg sind nicht mehr betroffen, da bereits abgeschlossen.) Und etliche Gemeinden im Osten des Flughafens erfahren jetzt auch, was es heisst, unter raumplanerische Vormundschaft gestellt zu werden.

Quellen

Dienstag, 7. März 2006

Flughafendirektion Zürich forever!

Lärm-Beschwerden sind an laerm@unique.ch bzw. Tel. 043 816 21 31 zu richten. Ganz Freche rufen sogar direkt im Tower an. Das weiss bei den Südschneisern jedes Kind. Bei den Gelbkäppchen auf dem Pfannenstil wird die Unique-Aversion allerdings erst seit 2003 mit der Muttermilch aufgesogen.

In Weiach hingegen weiss man nicht erst seit 3, sondern schon seit 30 Jahren, dass den Plänen der von jedem Realitätsbezug abgehobenen Flughafen-Bosse zu misstrauen ist. Mit der Privatisierung ist alles nur noch schlimmer geworden.

«Die Flughafen Zürich AG (FZAG) mit Sitz in Kloten ist seit dem 1. April 2000 Halterin und Betreiberin des Flughafens Zürich. Sie tritt unter der Marke «Unique» auf und entstand Ende März 2000 aus dem Zusammenschluss der damaligen Kantonalzürcher Flughafendirektion und der Flughafen-Immobilien-Gesellschaft (FIG). Sie ist an der Schweizer Börse kotiert und an weiteren Flughäfen beteiligt, unter anderem am Bangalore International Airport.» (Quelle: ZRHWiki)

Genau von solchen Konstruktionen wollten die Weiacher Stimmbürgerinnen und Stimmbürger schon anlässlich der kantonalen Volksabstimmung vom 28. November 1999 über das Flughafengesetz nichts wissen. In der Nordwestecke des Kantons wurde die Privatisierung des Flughafen damals deutlich abgelehnt (Weiach: 74.7 % Nein-Anteil). Auch der Kredit für die Fünfte Ausbauetappe des Flughafens wurde in Weiach 1995 abgelehnt.

Auf dem Pfannenstil hingegen wurden beide Vorlagen enthusiastisch angenommen. Aber da war ja auch noch keine Rede von Südanflügen.

Letztlich hat sich für Weiach nicht viel geändert. Seit 30 Jahren wird mit uns dasselbe Spiel gespielt: eine Mehrheit am See gegen die Minderheit im Unterland, die «ad majorem gloriam Turegi» (zur höheren Ehre Zürichs und seiner wirtschaftlichen Prosperität) gefälligst den ganzen Lärm des Flugbetriebs schlucken soll.

Alter Wein in neuen Schläuchen. Wohl deshalb ist auch nach bald sechs Jahren «Unique Zurich Airport» in der März-Nummer der Mitteilungen für die Gemeinde Weiach unter den wichtigen Telefonnummern eine längst Totgeglaubte aufgeführt: die Flughafendirektion mit der «Reklamationstelefonnummer 043 816 21 31 oder 043 816 22 11.» Was soll's. Die Nummern stimmen ja.

Quelle
  • Haas, E.: Klares Ja zum Flughafen. In: Tages-Anzeiger, 29. November 1999.
  • Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, März 2006 – S. 2

Montag, 6. März 2006

Märzwetter 1956

Am 12. Februar hat WeiachBlog über das Wetter im Februar 1956 berichtet. Hier nun die Schilderung des Märzwetters vor 50 Jahren:

«Der März war ein „schwankender Geselle“: bald ists am Morgen noch einige Grad unter Null (Tiefsttemperatur -9°), bald aber steigt das Quecksilber darüber hinauf. Die Nachmittagstemperaturen betragen durchschnittlich so +10 bis +12° (Höchsttemperatur am 30.3., am Karfreitag +20°). Ausnahmsweise schenkt dieser sonst sich durch rauhes Wetter auszeichnende Feiertag dies Jahr einmal einen prächtigen, sonnigen Nachmittag mit klarblauem Himmel. Am Morgen früh allerdings war es noch kalt, etwas unter Null sogar. Der 31. bringt am Morgen -5°, am Nachmittag wiederum +20° und gegen 16 Uhr richtig das erste Gewitter des Jahres – „ins leere Holz“, wie der Volksmund sagt – ein ganz ergiebiger Regen fällt dabei bis gegen 18 Uhr.»

Nach einem kalten Februar konnten die Weiacher nach Angaben von Walter Zollinger (1896-1986) vor einem halben Jahrhundert also einen angenehmen März erleben.

Jedenfalls keinen mit stundenlangen Schneefällen, stundenlangem Schneeschaufeln und präventivem Dachlastberechnen wie in diesem verrückten Frühling 2006.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1956 – S. 2-3 (Original in der Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Signatur: G-Ch Weiach 1956).

Sonntag, 5. März 2006

Die MGW sind online

Pünktlich auf den grossen Schnee *gg* ist es so weit. Die Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (vgl. WeiachBlog vom 4. November 2005) sind online.

Und zwar unter den Rubriken Aktuelles - Neuigkeiten auf der Mitte September 2005 eröffneten offiziellen Website der politischen Gemeinde: www.weiach.ch.

Dort ist seit 2. März die März-Nummer 2006 der Mitteilungen abgelegt. Auffallend an dieser Ausgabe ist zweierlei:
  • erstens sind die Seiten entgegen der sonstigen Gepflogenheit nicht nummeriert. Das soll uns aber nicht stören. Im pdf-Reader gibt es ja eine Seitenangabe;
  • und zweitens kommen einige Artikel ganz unerwartet in Farbe daher. In der gedruckten Papierausgabe kann man die Farben bloss erahnen - anhand der Graustufen.
Das Inhaltsverzeichnis ist hingegen in gewohnter und bewährter Reihenfolge aufgestellt:
  • Mitteilungen der Gemeinde, S. 3 - 19 [mit Weiacher Geschichte(n)]
  • Mitteilungen der Schulen, S. 20 - 23
  • Mitteilungen der Kirche, S. 23 - 30
  • Vereine und Sonstiges, S. 31 - 42
  • Vereinigung Gewerbe Weiach, S. 43 - 45 [die einzigen kommerziellen Seiten]
  • Abfallkalender S. 46

Samstag, 4. März 2006

Schneeuntaugliche CITARO-Gelenkbusse

Die tüchtigen Schneefälle von gestern Freitagmorgen haben für einmal auch Weiach nicht ausgelassen. Um halb acht Uhr lagen auf meinem Vorplatz mehr als 10 cm Schnee. Entsprechend musste man dann auch ein paar Minuten länger auf das Postauto warten. Alles halb so wild. Ich habe in Bülach sogar noch die S-Bahn erwischt.

Das wirkliche Chaos fand an diesem Morgen etwas früher statt. Und es betraf ausschliesslich die neuen Gelenkbusse des Autobetriebs Stadel-Neerach, der für die Postauto Zürich fährt. Das wurde mir nach einigen Minuten Fahrt klar.

Wenn man am Antriebsystem spart...

Vor einer Scheune beim Windlacher Kreuz stand der erste Gelenker, der zweite wurde bei der Busgarage Neuwishuus gerade von einem Traktor aus seiner misslichen Lage befreit und ein dritter Gelenkbus stand auf der Haltebucht Richtung Kaiserstuhl beim Stadler Musterplatz. Drei liegengebliebene neue Busse auf weniger als einem Kilometer. Und das alles wegen ein bisschen Schnee.

Einer der Chauffeure erklärte mir heute, das Problem liege darin, dass der Hersteller auf den Einbau eines Antrieb der im vorderen Teil gelegenen Mittelachse verzichtet habe. Nur die hinterste Achse treibe den Bus an. Wenn die Strasse derart glitschig sei wie gestern morgen, dann knicke das Gelenk ein und der Knickschutz werde aktiviert. Resultat: der Motor wird automatisch gedrosselt und nichts geht mehr. Kurz gesagt: Die Manövrierfähigkeit der Busse ist unter Schneebedingungen unter jeder Kanone. Es ist schlicht zu gefährlich mit ihnen zu fahren, wenn die Räumdienste nicht mehr nachkommen.

...und warum das so ist.

Da fällt einem unweigerlich das US-Motto "Just good enough" ein. Dem lebt jetzt offenbar auch Mercedes-Benz mit seiner CITARO-Reihe eifrig nach. Kein Wunder nach der Fusion mit Chrysler. Und deshalb verkauft man den Kunden nun offensichtlich Fahrzeuge, die mit einem nicht mehr abschaltbaren ABS und mit völlig unzureichender Software ausgerüstet sind.

Man nimmt bei diesen Firmen also in Kauf, dass das Leben von Fahrgästen in Situationen wie der oben geschilderten fahrlässig gefährdet wird. Oder mutet den Betreibern zu, dass sie unter den genannten Bedingungen den Betrieb schlicht einstellen müssen.

Allwettertaugliche, robuste Busse müssen her

Denjenigen die jetzt glauben, einmal pro Jahr sei ein solcher Zustand doch für ein, zwei Stündchen zumutbar, sei gesagt, dass wir derartige Extremereignisse als Folge der Klimaerwärmung in Zukunft immer häufiger haben werden.

Schon allein deshalb ist es eine Zumutung, für solche Schrottbusse auch noch teuer zu bezahlen. Billig sind die Niederflurbusse nämlich beileibe nicht. Und trotzdem unbequemer, da überhaupt nicht gefedert und deshalb weitaus schneller am Ende ihrer Lebensdauer als ihre Vorgänger. Im Stadtverkehr mögen sie genügen, im Überlanddienst überzeugen sie aber überhaupt nicht.

Solchen Herstellern sollten die Einkäufer von Fahrzeugen des öffentlichen Verkehrs konsequent die rote Karte zeigen. Wir brauchen kein zweites Combino-Tram-Desaster.

Freitag, 3. März 2006

Weit verbreitetes Zurzacher Pfund (Mass und Gewicht 6)

Zum Abschluss seines Artikels über Mass und Gewicht im alten Kaiserstuhl behandelt M.L. Frischknecht eine "pfundige" Angelegenheit: die Gewichte. Auch da gab es natürlich Unterschiede zwischen verschiedenen Produkten und Marktplätzen, welche für die Weiacher von grosser Bedeutung waren:

«In unserer Gegend bildete das Pfund die Masseinheit. 1 Pfund = 18 Unzen = 36 Lot. Das Pfund beruht mehrheitlich auf dem alten römischen Pfund mit 327 Gramm. Silber, Salz und Fleisch hatten oft eigene Pfunde. Im ganzen Aargau galt für Salz das poids de marc Frankreichs (mit 32 Lot, 490 Gramm). Dies sicher im Zusammenhang mit der hervorragenden Bedeutung des Salzes und der dominanten Stellung Frankreichs im Salzhandel. Solche Spezialgewichte für ganz besondere Sachen kennt auch heute noch jeder: z.B. das Karat als Gewichtseinheit für Edelsteine. Kaiserstuhl hatte in Anlehnung an Konstanz ein Pfund, das aus 40 Lot bestand, es wog 574 Gramm. Zurzach hatte ein Pfund von 528 Gramm, bestehend aus 36 Lot. Lenzburg und Kulm hatten auch das Zurzacher Pfund. Brugg, Mellingen und Muri verwendeten ebenfalls das Zurzacher Pfund mit 40 Lot, doch wog es dort ein Gramm mehr, nämlich 529 Gramm. Das Zurzacher Pfund war in der Schweiz weit verbreitet. Es galt in Uri, Nidwalden, Obwalden und Luzern mit 529 Gramm. In Zug wiederum wog es 528 Gramm. Ausser Kaiserstuhl und Zurzach hatten alle Märkte im Aargau Pfunde mit 32 Lot und Gewichten zwischen 477 (Aarau) und 526 Gramm (Klingnau).»

Interessant ist die Schlussfolgerung des Autors:

«Das war nur ein kleiner Auszug aus dem erwähnten Büchlein [Anne-Marie Dubler, Masse und Gewichte im Staat Luzern und in der alten Eidgenossenschaft; Festschrift, 125 Jahre Luzerner Kantonalbank, 1975]. Eindrücklich ist, wie differenziert und vielfältig früher jedes Ding sein Mass hatte. Eindrücklich ist auch wie gleichmacherisch und stumpf wir heute mit Franken und Rappen rechnen. Sicher, es ginge heute nicht mehr so wie früher. Doch stimmt es sicher den einen oder anderen nachdenklich, wenn er sich bewusst wird, wie früher jedes Ding ein Mass hatte, je nachdem wo es gemessen wurde und je nachdem was es für ein Ding war. Irgendwie leuchtet es doch ein, dass Schnaps, Milch, Wein, Oel und Honig verschiedene Masse haben müssen, dass Wolle, Leinen oder Seide nach verschiedenen Längen gemessen wurden.»

Eine bedenkenswerte Aussage. Der innere Wert der Dinge ist mit gleichmacherischen Massstäben tatsächlich nicht einmal annähernd bemessbar.

Für die Teile 1-5 vgl. die WeiachBlog-Beiträge vom 26. Februar bis 2. März:

Quelle

Frischknecht, M. L.: Masse und Gewichte im alten Kaiserstuhl. Erstmals erschienen in: Echo – Zeitung für Kaiserstuhl, August 1984, S. 4-6. Abgedruckt im Sammelband: Keiserstul. Geschichte und Geschichten – aus dem Nachlass von Bruno Müller. Kaiserstuhl 1989 – S. 178-180.

Donnerstag, 2. März 2006

Mass, Schoppen und Eimer (Mass und Gewicht 5)

Bei diesem Titel mag man an feuchtfröhliche Gelage denken: die Mass am Münchner Oktoberfest oder den Schoppen Wein, den sich ältere Mitmenschen nach eigener Aussage genehmigen. In früheren Jahrhunderten waren dies weitherum gebräuchliche Grössen für trinkbare Flüssigkeiten.

Für Bayern galt um 1845: 1 Maßkanne (Maß) = 1,0690 Liter, wobei man diese Einheit wie folgt unterteilte: 1 Maß = 2 Halbe (oder Seidel) = 4 Quart (oder Schoppen) = 8 Achterl (oder 8 halbe Schoppen) (Quelle: Königl. Bayer. Armee-Mathematik (1))

Welche Massbegriffe in unserer Gegend üblich waren, erläutert M.L. Frischknecht in einem weiteren Abschnitt seines Artikels zu Massen und Gewichten im alten Kaiserstuhl (siehe die WeiachBlog-Beiträge ab 26. Februar):

«Auch bei den Flüssigkeitsmassen gab es Rechnungs- und Transportmasse. Im Mittelland galt das Mass als Einheit. Ein Mass bestand aus 4 Schoppen. 4 Mass bildeten einen Eimer und 4 Eimer nannte man einen Saum. In Kaiserstuhl wurde beim Weinmass zwischen gegorenem und ungegorenem Wein und Most unterschieden: ein Mass gegorener (lauterer) Wein betrug 1.3 Liter, ungegorener 1.38 Liter. Daneben gab es noch spezielle Masse für Branntwein, Oel, Honig und Milch. Die grössten Unterschiede fanden sich beim Milchmass: Gegenden mit viel Milchwirtschaft hatten grosse Masseinheiten, Gegenden mit wenig Milchvieh kleine Einheiten (Zofingen: 1 Mass = 0.45 Liter; Glarus: 1 Mass = 3.19 Liter).»

Quellen

  • Frischknecht, M. L.: Masse und Gewichte im alten Kaiserstuhl. Erstmals erschienen in: Echo – Zeitung für Kaiserstuhl, August 1984, S. 4-6. Abgedruckt im Sammelband: Keiserstul. Geschichte und Geschichten – aus dem Nachlass von Bruno Müller. Kaiserstuhl 1989 – S. 178-180.
  • Appell, W.: Rechnen mit Spaß lernen. Königl. Bayer. Armee-Mathematik (1)

Mittwoch, 1. März 2006

Entspelzt oder unentspelzt? (Mass und Gewicht 4)

Bis vor wenigen Jahrzehnten war in den Getreideanbaugebieten im Mittelland die Antwort auf diese Frage von grossem Interesse, wenn es ans Messen ging. Denn von entspelztem Getreide passt natürlich mehr in ein bestimmtes Volumen als von unentspelztem.

Wie man damals mit diesem Problem umging und es mit den Getreidemassen hielt, erklärt dieser Beitrag aus der am 26. Februar begonnenen Reihe zu Massen und Gewichten im alten Kaiserstuhl. Wir zitieren aus M.L. Frischknechts Artikel:

«Getreide wurde in Hohlmassen – also wie unser Liter – gemessen. Im Mittelland war der Viertel die Masseinheit des Marktes. 4 Viertel bildeten ein Mütt, eine Einheit für den Transport. Bei der Lagerung spielte das Malter (= 4 Mütt). In Kaiserstuhl hatte man zwei Getreideviertel: ein Viertel entspelztes Getreide betrug 22.42 Liter, unentspelzt: 25.59 Liter. In Zurzach betrug das Viertel für entspelztes und unentspelztes Getreide 22.47 Liter. Ob die Kaiserstuhler Getreidehändler die Zurzacher mehr bemogelten oder umgekehrt steht nicht im Buch.»

Eine – mit Verlaub – recht maliziöse Unterstellung. Aufpassen musste man natürlich schon – und jedesmal nachfragen, ob mit oder ohne Spelzen und nach dem Mass welcher Stadt gemessen werde.

Das ist bis heute in vielen Bereichen nicht anders: Die Bezeichnung Dollar reicht ja schliesslich auch nicht. Meist ist zwar schon vom US-Dollar die Rede. Es könnte aber auch der australische, der kanadische oder irgendein anderer Dollar gemeint sein. Und die sind in der Regel nicht gleich viel wert wie ein US-Dollar.

Quelle

Frischknecht, M. L.: Masse und Gewichte im alten Kaiserstuhl. Erstmals erschienen in: Echo – Zeitung für Kaiserstuhl, August 1984, S. 4-6. Abgedruckt im Sammelband: Keiserstul. Geschichte und Geschichten – aus dem Nachlass von Bruno Müller. Kaiserstuhl 1989 – S. 178-180.