Samstag, 26. Oktober 2019

Die Einweihung unserer Neidhart&Lhôte-Orgel

Am heutigen Tag vor genau 50 Jahren wurde die gegenwärtige Orgel in der Reformierten Kirche Weiach offiziell eingeweiht.

Nach dem 1866 beschafften Trayser-Harmonium und der 1930 erbauten Kuhn-Orgel (Opus 648) ist es das dritte der Kirchenmusik gewidmete fixe Instrument in diesem Gotteshaus (das von erst dem zweiten von der Kirchgemeinde angestellten Organisten gespielt wird, vgl. WeiachBlog Nr. 1385).

Im Jahre 2020 soll die neobarocke Neidhart-Orgel totalrevidiert werden. Das bedeutet, dass man sie zu Beginn der Renovation der Kirche komplett demontieren wird, Einzelteil für Einzelteil. Diese werden dann alle gründlich unter die Lupe genommen, wo nötig aufgefrischt und schliesslich bis zum Abschluss der im Innern der Kirche erforderlichen Bauarbeiten extern eingelagert.

Ende 2020 (oder Anfang 2021) soll die wieder am alten Platz montierte Orgel erneut in alter Pracht erstrahlen - samt dem hölzernen Schleiergitter des Rückpositiv-Prospekts mit dem Weiacher Wappen, das farblich mittlerweile doch ziemlich gelitten hat.

Festgottesdienst am Morgen, Barock-Konzert am Nachmittag

Nachstehend soll es um die beiden zur Einweihung der Orgel organisierten Anlässe gehen. Zur Einweihung hat die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Weiach ein Faltblatt drucken lassen (Bild des Titelblatts nachstehend), welches das Programm des Tages wiedergibt, zu den technischen Details jedoch fast vollständig schweigt.



Die nachfolgende Transkription der Seiten 2 bis 4 ist für diesen Artikel mit Links auf die Komponistenartikel der Wikipedia sowie Interpretationen der aufgeführten Werke von Youtube angereichert. Auffallend an den gewählten Werken ist ihre durchgehende Verankerung in der Zeit des Barocks. Mit Ausnahme von Bach und Händel haben diese Kirchenmusiker und Komponisten ihre aktive Zeit vor dem Bau der Weiacher Kirche gehabt.

Den Vormittag bestritt an der neuen Orgel der Weiacher Organist Walter Harlacher, den Nachmittag der Orgelexperte Jakob Kobelt.

[Seite 2]

Gottesdienst

09.30-09.45 Uhr: Einläuten zum Familiengottesdienst

Eingangsspiel der Orgel

Eingangswort

Kirchenchor: «Schaffe in mir Gott, ein reines Herze»
[Melodie von:] Georg Winer, 1583-1651 [auch bekannt als: Johann Georg Wiener]

Psalmgebet und Loblied der Gemeinde: 52, 1. 5.  «Lobe den Herren»

Bittwort, Schriftlesung

Kirchenchor: Das geistliche Konzert Nr. 75 (Magnificat)
Andreas Hammerschmidt, 1612-1675 [Evangelisch-lutherischer Kirchenkomponist]
Gemeint ist wohl: Der Lobgesang der Maria  Meine Seele Gott erhebt (Magnificat), 1962 erschienen in der Serie Geistliche Chormusik des Stuttgarter Hänssler-Verlags.

Predigt über Psalm 150: «Alles, was Odem hat, lobe den Herrn»

Lied der Gemeinde: 53, 1. 9. 10. «O dass ich tausend Zungen hätte»

Anzeigen

Fürbitte und Gebetsstille

Segen

Schlusslied der Gemeinde: 213, 1. 5. «Brunn allen Heils, dich ehren wir»

Ausgangsspiel der Orgel

Walter Harlacher, Orgel
Kirchenchor Weiach
Solisten, Instrumentalisten
Leitung: Herbert Rumhold

[Seite 3]

Konzert zur Einweihung der neuen Orgel

Einläuten: 14.30-14.45 Uhr

Ausführende:
Hans Suter, Bass
Kammerorchester Kobelt
Jakob Kobelt, Orgel

Programm

Dietrich Buxtehude: Präludium, Fuge und Ciacona in C-Dur für Orgel  [BuxWV 137; Tonbeispiel]

Johann Pachelbel: Partita über «Was Gott tut das ist wohlgetan» für Orgel  [Tonbeispiel]

Dietrich Buxtehude: Kantate «Mein Herz ist bereit» für Bass, Streichinstrumente und Orgel
[Tonbeispiel]

Gerolamo Frescobaldi: Toccata in g für Orgel  [Tonbeispiel]

Domenico Zipoli: Versetten und Pastorale für Orgel [Tonbeispiel]

Arcangelo Corelli: Conterto [sic!] grosso in g-moll für Streichorchester und Orgel  [sog. Weihnachtskonzert; Tonbeispiel]

Johann Sebastian Bach: Drei Orgelchoräle  [gemeint sind wahrscheinlich die Choralvorspiele für Orgel]
a) Komm Schöpfer, Geist  [BWV 631; Tonbeispiel 1; Tonbeispiel 2Tonbeispiel 3]
b) Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ  [BWV 639; Tonbeispiel]
c) Vater unser, im Himmelreich [unklar ob BWV 636, 682 oder 737]

Tripelfuge in Es-Dur  [BWV 552; Tonbeispiel]

Georg Friedrich Händel: Rezitativ und Arie für Bass, Streichorchester und Orgel aus dem «Messias»
Rezitativ und Arie für Bass, Streichorchester und Orgel aus dem «Messias»
Rezitativ: «Denn blick auf, Finsternis deckt das Erdreich»
Arie: «Das Volk, das im Finstern wandelt»

Konzert für Orgel und Orchester in F-Dur  [Aufgrund dieser Angabe kommen mind. 3 Werke in Frage: HWV 292: Orgelkonzert in F-Dur, Op 4 No 4; HWV 293: Orgelkonzert in F-Dur, Op 4 No 5; sowie HWV 295: Orgelkonzert in F-Dur, Der Kuckuck und die Nachtigall]

Eintritt frei -- Kollekte für die Mission

Wie man den obigen Angaben in eckigen Klammern entnehmen kann, ist aufgrund der Angaben im Programm nicht bei jedem aufgeführten Werk zweifelsfrei eruierbar, um welches es sich genau gehandelt hat.

[Seite 4]

Unsere neue Orgel

Im November 1966 hat die Kirchenpflege Weiach eine kleine Schrift herausgegeben mit dem Titel: «Eine neue Orgel für die Kirche Weiach». Am Schluss derselben heisst es: «Wenn alles gut geht, wird die Orgel auf den Advent 1970 in unserer Kirche sein.»

Zu unserer grossen Freude ist alles über Erwarten gut gegangen. Am 1. Oktober dieses Jahres war unsere Orgel fertig eingebaut und gestimmt. Sie besteht aus 3 Teilen: Hauptwerk, Rückpositiv und Pedal. 16 klingende Register mit mehr als 1000 Pfeifen sollen die Ehre Gottes preisen.

Erfreulich gross war das Echo auf die Bitte der Kirchenpflege. Mehr als 200 Gaben im Gesamtbetrag von über 40 000 Fr. sind eingegangen. Der Kreis der Spender erstreckt sich weit über die Grenze unserer Kirchgemeinde hinaus.

Glaubensgenossen von nah und fern bekundeten auf diese Weise ihre stille Verbundenheit mit unserer Dorfkirche. Besonders möchten wir die kräftige Mithilfe der reformierten Kirchgenossenschaft Kaiserstuhl-Fisibach erwähnen.

Im Namen der ganzen Gemeinde möchten Kirchenpflege und Pfarramt allen Spendern von Herzen danken. Viele haben die äussere Gestalt unserer neuen Orgel auf der Empore schon gesehen. Alle sind freundlich eingeladen, ihre Stimme zu hören. Möge sie mit der gewaltigen Fülle ihrer Töne und der Reinheit ihrer Harmonie uns allen helfen, dass wir zusammenfinden und einstimmen in das Lob Gottes.

Experte: Jakob Kobelt, Mitlödi
Gestaltung: Paul Hintermann, Rüschlikon
Ersteller: Neidhart und Lhôte, St. Martin NE

Bereits einige Tage vor der Einweihung (am 22. Oktober 1969) erschien in den Regionalzeitungen Zürcher Unterländer und Zürichbieter der nachstehende Artikel:



[Veröffentlicht am 28. Oktober 2019]

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Wahlsiegerin: die Partei der Stimmabstinenten (PdSa)

Eine Zahl ist in Weiach exakt gleich wie vor 4 Jahren. Bei den Nationalratswahlen 2015 wurden gleich viele gültig eingelegte Wahlzettel gezählt wie in diesem Jahr. Nämlich 355.

Damals waren allerdings erst 869 Wahlberechtigte zur Urne gerufen. Dieses Jahr 1114, ein Zuwachs von 28.2%. Bei gleichbleibender Anzahl Stimmzettel stürzt natürlich die Wahlbeteiligung ab. Und zwar massiv. Von 40.8% auf nur noch 31.9%.

Platzhirsch hält sich gleichem Niveau

Vordergründig hat in Weiach die SVP ihren Platzhirsch-Status verteidigt, so wie sie das seit vielen Jahren eindrücklich und mit fast gleichbleibenden Prozentwerten tut. Was bei dem in den letzten Jahren erfolgten massiven Bevölkerungszuwachs doch einigermassen erstaunt.

Nationalratswahlen 2003:
SVP 51.5 %, SP 15.9 %, FDP 7.7 %, EVP 6.8 %, GP 6.3 %, CVP 4.5 %.

Nationalratswahlen 2007:
SVP 54.8%; SP 12.9%; FDP 8.0%; GP 5.9%; GLP 5.1%; CVP 4.7%; EVP 4.3%.

Nationalratswahlen 2011:
SVP 49.9 %, SP 10.3 %, FDP 9.7 %, BDP 7.1%; GLP 5.9%, EVP 4.4 %; CVP 3.7 %, GP 1.9 %. Im Wahljahr 2011 war die SVP erstmals nicht mehr mit absoluter Mehrheit der abgegebenen Stimmen vertreten. Der Grund ist in der Abspaltung der BDP zu suchen.

Nationalratswahlen 2015:
SVP 56.4%, SP 12.1%, FDP 8.2%, EVP 4.7%, GLP 4.7%, BDP 4.5%; GP 2.4%, EDU 2.5%, CVP 2.0%.

Nationalratswahlen 2019:
SVP 55.6%, SP 10.0%, FDP 9.5%, GLP 6.9%; GP 4.8%, CVP 4.7%, EVP 4.0%, BDP 2.7%.

Die heimliche Siegerin

Berechnet man nun aber die tatsächlichen Prozentanteile an allen Wahlberechtigten, dann versammeln die Nichtwählenden in Weiach eine immer stärkere absolute Mehrheit hinter sich. Da kann auch die SVP glatt einpacken. Die Zahlen 2019: Stimmabstinente: 68.1%; SVP: 17.7%; SP: 3.2%; FDP: 3.0%; etc. In anderen Gemeinden ist das Resultat kaum anders. Nur die Reihenfolge hinter den Stimmabstinenten variiert.

Die Partei der Stimmabstinenten (PdSa) ist also eine extrem mächtige Gruppierung. Sie besteht mutmasslich aus Dutzenden von Splittergruppen, die eine geheime Nicht-Listenverbindung eingegangen sind. Darunter der aus dem Süden inspirierte «Movimento Tutti Ladri» (zu deutsch: SaGP; Sowieso-alles-Gauner-Partei), die Bürgerunbewegung «Mir-isch-glich», das Bündnis «Chume-nöd-druus» und weitere, lediglich Soziologen, Meinungsforschern und dem einen oder andern nicht auf den Kopf gefallenen Journalisten zugängliche Gruppen.

Trotzdem gut, dass es Parlamente gibt

Die PdSa zeigt ihre Macht in unserer direkten Demokratie vor allem bei Sachvorlagen. Da erwischt es die Etablierten regelmässig auf dem linken Fuss. Nicht nur die Parteien, den Bundesrat gleich mit.

Und das ist gut so, sonst könnte unsere Landesregierung glatt auf die Idee kommen, sich des lästigen Parlaments zu entledigen. Und nur noch mittels Dekreten und dem einen oder anderen Volksentscheid durchzuregieren (vgl. WeiachBlog Nr. 1410).

Ohne die manchmal als Schwatzbude und Lobbyisten-Karussell verschrieene Institutition Bundesversammlung, welche die Vielfalt der Meinungen zumindest in Ansätzen abbildet, könnte sich die Regierung wie weiland zu Zeiten der Helvetik ganz einfach auf die schweigende Mehrheit abstützen.

So wie bei der Abstimmung zur Zweiten Helvetischen Verfassung von 1802: Wer nicht abstimmte, dem wurde unterstellt, er sei für die Regierungslinie. Und so sagten die Weiacher im Mai 1802 geschlossen Ja (weil 100% PdSa!, vgl. WeiachBlog Nr. 663).

Freitag, 18. Oktober 2019

Neidhart&Lhôte-Orgel Weiach: Nur ein Rückpositiv bringt's!

Gegen Ende Oktober vor 50 Jahren konnte die gegenwärtige Weiacher Orgel als eines der letzten Elemente der Gesamtrestauration festlich eingeweiht werden. Dass sie so aussieht, wie wir sie heute kennen, nämlich mit einem Rückpositiv (RP), das über der Emporenbrüstung platziert ist, ist keineswegs selbstverständlich.

Eidgenössische Kommission droht mit Entzug aller Bundesubventionen

Die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege (EKD) sowie die Kantonale Denkmalpflege Zürich waren erklärte Gegner eines Rückpositiv. Dieses würde den bisherigen optischen Eindruck der Empore massiv beeinträchtigen, fanden sie.

Der Orgelexperte Jakob Kobelt, die Orgelbaufirma Neidhart & Lhôte, der Architekt der Gesamtrestaurierung, Paul Hintermann sowie die Kirchenpflege Weiach hingegen wollten nicht auf ein zweites Manual verzichten und argumentierten u.a., ein Oberwerk statt eines Rückpositivs würde mehrere Monate im Jahr unbenutzbar sein (vgl. unten).

Dieser Streit mit verhärteten Fronten dauerte mehrere Monate lang an und blockierte den Bau unserer Orgel. Aus den handschriftlichen Unterlagen des Orgelexperten, die als Teil seines Nachlasses in der Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich liegen, geht hervor, dass die Denkmalpfleger der Kirchgemeinde Weiach im Sommer 1966 mündlich gar den vollständigen Entzug aller Bundessubventionen angedroht hatten, sollte man auf dem Bau eines Rückpositivs beharren!

Sechs bis sieben Monate im Jahr unbrauchbares Oberwerk?

Dieses Rückpositiv war aber aus Sicht der Gemeinde unverzichtbar, wie nach Versuchen und Nachforschungen von Georges Lhôte klar wurde.

Lhôte schrieb im Januar 1967 an den Architekten Hintermann, am gegebenen Standort auf der Empore ein Oberwerk einzubauen, führe zu grossen Problemen:

«L’OW se trouve beaucoup trop près du plafond de l’église, à un niveau où il se produit toujours une couche de concentration de la chaleur. Ce clavier sera injouable pendant 6 ou 7 mois par an!» (Brief Nr. 8 im Nachlass Kobelt, Dossier Weiach; Signatur: ZBZ Mus NL 118: W6, Fasz. 1)

Technisch sei ein Oberwerk zwar realisierbar, aber in allen anderen Aspekten völlig unbefriedigend. Ein Unterwerk sei auch keine Lösung, da man es nicht mehr höre, wenn Sänger auf der Empore darum herum gruppiert seien. Seiner Meinung nach gebe es deshalb keine andere Lösung als ein Rückpositiv, wenn man eine zweimanualige Orgel wolle.

Und die Kirchgemeinde Weiach wollte unbedingt wieder eine zweimanualige Orgel, um neben der Gottesdienstbegleitung auch das ein oder andere Konzert veranstalten zu können.

Vier Varianten zur Diskussion

Am 22. Mai 1967 schliesslich schrieb der von der Kirchgemeinde Weiach beauftragte Orgelexperte Jakob Kobelt, der gleichzeitig auch Konsulent der EKD war, aus Mitlödi GL an die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege (Sekretariat an der Gasometerstrasse in der Stadt Zürich), vertreten durch den Kommissionspräsidenten, Prof. Dr. A. Schmid (Brief Nr. 10 im Nachlass Kobelt, Dossier Weiach; Signatur: ZBZ Mus NL 118: W6, Fasz. 1):

Betrifft: Orgel, Kirche Weiach

Sehr geehrter Herr Professor,

Die Angelegenheit mit dem Einbau einer neuen Orgel in der Kirche Weiach wurde vom Orgelbauer Georges Lhôte, vom Architekten Paul Hintermann, von Herrn Dr. Albert Knöpfli
[Mitglied der EKD] und mir nochmals gründlich beraten. Verschiedene Vorschläge und Projekte wurden einander gegenübergestellt, und vor allem wurde die von der EKD empfohlene Lösung (HW+OW, ohne Rückpositiv) geprüft.

Von verschiedenen Vorschlägen wurden Plan-Skizzen angefertigt, ich beziehe mich im folgenden auf die diesem Schreiben beiliegenden Pläne.

1. Plan A    Orgel mit reduziertem Rückpositiv
2. Plan A1  Orgel wie in Projekt
3. Plan B    Orgel mit Oberwerk, über geteiltem Hauptwerk
4. Plan C    Orgel mit Oberwerk, hinter Hauptwerk zurückgesetzt






Alle vier Lösungen sehen eine zweimanualige Orgel mit Pedal vor. Die Forderung der Gemeinde Weiach auf ein Orgelwerk mit zwei Manualen und Pedal ist berechtigt, ein einmanualiges Instrument kommt nicht in Frage.

Der Vorschlag der EKD und die Forderung der Kant. Denkmalpflege, auf das Rückpositiv zu verzichten, wurde eingehend geprüft und in den Plänen B und C aufgezeichnet.

Zu den Vorschlägen sei folgendes bemerkt:

I. Die Lösungen mit Oberwerk (Pläne B und C)

Beide Lösungen haben folgende Nachteile:

a) Das Oberwerk kann aus Platzgründen nur 2-füssig gebaut werden. Da das HW auf 8'-Basis steht, stehen die beiden Werke nicht im richtigen Verhältnis zueinander. Die 8'-Basis für das HW ist durch die Grösse des Raumes gegeben. Die klangliche Relation zwischen HW und OW ist gestört.


[Seitenwechsel]

b) Steht das OW in der gleichen Front wie das HW (Lösung B), so muss das HW geteilt werden, eine für diesen Raum unbefriedigende Lösung: der Klang des HW wird gespalten.

c) Steht das OW hinter dem HW (Lösung C), dann kann das HW wohl zusammengebaut werden, optisch gibt es keine befriedigende Lösung, das zurückgesetzte OW stört das Bild.

d) Während der ganzen Heizperiode kann die Orgel nicht in Stimmung gehalten werden. Das OW steht unmittelbar unter der Decke und ist mit seinen kleinen Pfeifen ausserordentlich heikel in Bezug auf Stimmungsschwankungen, hervorgerufen durch die wärmere Temperatur unmittelbar unter der Decke. Das Spiel auf dem OW wäre während der ganzen Heizperiode, also gut ein halbes Jahr lang, in Frage gestellt.

Beide Lösungen können vom Orgelbaulichen her nicht verantwortet werden. Als Orgelbauberater der Gemeinde Weiach muss ich die Lösungen mit einem OW ablehnen. Zum gleichen Standpunkt sind die Herren Dr. A. Knöpfli, Architekt Hintermann und vor allem auch der Orgelbauer gekommen.

II. Die Lösungen mit dem Rückpositiv (Pläne A und A1)

Bei A 1 handelt es sich um die von der Denkmalpflege angefochtene Lösung. HW und RP stehen auf der Basis 8' bzw 4'. HW- und RP-Prospekt beginnen mit C.

Demgegenüber schlagen wir als Lösung die Orgel nach Plan A vor. Die Prospekte beginnen ab E, die Gehäuse werden also reduziert. Nur die Lösung mit dem RP kann als werkgerecht und orgelbaulich in jeder Beziehung befriedigend bezeichnet werden.

Das RP kann ohne konstruktive Störung der Empore und Brüstung eingebaut werden.

Die oben genannten Herren sind einhellig der Ansicht, dass nach ernsthafter Prüfung der verschiedenen Vorschläge nur die Lösung nach Plan A in Frage kommen kann. Ich beantrage daher, die Denkmalpflege möchte die Sache nochmals prüfen und auf ihren Beschluss (kein Rückpositiv!) zurückkommen. Der berechtigte Wunsch der Gemeinde, eine gute Orgel zu erhalten, ein Instrument, das der kirchenmusikalischen Praxis in allen Belangen gerecht werden kann, sollte nicht einfach übergangen werden. Der restaurierte Kirchenraum soll dem lebendigen Gottesdienst der heutigen Gemeinde dienen, und an diesem hat die Kirchenmusik doch einen wesentlichen Anteil.

Mit vorzüglicher Hochachtung

[Durchschlag nicht unterzeichnet]

Beilagen
Kopie mit Plänen A, A1, B, C an Herrn Dr. A. Knöpfli, 8355 Aadorf
Kopie ohne Beilagen an Herrn Paul Hintermann, Architekt, 8803 Rüschlikon

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Fehler in Blasers Bibliographie der Schweizer Presse

Am 12. September diesen Jahres zeigte sich wieder einmal, dass die einfachste Erklärung meist die beste ist. Und vor allem: dass man oft viel zu weit sucht.

An diesem Tag war der Bülacher Ortschronist Fabio Padrun in der Zentralbibliothek Zürich und konnte sich dort einen ganz speziellen Band ansehen. Den, in der die Zeitung «Bülacher Volksfreund» ihren Titel auf «Bülach-Regensberger Volksfreund» geändert hat.

Mehr als einen Monat keine Zeitung publiziert?

In WeiachBlog Nr. 443 vom 1. Mai 2007 (Komplizierte Zeitungsnamen-Geschichte) hatte ich – gestützt auf die entsprechenden Einträge in Blasers Bibliographie der Schweizer Presse (s. Bild unten) – geschrieben:

«Der erste Name des am 20. Juni 1866 erstmals erschienenen heutigen «Neuen Bülacher Tagblatts» war lediglich «Bülacher Volksfreund». Diesen Titel behielt das Blatt immerhin vier Jahre bei, nämlich bis am 15. Juni 1870. Von Mitte Juli 1870 bis Mitte Juni 1872 hiess die Zeitung dann «Bülach-Regensberger Volksfreund».»

Und ich fand schon damals, das sei doch eine seltsame Lücke im Jahr 1870, die sich da zwischen der Benennung bis 15. Juni 1870 und ab Mitte Juli 1870 auftut (vgl. den Eintrag unter dem grauen Strich mit dem obersten Eintrag im Bild aus: Blaser Bd. 1, 1956, S. 198-199).


Erklärung der Zahlen in den Kreisen (Bd. 1, S. XVI, Details auf den Seiten XVII bis XX, vgl. Link zu Scan in Quelle unten):

Hat Blaser sich geirrt (wie ich vermutete) oder war tatsächlich einen ganzen Monat lang keine Zeitung erschienen (eher unwahrscheinlich, man will ja seine Leser bei der Stange halten)?

Da die entsprechenden Nummern in der Sammlung der Lesegesellschaft Bülach fehlen, hat sich Padrun freundlicherweise bereit erklärt, zur Klärung dieser Frage den Weg an den Zähringerplatz in die Stadt Zürich auf sich zu nehmen.

Auch in den Bibliothekskatalogen drin

Ich war wirklich gespannt, ob diese Lücke nur in der Beschreibung der Bibliothekskataloge auftaucht (vgl. Abbildung unten) und aus der Bibliographie von Blaser entnommen ist, oder sich tatsächlich in den vorhandenen Ausgaben des Jahres 1870 widerspiegelt.


Meine Frage an Padrun: «Sollte es sich wie beschrieben verhalten (d.h. Lücke von einem Monat), dann wäre es - wo Sie dann schon vor Ort sind - von Interesse, die letzten Ausgaben des "Bülacher Volksfreunds" (bis 15. Juni 1870) und die ersten des "Bülach-Regensberger Volksfreunds" (ab 17. Juli 1870) nach Erklärungen dafür zu untersuchen, bspw. ein Editorial, in dem der Redaktor/Herausgeber sich dazu äussert. Denn wahrscheinlich hat sich auch Blaser bei seiner Bibliographie-Arbeit auf ebendiesen Bestand der ZBZ gestützt.»

Anmerkung: Es ist nicht nur wahrscheinlich, sondern sogar ziemlich sicher, wenn man die Einträge unter den Nummern 14: «Zh: Z» berücksichtigt (Blaser Bd. 2, S. 1440). Das ist nämlich der Hinweis auf den Bestand der Zentralbibliothek Zürich.

Eine 6 statt einer 7. Simpler Tippfehler im Standardwerk

Am eingangs dieses Artikels erwähnten Tag schrieb mir Padrun:

«Endlich habe ich es in die ZB geschafft. Es besteht keine Lücke. Nach dem 15.6.1870 erschienen folgende Ausgaben des Bülacher Volksfreunds:

18.6., 22 6., 25.6., 29.6., 2.7., 6.7., 9.7., 13.7., 16.7. etc.

Ab der Ausgabe vom 16.7.1870 heisst die Publikation Bülach-Regensberger Volksfreund.»

Und in einer weiteren mail fügte er hinzu:

«Noch ein Nachtrag: Erklären kann ich mir nicht wirklich, weshalb es zu einer vermeintlichen Lücke gekommen ist. Die Publikation ist jahrgangsweise gebunden. Die einzige Erklärung für mich ist, dass beim Zitieren des Datums der Umbenennung sich der Fehler eingeschlichen hat (bis 15.6. Bülacher Volksfreund anstatt bis 15.7. Bülacher Volksfreund).»

Genau so ist es. Fall gelöst! Merci an den Bülacher Ortschronisten!

Und wieder einmal zeigt sich: Auch (und gerade) die Autoren von Standardwerken machen Fehler. In diesem Fall hätte Blaser schreiben sollen: «15.7.1870». Oder noch besser (unter Verwendung des letzten Publikationsdatums unter dem ursprünglichen Namen): «13.7.1870».

WeiachBlog Nr. 443 ist korrigiert. Jetzt müssen nur noch die Bibliothekskataloge korrigiert werden.

Quelle
  • Blaser, F.: Bibliographie der Schweizer Presse. Erschienen in der Reihe: Quellen zur Schweizer Geschichte. Hrsg. v. d. Allgemeinen Geschichtforschenden Gesellschaft der Schweiz. Neue Folge, IV. Abteilung: Handbücher; Band VII. 1. Halbband, Basel 1956; 2. Halbband, Basel 1958 (beide im Birkhäuser Verlag). Online als PDF-Datei verfügbar in der Sammlung E-Helvetica: NBDIG-59378 

Mittwoch, 11. September 2019

Weiach war 1949 gegen die Rückkehr zur direkten Demokratie

Der 11. September scheint es in sich zu haben. An diesem Tag werden Weichen gestellt. So 1973 in Chile, als Salvador Allende weggeputscht wurde. Aber auch 2001 in den USA und 1949 bei uns.

9/11

Heute vor 18 Jahren. Schauplatz: Prizren, KFOR-Camp VJ. Da sass ich abends kurz vor Lokalschliessung um 23 Uhr in einer sogenannten Betreuungseinrichtung der deutschen Bundeswehr mit dem etwas schrägen Namen «Unterm Abflussrohr» und sah mir die in Endlosschleife gesendeten Bilder der zusammenstürzenden Twin Towers an. Die meisten Menschen, die heute über 30 sind, erinnern sich noch genau, was sie damals taten, an diesem 11. September 2001, als sie von den fatalen Ereignissen hörten.

Mein ingenieurtechnisches Entsetzen über diesen Einsturz war fast noch grösser als die düsteren Überlegungen, wozu dieses Ereignis, «an act of war», wie sich der US-Präsident ausdrückte, in der Weltgeschichte noch führen würde. Denn bisher hatte ich zwar schon von etlichen Hochhausbränden gelesen und gehört. Aber noch nie von einem Wolkenkratzer, der als Folge eines Brandes eingestürzt wäre. Ein fataler Fehler in den Berechnungen der Ingenieure, die WTC 1 und 2 konzipiert hatten? Wie konnte das passieren?

In den nächsten Tagen war bei der KFOR Ausnahmezustand, weil der NATO-Bündnisfall nach Art. 5 ausgerufen worden war (vgl. Wikipedia-Artikel Bündnisfall). Und in den nachfolgenden Jahren haben wir alle erleben können, wie der Autoritarismus - heute mit den Worten «das ist alternativlos» verkleidet - weltweit alles in seinen Würgegriff genommen hat.

Direkte Demokratie

Heute vor 70 Jahren dürfte das Entsetzen spätabends auch im Bundeshaus zu Bern gross gewesen sein. Das Undenkbare war eingetreten. Die Stimmbürger hatten dem seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs umfassenden Vollmachtenregime des Bundesrates die rote Karte gezeigt. Das Verdikt war klar: die Volksinitiative «für die Rückkehr zur direkten Demokratie» war mit knapper Mehrheit angenommen worden.

Ein fataler Fehler im vorangegangenen Propagandafeldzug? Denn im Vorfeld der Abstimmung war der Bundesrat nicht müde geworden zu betonen, es sei in diesen Zeiten schlechterdings unmöglich, die Schweiz zu regieren, ohne über die gewohnten, quasi diktatorischen Vollmachten zu verfügen. Und dann so etwas. Ein - sinnigerweise von eher als demokratiefeindlich einzustufenden Kreisen aus dem Waadtland lanciertes - Volksbegehren erklärt das Volk wieder zum Souverän. Wie es die Intention bei der Gründung des Bundesstaats im 19. Jahrhundert gewesen war.

Weiach stramm auf der Vollmachten-Linie

Diese denkwürdige Volksabstimmung vom 11. September 1949, die 148. Vorlage über welche die Schweizer auf Bundesebene abgestimmt haben (vgl. Swissvotes.ch), ist jedenfalls nicht wegen den Weiachern angenommen worden. Die damals 190 Stimmberechtigten, von denen 134 zur Urne gingen (Stimmbeteiligung: 70.5 % !!) haben es nur mit 21.7 % Ja bedacht. Von 120 gültigen Stimmzetteln zeigten 94 ein Nein und nur 26 ein Ja. Damit war Weiach im Bezirk Dielsdorf  (29.9 % Ja) in bester Gesellschaft und hat sich auch nicht von den übrigen ländlichen Gebieten des Kantons abgehoben. Die Städte hingegen waren eher für die direkte Demokratie, wie man der Karte entnehmen kann (Daten für die Kantone Aargau und Fribourg fehlen):


Nur die Migros-Partei war für die Volksinitiative

Man sieht, dass es in ländlichen Gebieten keineswegs klar war, wie die Abstimmung ausfallen würde, so z.B. in den Kantonen Glarus oder St. Gallen.

Über alles gesehen war das Volksvotum nicht auf der Linie der Parteien. Für ein Ja hatte sich nur der Landesring der Unabhängigen ausgesprochen. Diese von Gottlieb Duttweiler gegründete Partei konnte damals gerade einmal 4.4% aller Wähler auf sich vereinigen. CVP, FDP und die heutige SVP (damals im wesentlichen die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB) waren dagegen. Ja selbst die Sozialdemokraten und die Partei der Arbeit (PdA) votierten gegen die Volksinitiative. Also nicht nur ein Nasenstüber für den Bundesrat.

Dass der LdU für die direkte Demokratie war, ist kein Wunder. Denn das Vollmachtenregime hat der Migros grosse Steine in den Weg gelegt, z.B. mit dem Warenhausbeschluss vom 14. Oktober 1933. Er war klar verfassungswidrig, da er sich letztlich gegen die Handels- und Gewerbefreiheit richtete. Denn der Beschluss verfügte «für alle Warenhäuser, Einheitspreisgeschäfte und Ladenketten das Verbot, neue Geschäfte zu eröffnen oder bestehende Geschäfte zu erweitern.» (vgl. Wild, R.: Auf Schritt und Tritt. Der schweizerische Schuhmarkt 1918–1948. NZZ Libro. Basel 2019 - S. 80-81).

Extreme Unterschiede bei der Stimmbeteiligung

Erstaunlich ist die durchweg extrem hohe Stimmbeteiligung im Kanton Zürich. Noch in den beiden Gemeinden mit den roten Laternen (Langnau am Albis und Oberengstringen mit je 54.3%) ging über die Hälfte der Berechtigten zur Urne.

Bemerkenswert sind besonders die Unterschiede zwischen den Kantonen. In anderen Landesgegenden gab es nicht nur etliche Gemeinden, deren Stimmbürger die Abstimmung fast geschlossen boykottiert haben, so z.B. das Gotthelf-Dorf Lützelflüh im Kanton Bern mit 6.7 % (83 von 1244 Berechtigten). Auch der restliche Kanton Bern war eher desinteressiert (Stimmbeteiligung: 20.4 %), nur im heutigen Kanton Jura war die Beteiligung signifikant höher und dort war die Bevölkerung auch ganz deutlich für die direkte Demokratie (vgl. die grün eingefärbten Gebiete).

Diese extremen Unterschiede haben sich natürlich auch auf das Volksmehr ausgewirkt: der Kanton Zürich, wo damals 16.7% aller Stimmberechtigten wohnten, stellte an diesem Abstimmungstag mehr als ein Viertel (27.8%) aller abgegebenen Stimmen.

Ist direkte Demokratie gefährlich?

Fragt man heutige deutsche Politiker (ausser denen der AfD), dann ist das sehr wohl so. Da könnte ja die falsche Partei an die Macht kommen. Und je nach Struktur des Staates und der Mündigkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger ist eine solche Befürchtung durchaus nicht pauschal von der Hand zu weisen.

Aber die Propaganda, direkte Demokratie würde den Staat funktionsunfähig machen, man könne eigentlich gar nicht mehr anders regieren als mittels Notrecht, d.h. letztlich einem extrakonstitutionellen Vollmachtenregime, das hat sich in den letzten Jahrzehnten doch weitgehend als übertrieben herausgestellt. Im Gegenteil: das Stimmvolk ist ein wichtiges Korrektiv gegen die Begehrlichkeiten der herrschenden Eliten, die über ihre Lobbyorganisationen den Lauf der Politik und Verwaltungstätigkeit mitbestimmen. Da schadet es nicht, wenn Volkes Stimme ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Ob ein Volksentscheid auch dann ohne Wenn und Aber gilt, wenn es an die Menschenrechte geht, das ist hingegen zu Recht eine höchst diffizile Frage.

Die Notrechts-Frage

Nicht nur das Stimmvolk ist allerdings in der Lage, autoritäre, freiheits- und menschenrechtsfeindliche Beschlüsse zu fassen. Das können die Regierungen noch viel eher, zumal wir hierzulande ja kein Verfassungsgericht haben. Und zwar dann, wenn sie sich auf Notrecht berufen.

Das Notrecht ist ihnen über die sogenannte polizeiliche Generalklausel immer zugänglich. Von einem eigentlichen Notrecht (oder wie es in anderen Staaten rechtlich geregelt ist: der Ausrufung des Notstands oder Ausnahmezustands) kann in der Schweiz keine Rede sein. Das sei in unserer Verfassung nicht vorgesehen, weil man das für so selten hielt, dass man es nicht drinhaben wollte, erklärte Andreas Kley, Professor an der Universität Zürich, am 7. September auf SRF 4 News.

Epochale Weichenstellung...

Die Abstimmung von 1949 war rückblickend dennoch von allergrösster Bedeutung, eine epochale Weichenstellung. Wir wären heute nicht das Land, das wir - zumindest im Selbstverständnis der Bürgerinnen und Bürger - heute sind. Eine direkte Demokratie, die sich eben gerade dadurch von den autoritärer regierten Staaten rundherum abhebt.

... und doch jederzeit gefährdet

Professor Kley ist aber der Meinung, dass es mit den am Horizont dräuenden Verwerfungen in wirtschaftlicher Hinsicht und der steigenden Kriegsgefahr auch in Europa nicht unwahrscheinlich sei, dass die Juristen auf Bundesebene sehr schnell wieder die alte Vollmachtenregelung aus der Schublade ziehen und dem Bundesrat erneut quasidiktatorische Kompetenzen zuschanzen würden. Wie schnell das geht, hat man ja bei der Rettung der UBS gesehen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass man dann mit derselben Begründung wie in den zwei vorangegangenen Weltkriegen operieren wird: es handle sich um eine «unvorhersehbare Notlage». Da werden dann in die Verfassung geschriebene Rechte (Menschenrechte, Eigentumsrechte, etc.) aus tagesaktuell behaupteter oder tatsächlicher Notwendigkeit schnell einmal zu Makulatur.

Weiterführende Dokumentationen

Dienstag, 3. September 2019

Eine Ehefrau geht nicht ohne ihren Mann ins Wirtshaus

Können Sie sich noch an den Nachruf auf Mina Moser (1911-2017) erinnern? Da habe ich unter dem 31. August 2017 geschrieben:

Sie [Mina] habe erzählt, sie hätte kurz gezögert das Restaurant zu betreten, kolportierte die Redaktorin, habe sich dann aber gesagt: «Äh ba, Mina. Du bisch über Nünzgi und es sind hüt anderi Ziite. Du gasch jetz da ine!» – Das bezog sich auf den Umstand, dass es sich in früheren Zeiten für eine Frau, die etwas auf ihren Ruf hielt, nicht schickte, sich allein (d.h. ohne männliche Begleitung) in eine Beiz zu begeben. (WeiachBlog Nr. 1349)

Über den volkskundlichen Beitrag «D Üürte» (zu hochdeutsch etwa: «Die Rechnung des Wirts») im Jahrheft 1981/82 des Zürcher Unterländer Museumsvereins (www.zumv.ch) bin ich vor etwa zwei Wochen auf die jahrhundertealten Wurzeln dieses Reflexes der bislang ältesten Einwohnerin Weiachs gestossen: ein Traktat des Zwingli-Nachfolgers Heinrich Bullinger mit dem Titel «Der christlich Eestand».

Bullinger, Der christlich Eestand, Zürich 1548 - S. 73 verso

Da heisst es doch tatsächlich: «Es sol sich ein eerenwyb hinder unn one jren Eemann nienan in kein gsellschaften, ürten oder schlaafftrünck ynlassen, und one jres manns vorwüssen unnd erloubnuß nienan hin gon, [...].»

Die Ürte war die Rechnung des Wirts für Speis und Trank. Wirtshäuser, Zunftstuben und dergleichen sollte eine ehrbare Ehefrau nur mit ausdrücklicher Genehmigung ihres Mannes besuchen.

Das war die Lehrmeinung des Antistes, des obersten Pfarrers des Standes Zürich und damit ex officio diejenige der Zürcher Kirche.

Und weil Zürich ab der Reformation zu einer Theokratie umgewandelt wurde – um nicht zu sagen: einem religiös verpackten Polizeistaat, wie man ihn heute auf der arabischen Halbinsel findet –  wurde dieses ab 1540 in mehreren Auflagen bei Froschauer gedruckte Werk schnell zur Leitlinie für die Ehegerichtsbarkeit.

Selbstverständlich war es auch auf der Zürcher Landschaft richtungsweisend: für die Pfarrherren und Stillständer (d.h. Mitglieder der Kirchenpflege), welche in den Dörfern die sittenpolizeiliche Aufsicht inne hatten.

Quelle und Literatur
  • Der christlich Eestand : von der heiligen Ee Harkummen, wenn, wo, wie unnd von wäm sy ufgesetzt und was sy sye, wie sy recht bezogen werde, was jro Ursachen Frucht und Eer, dargegen wie uneerlich die Huory und d'Eebruch sye : ouch wie man ein kommlichen Eegmahel erkiesen, eeliche Liebe, Trüw und Pflicht halten und meeren und die Kinder wol und recht ufziehen sölle / durch Heinrychen Bullingern beschriben. Zürich 1540  [https://www.e-rara.ch/zuz/content/titleinfo/798479]; Zürich 1548  [https://books.google.ch/books?id=QN5jAAAAcAAJ]
  • D Üürte. In: Volkskundliche Beiträge. 22. Jahrheft des Zürcher Unterländer Museumsvereins 1981/82 – S. 32.  
  • In memoriam Mina Moser-Nepfer, 12.3.1911-27.7.2017. WeiachBlog Nr. 1349 v. 31. August 2017.

Sonntag, 1. September 2019

Spitzenelemente der Weiacher Kirche

Zum früheren Inhalt der Turmkugel auf dem Dachreiter der Weiacher Kirche ist bereits ein Beitrag erschienen (vgl. WeiachBlog Nr. 1342 vom 1. Mai 2017).

Auch der heutige Inhalt ist in Kapitel 7 der Jubiläumsbroschüre von 2006 dokumentiert (Achtung: PDF, 16.75 MB). Nicht aber die mit blossem Auge sichtbaren Elemente.

Blickt man heute zur Spitze der Weiacher Kirche hinauf, so bietet sich einem folgendes Bild (aufgenommen am 1. August 2019):


Man sieht die vergoldete Turmkugel, gekrönt von einer Spitze mit integrierter Wetterfahne. Auf letzterer klar erkennbar: das Weiacher Wappen mit achtstrahligem Stern in gewechselten Farben.

Der Stern stand höher

So sah die Weiacher Kirchturmspitze aber nicht immer aus. Wie sie sich spätestens ab 1863 präsentierte, zeigt die nachstehende Skizze des Technischen Arbeitsdienstes (TAD) aus der Zwischenkriegszeit (Abb. 38 aus der Jubiläumsbroschüre «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach»):


Walter Zollinger notierte am 1. Mai 1967 in einem grünen Ringheft folgende Eckdaten zu diesen am 25. April 1967 abmontierten Spitzenelementen:

«Masse: 45 cm Durchmesser der Kugel
Wetterfahne: 2,80 m Höhe
Stern: Durchmesser = 56 cm
Zifferblätter: Durchm. – 1,96 m x 2.00 m
»

Wann kam der Stern auf die Spitze?

Gemäss dem von Pfr. Ludwig Schweizer verfassten Turmkugeldokument N° 9 wurden im Rahmen der Renovation 1863 «Wetterfahne, Stern & Knöpfe» (Zusammenfassung Zollinger 1967) angebracht. Schweizer selber schrieb damals zu den Vertragsinhalten, die «Baumeister Joh. Caspar Knabenhans von Wädensweil, sesshaft im Seefeld» zu erfüllen hatte, u.a.:

«b. Die Wetterfahne soll mit einem grössern Gegengewicht versehen u. deren Balance neu vergoldet werden. Im fernern soll die Wetterfahne einen Goldrand bekommen u. auf den beiden Seiten derselben das Kantonswappen in dauerhafter Farbe angebracht werden. Überdiess soll auf Einer Seite unterhalb des obern Randes die Jahreszahl in Gold zu lesen sein. Überall ist Blattvergoldung mit bestem Citronen-Blattgold verstanden. Der Übernehmer haftet für leichte u. richtige Beweglichkeit der Wetterfahne.

c. Dessgleichen soll der Stern u. die beiden Thurmknöpfe neu u. solid mit Citronen-Blattgold vergoldet werden.»

Dass bereits nach weniger als zehn Jahren eine neue Vergoldung nötig wurde, dürfte die Weiacher besonders geärgert haben, schreibt Schweizer doch etwas weiter oben in besagtem Turmkugeldokument, dass die 1855 «besorgte Vergoldung der Thurmknöpfe u. der Anstrich des Thurmes u. der Wetterfahnen sehr mangelhaft geworden» sei.

1863 wurde also der Stern vergoldet. Ein neuer Stern? Oder ein bereits früher montierter? Im Turmkugeldokument N° 8, verfasst von Pfr. Hirzel 1855 zum damaligen Sanierungsprogramm, ist keine Rede von einem Stern. Da heisst es: «Vergoldung der Knöpfe und Zeiger und Anbringung einer Balance-Kugel zum Gegengewicht der neu zu bemalenden Fahne, sammt einem Blitzableiter».

War der Stern damals nicht sanierungsbedürftig? Oder eben noch gar nicht vorhanden? Beides wäre möglich. Auch ersteres, denn es scheint schon, dass man 1855 gespart hatte, wo es nur ging.

Dorfzeichen über Kantonswappen

Für mindestens ein Jahrhundert gab es also dort oben auch einen sechsstrahligen Stern, der das Dorfzeichen repräsentiert. Und einen weiteren Turmknopf, der heute nicht mehr vorhanden ist.

Die Fahne zeigte das «Kantonswappen». Der Stern stand separat darüber. Das war auch 1863 noch so, als Krauers Wappentafel (publiziert 1860) bereits eine von älteren Vorbildern aus dem 18. Jahrhundert inspirierte Version des Weiacher Wappens – im Wesentlichen die heutige – in Umlauf gesetzt hatte.

Der abmontierte, stark verrostete Stern und die alte Wetterfahne befinden sich im Fundus des Ortsmuseums Weiach.

Quellen

  • Brandenberger, U.: «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706–2006. Weiach 2006  S. 52 (Abb. 38) sowie  S. 57-60 (Kapitel 7).
  • Turmkugeldokumente N° 8 u. 9, Textedition vgl: Brandenberger, U. (Hrsg.): Zeitkapsel Turmknopf. Weiacher Turmkugeldokumente Teil A; Wiachiana Fontes, Bd. 1.
  • Telefongespräch mit dem Präsidenten der Ortsmuseumskommission Weiach vom 1. September 2019.

Freitag, 23. August 2019

«Chälemerpack!» – die Trennlinie in den Köpfen Alteingesessener

Unter alteingesessenen Weiacherinnen und Weiachern ist die Bezeichnung «Chälenpack» noch weitherum bekannt.

Von einem anonym bleiben wollenden Mitglied der «Amtsrichters», einem im Weiacher Oberdorf ansässigen Familienverband, hat WeiachBlog jüngst zwei zu diesem Themenbereich passende Anekdoten mitgeteilt erhalten.

Chind mit Schnudernase

Die eine stammt ursprünglich von Mina Moser (1911-2017; vgl. den Nachruf in WeiachBlog Nr. 1349 vom 31. August 2017). Diese habe von ihrer Mutter, die als Hebamme tätig war, den Spruch gehört: «Chind mit Schnudernase lieferet de Storch i de Chälen ab, di schönä degäge im Oberdorf.»

Diese scherzhafte Bemerkung deutet direkt auf die im 19. Jahrhundert in der Chälen anzutreffenden sozialen und gesundheitlichen Missstände mit auffallend vielen kränklichen Einwohnern hin: Kropfträger, Skrofelkranke, Taubstumme und Kretins. Diese Häufung führte zu statistischen Auffälligkeiten, was wiederum dazu führte, dass dieser Umstand in medizinischen Fachzeitschriften aus ganz Europa die Runde gemacht hat. Mit Nennung des Dorfnamens!

Das dürfte nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, dass die Weiacher in ihren Nachbargemeinden zum (heute aus dem Sprachgebrauch wieder verschwundenen) spottenden Übernamen «Weycher Chröpf» kamen. (Vgl. zu dieser These WeiachBlog Nr. 1369 vom 30. Juni 2018 mit Verweisen auf die erwähnten Fachzeitschriften in den Quellen).

Nun wusste man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht, dass diese Krankheiten zu einem guten Teil auch erblich bedingt sind und nicht zwingend mit Unreinlichkeit in Haus und Stall oder dem Alkoholmissbrauch der Eltern zu erklären sind. Das aber waren die sichtbaren Begleitumstände. Und die prägten sich für Jahrzehnte ins kollektive Gedächtnis ein. Kurzum: an der Chälen haftete ein denkbar schlechter Ruf.

Zügeln unmöglich

Das zeigt sich auch an der zweiten Anekdote, die von meiner Quelle selber stammt. Eine ihr bekannte ältere Frau, die infolge Heirat ausgewandert und später in die alte Heimat zurückgekehrt war, habe ihr erzählt, ein in der oberen Chälen haushablicher, stattlicher Weiacher Bürger habe ihr seinerzeit, als sie ihren Ehemann noch nicht kannte, einen Heiratsantrag gemacht.

Dieser Chälemer gehörte notabene ebenfalls einer in Weiach alteingesessenen Familie an, die sich im Bauernhandwerk, in Vereinen und öffentlichen Ämtern durchaus bewährt hatte. Also eigentlich keine schlechte Partie.

Auf die Frage, warum sie denn auf den Antrag nicht eingegangen sei, habe die Bekannte geantwortet: «Ich ha doch nöd wele i d'Chäle überezügle!!!». Demnach gehörte sie einer im Oberdorf ansässigen Familie an. Und für Oberdörfler war es auch noch Mitte des 20. Jahrhunderts völlig undenkbar, sich mit dem «Chälemerpack» einzulassen.

Mittwoch, 14. August 2019

Geselliges Beisammensein, gutes Essen und ein Höhenfeuer

«1. Aug. Gemeinsame Bundesfeier aller Ortsvereine auf dem vergrösserten Schulplatz; der Gemeindeprsdt. Alb. Meierhofer-Nauer hält immer noch die unvermeidliche Rede und führt die Aufnahme der volljährig gewordenen Jungbürgerinnen und Jungbürger durch.» (Walter Zollinger: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1961 – S. 18; Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1961)

Die Rede zum Nationalfeiertag war, wenn man den Worten von Ortschronist Walter Zollinger folgt, traditionell Aufgabe des Gemeindepräsidenten. Und sie fiel je nach Ausprägung seiner patriotischen Gesinnung mehr oder weniger lang aus. Im Falle von Albert Meierhofer-Nauer wohl eher länger.

Höhenfeuer sind in den Jahreschroniken von Walter Zollinger bereits für die 1950er-Jahre nachgewiesen. Sie haben bis heute Tradition.

Im Zentrum der Weiacher Bundesfeier stand (und steht) aber das gemeinsame Singen der Nationalhymne, verbunden mit geselligem Beisammensein bei einem guten Essen. Das Essen wird ebenfalls seit Jahrzehnten von der Politischen Gemeinde mit einem Bon (im Wert von 8 Franken) gesponsert, der an jeden Besucher abgegeben wird, seien es Einheimische oder Auswärtige.

Mitte der 1980er Jahre gab es ein Organisationskomitee eigens für den Bundesfeieranlass. Dieses scheint sich später nur noch informell konstituiert zu haben. Die Feierlichkeiten werden seither im Turnus durch die Dorfvereine organisiert. Ein Verein organisiert jeweils die Verpflegung und die musikalische Unterhaltung, ein anderer das Höhenfeuer. Dieses wird (wenn nicht feuerpolizeiliche Gründe dagegen sprechen) entweder an der Fasnachtflue (oberste Rebstrasse) oder auf dem Wingert abgebrannt.

Ansprachen zum 1. August von 1982 bis 2006

1982: [Bannumgang West mit Zusammensein beim Schützenhaus; kein Hinweis auf eine Ansprache]
1983: «Ansprache durch den Dorfkünstler Hans Rutschmann»
1984: «Begrüssung durch den Behördenvertreter, Gemeinderat Hans Griesser». Der Bundesbrief von anfangs August 1291 (vorgelesen durch Irma Troxler, Verena Troxler und Roland Baltisser), vgl. «Der Weiacher Jugend, den Weiacherinnen und Weiachern, Gruss und Wohlergehen!». Schriftliche Grussadresse von Mauro Lenisa in den Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, August 1984, S. 16.
1985: Begrüssung durch M. Lenisa, Gemeindepräsident
1986: Eröffnung der Feier durch M. Lenisa, Gemeindepräsident
1987: [Für die Ansprache ist samt Singen der Nationalhymne 15 Minuten veranschlagt]
1988: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1989: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1990: Gemeindepräsident Werner Ebnöther
1991: Gemeinsame Feier von Fisibach, Kaiserstuhl und Weiach. Kurzansprachen der drei Gemeindevorsteher mit dem Verlesen der Botschaft des Bundespräsidenten durch Schulkinder aus den drei Gemeinden.
1992: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1993: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1994: «Kurze Festansprachen» [ohne Angabe der Redner]
1995: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1996: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1997: «Kurze Festansprache» [ohne Angabe des Redners]
1998: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1999: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
2000: Regierungsrätin Rita Fuhrer (vgl. NZZ, Nr. 175, 29. Juli 2000, S. 41)
2001: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]                                                                                                
2002: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
2003: Kantonsrat Matthias Hauser
2004: Gemeindepräsident Gregor Trachsel
2005: Begrüssung durch den Gemeindepräsidenten
2006: Festansprache [ohne Angabe des Redners]

Gefahr der parteipolitischen Vereinnahmung

Man sieht es der vorstehenden Liste unschwer an: Reden oder Ansprachen waren in den letzten Jahrzehnten nicht regelmässiger Bestandteil der 1.-August-Feier in Weiach.

Bundesfeieransprachen von Auswärtigen ohne engen persönlichen Bezug zur Gemeinde sind in Weiach eine relativ neue Erscheinung.

Dass dem so ist, könnte mit der traditionell wenig parteiaffinen Haltung der Weiacherinnen und Weiacher zusammenhängen. Parteipolitik spielt auf kommunaler Ebene schlicht keine Rolle. Da sind Persönlichkeiten gefragt, keine ideologisierten Programme.

Für die Jahre 2000 und 2003 sind zwei in den Mitteilungen für die Gemeinde Weiach dokumentiert, eine von Regierungsrätin Rita Fuhrer (SVP) und eine von Kantonsrat Matthias Hauser (ebenfalls SVP; damals frisch gewählt). 2009 und 2014 kamen in der Region ansässige Politiker zum Zug (vgl. Inhaltverzeichnis). Erst seit der Präsidentschaft von Stefan Arnold wird mehrheitlich auf auswärtige Politiker gesetzt.

Da besteht die Gefahr der Vereinnahmung. Bundesfeierreden bergen immer das Risiko, dass politische Agenden transportiert werden vor allem in Wahljahren. Diese könnten die Harmonie stören und das Feiern des dörflichen Zusammenhalts gefährden.

Es ist daher eine interessante Entwicklung, dass sich der Gemeinderat im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts vor allem auf die Organisation des Redners bzw. der Rednerin konzentriert.

Mit dem massiven Zuzug von Neuweiachern der letzten Jahre ist es nämlich zu einer Herausforderung geworden, Zusammengehörigkeitsgefühl neu zu erfinden. Wenn rednerische Zugpferde dabei helfen, dann ist dagegen nichts einzuwenden.

Mittwoch, 7. August 2019

«Verantwortig übernäh!» – Ständerat Jositsch zum 1. August

In früheren Jahren war bekanntlich der Verein, der den Weiacher Bundesfeieranlass organisierte, auch für die Wahl des Festredners zuständig. Weil es dabei leider etliche Pannen gab, hat der Gemeinderat entschieden, die Ansprache sei nun Chefsache. Dieser Teil der Organisation ist jetzt Aufgabe des Gemeinderats, die Dorfvereine können sich dafür auf die Logistik konzentrieren.

Die bei schönem Sommerwetter auf dem Schulhausplatz Hofwies durchgeführte diesjährige Bundesfeier hat gezeigt, dass diese Arbeitsteilung ein Erfolgskonzept ist. Nur bei den Fähigkeiten der Musikgruppe (diesmal Gumboot Rednex), die Nationalhymne korrekt zu intonieren, muss man noch erheblich nachbessern. Ansonsten gibt es gute Noten.


Das von der Männerriege aufgetragene Buffet mit Salaten und verschiedenen Fleischangeboten vom Grill hat jedenfalls kulinarisch überzeugt – und dank einem Bon im Wert von 8 Franken, den die Politische Gemeinde jedem Besucher spendiert hat, waren die Preise auch für Menschen mit kleinem Budget im Rahmen.

Mit der Politik auf Tuchfühlung gehen

In einem Wahljahr wie diesem ist es naheliegend, dass – wie 2018 mit Nationalrätin Natalie Rickli – wieder ein auf Bundesebene aktiver Politiker eingeladen wurde.


Unser Gemeindepräsident konnte für die Ansprache 2019 Ständerat Daniel Jositsch, Sozialdemokrat aus Stäfa am Zürichsee (also von der sogenannten Goldküste) gewinnen. Jositsch ist beruflich als Strafrechtsprofessor an der Universität Zürich und als Zentralpräsident des Kaufmännischen Verbandes Schweiz tätig.

Dass ein Linker in der SVP-Hochburg Weiach die 1. August-Ansprache hält, ist an sich schon bemerkenswert. Man durfte gespannt sein, was er den Weycherinnen und Weychern in dieser Feierstunde zu sagen haben würde.

Zumal eines klar ist: Daniel Jositsch (54) ist kein linker Ideologe, sondern ein Mann von staatsmännischem Format, der bei einer Majorzwahl, wie sie bei Ständeratsausmarchungen im Kanton Zürich stattfindet, auch bei Bürgerlichen Anklang findet und von ihnen gewählt wird.

Passt in kein Schächtelchen

Jositsch gehört eher zum rechten Flügel der SP. Er würde aber wohl auch bei den Grünliberalen, den Freisinnigen oder gar im linken Flügel der SVP als Zugpferd fungieren und einen Ständeratssitz erringen.

Dass dieser Mann in keine vorgefertigten Schachteln passt, zeigen auch seine nicht so bekannten Engagements, z.B. seine langjährigen Kontakte und soziales Engagement in Kolumbien oder ein hoher Dienstgrad in der Schweizer Armee (Oberstleutnant der Militärjustiz). Auch wenig bekannt ist, dass Jositsch der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehört.

Wer eine solche Kombination von persönlichen Merkmalen aufweist und dennoch in der Politik ein gewichtiges Wort mitredet, der muss zwangsläufig gegen Anfeindungen und Vereinnahmungsversuche abgehärtet sein. Man denke nur an die mehr als kritische Haltung vieler seiner Parteigenossen, was die Armee und insbesondere deren Justizorgane betrifft.

Oder – auf religiös gefärbtem Parkett – die ziemlich einseitig palästinenserfreundliche Einstellung samt Boykottaufrufen gegen den Staat Israel und seine Siedlungspolitik, die sich die Linken im Allgemeinen zu eigen machen. Auf welcher Seite er sich da auch positioniert – auf der Parteilinie, auf der der zionistischen Agenda oder dazwischen: irgend ein ideologischer Falke wird immer daran Anstoss nehmen.

Freie Rede nach Stichworten

Umso bemerkenswerter ist es, dass Jositsch sich nicht mit einem ausgefeilten Redetext gegen alle Eventualitäten absichert. Auf die Anfrage von WeiachBlog, ob er bereit sei, auch seine Rede zur Publikation freizugeben (wie es mittlerweile seit 2007 zur Tradition geworden ist), antwortete er, er notiere sich lediglich Stichworte und schreibe «keine ausformulierte Rede».

Ich habe mich daher entschieden, in Absprache mit dem Festredner die Ansprache aufzunehmen und zu transkribieren. Auf Wunsch von Ständerat Jositsch wird sie – als Première auf WeiachBlog –  erstmals auf Züritüütsch veröffentlicht. Sie lesen sie also genau so, wie sie gehalten wurde. Dasselbe Verfahren wurde auch auf die einleitende Grussadresse und die Dankesworte des Gemeindepräsidenten angewandt. Lediglich die Zwischentitel sind redaktionelles Beiwerk aus der Tastatur des WeiachBlog-Schreiberlings. Sonst ist alles O-Ton (abzüglich Äähs und Ööhs).


«Es bruucht Brugge»

Einleitung und Grussadresse Gemeindepräsident Stefan Arnold

«Guete-n-Abig, liebi Fäschtgmeind! Ganz herzlich willkomme zum siebehundertachtezwängischte Geburtstag vo de Schwiizerische Eidgnosseschaft. Mini Frau und min Sohn sind mit Kollegä ufemene Campingplatz in Jesolo bi Venedig. Si chönd hüt also a dem schöne Fäscht in Weyach nöd teilnäh. So wiä au mit Hunderte vo andere Schwiizer wo a de Adria de Erscht Auguscht fiired. Aber kei Angscht, si trääged s’Schwiizerchrüz im Herze, d’ Schwiizerfahne hanget am Wohnwage, und: hüt abig git’s det Raclette! Und das bi drissg Grad. Also ich bin froh dörf ich hüt bi Eu si! [Gelächter]. Schön, dass si so zaalriich erschine sind und mit Eus i de Schwiiz und au da speziell in Weyach de Geburtstag vo de Schwiiz fiired.

Gschätzte Herr Schtänderaat, gschätzi Damen und Herre, liebi Weyacherinne und Weyacher! Als Gemeindspresidänt und im Name vom gsamte Gmeindraat vo Weyach heiss ich Sie ganz herzlich willkomme zur hütige Erschtauguschtfiir. Wän mir vor zwänzg Jaar öpper gseit hetti, ich dörfi im Jaar zwänzgnünzä en Erschtauguscht-Aaspraach vomene Schtänderaat aachünde, so hett ich diä Person sehr wahrschindlich usglacht. Ja, s’Läbe bringt oft Sache mit sich, diä mer nüd plant oder diä mer au nüd plane chann, und das isch eigentlich ganz guet eso.

Aalässlich vo de Schuelabschlussfiir i dem Jaar, vo mim Sohn, wo jetzt i d’Oberschtufe nach Schtadel wächslet händ die aawäsende Eltere d Schuel-Underlage vo de Chind dörfe-n-aaluege. Gern zitier ich ihne zwei drüü Uussage. Eis Chind hät gseit, vom Usland wänd vil Lüt i d’Schwiiz cho, zum gsee wie schön dases isch, wie guet s’Aesse schmöckt und wivill Spass das mer hät. Schoggi und Chäs sind die berüemtischte Sache i de Schwiiz. Es anders Chind hät gschribe: «I minere grächte Wält händ all es Huus, dörf niemert e Waffe ha, händ all Chleider, dörfs schwuli und lesbischi Paar gää, mues jedes Chind i d Schuel, mues jedes Chind Huusufgabe mache, mues jede Erwachsni en Job haa, und mues jede Gäld ha». Intressant isch ä gsi, es isch dänn na gschtande: «wänn eine kä Gäld hät, dänn chunt mers über». [Gelächter] Ja, ganz so eifach isch es dänn scho nöd, s’Läbe isch doch e bitzli andersch, aber dännoch glaub ich, das mir i de Schwiiz ganz ganz viles richtig mached, und einigi vo de Wünsch vo däne Chind au in Erfüllig gaa werded in Zuekunft. Wän ich hüt teilwiis de Politiker zuelose, dänn bechum ich ame s’Gfüül, das es us gwüssne Egge use iri Sicht isch und am beschte wäri wänns au – mer känned das us Amerika – wänns au rund um d’Schwiiz e Muur brüchti, d’Ohre und d’Auge gschlosse werde sötted und gschwige wird, wänns um Problem i däre Wält gaat. Mini Überzüügig isch aber, dass das absolut nüd schwiizerisch wär. Dänn de Schwiizer hilft, de Schwiizer will mitrede, de Schwiizer will mitbeschtimme, es bruucht deshalb kä Muure um euses Land, sondern es bruucht Brugge. Brugge zwüsched Mänsche i eusem Land. Brugge zwüsched Generatione. Es brucht au Brugge zwüsched Arm und Riich, Brugge zwüsched de Schtarche und de Schwache, es bruucht au Brugge zwüsched de Lingge und de Rächte und es bruucht Brugge zwüsched de Schwiiz und em Usland. Nur eso chönd mir diä Erfolgsgschicht vo de Schwiiz wiiter läbe und au wiiterschriibä. Ein Wunsch han ich aber au na a eusi Landesregiärig.

Was ich mir vo de Landesregiärig wünsche, isch, dass d’Schwiiz inskünftig bi politisch heiklä Fraage vill sälbschtbewusster ufträtte tuet gägenüber vo de anderne Schtaate. D’Schwiiz mues sich nüd immer büüge. Und si mues sich au nöd verschteckä. Als eis vo de innovativschte und sicherschte Länder dörfe-mir vill sälbschbewusster uufträtte.



Ich möcht aber hüt s’Wort eusem hüttige Fäschtredner, äm Herr Schtänderaat Jositsch übergää. Ich bin mir sicher, au er wird hüt Brugge schlaa. Eusen hütige Fäschtredner wiist en iidrückliche Läbeslauf uf. Uf en Uusfüerig mues ich leider verzichtä – zuvill Ziit wür das in Aaschpruch näh.

Sit 2004 isch de Härr Jositsch Strafrächtsprofässer a de Universität Züri. Sini politisch Tätigkeit hät aagfange im Jaar 2000 bis 2006 als Mitglied und Presidänt vo de Schuelpfläg in Stäfa. 2007 bis 2018 [recte: 2015; vgl. https://www.parlament.ch/de/biografie/daniel-jositsch/3891] isch er Mitglied gsi im Nationalraat. Und sit 2015 – also sit guet vier Jaar – isch er Mitglied vom Schtänderaat.

Gschätzte Herr Schtänderaat, dörf ich Sie bitte!» [Applaus]


«Verantwortig übernäh!»

Ansprache Ständerat Daniel Jositsch am 1. August 2019 in Weiach

«Sehr verehrte Härr Gmeindspresidänt, gschetzti Behördemitglieder, liäbi Weyacherinne und Weyacher!

Ich tanke Ihne für die iileitende Wort, wo ich durchus chan understütze und naavollzieh und sie händ ja gseit, Politiker sötted Brugge si. Ich hoffe, das ich das bin, wil ich glaube, als Schtänderaat isch mer eigentlich echli verantwortlich defür, de ganz Kanton z’röpresentiere und z’verträtte und drum versuche mir au immer - beid Schtänderöt – e bitzli Brugg zwüschend Linggs und Rächts z’si und drum glaub ich au, isch das öppis wo euses Land usmacht, das mer zäme nach Kompromisse suecht und das mer versuecht Lösige z’finde. Und das wird auch e bitzli s’Thema si vo mim, vo minen Uusfüerige, wo s da e bitzli fählt und wo me da e bitzli meh chönnted mache

Digitalisierig und iri Folge

«Ich bin vor e paar Monet als Presidänt vom Kaufmännische Verband, wo-n-ich au no bin, bin ich konfrontiert worde mit ere Schlagziile. Und d’Schlagziile hät gluutet: «Ein Drittel der kaufmännischen Berufe durch Digitalisierung gefährdet». Und da han ich mich natürlich gfröget: Mues mer sich da Sorge mache, mues ICH mir da Sorge mache? Mini Antwort isch gsi: Ja, me mues sich Sorge mache wäme sone Schlagziile gseet – aber, wie gaat mer mit däre Sorg um. Und ich glaub, der Erscht Auguscht isch e bitzli, s’git ja wi zwei Forme vo Erschtauguscht-Redä, di einte sind so diä rückblickende, wo 1291 aafanged. Und die andere sind so diä «nach vorne blickenden». Ich versuche ehner echli s’Zweiterä z’mache – und versueche e bitzli mir z’überlegge wie, was chömer mache zum uf gwüssi Useforderige wo sich büted i eusere Gsellschaft – und das isch natürlich d’Digitalisierig, isch es Thema wo all drüber reded – wiä gömmer da demit um


D’Schalterhale vo de Kreditaaschtalt

«S’erscht wo-n-ich mich gfröget han isch: Digitalisierig, isch das öppis Neus? Isch das jetzt cho und häts das vorhär nüd gää, häts vorhär kei Umwälzige gää i däm Sinn? Und dänn isch mir in Sinn cho, wo-n-ich d’Schuel abgschlosse han, sind sehr vill vo mine Kolleginne und Kollege, händ dänn e Banklehr gmacht. Und si erinnered sich vilicht, wänn sie früener ine Bank cho sind, aso ich han no s’Bild vor mir, d’Schalterhale vo de damalige Kreditanschtalt am Paradeplatz, da sind sie ine cho und dänn händ si rundume öppe vierzwänzg oder drissg Schalter gha, wo si händ chöne Gält abhebe und usegää und vill vo mine Kolleginne und Kollege sind a dene Schalter gsässe und händ det das Gält inegnoo und vor allem usegää, und si erinnered sich vilicht, also mindeschtes diä wo mindeschtens so alt sind wie-n-ich, und wän ich so luege isch s’Durchschnittsalter scho knapp über drissgi, also vo dem här gits doch na einigi wo das erläbt händ – damals hät me sich müese am Friitignamittag überlegge, wivill Gäld bruuch ich übers Wuchenänd, will dänn händ si namal müse uf d’Bank am Friitig, wil bis am Mäntig isch fertig gsi und wänn si dä falsch kalkuliert händ, händ sie bim Kolleg öppis müesse go uuslehne, süsch häts nüt gää. Und dänn sind diä Bankomate iigfüert worde, und hützutags gönd wahrschindlich die meischte vo ihne, gönd an Bankomat und gönd det go Gäld bezieh, 7 mal 24 Schtund und wänn si hütt i di gross Schalterhalle inechömed vo de damalige Kreditaaschtalt, wo hüt Credit Suisse heisst, dänn findet si kei Schalter me, sondern si finded Läde. Das heisst, s’hät sich fundamental gänderet

Neui Bruefsbilder

«Und jetzt di gross Fraag – zersch das isch natürli Digitalisierig gsi, bim Bankomat isch es Form vo Digitalisierig – häts damals uf Grund vo de Bankomate, häts früener meh Mitarbeiterinne und Mitarbeiter gää i de Finanzbranche als hüt? D’Antwort isch: Nei, hüt gits meh! Werum? D’Digitalisierig und generell Änderigsprozäss diä füered ja immer au wider zu neue Chance, das häts immer scho gää, wänn sie lueged [bi] de Erfindig vom Auto hät sich sofort d’Fraag gschtellt: was isch passiert mit allne Hufschmied, Pferdezüchter, Sattler, was mached diä, si stelled statt Huf Auto här und si züchted kä Ross me sondern importiered Auto. Das heisst, es git en Umwandligsprozäss. Jetzt, Veränderig zerschtört Alts, öffnet neui Möglichkeite, das tönt positiv. So positiv isches natürlich dänn ä wider nöd. Diä Umwandligsprozäss füered natürlich dezue, das im Übergang, dases Lüt git wo Verlürer sind, wo uf de Strecki blibed, oder, wänn si 50i oder 55i sind und sind bis jetzt Hufschmied gsi und jetzt chaufed all es Auto und käne will me es Ross, chönd si sich nöd eifach umschuele zum Automechaniker oder Autoimporteur. Das heisst, es git im Übergang, gits Verlürerinne und Verlürer. Trotzdem aber, es git au neui Chance

So schnäll chas gaa

«Und was hüt s’Spezielle-n-isch vilich a de Digitalisierig, isch dass d’Gschwindigkeit so höch isch: Ei falschi Entscheidig cha dezue füehre, dass sie praktisch nüme-n-exischtiered als Firma oder als Branche. Dänked si nur a Nokia. Wer vo eus hätt nüd vor gar nüd allzu langer Ziit es Nokia-Handy gha? Und si erinnered sich, das sind da diä grosse Dinger gsi, wo si also ohni witeres au eine hetted chöne z’todschlaa demit [Gelächter], also hüt würded sie das fasch nüme-n-als portabels Telefon betrachte, aber damals ich mer, also als Maa hät mers so an Gürtel müese schnalle win-e-sonen Revolver, Fraue händ ja Handtäsche wo ales Mögliche chan verschtaut wärde. Aber mä hät dänn das eso chli, und das isch damals so chli state-of-the-art gsi, wänn sie es SMS gha händ wo meh als feuif Buechschtabe gha händ, händ sis nüd i einere Linie chöne läse, dänn händ si müese quasi dureblettere. Und vor guet zää Jaar, vill me isches nöd, sind d’Smartphone erfunde worde und Nokia hät damals d’Entscheidig troffe: S’Smartphone hät kä Zuekunft. D’Antwort käne mer. Nokia gits hüt, ich weiss nüd öbs diä na git, d git schona aber praktisch inexischtänt. Und diä wo ufs Smartphone gsetzt händ, diä behärrsched hüt de Märt. Eso schnäll chas ga

Risike iigaa

«Wo liit s’Problem oder was isch s’Neuä? Wänn sie wänd innovativ si, wänn si wänd innovativ bliibe, münd sie Risike iigaa. Risikä iiga, Fähler mache, uusprobiere, tüftlä, d’Nase in Wind hebe, und wäg de Digitalisierig isch d’Gschwindigkeit entscheidend. Hüt isch öppis zää Jaar vilicht aktuell, mängisch ä weniger und e paar Jaar spöter gits wider öppis Neuis und wänn si das verschlafed sind si z’spaat, dänked sie nur dra, wo-n-ich äs Chind gsi bin, da hät mer dihei es Telefon gha amene Kabel, da häts bide PTT, hät das damals gheisse, händ si zwei Modäll gha, s’graue und s’wiisse – und dänn händ si no s’schwarze gha zum a d’Wand anemache, oder. Das sind di drüü Modäll gsi, das isch Telefonie gsi. Min Sohn frögt mich immer und seit, «Ja wäner dänn underwägs gsi sind, wiä händer, wiä häsch dänn öpperem aaglütet?» «Dä häsch nüd aaglütet, da häsch...», de hät er gseit: «Ja häsch dänn chöne uf de Beantworter rede?» Hä gseit, «S’hät kän Beantworter gää, das heisst mä hät dänn eifach käs Telefon gha.» Das isch mim Sohn unvorstellbar, wämer am Morge zum Huus usgaat und am Abig zruggchunnt und underdesse hät’s käs Telefon gää – und wäme heicho isch hät me nüd emal gwüsst wer aaglüüte hät underdesse. Und dänn isch de Fax cho und s’portable Telefon und s’Smartphone und so witer und das ales innerhalb vo wenige Jaar – und wenn sie da im Märt nüd chönd Schritt halte, dänn händ si natürlich es Problem. Aso wämer früener gseit hät, dänn hät mer so chli gleert, was bruuchts zum erfolgriich si, dänn hät mer gseit: erschtens Durchhaltevermöge, zweitens ämal chöne verlüüre und drittens Engagement und Iisatz und hüt müend si säge s’vierte isch d’Bereitschaft s’Risiko iizgaa, also relativ schnäll ohni dasme de Märt scho vier Jaar uusteschtet hät chöne anegaa und zum Bischpiil es Produkt chöne präsentiere


Wohlschtand chame nüd iigfrüre

«Mir läbed e bitzli inere Gsellschaft – und das isch eifach so, mir sind vilicht e bitzli bequäm worde – will mir läbed, ich meine wänn si umelueged wän-ich jetzt da uf dem Platz staane und ich bin jetzt i diä Gmeind gfahre und ich mues ihne säge, das isch traumhaft wo si wohned oder mir all wohned. Mir händ Natur, mir händ aber au Zivilisation, mir händ Wohlschtand, mir händ Sicherheit, aso mir händ ales und mir händ au Angscht das alles z’verlüre. Und – si chönd Wohlstand, Sicherheit, chönd si nöd iigfrüre. Oder... si münd, jedes Jaar fangt wider am erschte Januar bi Null aa und si münd alles Gäld münd si wider neu verdiene, si münd neui Jobs ha für all diä wo d’Schuel abschlüssed das Jaar und so wiiter und so fort. Und drum mü mir eus natürli ä d’Frag schtele: Wiä bliibe-mer innovativ, wiä bliibe mer a de Schpitze, wil mir sind a de Schpitze. Und die andere wänd aber uufhole

Verrissni Jeans

«Ich han zwei Pünkt wo mir wichtig schined und wo-n-ich glaube womer e bitzli münd dra schaffe, s’einte isch e bitzli d’Kultur au emal chöne z’verlüre. Ich glaube, mir – verlüre isch... tuet niemert gern – aber ich glaube, wämer inere Gsellschaft läbt, wo mer seit, ja, wänn eine emal Konkurs gaat, isch er en Verlüürer oder en «Loser», wimer hüt seit, dänn hemmed mir d’Entwicklig und gad win ich ihne gseit han, i de hütige Ziit wo alls so rasch isch, chönd si nöd ales bis am Schluss uus-teschte, aso münd si ämaal es Risiko iigaa, wän nonig klar isch, was usechunt. Und wenn ich ihne vor zwänzg Jaar gseit hetti, ich schlan ihne e Gschäftsidee vor, mir produziered – und ich bring jetzt das Biischpiil nöd zuefellig – ich mues ihne vilicht e chliini Anekdote verzelle, ich bin ines grosses Warehuus in Züri, mit «J» aagfange, aso am Schluss heissts «oli» [Jelmoli] und det chönd si – da häts e kä Hosenabteilig, da münd si dur verschiedeni «brands» dure. Und dänn bin ich vilicht am falsche «brand» gsi oder bi de falsche Margge, jedefalls hät e netts Fräulein, knapp zwänzgi, mich gfrööget was ich well, ich ha dänn gseit: «I hett gern es paar Jeans, aso Blue-Jeans». Und dänn git si mir, stellt sie mir zwei, drüü Paar zur Verfüegig und dänn säg ich ihrä: «Nüd Occasion, sondern neu!» [Gelächter] – und dänn seit si: «Diä sind neu!», und dänn säg ich, «Aber Sie, ich chauf doch käs Paar Jeans mit Löcher din!». Und dänn seit si: «Das treit mer jetzt». Und dänn han ich tänkt, schlau wie-n-ich bin – oder gern wär, han ich gseit: «Sind dänn diä wenigschtens billliger?», und dänn seit si: «Nei, diä sind tüürer, will zerscht wärdets härgschtellt und nachher no künschtlich kabuttgmacht» [Gelächter] – jetzt, Chlammere zue, hett ich ihne vor zwänzg Jaar e Vorschlag gmacht, mir mached e Fabrik, Jeansfabrik, produziered Jeans und nachene mached mer si kabutt und dänn verchaufed mer sie zum dopplete Priis, hetted si gseit: «Bisch wahnsinnig, das cha ja nöd funktioniere! S’funktioniert.»

D’Sach mit de Silberchugle

«Das heisst: me weiss nie was hät Erfolg und was hät wenig Erfolg. Vilicht namal äs Biischpiil wo-n-ich ä bsunders iidrücklich find: die Aeltere vo ihne erinnered sich wo-n-ich es Chind gsi bin, 70er, aso Teenager gsi bin, 70er bis 80er Jaar, häts i de Schwiiz kei McDonald’s gää. Äs hät EIN McDonald’s gää, dä isch in Losann gsi und wonich mit de Schuel is Klasselager bin und i d’Romandie hämir umbedingt nach Losann wele zum i dä einzig McDonald’s – s’ersch mal i mim Läbe mit zwölfi bin ich inen McDonald’s ine und s’isch für mich gsi wis Paradies – aso ich ha mers mindeschtens so vorgschtellt. Und, wämer bi-n-eus en Hamburger hät wele-n-ässe, ich weiss nüd öbs da usse au öppis gää hät – aber dänn isch mer z’Züri, isch mer i d’Silberchugle, das isch so das, wo, eusi Form vo quasi Faast-Food. Und dänn isch McDonald’s i d’Schwiiz cho, hät da z’Züri di erschte Reschtorants ufgmacht und was isch passiert? Niemert oder fasch niemert isch det hi. Und McDonald’s hät sich wider müese zruggzie. Und dänn hät mer gseit, ja was isch dänn los? Und wieso dänn nöd? Und d’Antwort isch dänn gsi, ja d’Schwiizer, die wänd halt Silberchugle, da gits äna es Birchermüesli und es Eiersandwich und en Schinke-Chäs-Toscht, diä wänd nüd eifach so Hamburger und Big-Mac und so, sondern das isch echli en anderi Kultur. Nach e paar Jaar, ich weiss nüd wer das entschiede hät, ich nim aa irgend d’Spitze vo McDonald’s hät gseit: «S cha ja nöd sii, das mir uusgrächnet i de Schwiiz kei Erfolg händ», sind wider choo, was isch passiert? Si känned s’Resultat, es git hüt es paar meh McDonald’s i de Schwiiz, als Silberchugle. Das heisst, äs hät sich plötzlich ales g’änderet. Und kän Mänsch weiss, werum. Und drum chönd si diä Prozäss nüd vorusgsee und drum chönd si wänn si wänd Erfolg ha, müend si bereit sii, au eifach mal irgendöppis z’probiere, ebe zum Biischpiil halt i Gotts Name au emal verrissni Jeans für de doppleti Priis verchaufe

Wille zur Füerig

«S’Zweite, wo mir wichtig schiint und wo mir am Härze liit und wonich glaube mümer e bitzli luege das mers nüd verlüred, das isch d’Fähigkeit – oder wänn si so wänd de Wilä, Füerig z’übernää, oder, nur scho das Wort, da schtört mä sich ja scho fasch draa. Füerig.. hüt hät mer Matrixorganisatione und me dut i de Gruppe entscheide, aber mini Erfahrig isch, wänns drum gaat öppis Unaagnähms z’entscheide, ich weiss nüd wi das für de Gmeindspresidänt vo Weyach isch, wänn sie öppis Unaagnähms münd entscheide, dänn sind si immer elei. Da drängt sich niemert vor, da wil ä niemert d’Verantwortig übernää und das isch eso dää Punkt, wo-n-ich glaube, wo’s bruucht. Entscheide-n-isch en einsami Tätigkeit. Und entscheide, und das isch s’Zweite wo wichtig isch, entscheide müend si dänn, wänn nonid ales klar isch, will wenn ales klar isch, denn chönd si mit em Computer entscheide, da chan ine de Computer säge, was si münd mache. Entscheidend isch es, dänn z’entscheide, wäme nüd gnau weiss, was richtig und was falsch isch, sondern wo si eifach mit de zur Verfügig stehende Informatione müend säge, jänu jetz probiere mers halt emal eso, das heisst, wo sie münd d’Verantwortig übernää, wänn’s dänn halt nüd funktioniert. Und mit Sicherheit, da chönd si sicher si, sind all wider da, wenn s’nachhär nüd funktioniert hät und säged ine: mä hets ebe andersch müese mache-n, oder?»

Füerigspersone wachsed nüd a Böim

«Und s’Dritte-n-isch, und dasch ä mini Erfahrig, i de Krise macht mer Fähler bim Füere, si chönd nüd ales nach Lehrbuech mache. Ich bin a der Universität Sanggalle gsi und ha det schtudiert und mä hät det Managment gha und ales möglichi, da chönd si viles leere, genau glich wi si chönd leere schwüme und trotzdem wenn en Schturm chunnt, laufts nach anderne Gsetzmässigkeite. Und das isch i de Krise au eso. Dänn bruchts eine wo anestaat, und vilicht au eifach emal öppis völlig Unkonventionells entscheidet. Und was ich bi eus e bitzli gsehn isch diä Tendänz, das mer aafangt für schwirigi Entscheidige Berater zuez’zieh, Extärni zuez’zieh, Fachlüüt zuz’zieh und im schlimmschte Fall d’Entscheidig sogar outsource, demit me nachher cha säge, ja das ha nüd ich entschide, oder mir händ das anderne übergää. Und ich glaube, das isch e schlächti Tendänz. Füere bedütet d’Verantwortig z’übernäh, Füere bedütet nüd eifach ich ha de höchscht Lohn, s’schönschte-n-Auto und mach irgend e netti Reed a de Wienachtsfiir, sondern Füere bedütet, daz’schtah und det Entscheidige z’träffe wos ebe-n-under Umschtänd unagnähm isch. Und drum glaub ich, bruchemer wider meh Füerigspersönlichkeite. Und es bruucht, es git ja dä schöni Satz: «Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er den Verstand», aber d’Fraag isch: git er em au s’persönliche Format dezue? Und ich glaube, das isch nöd eso. Füerigspersone wachsed nüd a Böim und gheyed nüd vom Himel und Füere chan au käs Schuelfach sii, wil i Büecher chönd si viles leere, aber wi mer füert, wi mer Mänsche füert, wi mer Verantwortig übernimmt, das chönd si nöd naaläse ime Buech, sondern das müend si sälber feschtschtellä. Und s’Problem glaub ich womer i de hütige Gsellschaft händ, isch, dass sehr vill Jungi, wachsed uf – under Umschtänd als Einzelchind – schtönd di ganz Jugend im Zäntrum, gönd i d’Schuel, sind für iri eigne-n-Ufzgi zueschtändig, gönd nachhär ines Fitnessschtudio zum sich körperlich fit halte, mached iri persönlich Uusbildig, sind also bis feufezwänzgi, drissgi eigetlich nur für sich sälber verantwortlich – im beschte Fall – und söled nachhär chöne Füerigsfunktione-n-usüebe. Nur, wo söleds füere gleert ha?»

S’Problem mit de Fitness-Schtudio

«Und ich glaube, ich han vor churzem e Zaal gsee, e Zaal gläse wo-n-ich no schockierend gfunde han: sit zwei Jaar gits i de Schwiiz meh Lüüt, wo es Abo imene Fitnessschtudio händ, als wo Mitglied vo Turnverein [sind]. Aso, was seit das us? Mänsche wänd vom Mäntig am morgen-am-sächsi bis am Sunntigabe am Nüni individuell beschtimmt mal is Zumba, mal is Jäzztanze, mal is Fitness, mal i d’Sauna-Wellness, und nöd i d’Dameriege, wo immer am Mittwuchabig vo siebe bis halb nün treniert, wome dänn na mues am Wienachtsaalass en Chueche bache und im schlimmschte Fall na in Vorschtand, oder? Sondern, das wil ich nöd, ich zal öpperem tusigvierhundert Franke-n-im Jaar damit er mir d’Infraschtruktur zur Verfüegig schtellt mit Tüechli und Chäschtli und ich chume go Schport mache wän ich will und nachher gang ich wider und ha süsch mit däm nüt z’tue.

Und drum glaub ich isches wichtig, wänn sie zum Bischpiil lueged, d’CEVI und d’Pfadi, wo die Jugendliche sich chönd engaschiere. Min Sohn isch i de CEVI, isch jetz gad im Laager gsi, dasch unglaublich, was das mit dene Chind macht. Min Sohn isch au e sones Vorschtadt-Chind, wo mit em Natel und mit em Game und mit all dene Sache [ufgwachse-n-isch]. Aber min Sohn isch vorere Wuche is Laager ggange. Da chönd si dä abgää am Bahnhof, Händy käs Thema me, si chömed zrugg wi so Chriegsversehrti, im Prinzip, ich hanem gseit, ich weiss gar nöd werum Du en Kofer mitnimmsch, häsch ja sowieso di ganz Wuche di gliche Chleider a. Isch unglaublich, aber: diä hocked im Wald, boued Zält, sind für e Gruppe vo Primarschüeler zueschtändig, müend luegä das diä is Bett gönd, am Morge Zmorge händ, das heisst, si leered Sache, wos nachhär bruched und da isch unglaublich was das mit dene Chind macht. Das veränderet es Chind, diä Erfahrig veränderet es Chind vollschtändig und ich glaube drum, dases wichtig isch, das mer diä Möglichkeite bhalted und das mer eus überlegged was mer i eusere Gsellschaft – diä Gsellschaft funktioniert nöd, wenn jede nu is Fitnessschtudio gaat. Oder, irgendöpper mues d’Verantwortig für s’Gsammte übernää

S’Gschlächt isch mir egal, mir bruched di Beschte!

«Ich glaube, d’Schwiiz hät ales zum erfolgrich z’si, si isch au erfolgrich, aber: das isch käs Naturgsetz. Mir münd innovativ bliibe und mir münd Verantwortig übernää für s’Gsammte. D’Politik mues da es Vorbild si und sie händs e bitzli aatönt, mir sinds nöd. Ich säge mir, wil ich ghör mit dezue. Wänn si lueged, Bischpiil Europa-Politik, oder, sie chönd ietz für di Bilaterale Verträg si oder geg di Bilaterale Verträg si, für de Rahmevertrag oder geg de Rahmevertrag. Da hät de Bundesraat entschide, er hät entschide, das me jetz nüt entscheidet. Chan emal taktisch guet sii, aber öb das Füerig isch, das wag ich e bitzli z’bzwiifle. Oder tänket si – aso ich hoff jetz ich mach kän Fähler, muemer immer echli ufpasse – tänked si a d Flughafepolitik, oder, wie lang disktuiered-mer jetz am Flughafe-n-ume und was me da ales sötti mache und was isch schlussändlich erreicht worde, ussert das mer nett drüber gredt hät? Verheltnismässig wenig oder – simer ehrlich – eigentlich fascht gar nüt. Und drum glaub ich, mer münd au i de Politik meh Verantwortig übernää, meh gschtalte und ich säg das sälbschtkritisch, mir bruched – und nimi au wider s’Biischpiil wo de Härr Gmeindspresidänt erwähnt hät – Bruched mir Bundesrät, wo gueti Rede mached? Bruched mir Bundesrät, wo möglichscht vill Frömdsprache reded? Bruched mir Bundesröt, wo ime beschtimmte Kanton ufgwachse und beheimatet sind oder es beschtimmts Gschlächt händ? Oder, ich chan ine säge, ich han bi de letschte Bundesraatswahle zwei Fraue gwäält [Karin Keller-Sutter SG und Viola Amherd VS]. Und wüssed Si werum? Wills di beschte zwei Kandidatinne sind, win ich ine jetzt cha säge und ich würd d’Hand defür is Füür lege, wil das zwei hervorragendi Bundesrötinne werded. S isch mir völlig egal, sind jetz zuefelligerwiis zwei Fraue gsi, s’hetted ä chöne zwei Männer si. Nei, ich glaube das schpillt kä Role. Was mer bruuched, das sind die beschte, innovativschte und füerigsschtärchschte Persönlichkeite.»

Das Ansprechen der Flughafenpolitik kann tatsächlich einem Stich ins Wespennest gleichkommen. Da hat Jositsch durchaus recht. Und als einer der von der Goldküste kommt, kennt er natürlich die Militanz gewisser «Südschneiser».

In Weiach hält sich die Begeisterung an der mittlerweile seit über 43 Jahren bestehenden Anflugschneise der Piste 14 in engen Grenzen. Aber da der Unterländer in der Regel kein Revoluzzer ist, kennt man öffentliche Unmutsäusserungen eigentlich gar nicht. Nur wenn die Privilegierten aus dem Süden den ganzen Lärm auf das Gebiet nördlich des Flughafens kanalisieren wollen, dann erheben sich einzelne Stimmen. Doch weiter mit der Rede:


De Helmut Schmidt als Vorbild

«Vilicht eifach zum Schluss es Biischpiil: ich wird ab und zu gfröget, wer mis politische Vorbild isch. Ich ha käs politischs Vorbild i dem Sinn, Vorbild tönt für mich immer so nach irgendeme Pouster womer über s’Bett hänkt. Das han ich eigentlich nöd, aber s’git ein Politiker, wo mich beiidruckt hät, das isch de Helmut Schmidt. Und werum de Helmut Schmidt? Si erinnered sich, im sogenannte heisse Herbscht 1977, aso wo uf der einte Siite e Lufthansa-Maschine entfüert gsi isch und gliichziitig de Arbetgeberpresidänt Schleyer – und dä Helmut Schmidt als Bundeskanzler hät müese-n-entscheide, schtürmemer diä Maschine – erschte Iisatz vo de damalige GSG-9 – schtürmemer diä Maschine oder verhandlemer mit Terrorischte und lönd öis erprässe? Und er hät, er hett chöne eifacheri Entscheidig träffe, politisch schlauer quasi wäri gsi: verhandle und Lösige sueche. Er hät gseit: «Ich lah mich vo Terrorischte nöd erprässe, mir schtürmed diä Maschine!», und diä isch gschtürmt worde und s’isch guet use cho, aber mä hät en nachher gfröget: «Was hetted sie gmacht, wenn das nüd guet usecho wär? Wenn Geisle gschtorbe wäred, bischpiilswiis.» Und dänn hät er gseit: «Dänn hett ich sälbschtverschtändlich sofort mis Amt zur Verfüegig gschtellt». Dä hät mer gfröget: «Werum? Si händ ja gar nüt gmacht, sie händ ja nüd gschosse det vor Ort.» Hät er gseit: «Sisch mini Entscheidig, mini Verantwortig. Ich träg d’Verantwortig.» Und das isch das, wonich glaube, wo iidrücklich isch und wo ebe Füere bedütet und womer e bitzli meh münd ha. Ich glaub drum, «Verantwortig übernäh» isch es guets Motto für der Erscht Auguscht, s’isch aber au es guets Motto für diä andere 364 Täg.

Ich tank ihne ganz herzlich für d’Iiladig und hoffe ich bi nüd s’letschte Mal z’Weyach gsi und wünsche-n-ihne witerhiin en schöne Erschten Auguscht. Merci villmal!» [Applaus]

Dankadresse des Gemeindepräsidenten

Stefan Arnold: «So! Guet! Ganz härzliche Dank, Härr Jositsch, bliibed Si bitte na gschnäll da.

Also, was mir jetzt würklich bewusst worde-n-isch, isch, das ich mit föifevierzgi offebar doch ä scho zun alte Semeschter ghöre. Und zwar: ich ha dehei e kä zerrissni Jeans, ich würs au nüd chaufe wännses zur Helfti vom Priis gäbti, ich ha au es Nokia ghaa und ich bi früener woni i de Leer in Züri gschaffet ha, bin ich sehr hüüfig i d’Silberchugle go ässe. Also: d’Vergangeheit hät mich wider iigholt. [Lacher]

Guet, also, aber ich möcht a dere Schtell Ihne, Härr Schtänderaat Jositsch, ganz ganz herzlich tanke für ihren Uuftritt da in Weyach, was nüd sälbschtverschtändlich isch. Für de bevorschtehendi Wahlkampf, wos ja jetz wider aafange laufe tuet, wünsch ich Ihne nur s’Beschte!

Als Tankeschön hämmer ihne äs chlises Presäntli organisiert, fürs dahärechoo und gärn überreiche mir ihne en Chorb mit lokale Produkt und hoffed si chönd diä au entsprächend verwände. Ganz herzliche Dank!»


Jositsch zum «Presäntli»: «Merci villmal  Zum Glück bini mit em Auto da».

Kommentar WeiachBlog

Ständerat Jositsch hat die obige Transkription zugesandt erhalten und daran kein Jota verändern wollen. Man kann nun kritisieren, etliche Gedankengänge seien nicht vollständig ausgeführt oder dass es zu viele Einwürfe im Stile von «äs bitzli» gebe. Gerade diese aber machen im Verbund mit den vielen Anekdoten, die der Referent aus seinem Leben geschöpft hat, die Qualität der Rede aus. Sie sind es, die den Redner mit seinem Publikum verbinden, indem sie Anknüpfungspunkte schaffen und Nähe vermitteln.

Die Untertreibung des Abends, das Durchschnittsalter der Anwesenden sei «knapp über drissgi», wo es sich in Wahrheit in etwa in der Altersklasse Jositschs befunden haben dürfte, ist mit ihrem ironischen Kern ebenfalls gut angekommen.

Die Anekdoten vom McDonald's und der Silberkugel, der Schalterhalle der Kreditanstalt über das Nokia-Handy, mit dem man jemanden hätte totschlagen können, bis zum Highlight, der Episode mit den neuen zerrissenen Jeans im Jelmoli, haben die Mehrheit der Zuhörenden in ihrer eigenen Erfahrungswelt abgeholt. Desgleichen die Dialoge mit seinem Sohn.

Langweilig war die Rede fürs Publikum also nicht. Der Redner strahlt keine professorale Arroganz aus. Die Länge hat gepasst. Und die Kernbotschaft ist – passend zum Anlass – eine erbauliche und staatstragende. Was will man mehr?

Zu den Ansprachen früherer Jahre