Sonntag, 7. November 2010

Endlich Ordnung in die Gemeindekasse bringen

Schon seit mehreren Jahren weist WeiachBlog jeweils vor den Budget-Gemeindeversammlungen auf die unhaltbaren Zustände in der Kasse der Politischen Gemeinde Weiach hin (vgl. Quellenangaben am Schluss des Beitrags).

Die Kritik: es wird unverfroren Geld aus dem Fenster geschmissen - will heissen: für laufende Ausgaben leichtfertig ausgegeben. Geld, das nur dank den Kiesabbauentschädigungen der Weiacher Kies AG auf die hohe Kante gelegt werden konnte. Dabei stehen in den nächsten Jahren weiss Gott grosse Investitionen in die kommunale Infrastruktur an. Eine ausreichende Eigenkapital-Decke wäre also dringend erforderlich.

Sackschwacher Gemeinderat

Ärgerlicherweise hat sich der bisherige Gemeinderat finanzpolitisch jahrelang als überraschend mutlos und leisetreterisch erwiesen - trotz unübersehbaren Fakten war wenig Tatendrang zu spüren:

«Die Zeiten des regelmässigen Kiesgeldes sind längst vorbei. Weil nicht mehr unter Gemeindeland abgebaut wird, lebt die Gemeinde etwa seit zehn Jahren von der Substanz. Nur will das Stimmvolk dies noch nicht so recht zur Kenntnis nehmen, wie man bei jeder Gemeindeversammlung feststellen kann.» (WeiachBlog Nr. 656 vom 2. November 2008)

Man wagte es schlicht nicht, den Leuten nicht nur reinen Wein einzuschenken, sondern auch wirklich Taten folgen zu lassen.

Motto: Bloss kein Aufruhr. Also Kopf in den Sand.

In sozusagen homöopathischen Dosen wurde der Steuerfuss langsam hochgekocht, jeweils um höchstens 2 bis 3 Prozente pro Jahr - man kann die Einwohner und Steuerzahler ja nicht so furchtbar erschrecken, oder?

Das Dumme ist nur: diese Anhebungen erfolgen viel zu langsam, wenn man sich das jährliche Defizit, die deshalb kontinuierlich anwachsenden Schulden und den dafür nötigen Zinsendienst vor Augen führt.

So kommt Weiach nie aus dem falschen Fahrwasser heraus und am Schluss wird alles nur viel schlimmer, weil man jedes Jahr ungedeckte Wechsel auf die Zukunft zieht, die man dann womöglich im dümmsten Zeitpunkt wird einlösen müssen.

Solch kleine Steuererhöhungen fielen natürlich auch den im Unterland präsenten Mainstream-Medien nicht gross auf, so dass lediglich WeiachBlog den Finger auf den wirklich wunden Punkt legte:

«Der entscheidende Punkt ist, dass das Budget 2010 trotz Steuererhöhung immer noch 400'000 Franken Defizit vorsieht. Man lebt also in Weiach ein weiteres Jahr von der Substanz.» (WeiachBlog Nr. 710 vom 12. Dezember 2009).

Der Gemeinderat wagte auch 2009 keine Kehrtwende, die zu einer finanziell verantwortungsvollen Steuerpolitik führen würde.

Neuer Gemeinderat ist aufgewacht

Nach den Neuwahlen im Januar 2010 und mit dem neuen Steuermann Paul Willi an der Spitze scheint der Gemeinderat aber nun wirklich erwacht zu sein, wie man den «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» vom November entnehmen kann:

«Nach den Sommerferien wurde ein anderer entscheidender Prozess gestartet. Wie jedes Jahr wird für ein politisches Gut einen Voranschlag erstellt, bei dem sämtliche Einnahme und Ausgaben der laufenden Rechnung sowie der Investitionsrechnung budgetiert werden müssen. Es ist uns in den letzten Jahren nie mehr gelungen eine ausgeglichene Rechnung zu präsentieren.

Jedes Jahr wurden mehrere Hunderttausend Franken dem Eigenkapital entnommen. Die Finanzierung der Gemeinde konnte nur noch mit fremden Mitteln sichergestellt werden, wofür wir ansprechende Zinskosten bezahlten.

Diese Situation ist aufgrund rückläufiger Erträge und erhöhten Ausgaben in den letzten Jahren entstanden. Deshalb sind wir gezwungen, für das Jahr 2011 den Steuerfuss der Gemeinde Weiach markant zu erhöhen. Ich werde Sie an der Gemeindeversammlung im Dezember im Detail darüber informieren.
» (MGW November 2010, S. 3-4)

Bravo, kann man da nur sagen! Endlich nimmt der Gemeinderat seine Verantwortung wahr! Schön, dass es ein Ehemaliger ist, der - nun als Präsident - dafür sorgen will, dass Remedur geschaffen wird. Das ist ihm hoch anzurechnen.

Frühere Artikel zum Thema
[Veröffentlicht am 27. Dezember 2010]

Montag, 1. November 2010

Ein Handelsreisender verliert seinen Tschoppen

«Bülacher Volksfreund» hiess das heutige Neue Bülacher Tagblatt 1866 in den ersten Monaten seines Erscheinens, später «Bülach-Regensberger Volksfreund».

Schon damals lebten die Zeitungen nicht nur von Abonnementszahlungen ihrer Leser, sondern auch von den Zeilenhonoraren der Inserenten.

Ganz besonders verzweifelt war ein Badenser, der in der zweiten Hälfte des Oktobers 1866 folgendes Inserat schalten liess:

«Verloren. Zwischen Weiach und Glattfelden: Ein Mannsrock, worin zirka 130 Frk. an Geld, ein grossherzogl. badisches Paßbuch und mehrere Patente schweizerischer Kantone. Man bittet inständigst um Zurückgabe gegen entsprechenden Finderlohn im Sternen in Weiach.»

Gemeint ist mit dem Mannsrock eine Jacke, die man über Hemd und Gilet trug. Darin waren in diesem Fall die Geschäftsgrundlagen (Kapital und Genehmigungen) verstaut. (Ältere Semester werden noch den Begriff «Waffenrock» kennen, der für die feldgrüne Uniformjacke der Schweizer Armee bis in die 90er-Jahre gang und gäbe war.)

Der Verlust traf den Handelsreisenden aus dem Grossherzogtum Baden offensichtlich hart. Wahrscheinlich war der Mannsrock unbemerkt vom Wagen gefallen, auf dem der Reisende mitfuhr.

Quelle
  • Bülacher Volksfreund, Nr. 36, Samstag, 20. Oktober 1866 - S. 4

Sonntag, 31. Oktober 2010

WeiachBlog wird fünf Jahre alt

Wissen Sie, was ein Orchideenfach ist? Ein «ausgefallenes, ungewöhnliches, seltenes» Studiengebiet - sagt der entsprechende Wikipedia-Artikel. Orchideen sind zwar schön, haben aber abgesehen davon für den Durchschnittsmenschen wenig praktischen Nutzen. Trotzdem benötigen sie richtig viel Pflege. Ein richtiger Luxus eben.

So ähnlich ergeht es einem, wenn man sich den «Wiachiana» widmet. Kaum jemand interessiert sich für dieses ausgefallene Studienobjekt namens «Weiach». Es sei denn er/sie habe einen persönlichen Bezug dazu, weil es der Wohnort oder Heimatort ist oder sonst ein wichtiger Punkt im Leben war. In Weiach leben rund 1000 Menschen. Die zentrale Zielgruppe ist also nur einige hundert Personen gross.

Gute Plattform für ein Nischenprodukt: der Blog hat überlebt

Eine ideale Konstellation für einen Blog, denn dieses Kommunikationsgefäss ist wie geschaffen für solche Nischenprodukte des sogenannten «Long Tail»: tiefe Angebotskosten, tiefe Eintrittsschwelle, hohe Reichweite.

Heute vor genau fünf Jahren, am 31. Oktober 2005, ist WeiachBlog erstmals ans Netz gegangen. Das neue Gefäss solle «als Plattform und virtuelle Chronikstube dienen», schrieb ich damals. Und als Ergänzung zu den «Weiacher Geschichte(n)». Letztere wurde nach 120 Beiträgen im Erscheinen eingestellt (vgl. Archiv hier).

WeiachBlog aber gibt es nach wie vor. Hier gibt es keine Seitenbegrenzung und keinen Redaktionsschluss wie in den «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» (MGW). Und korrigieren kann man die Artikel bei Bedarf auch gleich online. Alles Vorteile, die dem Verfasser entgegenkommen. Schliesslich hat er ja noch ein Berufsleben und ein Privatleben.

Been there, done that...

Wenn wir nun die obligate Statistik aufschlagen, dann finden wir, dass in den verflossenen 5 Jahren:
  • 946 Beiträge gepostet wurden (also im Schnitt jeden zweiten Tag einer),
  • es darauf insgesamt 529 veröffentlichte Kommentare gab (Spam wurde nicht veröffentlicht) und
  • dieses Material formatiert auf Lauftext-Grösse «Arial 12 Punkt» rund 1300 A4-Seiten ergibt.
Was die Nutzung anbelangt, so sind
  • rund 58'000 Besucher zu verzeichnen (also etwa 32 pro Tag),
  • gerade einmal 7.38% der Zugriffe direkte Anfragen;
  • der Rest gelangt von Verweis-Websites (wie Wikipedia oder Blogger) bzw. über Suchmaschinen hierher.
Welche Seiten wie oft aufgerufen wurden

Bei der ewigen Top Ten-Liste gibt es keine Überraschungen:

1. Root: 9786 hits
2. /2005/11/vor-15-jahren-absturz-alitalia-az-404.html: 5417 hits
3. /2007/02/alte-monatsnamen.html: 1514 hits
4. /2006/02/wie-gross-ist-ein-juchart-mass-und.html: 1453 hits
5. /2007/05/komplizierte-zeitungsnamen-geschichte.html: 708 hits
6. /2006/02/februarwetter-1956.html: 680 Hits
7. /2007_05_01_archive.html: 622 (über 100 hits auf «bexon gmbh» und «gerard swaenepoel»)
8. /2006/12/adventsfenster-leuchten-ab-heute-in.html: 605 hits 9. /2007_04_01_archive.html: 586 (davon 9 auf Stichwort «Abwasserverbund Hohentengen»)
10. /2006/12/kirche-zu-verkaufen.html: 516

Auch hier sieht man sehr schön den Long-Tail-Effekt. Nur ganz wenige Beiträge gehören zu den absoluten Überfliegern. Und eine der Monatsarchivseiten hat eindeutig vom Interesse für eine ganz bestimmte Firma profitiert, die ihre Prospekte weitherum streut.

Der Hauptharst der rund 1000 Internetadressen (946 Artikel plus 60 Monatsarchivseiten) von WeiachBlog liegt weit unter den ca. 9800 Hits der Startseite oder den vielen tausend Besuchen auf den Beiträgen zum Alitalia-Absturz vor bald 20 Jahren.

Wenn man die Seiten nach Besucherzahlen sortiert und den Median ermittelt (50% darüber, 50 darunter), also beim 500. Rang nachschaut, dann wurde dieser Artikel genau 13 Mal aufgerufen.

Suchbegriffe, mit denen man hier landet

Wer sich nach Suchbegriffen orientiert, dem kann verraten werden, dass für ingesamt 16'776 verschiedene Anfragen schliesslich ein Treffer bei WeiachBlog angeklickt wurde. Hier die «beliebtesten» 20 Begriffe und Begriffskombinationen:

1. zeitungsnamen [559 hits]
2. weiachblog [550 hits]
3. alte monatsnamen [502 hits]
4. entspelzt [339 hits]
5. adventsfenster [312 hits]
6. weiach blog [212 hits]
7. weiacher blog [194 hits]
8. jucharte [169 hits]
9. bächtelistag [158 hits]
10. alitalia absturz [153 hits]
11. alitalia 404 [139 hits]
12. kirche zu verkaufen [133 hits]
13. landi weiach [130 hits]
14. kopfblattsystem [121 hits]
15. chaibe [110 hits]
16. wetter 1956 [109 hits]
17. wetter vor 50 jahren [104 hits]
18. weiach +internet anschluss [103 hits]
19. kupferschindeln [99 hits]
20. bauvorschriften weiach [95 hits]

Generell ist es so, dass ein Suchbegriff umso eher zu einem Zugriff auf eine passende Seite von WeiachBlog führt, als er genügend selten vorkommt und in der Trefferliste von Google ganz oben landet. So z.B. bei den Begriffen «Chaibe» oder «Zältli». Dialekt ist Trumpf.

Stippvisiten und regelmässige Besuche

Die Mehrzahl dieser Besuche dauerte nur ganz kurz. Im Schnitt unter einer Minute. Meist wurde bei einem solchen Besuch auch keine weitere Seite auf WeiachBlog angesurft.

Wer hingegen «weiachblog», «weiach blog» oder «weiacher blog» als Suchbegriffe wählt, den kann man zum interessierten Zielpublikum rechnen. Diese Besucher blieben in der Regel über 2 Minuten. In den meisten Fällen dürften sie die seit dem letzten Besuch neu geposteten Beiträge überflogen haben. Kein Problem: die jüngsten zehn Artikel sind ja jeweils auf der Startseite verfügbar.

Und wie geht es weiter?

Wenn Sie sich bis hierhin durch den Datenhaufen gelesen haben, interessiert vielleicht noch wie es weitergeht mit WeiachBlog. Sicher gemächlicher als bisher. Denn die Zeit für das Pflegen von Orchideen wird mir knapper zugemessen. Da ich aber immer noch Freude dran habe wird ab und zu doch der eine oder andere Beitrag erscheinen. Also wie gehabt: manchmal gibt es längere Unterbrüche. Dann wieder erscheint eine Zeitlang jeden Tag ein Artikel. Stay tuned!

Wollen Sie etwas Bestimmtes über das Orchideenthema Weiach wissen? e-mail genügt. Vielleicht habe ich ja etwas darüber auf Lager.

Und zum Schluss noch einmal derselbe Satz wie vor fünf Jahren: Feedback ist selbstverständlich erwünscht, sei's per e-mail oder als Kommentar auf dem Blog.

Samstag, 30. Oktober 2010

«Nur Futter vom eigenen Hof»

«Sündiger Sonntagsbraten», titelte der Tages-Anzeiger am 4. Mai 2010. Dabei stellte der Autor Hans-Martin Brandt schon im Artikelanriss die plakative Behauptung auf, Tierfabriken produzierten Fleisch klimaschonender als Kleinbauern. 

Diese Aussage findet man interessanterweise nur noch in Swissdox und den vielen Blogposts, welche über den Artikel berichten - in der Online-Ausgabe des Artikels selbst nicht mehr (siehe Link oben). Heute lautet der Online-Titel: «Tierfabriken schlagen Kleinbauern». Und seltsamerweise wird der Autorenname schlicht unterschlagen (den findet man auch nur in Swissdox).

Zu stark abkürzen verfälscht die Tatsachen 

Aber selbst mit dieser Kosmetik-Massnahme zeigt sich: Journalistische Vereinfachungen können furchtbar in die Hose gehen. Selbst im zweiten Versuch. Wie in dieser Passage des Beitrags (Online-Version): «Sogar in den ärmsten Ländern der Welt entstehen immer mehr Tierfabriken. Positiv daran ist, dass sie immerhin den Ausstoss von Klimagasen pro Kilogramm Fleisch vermindern, weil viel weniger Land pro Tier notwendig ist. «Intensivierung der Produktion kann die Freisetzung von Treibhausgasen durch Abholzung und Überweidung reduzieren», schreibt die FAO.» 

Der Umstand, dass auch Rinder in Tierfabriken Methan erzeugen und dieses ein wesentlich stärkeres Treibhausgas ist als das durch Abholzung entstehende Kohlendioxid, kommt hier nicht zur Sprache. 

Die eigentlich wichtigen Punkte sind die Transportdistanz und die Frage nach der standortgerechten Nutzung des Bodens. Also klassische Fragen der Nachhaltigkeit. Ansätze, diese ins Zentrum zu stellen, gibt es im Artikel durchaus:

«Regula Kennel von Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, warnt davor, ausländisches mit Schweizer Fleisch zu vergleichen. Zwar entstünden auch bei der Produktion von Steaks in der Schweiz klimaschädigende Gase. Doch das einheimische Produkt habe deutliche Vorteile: «Bei uns wird Land für Fleischproduktion genutzt, das sonst nicht nutzbar ist. Und die Transportwege zum Verbraucher sind kurz.» 

Wieviele Tiere gibt das in der Schweiz produzierte Futter her?

Leider steht das Kennel'sche Zitat im Zusammenhang des Artikels ziemlich verloren in der Landschaft. Peter Straub aus Näfels nahm diesen journalistischen Kunstfehler auf der TA-Leserbriefseite vom 5. Mai auf's Korn: 

«Regula Kennel von der Proviande darf uns im Artikel sagen, bei uns werde das Fleisch auf Land produziert, das sonst nicht nutzbar sei. Dass das unkommentiert abgedruckt wird, ist äusserst unschön. Bei uns werden Milch und Fleisch zu einem schönen Teil so produziert, wie in allen Industriestaaten: mit Heu aus Polen, Weizen aus Kanada, Mais aus den USA und Soja aus Brasilien. Und weil es für die Produktion von einem Kilogramm Fleisch sieben Kilogramm Futter braucht, sind die Transportwege unter dem Strich viel länger, als wenn wir das Fleisch importieren würden. Der einzige Grund, «Industriefleisch» hier zu produzieren, liegt darin, dass «Schweizer» Fleisch für ein Mehrfaches des Weltmarktpreises verkauft werden kann.» 

Den Einwand aus dem nördlichen Glarnerland konterte Katharina Baumgartner aus Weiach mit einem Leserbrief, der am 7. Mai 2010 auf der Leserbriefseite publiziert wurde:

«Herr Straub ärgert sich über den Satz von Regula Kennel im Artikel vom 4. Mai, worin sie erwähnt, dass bei uns Fleisch auf Land produziert werde, das sonst nicht nutzbar sei. Dieser Satz stimmt vollumfänglich. Wir bewirtschaften einen Hof im Zürcher Unterland mit einer Mutterkuhherde, welche wir zu 100 Prozent mit hofeigenem Futter ernähren. 95 Prozent besteht aus Gras (inkl. Heu, Emd, Silage), welches an für die Getreideproduktion zu steilen oder zu nassen und schattigen Orten wächst. Nur rund 5 Prozent füttern wir Mais dazu, ebenfalls hofeigener. Unsere Kühe fressen niemandem etwas weg. Dasselbe gilt für viele Betriebe in der Schweiz, vor allem in hügeligem Gebiet. Auf die gleiche Weise werden Schafe ernährt. Unser Fleisch wird von Coop als Naturabeef verkauft, ein Label, das für eine naturnahe Haltung mit sehr viel Auslauf für Kühe und Kälber steht.» 

Fassen wir zusammen.

Fakt ist: In einem schon vor Jahrhunderten (durch den mittelalterlichen Landesausbau) gerodeten und für Landwirtschaft nutzbar gemachten Gebiet wie der Schweiz gibt es viele Lagen, welche sich für Ackerbau nicht eignen. Für dieses Grasland kann es eigentlich nur eine sinnvolle Nutzung geben: Futterbau für Tierhaltung. Sonst bliebe nur noch, das Land sich selber zu überlassen. Das Resultat wäre Verbuschung und Verwaldung. 

Fakt ist aber auch, dass sehr grosse Mengen an Futtermitteln in die Schweiz importiert werden - und damit hierzulande viele Tiere aufgezogen werden können, welche der einheimische Futterbau nicht wirklich hergibt, vgl. dazu den Kassensturz vom 1. September 2009. 

Fazit: Es gibt Unterschiede zwischen alten Kulturlandschaften wie der Schweiz und neu für agroindustrielle Zwecke verwüsteten Flächen in Südamerika. Und es gibt die Importproblematik, welche die beiden miteinander verbindet.

Die Lösung? Nur Futter vom eigenen Hof!

Importverzicht für Futtermittel-Bestandteile würde bedeuten, dass in der Schweiz weniger Tiere aufgezogen werden können. Wenn man ihnen kein Kraftfutter gibt, wachsen sie langsamer, stehen länger auf dem Hof und kosten den Landwirt dadurch mehr. Dasselbe gilt für strenge Vorschriften über Auslauf und tierfreundliche Stallhaltung, sowie die Bedingung, dass das Futter praktisch nur vom eigenen Betrieb stammt, wie es u.a. die Label «Bio-Knospe» und «Coop Naturaplan» zwingend vorschreiben. 

All das ermöglicht zwar eine artgerechte Tierhaltung und ökologische Produktion von Fleisch und Milch. Aber es kostet mehr. Entweder ist nun der Verkaufspreis im Laden höher als der für konventionell aufgezogene Tiere oder die Mehrkosten/Mindererlöse werden durch staatliche Direktzahlungen ausgeglichen. Wenn die durch den von billigen fossilen Energien befeuerten globalisierten Markt erzeugten Verzerrungen nicht durch solche Massnahmen ausgeglichen werden, dann wird unweigerlich Futtermittel von weit her importiert. Oder eben gleich Fleisch. Solange man das Geld dazu hat. 

Würden die Konsumenten der Industriestaaten nur noch lokal produziertes Biofleisch und vor Ort angepflanzte Früchte und Gemüse konsumieren (wie anderswo mangels finanzieller Ressourcen immer noch üblich), dann wäre für das globale Nährstoffgleichgewicht, den Umweltschutz und den Klimaschutz viel gewonnen.

Fleisch wäre dann allerdings wieder ein selteneres Vergnügen. So wie Jahrtausende zuvor - und danach. Denn unser fossiles Zeitalter ist vor dem Hintergrund der menschlichen Kulturgeschichte wohl nur «a single match in the darkness of eternity».

Quellen
  • Baumgartner, K.: Nur Futter vom eigenen Hof. Leserbrief zum Artikel: Fleischkonsum – Ein sündiger Sonntagsbraten, TA vom 4. Mai. In: Tages-Anzeiger, 7. Mai 2010 – S. 11.

Freitag, 29. Oktober 2010

Wo der «Sternen» und die Ziegelhütte standen

In der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich liegt PAS 547, ein Band mit kolorierten Handskizzen des Kartenzeichners Heinrich Keller d.Ä. (1778-1862).

Diesem fleissigen Kartographen und Panoramazeichner verdanken wir den frühesten erhalten gebliebenen topographischen Plan des Ortskerns von Weyach, der auch die Proportionen massstäblich ziemlich korrekt abbildet.

Ungewöhnliche Signaturen

Wenn man Blatt 66 des genannten Bandes PAS 547 genau unter die Lupe nimmt, dann entdeckt man neben den Quadraten, die die gewöhnlichen Wohnhäuser bezeichnen, auch Signaturen wie ein «Pf». Diese Abkürzung steht für das Pfarrhaus, das gleich neben der Kirche liegt:

Oder einen ausgefransten grünen Punkt direkt am zentralen Dorfplatz und daneben die Bezeichnung «Linden». Da muss damals wohl ein markanter Baum gestanden haben. War es die alte Dorflinde von der Walter Zollinger erzählt?

«Nach Aussage ältester Gemeindebürger soll einst eine Linde gegenüber der Alten Post (an der alten Zürcherstrasse) gestanden haben», schreibt er in seiner Monographie «Weiach 1271-1971» (vgl. 4. Auflage, S. 33). Nach Kellers Plänchen zu schliessen, dürften Zollingers Gewährsleute recht gehabt haben.

Gebäude von öffentlichem Interesse

Und dann sind da noch weitere, seltsame Signaturen: zwei übereinander liegende Winkel sowie ein Dreieck, dessen nach Süden zeigende Spitze einen Grundstrich aufweist. Wie beim Pfarrhaus handelt es sich bei diesen beiden Objekten um Häuser mit obrigkeitlichem Privileg.

Die beiden Winkel stehen für die Ziegelhütte, welche an der Verzweigung Büelstrasse/Luppenstrasse am Platz des heutigen Gebäudes Luppenstrasse 2 stand. Diese Ziegelhütte ist seit dem Spätmittelalter bezeugt (wenn auch nicht sicher ist, dass sie immer am selben Platz stand) und hatte ein obrigkeitlich garantiertes Monopol. Im Austausch dafür musste der Ziegler seine Produkte zu verbilligtem Preis u.a. an die Stadt Kaiserstuhl liefern.

Wann hat der «Sternen» gezügelt?

Das Dreieck mit Grundstrich steht für den «Sternen», während Jahrhunderten das einzige mit obrigkeitlichem Tavernenrecht ausgestattete Wirtshaus in Weiach. Diese Signatur findet man auf der Kellerschen Karten-Skizze nicht an der Hauptstrasse (Basel-Winterthur), wo man sie heute erwarten würde, sondern am früheren zentralen Dorfplatz: der heutigen weichenartigen Verzweigung von Oberdorfstrasse, Alter Post-Strasse und Winkelstrasse.

Der «Sternen» stand damals auf dem Platz zwischen Winkelstrasse und Oberdorfstrasse, wo heute das Bauernhaus Oberdorfstrasse 7 zu finden ist. Dieses Gebäude wurde gemäss kantonaler Gebäudeversicherung in seinen tragenden Teilen im Jahre 1801 errichtet.

Wenn man diese Information mit einem Auszug aus der Schrift «Die zürcherischen Tavernenrechte» von Edwin Hauser aus dem Jahre 1935 kombiniert, dann wird klar, dass man dieses Haus eigentlich auch «Zum alten Sternen» nennen könnte:

«Verlegung bewilligt: Der Regierungsrat bewilligt am 5. November 1829 den Gebrüdern Hans Ulrich, Hans Jakob und Johannes Schenkel in Weiach, ihre Taverne von ihrer bisherigen, zu einer Wirtschaft nicht geeigneten Wohnung auf ein an der Landstrasse nach Kaiserstuhl neu zu erbauendes Haus zu verlegen.»

Das Baujahr des heutigen «Sternen» (Stadlerstrasse 2) ist also in seinen Grundzügen auf das Jahr 1830 oder kurz danach zu veranschlagen.

Aus all diesen Informationen ergibt sich, dass Kellers Weyacher Plänchen wohl vor 1830 entstanden ist. Vielleicht 1828, denn das in ähnlichem Stil gezeichnete Plänchen von Glattfelden hat er selber auf den 10. Juni 1828 datiert.

Quellen und weiterführende Literatur
  • Keller, Heinrich: Weyach. Signatur: ZBZ PAS 547 fol. 66
  • Billeter, Gustav: Die ehehaften Tavernenrechte im Kanton Zürich. Diss. Univ. Zürich, 1928.
  • Hauser, Edwin: Die zürcherischen Tavernenrechte: Übersicht für die Finanzdirektion und das Staatsarchiv zusammengestellt vom Adjunkten des Staatsarchivs. Zürich 1935
  • Brandenberger, Ulrich: Weiach. Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes. Vierte, überarbeitete Auflage von Walter Zollingers «Weiach. 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach». Online-Ausgabe Dezember 2009 - S. 33.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Zürich-Bote bereits im 18. Jahrhundert unterwegs?

Boten und Postkutschen transportierten in früherer Zeit schriftliche Nachrichten von und nach der Hauptstadt, die immerhin gut fünfeinviertel Stunden Fussmarsch von Weiach entfernt liegt (bezüglich Marschzeiten vgl. den Beitrag Vor 220 Jahren zu Fuss quer durch die Schweiz, WeiachBlog Nr. 801, 22. März 2010).

Walter Zollinger gab 1972 in seiner Monographie über die Geschichte von Weiach eine erste Zeitangabe, seit wann es diese Dienstleistung gibt:

«Bereits um 1800 hatte die Gemeinde ihre Stadtboten, die vor allem die amtliche Post für den Staat und das Militärwesen zu vermitteln hatten. Anno 1835 stellte Weiach dann einen eigenen Zürcher Freitagsboten in Jakob Meyer, der im einstigen Winzelnhof wohnte. Dieser führte auch private Aufträge nach und von der Stadt aus. Bei starkem Verkehr bewilligte man ihm ein Pferd. Später war es ein weiterer Gemeindebürger namens Griesser, der jetzt schon zweimal wöchentlich und per Fuhrwerk zur Stadt fuhr.» (Fassung nach Brandenberger 2009 - S. 50)

Schon vor 1800? Hinweis durch Zuname

Nun kann einer amtlichen Publikation aus der Zeit der Helvetik entnommen werden, dass es den Weiacher Zürich-Boten wohl schon im späten 18. Jahrhundert gegeben hat - nicht erst um 1800:

«Der von Elisabetha Heer von Märstetten, im Canton Thurgäu, dermahlen zu Weyach sich aufhaltend, der Paternität angeklagte Jakob Meyenhofer, Botten Sohn von Weyach, wird hierdurch von Seite des Distriktsgericht Bülach peremtorie & sub poena contumatie aufgefordert auf Mittwochen den 26. May a.c. Morgens um 7 Uhr vor dem Distriktsgericht zu Bülach zu erscheinen, und sich gegen diese Klage zu verantworten, ausbleibenden Falls in Contumatiam darüber abgesprochen werden wird. Geben vor dem Distriktsgericht Bülach den 28. Aprill 1802. Gerichts Canzley Bülach.» (Zürcherisches Wochen-Blatt, Nro. 38, Donnstag den 13. May 1802)

Mit anderen Worten: da bei dieser Vaterschaftsklage einer Thurgauerin vom (wohl volljährigen) Sohn eines Meyerhofer die Rede ist, der den lokal gebräuchlichen Zunamen «Botten» trägt, liegt der schriftliche Beweis vor, dass es das Boten-Amt bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gegeben haben muss.

Solche professions- bzw. amtsbezogene Namen bilden sich nämlich in aller Regel erst dann aus, wenn das Familienoberhaupt die fragliche Tätigkeit während längerer Zeit ausgeübt hat. Denn schliesslich musste jedermann klar sein, welcher Jakob Meyerhofer hier gemeint ist.

Peremtorie? Sub poena contumaciae?

Zu dem in dieser Vaterschaftsangelegenheit verwendeten Begriff «peremtorie» findet man im «Grossen Universal-Lexicon» des 18. Jahrhunderts von Johann Heinrich Zedler die Erklärung: «peremtorie heisst unverzüglich zum letzten mahl und ohne weitere Frist» (Sieben und zwanzigster Band, pag. 355)

Die Rechtsformel «sub poena contumaciae» war damals bei Gerichten sehr beliebt. Warum wird in Meyers Konversations-Lexikon von 1888 (Band 10, S. 52) erklärt:

«Kontumaz (lat. contumacia), in der Rechtssprache der Ungehorsam gegen eine gerichtliche Auflage oder Ladung. Der Ungehorsame heißt Kontumax. Folgen der Kontumaz sind in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten: Ausschluß (Präklusion) der betreffenden prozessualischen Handlung, welche Gegenstand der richterlichen Verfügung war, oder fingiertes Zugeständnis der in Frage stehenden Behauptung der Gegenpartei. So wird z. B. der Beklagte, welcher sich auf eine Klage in dem dazu gesetzten Termin nicht einläßt, »zur Strafe Ungehorsams« der Klage für geständig erachtet und nach dem Klagegesuch (»in contumaciam«) verurteilt.

Das Verfahren in solchem Fall wird Versäumnisverfahren genannt. Der Antrag der Gegenpartei, daß auf die Folgen der Kontumaz erkannt werden möge, heißt Ungehorsamsbeschuldigung (Kontumazklage), das dem entsprechend erteilte Erkenntnis Versäumnisurteil oder Kontumazialbescheid (s. Versäumnis). Im Strafverfahren wird das Kontumazialverfahren von der deutschen Strafprozeßordnung als das »Verfahren gegen Abwesende« (§ 318 ff.) bezeichnet und behandelt, das Verfahren gegen Abwesende, welche sich der Wehrpflicht entzogen haben, insbesondere § 470 (s. Ungehorsam). In einem andern Sinn bedeutet Kontumaz s. v. w. Quarantäne (s. d.). – Kontumazieren, wegen Nichterscheinens verurteilen.
»

Vgl. dazu den Artikel Weiacher Geschichte(n) Nr. 11, welcher über eine Vorladung desselben Distriktgerichts Bülach berichtet, die am 28. Oktober 1800 in der «Züricher Zeitung» (heutige NZZ) publiziert wurde. Auch dort wurden diese beiden Rechtsbegriffe verwendet.

Das Verfahren gegen Abwesende war übrigens auch noch Jahrzehnte später beliebt. Das geht aus dem am 26. Oktober auf WeiachBlog publizierten Beitrag über die Scheidungsklage «Meierhofer Seidenruedis» deutlich hervor. Die Rechtsfolgen sind 1867 lediglich für den juristischen Laien verständlicher umschrieben als noch in den Jahren 1800 bzw. 1802.

Quellen und weiterführende Artikel
  • Zürcherisches Wochen-Blatt, Nro. 38, Donnstag den 13. May 1802
  • Ehefrau davongelaufen – eine Klage vor Distriktgericht (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) Nr. 11. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Oktober 2000.
  • Brandenberger, U.: Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes. Vierte, überarbeitete Auflage von Walter Zollingers «Weiach. 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach». Online-Ausgabe, Dezember 2009 - S. 50.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Weiacher Klassentreffen Jg. 66-70: Bald Anmeldeschluss

Am 18. März hat WeiachBlog bereits über das geplante Klassentreffen Primarschule Weiach der Jahrgänge 66-70 berichtet. Damals waren Zeit und Ort «noch eher unbekannt (wie gesagt, nähe weiach, zeit vermutlich nov 2010)».

Mittlerweile ist der Termin klar (13. November) und der Anmeldeschluss steht kurz bevor (Ende Oktober). Die offizielle Einladung sieht so aus:

Im Inneren des Faltblatts wird der Anlass wie folgt beworben:

«Liebe ehemalige Klassenkolleginnen und –kollegen
Liebe Lehrerinnen und Lehrer

Wir freuen uns, euch nach 9 Jahren wiederum zu einem Klassentreffen der Jahrgänge 1966 – 1970 der Primarschule Weiach einladen zu können und hoffen sehr, viele von euch zu sehen!

Samstag, 13. November 2010

Programm:
16 Uhr Geführter Spaziergang im Dorf Weiach
ab 18 Uhr Eintreffen und Apéro im Gemeindesaal Weiach
19 Uhr Nachtessen im Gemeindesaal Weiach

Treffpunkt:
Jeweils zur genannten Zeit beim Gemeindesaal (unterhalb der
Turnhalle) in Weiach. Selbstverständlich kann man auch nur an einem
der beiden Programmpunkte teilnehmen.

Kosten:
Wir behalten die Tradition des Spaghettibuffets bei und haben ein solches beim Wiesental Catering bestellt, ebenso Salat. Im weiteren sind Dessert und nicht-alkoholische Getränke im Preis inbegriffen. Kosten pro Person Fr. 45.-. In diesem Betrag sind auch Saal- und Organisationskosten eingeschlossen. Wein wird zum Selbstkostenpreis am Abend verkauft.

Anmeldung bis Ende Oktober 2010 an eine der folgenden Adressen,
am liebsten per mail, aber gerne auch per Post
».

Wer sich noch anmelden will, muss sich also beeilen. Kontaktadressen auf der Innenseite des Flyers (zum Vergrössern klicken):


Weiterer Artikel

Dienstag, 26. Oktober 2010

Meierhofer Seidenrudis. Eine Ehe landet vor dem Bezirksgericht

Dass es um die Ehe von Johannes Meierhofer nicht zum Besten stand erfuhr eine breitere Öffentlichkeit im Juni 1867 aus dem Amtsblatt. Da wurde Johannes nämlich nach Regensberg ins alte Landvogteischloss zitiert:

«Johannes Meierhofer, genannt Zieglers, Seidenrudis, von Weiach, unbekannt abwesend, wird hiemit aufgefordert, Mittwoch den 12. dieß, Morgens 7 Uhr, vor Bezirksgericht im Schlosse dahier zu erscheinen, zur Behandlung der von seiner Ehefrau gegen ihn erhobenen Scheidungsklage, unter der Androhung, daß im Falle unentschuldigten Ausbleibens angenommen würde, er anerkenne die thatsächlichen Angaben seiner Ehefrau als richtig, und verzichte auf die Geltendmachung von Einreden.»

Diese ziemlich harsche Aufforderung wurde «Im Namen des Bezirksgerichtes» erlassen. Und zwar in «Regensberg, den 3. Brachmonat 1867» durch den Gerichtsschreiber Bucher. Ob Meierhofer vor Ort erschienen ist oder nicht, müsste man dem Protokoll entnehmen können.

Ein Geflecht von Zunamen

Interessant ist neben der Scheidungsangelegenheit vor allem die ausführliche Namensnennung. Sie enthält nämlich gleich zwei Zunamen, welche als Wohnstätten- oder Berufsbezeichnungen angesehen werden können.

Der Familienname Meierhofer hatte sich zu diesem Zeitpunkt offensichtlich fest eingebürgert. Deshalb brauchte man dorfintern Zunamen um die vielen Meierhofer unterscheiden zu können.

Meierhofer «Seidenruedis» war ein Zweig, der entweder im Seidenhof (einem Gebäude nahe dem heutigen Restaurant Linde) gewohnt hat oder sogar selber im Seidengewerbe tätig war.

Der Zuname «genannt Zieglers» dürfte jüngeren Datums sein als die «Seidenruedis» und auf die aktuelle Tätigkeit von Johannes Meierhofer oder seines Vaters hinweisen: als Betreiber einer Ziegelhütte.

Ob es sich dabei um den ehemals obrigkeitlich konzessionierten Monopol-Betrieb im Büel handelt, ist nicht klar, da auch im Oberdorf eine Ziegelbrennerei bestand (Oberdorfstrasse 25).

Quelle
  • Amtsblatt des Kantons Zürich, 1867, S. 1129, Nr. 35

Montag, 25. Oktober 2010

Woher das Büel seinen Namen hat

Konsultiert man die deutschsprachige Wikipedia, so findet man eine Erklärung dieses häufigen Flurnamens im Artikel «Hügel». Das Wort «Hügel» sei erst im 16. Jahrhundert im Sprachgebrauch aufgetaucht heisst es da, und weiter:

«Das alte, im süddeutschen Raum verbreitete Wort für Hügel, Bühel oder Pichl, ist seit den frühesten Zeiten reich namensbildend. Wurzel ist althochdeutsch buhil 'Hügel, Anhöhe', mhd. bühel. Im Sprachschatz im Gebrauch ist es noch im Tirolisch/Salzburgischen und im Vorarlbergisch/Westschweizerischen, wo es allgemein im Dialekt das Wort anstelle des nicht heimischen 'Hügel' ist. Die Varianten sind vielfältig: Bühel, Bühl, Büel [...]»

Gemeint ist wohl statt «Westschweizerisch» der Ostschweizer Dialekt. Ob dieser Lapsus wikipediabedingt ist oder auf die Quelle, den «dtv-Atlas Namenkunde», zurückgeht, müsste noch geklärt werden.

Eindeutig eine Anhöhe

Doch nun zum Weiacher Büel. Die Büelstrasse erstreckt sich von der Stadlerstrasse (vis-à-vis der Einmündung der Chälenstrasse) hinauf bis zum Baumgartner-Jucker-Haus, wo sie in die Oberdorfstrasse mündet. Sie steigt von der Nummer 4 bis zum Alten Gemeindehaus (Büelstr. 13) nicht einmal 10 Meter an und führt an der evangelisch-reformierten Pfarrkirche und dem Pfarrhaus vorbei (welche somit ebenfalls die Adresse «Büelstr.» tragen).

Historisch gesehen verläuft die Grenze zwischen Büel und Oberdorf zwischen Kirche und Pfarrhaus - jedenfalls wenn man sich an den ab 1812 erfolgten Einträgen im Lagerbuch der kantonalen Gebäudeversicherung orientiert.

Hofname vom Bewirtschafter?

Woher der Name Büel kommt, wird spätestens dann klar, wenn man nördlich vom Weiacher Ortskern (zum Beispiel beim Eschterhof) steht und nach Süden blickt. Die Kirche und die Gebäude an der Luppenstrasse liegen auf einer Anhöhe, eben auf einem Büel.

Es ist deshalb fraglich, ob der Historiker Konrad Wanner recht hatte, als er 1984 über den «Bühlhof des Klosters St. Blasien» schrieb, der Name dieses Weiacher Hofes sei «vom Familiennamen der Bauern, die ihn bis 1352 bewirtschafteten, abgeleitet» worden (vgl. den Text in Weiacher Geschichte(n) Nr. 52).

Die von Wanner als Beleg angeführte Urkunde StAZH C II 6, Nr. 769 aus dem Jahre 1352 lautet im Regest wie folgt: «Die Brüder Johann, Ulrich und Konrad, ihre Schwester Hedwig sowie ihre Mutter, "die man aelli nemmet am Buel von Wiiach", geben den "hof, der gelegen ist ze Wiiach in dem torf", dem Kloster St. Blasien auf, von dem sie ihn bisher zu Lehen hatten.»

Wanner führt weiter aus, dass es sich bei diesem Mitte des 14. Jahrhunderts erwähnten Hof um den Bühlhof gehandelt habe, «der nach den Quellen des 16. Jahrhunderts diesem Kloster gehörte», und verweist auf die Signaturen StAZH F II b 245 (1573) sowie StAZH F II b 245a (1596).

Diese Kontinuität eines Hofnamens ist durchaus plausibel, wurde doch in Klöstern immer wieder aus uralten Güterverzeichnissen kopiert.

These auf wackeligen Füssen

Aber leitet sich der Hofname nun tatsächlich von demjenigen seiner Bewirtschafter ab, wie Wanner meint? Wohl eher nicht. Seine These steht auf wackeligen Füssen. Denn schon die in der Urkunde von 1352 gewählte Benennung der Bewirtschafter als «am Buel von Wiiach» deutet auf das Gegenteil hin.

Zum einen haben sich Familiennamen in dieser frühen Zeit noch kaum als dauerhafte Bezeichnungen von Personengruppen durchgesetzt, zum andern ist es auch sonst sehr viel wahrscheinlicher, dass ein Zuname aus einem Hof- oder Flurnamen entsteht (und nicht umgekehrt). Denn Geländestrukturen sind viel dauerhafter als Besitzverhältnisse, weshalb auch ein passender Name so lange daran haftet, als sich dessen Nutzer darunter ganz konkret etwas vorstellen können.

In diesem Fall eben eine für jedermann sichtbare Anhöhe. Und so wäre dann auch der Name der Ambühl von Weiach eine Ableitung von dieser Geländestruktur. Vergleiche dazu auch die Ausführungen im Wikipedia-Artikel Genanntname.

Quellen
  • Konrad Wanner: Siedlungen, Kontinuität und Wüstungen im nördlichen Kanton Zürich (9.-15. Jahrhundert). Bern 1984.
  • Konrad Kunze: dtv-Atlas Namenkunde. 1 Auflage. dtv-Band 2490, dtv, München 1998, ISBN 3-423-03266-9, Oberflächengestalt der Landschaft. Bodenerhebungen, S. 97 Sp. 2.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Die Normalität im Wahnsinn des Krieges

Aktuell sind die Hinterlassenschaften von zwei Weltkriegen und dem Kalten Krieg wieder in den Schlagzeilen. Tausende von sogenannten Kampfbauten (Bunker und Festungen) sollen in den nächsten Jahren rückgebaut werden, sagt das VBS (vgl. NZZ vom Freitag, 22. Oktober 2010).

Ebenfalls letzten Freitag brachte der «Zürcher Unterländer» einen Artikel von Katrin Brunner, der an den heute noch sichtbaren Zeugen des 2. Weltkriegs anknüpft und eine people story daraus macht. «Schweizer Soldaten suchten die Normalität im Wahnsinn», lautet der Untertitel. Viele Bunker und Stellungen am Zürcher Rhein wurden nämlich von Aktivdienst-Soldaten gebaut. Und die wollten nicht immerzu an den drohenden Überfall durch Hitlers Truppen denken. Man lebte ja schliesslich auch noch.

Grenztruppen im Einsatz

Schon vor den ersten Kampfhandlungen zwischen Deutschland und Polen am 1. September hatte der Bundesrat die Grenztruppen mobilisiert:

«29. August 1939: Ein warmer und heiterer Tag. Die Nacht war mondhell. So steht es im Tagebuch der ersten Kompanie des Grenzfüsilierbataillons 269. Am Tag zuvor war um 9 Uhr das Verlesen mit anschliessendem Materialfassen. Nachmittags rückte die Truppe nach Weiach aus, um in der Nacht mit Grabungsarbeiten an Schützengräben, Bunkern und Panzersperren anzufangen. Der Feind sollte vom geschäftigen Treiben der Schweizer möglichst nichts mitbekommen.»

So normal wie möglich, bitte

Aus einigen etwas ausführlicher als befohlen gestalteten Einträgen in den offiziellen Kommandantentagebüchern wissen wir, was die Soldaten taten um sich das Leben so erträglich wie möglich zu gestalten. Unter dem Zwischentitel «Bissige Gäste» nimmt Brunner auf die praktischen Aspekte des Küchendienstes Bezug:

«13. September 1939: Zur Verwertung von Rüstabfällen und Essensresten kaufte sich die erste Kompanie des Bataillons 269 ein Schwein für 107,20 Franken. Bereits am Abend machte «Jda» aber ihren Stall zur Sau und büxte aus in Richtung Wald, wo sie nur mit grösster Mühe wieder eingefangen wurde.»

Anfangs nur Nachtarbeit

Dann stellt die Journalistin aber wieder den Hauptauftrag der Truppe ins Zentrum: «Ansonsten stellten sich beim Bau der Befestigungsanlagen keine grösseren Probleme, obwohl es oft an Material fehlte und das Vorhandene auch mal Mängel aufwies. Die Tagesabläufe waren in den ersten Wochen des Aktivdienstes fest vorgeschrieben. So meldet das Kompanietagebuch Arbeiten an der Verteidigungslinie zwischen Mitternacht und 4.30 Uhr. Danach zurück ins Quartier, wo es um 6 Uhr Frühstück gab. Bis 10 Uhr hatten die Soldaten Ruhe. Dann wurden die Waffen gepflegt. Der Nachmittag verging wieder mit Ausruhen und diversen Arbeiten rund ums Quartier. Um 20 Uhr ging es unter anderem wieder ans «Erstellen von Drahthindernissen». Vermehrt wurde nun auch bei Tag an den Stellungen gearbeitet.»

Ewiger Regen, kleines Jagdglück und ein Festessen

Dem Tagebuchführer der Kompanie I/269 verdanken wir weitere amüsante Vorkommnisse, die von Brunner in ihrem Artikel aufgenommen wurden:

«Bei Wind und ewigem Regen wird bei Weiach im Oktober 1939 eine Baracke erstellt. Dabei fangen die Männer einen Siebenschläfer und quartieren das vermeintlich putzige Tierchen im Büro des Kommandanten ein. Etwas später bricht auch dieses Tier, aus und es dauert etwas, bis das bissige Pelzknäuel wieder im Käfig ist.

5. November 1939: Schwein Jda erfüllt ihren Dienst am Vaterland und wird zu Wurst und Voressen verarbeitet. Um 22 Uhr sind vom Rafzerfeld her Fliegerlärm und Maschinengewehrsalven hörbar.
»

Was beim in der Gegend von Weiach stationierten Grenzfüsilierbataillon 269 während dieser Zeit trotz (oder gerade wegen) latenter Kriegsgefahr sonst noch so an Zwischenmenschlichem passierte, kann man den nachstehend aufgeführten Beiträgen entnehmen.

Quelle und weiterführende Artikel