Mittwoch, 25. Juli 2007

Das Erdbeben vom 25. Juli 1855

Unsere mittlerweile 301-jährige Kirche hat schon vieles erlebt. Interessanterweise traf es nicht nur die grosse Sonnenfinsternis gerade auf den Zeitpunkt ihres Baus, auch bei Renovationen geschah Ungewöhnliches. So bei der Kirchturm-Renovation von 1855:

«Am 25. Juli wurde nachmittags 1 Uhr 05 Minuten ein so starkes Erdbeben verspürt, dass die Arbeiter von den Gerüsten sich begaben, die Dielen krachten, was an den Wänden hing, sich hin und her bewegte und alles Volk erstaunt zusammenlief. Am 26. vormittags und am 28. während des Mittagläutens wiederholten sich dieselben Erschütterungen.»

Epizentrum Vispertal

Diese Erdstösse führten in Weiach zu keinen Schäden, im Wallis aber sehr wohl, wie ein Artikel des Schweizerischen Erdbebendienstes mit dem Titel «Das nächste Erdbeben kommt bestimmt» erläutert:

«St. Niklaus, 25. Juli 1855, kurz vor ein Uhr Mittags, es ist regnerisch trüb. Die meisten Leute sitzen noch beim Essen als ein dumpfes Geräusch aus dem Untergrund zu vernehmen ist, dann ein erster Schlag, gefolgt von starkem schütteln, Gegenstände rutschen durch den Raum, Deckenteile brechen ein und Risse ziehen sich durch das Mauerwerk. Alle flüchten in Panik aus den Häusern. Draussen, unsichtbar im Nebel und in den von den Gebäuden aufsteigenden Staubwolken stürzen mächtige Felsblöcke mit lautem Krachen von den steilen Bergflanken herab. Ein sicherer Ort ist nirgends zu finden.

Erst nachdem sich der Staub gesetzt hat, sind die Folgen des Erdbebens zu erkennen: Zwischen Visp und St. Niklaus ist kaum ein Gebäude unbeschädigt geblieben. Zum Teil sind ganze Wände eingestürzt, der Kirchturm von Visp steht ohne Spitze da. Ein Kind ist von einer umstürzenden Mauer erschlagen worden, Verletzte müssen mühsam über herabgestürzte Felsmassen zu Tal getragen werden. In den folgenden Tagen richten einige der unzähligen Nachstösse weitere Schäden an.
»

Schäden bis zu 9 Milliarden Franken

Solche Erdbeben können sich auch heute jederzeit ereignen. Weil die Gebäude heute wesentlich zahlreicher und teurer sind als noch vor 150 Jahren, müsste in der Schweiz heute bei einer Wiederholung dieses Erdbebens mit Gebäudeschäden von 580 - 8720 Millionen Franken gerechnet werden.

Die Streuungsbreite der Schadensumme entspricht dem Unterschied zwischen einer optimistischen und einer worst-case-Schätzung und umfasst nur die Gebäudeschäden. Andere Sachwerte und wirtschaftliche Folgekosten sind nicht eingerechnet. Auch Verluste an Menschenleben und deren finanzielle Folgen nicht.

Quellen
  • Zollinger, W.: Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach. (Chronik Weiach. 1271-1971). 1. Aufl. 1972, 2., ergänzte Aufl. 1984.
  • Deichmann, N.; Fäh, D.: Das nächste Erdbeben kommt bestimmt. Obwohl sie weniger häufig auftreten als in der Türkei, sind Erdbeben eine in der Schweiz stark unterschätzte Naturgefahr. Presseartikel des Schweizerischen Erdbebendienstes, ETH Zürich
[Veröffentlicht am 18. November 2007]

Sonntag, 22. Juli 2007

Juliwetter 1957

Wie sehr das Wetter vor 50 Jahren vom damaligen Dorfchronisten Walter Zollinger noch aus der Sicht der Landwirte gesehen wurde, das zeigt sich praktisch in jeder Monatsbeschreibung. So auch in dieser hier:

«Heiss beginnt der Juli, 35° am Nachmittag des ersten Tages auf der schattseitigen Laube unseres Hauses und so gings während der ganzen Woche weiter, sogar auf über 36° stieg das Quecksilber. Dann aber wandte sich das Blatt plötzlich, und die nachfolgenden drei Wochen brachten fast täglich längere oder kürzere Regengüsse, vornehmlich nachts. Die Nachmittagstemperaturen sanken entsprechend und hielten sich nur mehr zwischen 18 bis höchstens 25°. Wohl waren die Abende meist ordentlich; aber für die Erntearbeiten, die nun fällig geworden wären, immer zu spät. Erst gegen Ende des Monats besserte es und die letzten zwei Tage waren wieder prächtige Sommertage. Nun „läufts“ in den Roggen- und Weizenfeldern unten!»

Mit «unten» meinte der im Oberdorf nahe der Mühle wohnhafte Zollinger die Ebene zwischen Kaiserstuhl und dem Weiacher Hardwald vor Rheinsfelden.

Bereits im WeiachBlog erschienene Wetterartikel


Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1957 – S. 5 (Original in der Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Signatur: G-Ch Weiach 1957)

[Veröffentlicht am 2. November 2007]

Samstag, 14. Juli 2007

Die Funkstille brechen...

Nach wochenlanger Sendepause (seit 12. Juni 2007, 16:53) habe ich mich heute dazu entschlossen, den WeiachBlog ab sofort wieder mit neuen Inhalten zu bestücken. Geplant war das zwar schon lange, aber eben ...

Es gibt Gründe, die dagegen sprechen: wenn man(n) sich beruflich verändert, dann bindet das halt Ressourcen. Schliesslich will man ja im neuen Arbeitsumfeld als Top-Performer und nicht als lahme Ente auffallen.

Allerdings gibt es auch etliche Gründe auf der Befürworterseite. Das wären erstens einmal die regelmässigen Besucher dieses Blogs:

  • die Weiach-Fans mit einer Engelsgeduld, die trotz unangekündigter Sendepause unverdrossen mindestens einmal täglich auf WeiachBlog vorbeischauen und noch nie gemotzt haben - obwohl der Autor ja per e-mail erreichbar wäre (ich denke da vor allem an eine Zürcher Anwaltskanzlei, die hier aus Gründen des Datenschutzes nicht genannt wird),
  • die stillen Subscriber, welche WeiachBlog über ihren Newsreader abonniert haben.
  • die "Eingeborenen", von denen einige ab und zu auch diesen Blog lesen und - selten aber immerhin - sogar kommentieren. Die meisten davon offline oder per privater e-mail.

Dann natürlich der nicht abreissende Strom von Weiach-Bezogenem, das durch den Blätterwald rauscht und - zweckentsprechend - auch Kommentare und Verweise auf neuere Ausgaben der Weiacher Geschichte(n). Die aktuelle Nr. 92 wurde am 2. Juli sogar vom Tages-Anzeiger verwertet.

Finden wir also die Balance - und die wird einstweilen vor allem im Nachholen von Artikeln mit Datum ab dem 28. Mai liegen. Inhalte gibt es mehr als genug. Nur müssen sie halt einmal in Form gegossen werden.

Neues gibt's also einstweilen unterhalb dieses Postings - nicht drüber wie sonst üblich. Jedenfalls so lange, bis das Datum des 13. Juli erreicht ist. Bin gespannt, wie lange das dauert.

Mittwoch, 4. Juli 2007

Wenn OL-Läufer Eichen pflanzen

Dass unter Jägern und Förstern nicht immer eitel Freude über die OL-Läufer herrscht, ist bekannt. Deshalb freut ein Artikel über gegenseitige vertrauensbildende Massnahmen - besonders wenn sie mit langfristigen Wirkungen verbunden sind.

Der Titel «Kapreöli planzten Eichen» auf der Website des im Zürcher Unterland tätigen OLC Kapreolo sagt denn auch exakt, worum es ging: um die Zukunft eines Waldes, er u.a. auch unser Wald ist:

«Stadel/Weiach/Bachs: Normalerweise rennen sie an den jungen und alten Bäumen herum. Am vergangenen Samstagmorgen jedoch [d.h. am 31. März] pflanzten 15 Mitglieder des Glattaler OL Klubes Kapreolo für einmal 100 Eichen und montierten alte und nun wirklich gefährliche Umzäunungen, sowohl für das Wild wie auch für OL Läufer, im Stadlerberg ab. Hintergrund ist natürlich ein gutes Einvernehmen mit den weiteren Waldbenützern wie Forst- und Jagdbehörden im Hinblick auf die Durchführung der Anfang September 07 stattfindenden SOM [Schweizer OL-Meisterschaft]. Wie meinte denn auch Förster Roland Steiner beim anschliessenden Essen diplomatisch: „Wir beide haben halt ab und zu unterschiedliche Auffassungen……„

Unter der Anleitung der beiden Förster Roland Steiner und Max Holenweg, sowie Jagdobmann Kurt Griesser (Jagdgesellschaft Sanzenberg) erledigten die OL Läufer diese Arbeiten trotz zu Beginn nasser und kalter Witterung in schnellem Tempo. So dass Förster Steiner plötzlich fragte: "Kann man Euch mieten?" Bereits nach 13 Uhr konnte zum Risotto- und Wurstessen am warmen Lagerfeuer geschritten und das eine oder andere Gespräch geführt werden.

"Eichen setzen wir jetzt aus klimatischen Gründen und weil Eichenbäume wegen den zu erwartenden, wärmeren und trockeren Sommer robuster als zB. Rotbuchen etc. sind", so Förster Steiner. "Zudem lieben Wildschweine diese Art von Baum sehr und mit der jetzigen Anpflanzung hoffen wir, dass wir diese Schweine in einigen Jahren dadurch etwas mehr von den Feldern - wo sie für die Landwirte meist grössere Schäden anrichten - im Wald zurückbehalten werden können." Bis es allerdings soweit sein dürfte, werden noch einige Jahrzehnte vergehen und der eine oder andere der nun gepflanzten Bäume eingehen. Um die noch ganz jungen Eichen vor voreiligem "Ab-Frasse" durch Kollege Wild zu schützen, wurden sie mit einem Holzpfahl und grünem Kunststoffgehege mit Kabelbinder geschützt.
» (wü/zvg)

Die Renaissance der Eichen ist besonders interessant. War Weiach doch einst für seine Eichenwälder weitherum berühmt. Diese standen zwar vor allem im Hard, wo der Boden über dem Kies schneller austrocknet und feuchtigkeitsliebendere Bäume als die Eiche Probleme bekommen. Dasselbe Phänomen ist auch auf den Ebenen den Steins und des Sanzenbergs zu beobachten. Und es wird - da gehe ich mit Förster Steiner einig - wohl noch zunehmen. Also ist es ein Gebot der Stunde, vermehrt trockentolerante Eichen zu setzen.

Quelle
  • Wuelsi: Kapreöli planzten Eichen. Source: Website des OLC Kapreolo - datiert: 1. April 2007. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors; Daniel Wülser, Bülach

[Veröffentlicht am 24. November 2007]

Freitag, 29. Juni 2007

Letzte Tagung der Gz. Füs. Kp. V/269

Aktivdienst. Für die meisten heute Lebenden ist das ein Wort aus grauer Vorzeit. Eines, das mit Zweitem Weltkrieg und allenfalls noch mit der Zerqa-Krise anfangs der 70er-Jahre in Verbindung gebracht wird, als eine Swissair-Maschine in der jordanischen Wüste in die Luft gesprengt und der Flughafen Zürich mit Kampfmunition bewacht wurde (vgl. Suter 2004).

Die ehemaligen Angehörigen der Grenzfüsilierkompanie V/269 und anderer Truppenverbände der Zeit von 1939 bis 1945 konnten damit aber ganz konkrete, existentielle Erfahrungen über Jahre der Unsicherheit hinweg verbinden. Das schweisst zusammen.

Noch 19 alte Krieger

Und deshalb wundert es auch nicht, dass sich die Angehörigen der 5. Kompanie noch bis in diese Tage regelmässig offiziell getroffen haben. Damit ist es nun vorbei, wie die Journalistin Sandra Zrinski vom Weiacher Noldi Hauser erfahren hat:

«In regelmässigen Abständen haben sich die Angehörigen der Kompanie in den Jahren nach dem Krieg getroffen. Hauser ist mit 95 Jahren der Älteste. Der Altersdurchschnitt liegt unterdessen bei 87 Jahren, und beim letzten Treffen sind noch 19 Männer in Kaiserstuhl zusammengekommen. Das letzte Mal, denn aus Altersgründen wird es keine offiziellen Zusammenkünfte mehr geben. «Alles, was wir noch in der Kasse hatten, haben wir auf den Putz gehauen», sagt Hauser heiter.»

Gemeinsames Rauchen mitten auf der Rheinbrücke

Spannend ist, was der mittlerweile älteste noch Lebende unter den V/269-ern über das tägliche Wacheschieben bei Kaiserstuhl zu berichten weiss:

«Viele Nächte lang, so Hauser, habe er in Unterständen Wache gehalten und den Rhein beobachtet. «Wir hatten Angst und scharfe Munition geladen. Wir wussten ja nicht, was geschehen würde.» Der Weiacher war in Kaiserstuhl stationiert. Viele seiner Kollegen stammten ebenfalls aus der näheren Umgebung. In der Mitte der Brücke sei man manchmal mit den deutschen Soldaten zusammengestanden und habe eine Zigarette geraucht. «Wenn das unsere Vorgesetzten gewusst hätten...».»

Friedliche Momente - wie in den Schützengräben des 1. Weltkriegs zu Weihnachten. Eine tröstliche Erkenntnis.

Quelle

  • Zrinski, S.: Der älteste Füsilier seiner Art. Weiach – Die letzte Tagung der Grenzschützer der 5. Kompanie ist Geschichte. In: Zürcher Unterländer, 28. Juni 2007 – S. 9.
  • Suter, M.: Kantonspolizei Zürich 1804-2004. Zürich 2004 - S. 287-288.

[Veröffentlicht am 2. Dezember 2007]

Donnerstag, 28. Juni 2007

Swissair-Urteil ein Schlag ins Gesicht

«HANSPETER BÜHLER, WEIACH». Diesen Eintrag trifft man oft am Schluss von Beiträgen in den Leserbriefspalten der grossen Tageszeitungen. Natürlich hat er sich auch zu den Urteilen im Swissair-Prozess in der Bülacher Stadthalle geäussert:

Schlag ins Gesicht. «Offenbar haben wir in unserem Gesetz eine grosse Lücke gefunden. Es kann doch nicht sein, dass mündige Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte von allen mitverantworteten Fehlern und Dummheiten freigesprochen werden. Die entsprechenden Saläre und Entschädigungen waren verhältnismässig hoch und sollten auch das Tragen von Verantwortung einschliessen. Jeder kleine Angestellte oder Kleingewerbler würde solche Unfähigkeiten und Fehleinschätzungen bitter büssen müssen. Die zusätzlichen Abfindungen mögen dem Gesetz entsprechen, ein Schlag ins Gesicht der Steuerzahler sind sie allemal.»

In diesem Fall hat der in der alten Mühle wohnhafte Image- und Kommunikationsberater Bühler virtuos Volkes Stimme intoniert. In diesem Tenor tönte es wohl auch an den Stammtischen der beiden noch verbliebenen Beizen im Dorf, in der «Linde» und im «Wiesental».

Und auch WeiachBlog äusserte sich unterm 8. Juni in diese Richtung (vgl. ersten Abschnitt).

Quelle

  • Empörung über Swissair-Urteil. Zu den Urteilen im Swissair-Prozess von gestern. In: Tages-Anzeiger, 8. Juni 2007 - S. 25.

[Veröffentlicht am 24. November 2007]

Donnerstag, 21. Juni 2007

Juniwetter 1957

«Der Juni 2007 war vor allem im Osten deutlich wärmer als im Mittel der Jahre 1961 bis 90. Der Wärmeüberschuss betrug hier meist 2 Grad und mehr», schreibt die MeteoSchweiz in ihrem Juni-Rückblick.

Weiter wussten die staatlichen Wetterfrösche für 2007 zu berichten, dass teils deutlich mehr Regen fiel als normal. Das erinnert durchaus an den Juni vor 50 Jahren in Weiach, den Walter Zollinger in seiner Jahreschronik beschreibt:

«Der Juni zeichnet sich durch sehr viele bedeckte Vormittage und schwüle Nachmittage aus; 21mal stieg die Temperatur am Nachmittag auf über 20°, Höchsttemperaturen bis 31°, hauptsächlich in der zweiten Monatshälfte. Trotzdem rückte die Heuernte nur langsam vorwärts; denn an 13 Tagen fielen immer wieder gewittrige Regenschauer, an fünf Nachmittagen frühe schon richtige Gewitter m. ergiebigen Schauern. Dies hemmte die Heuerarbeit natürlich arg, sodass sich die geplagten Bauern mit Heinzen behelfen mussten, wenn sie überhaupt noch irgendwie "heuen" wollten und für das Futter wars eben zeitig geworden. – Dafür steht aber "die Frucht" prächtig da.»

Bereits im WeiachBlog erschienene Wetterartikel

Quelle

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1957 – S. 5 (Original in der Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Signatur: G-Ch Weiach 1957)
[Veröffentlicht am 1. Oktober 2007]

Sonntag, 17. Juni 2007

Gutmenschen nerven Afrikaner. Wann nützt Entwicklungshilfe?

Nach dem gestrigen sei hier grad noch einmal ein Leserbrief abgedruckt. Er stammt vom Kommunikationsberater Hanspeter Bühler-Racle - auch einer der in diesem Bereich aktiven Weiacher (vgl. die WeiachBlog-Einträge DJ Bobo an den Karren gefahren und Israel, Gaza und Zidane).

Der nachfolgende Beitrag wurde ebenfalls auf der Forum-Seite des Zeitungsverbundes Zürcher Landzeitung (Neues Bülacher Tagblatt zusammen mit Zürcher Unterländer) vom 13. Juni abgedruckt:

Laute Gutmenschen für Afrika

«Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Woyle Soyinka ist auf laute Gutmenschen wie beispielsweise den Rocksänger Bono nicht gut zu sprechen. «Der hält uns wohl für blöde», sagt er über den Iren und dessen Bemühungen, die Welt auf das Schicksal Afrikas aufmerksam zu machen - beziehungsweise, was er dafür hält. «Diese Bonos, Geldofs und wie sie alle heissen, sagen, dass man uns helfen muss, und unterstellen damit, dass wir dazu nicht selbst in der Lage sind», schimpft der Nigerianer: «Das ist Rassismus.» Wie Soyinka denken mittlerweile viele in Afrika. Nur will das in den Industrieländern niemand zur Kenntnis nehmen. Das beste Beispiel ist der G-8-Gipfel in Heiligendamm und die neuerliche Diskussion über eine drastische Erhöhung der Entwicklungshilfe. Von bis zu 50 Milliarden Dollar für Afrika bis 2010 ist die Rede. Seit 1960 sind schätzungsweise 500 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe in Richtung Schwarzer Kontinent geflossen. Heute ist das Lebensniveau teilweise sogar noch unter das der späteren Kolonialzeit gefallen. Der kenianische Wirtschaftswissenschaftler James Shikwati plädiert deshalb für ein sofortiges Ende jeder Entwicklungshilfezahlungen. Sie habe die Korruption nur gefördert und gleichzeitig zur Entmündigung Afrikas geführt.

Dass diese Haltung von Schwarzafrikanern stammt, ist gut, denn wenn wir von der Ersten Welt solche Statements abgeben würden, würde uns Rechtsextremismus und Rassismus unterstellt. Wer aber die Verhältnisse wie ich in Afrika seit Jahrzehnten erlebt hat, weiss, dass diese weitsichtigen Schwarzafrikaner klar erkannt haben, dass die Finanzierung durch Entwicklungshilfe eine endlose unglückselige Spirale darstellt. Ihre Eigenverantwortung werden die Völker Afrikas damit nie erreichen. Aber da das Interesse des Westens an einem unterentwickelten Afrika grösser ist als an einem emanzipierten, wird es wohl so weitergehen. Der Grossteil der Politiker an der Spitze der westlichen Nationen sind Marionetten der wirtschaftlichen Interessen und haben kein Rückgrat zu helfen diesen Teufelskreis zu durchbrechen. So hat auch dieser G-8-Gipfel geendet: Der Berg wird eine Maus gebären.
»

Ich sehe die Angelegenheit ähnlich kritisch wie Bühler und die zitierten Afrikaner. Der Vers des römischen Dichters Horaz aus De arte poetica, 139: "Parturient montes, nascetur ridiculus mus." (sinngemäss übersetzt: Wenn Berge gebären wird eine lächerlich kleine Maus geboren) passt wirklich auf die Entwicklungshilfe der letzten Jahre, wenn man die Wirkung für den kleinen Mann betrachtet.

Wie man den gordischen Knoten zerschlägt

Was wäre denn nun wirklich nützliche Entwicklungshilfe? Wirklich von Nutzen ist sie nur dann, wenn sie geeignet ist, breite Bevölkerungsschichten Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen.

Das erreicht man nicht mit Milliarden, die in gigantischen Infrastruktur-Projekten versickern - und die damit fast ohne Umwege wieder in die Industriestaaten zurückfliessen, sei es in Form von Aufträgen für Maschinen oder in Form von Rohstoffen, die in Afrika lediglich abgebaut und abtransportiert, dann aber anderswo zu hochwertigen Konsum- und Investitionsgütern veredelt werden. Von dem in Korruptionssümpfen versickernden Anteil, der letztlich auch wieder bei uns landet (Bankkonten, Immobilienbesitz am Genfersee etc.) ganz zu schweigen.

Das geht nur über unspektakuläre Basisarbeit durch vorgelebtes Beispiel. Man kann eine Gesellschaft nicht von der prekarisierten agrarischen Subsistenz direkt ins Atomzeitalter beamen. So etwas ist nicht nachhaltig. Viel wichtiger ist es, den eigenverantwortlichen Aufbau eines tragfähigen Netzes von Kleinunternehmen zu fördern, indem man die für sie unabdingbaren stabilen Rahmenbedingungen schafft. Dazu könnte u.a. ein funktionierendes Mikrokredit-System beitragen.

Dazu gehört aber auch die Politik. Um diese zu transformieren müsste man aber etlichen korrupten Regierungen und Machtsystemen den Marsch blasen - solchen der G8-Staaten wie solchen afrikanischer Länder. Dies wäre wahre Entwicklungshilfe.

Quelle
  • Bühler-Racle, H.: Laute Gutmenschen für Afrika. Leserbrief. In: Zürcher Landzeitung/ZU/NBT, 13. Juni 2007 - S. 11.

[Veröffentlicht am 2. November 2007]

Samstag, 16. Juni 2007

Wer hat, dem wird gegeben

Daniel Elsener, FEAM und Biobauer, ist einer der in Weiach wohnhaften Leserbriefschreiber, die sich regelmässig zu Wort melden und deren Beiträge auch abgedruckt werden.

Dass er sich in der Evangelischen Volkspartei der Schweiz (EVP) des Bezirks Dielsdorf engagiert, kann man schon am Titel dieses Beitrags ablesen. Er stammt nämlich aus der Bibel:

«Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, dass er Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, was er hat.» – Matthäus-Evangelium 25,29 (Übersetzung nach Luther)

Nach diesem berühmten Spruch sei sogar ein Grundprinzip der handlungsbezogenen Soziologie benannt, wird einem in der Wikipedia erklärt, der sog. Matthäuseffekt. Es geht da also nicht um Fussball. Sondern um die menschliche Erfahrung die umgangssprachlich derb auch mit «Der Teufel scheisst immer auf den grössten Haufen» wiedergegeben wird.

Doch zurück zu Elseners Leserbrief. Man findet ihn auf der Forum-Seite des Zürcher Unterländers vom 12. Juni. Dort werden im Vorfeld von Abstimmungen vor allem politische Stellungnahmen abgedruckt.

Nachfolgend der Text im vollen Wortlaut:

Dem der hat, dem wird gegeben

So lautet eine alte Lebensweisheit, welche sich leider immer wieder bewahrheitet. In der Annahme, dass eine Geldmenge sich nicht einfach vermehrt und das Ganze ein Nullsummenspiel ist, muss das Geben auch von irgendwoher kommen, also von denen, die nicht haben! Genau um dieses Thema geht es bei der nächsten Abstimmung. Einmal um die 5. IV-Revision und einmal über die kantonale Volksinitiative «Chance für Kinder».

Erstere verlangt Einsparungen von den Behinderten und eine rasche Wiedereingliederung in Arbeitsplätze, welche gar nicht vorhanden sind. Dabei sollen die Arbeitgeber freiwillig helfen. Aber wie soll das gehen, wenn gerade die Arbeitgeber freiwillig geholfen haben, die IV im grossen Stil bei Umstrukturierungen zu missbrauchen? Viele Menschen wurden dabei noch so gerne in die Invalidenversicherung abgeschoben. Die Revision ist eine Totgeburt, weil die Arbeitgeber nicht in die Pflicht genommen werden, und verkommt somit zur reinen Farce und Sparübung auf dem Buckel der Behinderten. Mein Prädikat: schlecht, darum ein Nein.

Die Volksinitiative «Chance für Kinder» bekommt von mir ein Ja, weil Prädikat: gut! Diese Kinder sind unsere Zukunft und verdienen mit ihren Eltern unsere Unterstützung. 20000 Kinder sollen in unserem Kanton nicht in Armut aufwachsen müssen. Das ist meine Meinung und auch die der Evangelischen Volkspartei (EVP). Ein Elternteil sollte seine Verantwortung wahrnehmen und sich um die Kinder kümmern können, statt nur arbeiten zu müssen (Jugendkriminalität). Die Kosten sind ein Zeiger, und dieser zeigt einen grossen Handlungsbedarf in dieser Frage. Nicht sparen, sondern investieren in unsere Zukunft, darum ein Ja.

Daniel Elsener, Präsident EVP Bezirk Dielsdorf, Weiach


Wie sagt doch die Website der EVP, was das Ziel der Partei sei: «christliche Werte in einer menschlichen Politik umsetzen». So prägnant geschriebene Stellungnahmen wie die von Elsener sind jedenfalls Werbung für den Standpunkt der Partei. Ob man ihn teilt oder nicht.

Quelle
  • Elsener, D.: Dem der hat, dem wird gegeben. Leserbrief. In: Zürcher Unterländer, 12. Juni 2007 - S. 11.


[Veröffentlicht am 2. November 2007]

Freitag, 15. Juni 2007

Deponie im Naturschutzgebiet geplant?

Mit Datum 11. Juni 2007 haben zwei Kantonsrätinnen der Grünen, Susanne Rihs-Lanz (aus der Nachbargemeinde Glattfelden) und Maria Rohweder-Lischer (Uetikon am See), eine Anfrage an den Regierungsrat eingereicht. Sie erhielt die Geschäftsnummer 180/2007 und beginnt wie folgt:

«Im Zusammenhang mit der 5. Ausbauetappe des Flughafens Kloten wurden im Kanton Zürich als Ausgleich für verlorene Naturflächen andere Flächen aufgewertet, darunter eine Kiesgrube in Weiach. Diese Aufwertung ist offensichtlich geglückt und beherbergt heute eine ansehnliche Zahl bedrohter Pflanzenarten. Im Richtplan ist diese Grube allerdings immer noch als Deponie zur Materialablagerung vorgesehen, was den Erlass einer Schutzverordnung verunmögliche.»

Diese Einschätzung wird von Seiten des Kantons klar geteilt, wie WeiachBlog vor ziemlich genau einem Jahr berichten konnte (vgl. Beitrag vom 10. Juni 2006).

Umso erstaunlicher ist es, dass man nach der Bewilligung der 5. Ausbauetappe kein Verfahren zur Änderung des Richtplans eingeleitet hat. Haben die kantonalen Behörden den Kantonsrat nicht zu fragen gewagt?

Die Fragen, die Rihs-Lanz und Rohweder-Lischer eingereicht haben, sind daher sehr berechtigt:

«1. Ist es richtig, dass die Konzession des Flughafens Zürich diese Kiesgrube als Naturobjekt schützt?

2. Ist vorgesehen, in der laufenden Richtplanrevision unter «Versorgung Entsorgung» die widersprüchlichen Nutzungsziele zu bereinigen?

3. Auf welchen Zeitpunkt ist eine ordentliche Schutzverordnung für dieses Gebiet zu erwarten?
»

Da sind wir ja gespannt, wie sich der Regierungsrat dazu äussern wird. Es macht ja nun wirklich keinen Sinn, für teures Geld ein neues Naturschutzgebiet einzurichten, nur um dann ein paar Jahre später an genau dieser Stelle nördlich der Bahnlinie eine Deponie zu eröffnen.

Zumal diese Deponierung schon längst abgeschlossen ist - nämlich mit Aushubmaterial, das die Weiacher Kies AG im Verlaufe der letzten Jahre mit eigenem Wagenmaterial dorthin transportiert und zur Verfüllung eingesetzt hat.

Quellen und weitere Artikel

[Veröffentlicht am 16.9.2007]