Montag, 8. Juni 2020

Zurzach ante portas. Der Niedergang eines Städtchens.

Bisher grenzte Weiach ja nur an den Bezirk Zurzach. Ab dem 1. Januar 2022 wird es aber die Gemeinde Zurzach sein, die eine gemeinsame Grenze mit Weiach (und dem Kanton Zürich) hat. Die Zurzacher stehen buchstäblich vor den Toren von Weiach.

Denn im September letzten Jahres hat sich das kleine Städtchen Kaiserstuhl definitiv für eine Fusion mit sieben weiteren Studenländer Gemeinden entschieden. Fisibach und Siglistorf sind schon früher aus dem Fusionsprozess ausgestiegen. Mellikon hat sich an der Volksabstimmung vom 8. September 2019 mit nur sechs Stimmen Unterschied gegen die Aufgabe der Eigenständigkeit ausgesprochen (vgl. für Details zur neuen Fusionsgemeinde den Wikipedia-Artikel Zurzach).

Somit wird – Bestätigung durch den Aargauer Grossen Rat vorbehalten – bereits in anderthalb Jahren auch für Weiach etliches ändern.

Zurzach auch auf der Ortstafel

Neu wird auf der Ortseingangstafel nicht mehr wie heute an der Kreiselausfahrt beim Hotel-Restaurant zum Kreuz ein verschämtes weisses Täfelchen mit der Aufschrift «Kaiserstuhl AG» stehen, sondern wohl eins mit dem Text «Kaiserstuhl (Gde. Zurzach)» oder ähnlichem.

Der territoriale Flickenteppich, der durch diese Fusion entsteht, mutet schon etwas seltsam an. Die neue Gemeinde Zurzach (so hiess das neue Gemeindezentrum Bad Zurzach bis 2006 selber noch) erstreckt sich dem Rhein entlang bis fast bis zur Aaremündung bei Koblenz.

Westlichster Teil wird Rietheim sein, gefolgt von Bad Zurzach und Rekingen. Dann steigt das Territorium auf die Hügel des Studenlandes, umfasst dort Baldingen, Böbikon und Wislikofen und kommt schliesslich mit Rümikon wieder ans Rheinufer.

Die territorialen Auffälligkeiten sind Mellikon (bis auf die Landesgrenze vollständig umschlossen von der neuen Gemeinde) sowie das neu zur 32 Hektar grossen Exklave mutierte Kaiserstuhl.

Und unsere Ansprechpartner sitzen nicht ein paar hundert Meter von uns entfernt. Nein, sie sind im über 15 km entfernten Bad Zurzach zu finden.

Der weitere Niedergang eines Städtchens

Der definitive Verlust der Autonomie ist ein neuer Tiefpunkt in der Geschichte der Kleinstadt mit dem Dreiecksgrundriss.

Noch anfangs des 15. Jahrhunderts hatte sie den Griff nach den Niedergerichtsrechten des fürstbischöflich-konstanzischen Amtes Kaiserstuhl mit Sitz auf dem Schloss Rötelen geprobt, wurde auch zu diesem Zweck 1402 für kurze Zeit habsburgisch und wollte das Badener Stadtrecht einführen. Dieser Emanzipationsversuch scheiterte aber und das Fürstbistum restituierte seine Machtposition.

Danach wurde Kaiserstuhl immer mehr an den Rand gedrängt, wirtschaftlich wie politisch. Die Rückkehr des Fürstbischofs (spätestens 1406) hat zwar lokal eine gewisse Machtstellung ermöglicht. Aber wirtschaftlich waren da enge Grenzen gesetzt. Dafür sorgten die acht Alten Orte der Eidgenossenschaft (ab 1415 die Herren in der Grafschaft Baden), der Stadtstaat Zürich (der seinen 1496 erworbenen Rheinübergang bei Eglisau protegierte) genauso wie der jeweilige Bischof, der sich kein Powerplay erlauben konnte.

Die Neuordnung der Helvetik ab 1798 erhöhte das Gewicht der Hochgerichtsgrenze am Rhein. Wie Eglisau, so hatte auch Kaiserstuhl auf beiden Seiten des Flusses Hoheitsrechte, aber eben untergeordnete. Noch dazu das Pech, dass hüben und drüben unterschiedliche Herren das Sagen hatten (und nicht wie in Eglisau nur die Zürcher). Der Verlust der Rheinbrücke (abgebrannt 1799 im Zweiten Koalitionskrieg) hat bis zum Neubau durch Blasius Balteschwiler 1823 die Wirtschaftsbeziehungen weiter beschädigt, was sich auch in der baulichen Substanz der Stadt massiv niederschlug.

So ist Kaiserstuhl heute vor allem eine gut konservierte historische Hülle. Grosse Teile der Verwaltung sind schon seit Jahren ausgelagert (Projekt Verwaltung 2000). Nun wird es bald auch politisch völlig obsolet und ist nur noch ein weitab gelegenes Verwaltungsgebiet der Zurzacher – soweit mir bekannt ohne jegliche Eigenständigkeit.

Was wäre gewesen, wenn?

Ein paar kontrafaktische Geschichtsschreibungs-Gedanken kann sich der Autor dieses Beitrags aber doch nicht verkneifen.

Hätte Kaiserstuhl bereits nach seiner Gründung (um 1254/55 mit den Freiherren von Regensberg als mächtigstem Partner des Gründerkonsortiums) die Handelsströme von Augsburg nach Lyon an sich ziehen können, hätte ab dem Beginn des 15. Jahrhunderts das Ziehen der habsburgischen Karte durch den Kaiserstuhler Bürgermeister Erfolg gezeitigt oder wären spätestens der damals amtierende Fürstbischof Marquard und seine Nachfolger Albrecht Blarer und Otto von Hachberg merkantil und machtpolitisch derart auf Zack gewesen, dass sie den Zürchern Paroli hätten bieten können, dann wäre die Geschichte möglicherweise anders gelaufen.

Selbst die mächtigen Habsburger waren aber (ebenfalls anfangs des 15. Jahrhunderts) in ihrem ehemaligen Stammland so schwach auf der Brust, dass sie einerseits 1415 den gesamten Aargau (insbesondere Stadt und Grafschaft Baden) an die Eidgenossen verloren. Ausserdem brauchten sie Geld, weshalb sie sich mit dem Zürcher Rat kurz darauf (1424) auf pfandweise Übergabe der Grafschaft Kyburg einigten. Damit ging auch die hochgerichtliche Herrschaft über Weiach an Zürich.

Dieser Vorstoss nicht nur an den Rhein, sondern bis an die östliche Stadtmauer von Kaiserstuhl (dort verlief die Hochgerichtsgrenze), ja sogar bis in die Stadt hinein (Zürich hatte Anspruch auf Teile der Erbschaftssteuer), hat die Weiterentwicklung verhindert.

Wäre die Geschäftsidee der adeligen Kaiserstuhler Stadtgründer aus der Mitte des 13. Jahrhunderts hingegen voll aufgegangen, dann wären Weiach, Fisibach und Hohentengen heute vielleicht nur noch Quartiere einer beidseits des Rheins prosperierenden Stadt Kaiserstuhl.

Sonntag, 7. Juni 2020

Als die Bezirksschule in Kaiserstuhl noch Weiacher ausbildete

Oberstufenschulen waren noch nicht häufig Thema in den Weiacher Geschichte(n) oder auf WeiachBlog. Und wenn, dann meist am Rande. Das gilt vor allem für die Bezirksschule Kaiserstuhl. Sie wurde 1836 gegründet und bestand (gemäss Wenziger Plüss: «mit Unterbrüchen») bis Ende Juli 2009 (Auflösung des Standortes und Verlegung nach Bad Zurzach).

In dieser Schule sind ganze Generationen von ambitionierten Weiacher Sekundarschülern ein und aus gegangen. Darunter Ruth Schulthess-Bersinger, die dort 1941 einen Vortrag über ihr Heimatdorf Weiach gehalten hat (vgl. die Literaturangaben unten für Weiacher Geschichte(n) Nr. 88 u. 89).

Zollingers Typoskripte als Fundgrube

Auf die Anfrage eines früheren Weiacher Gemeindepräsidenten von gestern Samstag habe ich in meinen gesammelten Notizen nachgeforscht und bin auf interessante Details gestossen. Die nur als Typoskripte in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich erhaltenen Jahreschroniken Walter Zollingers erweisen sich erneut als Fundgrube.

So schreibt er in der Einleitung der Chronik des Jahres 1953, welche die Beziehung zum Nachbarstädtchen zum Thema hat:

«Mit dem Geschehen in Kaiserstuhl ist auch dasjenige unseres Dorfes in verschiedenen Belangen nahe verknüpft: [...] 1906-1953 Besuch der Bezirksschule Kaiserstuhl durch die Weiacher Schüler, [...]» (G-Ch Weiach 1953 – S. 1)

Zu diesem Eintrag gibt es weitere in den Chroniken für die Jahre 1952, 1954 sowie 1956. Die erste von Zollinger verfasste Chronik 1952, in der er Weiach näher vorstellt, gibt die ausführlichste Darstellung (G-Ch Weiach 1952 – S. 10):

«Weiach gehört zum Sekundarschulkreis Stadel. Weil aber der Weg dorthin reichlich weit ist und über die Höhe von Raat führt, bestand seit 1906 ein Staatsvertrag mit dem Aargau, wonach unsere Schüler aus der 5. oder 6. Klasse in die Bezirksschule im viel näher gelegenen Kaiserstuhl übertreten konnten. Die daraus erwachsenden Kosten hatte das Sekundarschulgut Stadel solange zu übernehmen, bis es "die Schüler von Weiach selber dauernd aufzunehmen imstande ist".

Am 5. Oktober dieses Jahres wurde nun das neue Zentralschulhaus Stadel eingeweiht; somit fällt der Vertrag von 1906 automatisch dahin und unsere künftigen Sekundarschulaspiranten werden, ab Frühjahr 1953 also, trotz des ungünstigen Schulweges, den Unterricht in Stadel zu besuchen haben.»

Von diesem Staatsvertrag zwischen den Kantonen Zürich und Aargau habe ich in den Online-Katalogen der jeweiligen Staatsarchive keinen direkten Nachweis finden können. Aber da Zollinger offensichtlich daraus zitiert, dürfte ein Exemplar davon zumindest im Archiv der Oberstufenschulgemeinde Stadel zu finden sein. [Anmerkung vom 1. August 2020: Dem ist leider nicht so, wie von Christian Seegmüller, dem Weiacher Vertreter in der Oberstufenschulpflege, zu erfahren war.]

Zu langer Schulweg nach Stadel

Die hier thematisierte Länge des Schulweges ist natürlich ein wichtiges Kriterium, damals noch weit eher als heute. Denn zu Beginn war der Besuch der weiterführenden Schule (Sekundarschule) ein Privileg, das sich die Eltern leisten können mussten. Gerade Jugendliche waren als Arbeitskraft im eigenen Betrieb ein unverzichtbare Ressource.

Wer nicht nur eine 7./8. Klasse im eigenen Dorf für richtig hielt und für die Sekundarschulausbildung (v.a. im 19. Jahrhundert) auch noch ein stattliches Schulgeld zahlen musste, der wollte natürlich den zu Fuss zurückzulegenden Schulweg so kurz wie möglich halten.

Das Städtchen Kaiserstuhl ist zu Fuss gut 20 Minuten von Weiach entfernt. Die Wegstrecke ins Ortszentrum von Stadel hingegen beträgt auf der erst ab 1846 bestehenden Strasse ab Ortsmitte Weiach 4.3 Kilometer und damit gut eine Wegstunde.

Zwei Stunden versus eine gute halbe Stunde. Die Rechnung ist einfach: Jeden Schultag mehr als eine Stunde Verzicht auf Hilfsarbeiten durch den Sekundarschüler? Eine Frage des Geldes.

Offenbar doch Wahlfreiheit beim Schulstandort

Zwei Einträge in den Jahreschroniken 1954 und 1956 zeigen, dass nur die neuen Jahrgänge zwingend nach Stadel in die Sekundarschule mussten. Wer bereits in Kaiserstuhl zur Schule ging, der durfte dort auch bleiben:

«Vielleicht darf noch erwähnt werden, dass mit dem im Mai 1954 beginnenden Schuljahr 9 Schüler aus Weiach die Sekundarschule Stadel besuchen, während nur noch deren 3 in der Bezirksschule Kaiserstuhl sitzen. Vor 1953 war’s immer umgekehrt.» (G-Ch Weiach 1954 – S. 11)

«An die Sekundarschule nach Stadel fahren täglich 11, nach Kaiserstuhl in die Bezirksschule noch 1 Schüler.» (G-Ch Weiach 1956 – S. 11)

Interessant ist die Bemerkung, vor 1953 sei es immer umgekehrt gewesen. Die Anzahl Weiacher, die schon vor 1953 nach Stadel in die Sek gingen, war also (wenn der Eindruck nicht trügt) offenbar nie Null. Und da Zollinger schon seit 1919 in Weiach Lehrer der oberen Klassen war, hat seine Aussage gerade in Schulbelangen doch ein gewisses Gewicht.

P.S.: 1836 als Boomjahr der Schulausbildung

Einleitend habe ich festgehalten, dass es die Bezirksschule Kaiserstuhl seit 1836 gab. Im selben Jahr ist auch die Sekundarschule Stadel aus der Taufe gehoben worden (vgl. Hafner 1886). Und ebenfalls 1836 wurde am 24. November das Alte Schulhaus in Weiach feierlich eröffnet (vgl. WeiachBlog Nr. 324).

Quellen und Literatur
  • Zur Gründung der Bezirksschule Kaiserstuhl siehe auch: Allgemeiner Schweizerischer Anzeiger. In: Der Schweizer-Bote, 33. Jg., Nro. 6, 20. Januar 1836 – S. 24.
  • Hafner, J.: Die Sekundarschule Stadel in den Jahren 1836-1886. Denkschrift zur Feier ihres fünfzigjährigen Jubiläums. Im Auftrag der Sekundarschulpflege bearb. von Jakob Hafner. Stadel 1886.
  • Zollinger, W.: Jahreschroniken Weiach. Originale: Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Fundstellen zur Bezirksschule Kaiserstuhl in: G-Ch Weiach 1952, S. 10. G-Ch Weiach 1953, S. 1, G-Ch Weiach 1954, S. 11 sowie G-Ch Weiach 1956, S. 11.
  • Brandenberger, U.: «Weiach – mein Heimatdorf». Ein Vortrag von Ruth Bersinger an der Bezirksschule, November 1941 (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) Nr. 88. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, März 2007 – S. 9-13.
  • Brandenberger, U.: «Die Trotte im Oberdorf war unser Eigentum». Ein Vortrag von Ruth Bersinger an der Bezirksschule, November 1941 (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) Nr. 89. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, April 2007 – S. 9-12. (pdf, 1.6 MB)
  • Wenzinger Plüss, F.: Kaiserstuhl. In: Historisches Lexikon der Schweiz. e-HLS, Version vom 26. November 2014.

Samstag, 6. Juni 2020

Ein Teil der Hofwiese gehörte zum Pfarrpfrundgut

Im gestrigen WeiachBlog-Beitrag Nr. 1520 wurde der eine Teil eines Planes von Geometer Diezinger aus dem Jahre 1821 vorgestellt, der den Kirchenbezirk von Weiach zeigt. Also den zentralen Teil der Pfarrpfrundgüter mit der Hofstatt des Pfarrherrn: Pfarrhaus, Pfarrscheune, Waschhaus, Garten und Baumgärten, die sich alle in unmittelbarer Nähe von Kirchhof und Kirche befinden.

Der rechte Teil des Diezingerschen Plans zeigt eine separate Wiese von weniger als einer Juchart Fläche, die ebenfalls zum Pfarrpfrundgut gehörte und sich mitten im heutigen Dorfkern befand. Nämlich auf der Hofwiese.

Dargestellt ist dieses Grundstück mit der traditionellen Nennung der Anstösser:


Offen ist die Frage, wo genau auf der historischen Hofwiese diese Fläche zu lokalisieren ist.

Geht man davon aus, dass die beiden Plänchen von Diezinger nicht willkürlich auf das Papier gebracht wurden und der leere (nicht mit einer Plandarstellung versehene) Zwischenraum denselben Massstabsangaben folgt wie die beiden Plänchen, dann kann das ganze Dokument mittels Abgleichung von markanten Punkten innerhalb des Kirchenbezirks georeferenziert werden. 

Das Resultat auf der Mitmachplattform des Staatsarchivs des Kantons Zürich sieht dann im Overlay-Modus so aus:


Mittels Schieberegler kann man den historischen Plan transparenter machen und die daruntergelegte Karte von Open Street Map hervorscheinen lassen:


Es wäre jedenfalls möglich, dass das Wiesengrundstück mit der Bezeichnung D so auf der Hofwiese zu finden war, wie im vorstehenen Bild angezeigt. Denn diese Fläche liegt innerhalb der historischen Flur, die man Hofwiese nennt.

Die Ausrichtung im Raum könnte die im Overlay oben gezeigte sein, falls die eine Windrose auf dem Original-Plan oben links über dem Kirchenbezirk nicht nur für diesen gilt, sondern auch für das Grundstück auf der Hofwiese.

Dagegen spricht, dass die Fusswege und Bewässerungskanale, die sich über die Hofwiese erstreckten, nach aktuellen Erkenntnissen (vgl. die ca. 20 Jahre jüngere Karte mit Signatur StAZH PLAN S 385 in WeiachBlog Nr. 1511) anders verliefen als es die oben dargestellte Ausrichtung des Pfarrpfrund-Grundstücks auf der Hofwiese verlangen würde.

Quellen
  • Weiach: Pfrundgüter Garten und Baumgarten bei Kirche und Pfarrhaus und Hofwies; Grundrisse (Nr. 1); 1821. Signatur: StAZH PLAN R 1189
[Veröffentlicht am 7. Juni 2020 um 01:32 MESZ]

Freitag, 5. Juni 2020

Wie sich der Kirchenbezirk Weiach seit 1821 verändert hat

Die Broschüre «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706–2006. (Online-Ausgabe, April 2007, PDF, 16.75 MB) wird aktuell im Auftrag der Evangelisch-reformierten Kirchenpflege Weiach vollständig überarbeitet. Und zwar so, dass neu der gesamte Kirchenbezirk, wie man ihn als Betrachter vor Ort erlebt, in angemessener Weise zur Sprache kommt.

Dabei steht die Kirche immer noch im Zentrum. Eigene Kapitel erhalten aber neu das Pfarrhaus, die Pfarrscheune, der Friedhof (sowohl im alten Kirchhof wie ausserhalb der historischen Mauern), das Waschhaus des Pfarrpfrundgutes (heute eine Garage), sowie das Alte Gemeindehaus. All diese Bauelemente machen optisch und funktional den Kirchenbezirk Weiach aus und zwar sowohl historisch wie auch in der gegenwärtigen Nutzung.

Plan der Pfarrpfrundgüter von 1821

Der älteste erhalten gebliebene, nach vermessungstechnischen Kriterien erstellte Plan des Kirchenbezirks ist 1821 vom Geometer Rudolf Diezinger (1770-1847) gezeichnet worden:


Der «Grundriss des Pfarrpfrundguts Weÿach» zeigt zwei Inselkarten.

Eine bildet den bereits erwähnten, als Kirchenbezirk bezeichneten Kernbereich der Pfrundgüter unmittelbar bei der Kirche ab und umfasst den «Garten samt dem kleinen Baumgärtlein» (B) sowie einen grossen «Baumgarten» (C; im nördlichen Teil heute neuer Friedhofsteil; Bezeichnungen nach Diezinger).

Die andere zeigt ein weiteres Grundstück, das Teil der Hofwiese mitten im Dorf ist und damit nur wenige Schritte entfernt zwischen Chälen, Bühl und Oberdorf liegt.

Zu dieser zweiten Inselkarte kommen wir im morgigen WeiachBlog-Beitrag. Dieser Beitrag zeigt auf, wie sich der Kirchenbezirk in den letzten zweihundert Jahren verändert hat.

Diezinger 1821 vs. ARE 2020

In der nachstehenden Gegenüberstellung links der Plan Diezingers von 1821, rechts die aktuelle Situation des Amtlichen Vermessungsplans im GIS Kanton Zürich (Amt für Raumentwicklung):


Was hat sich in den letzten 200 Jahren verändert?

Man muss schon genau hinschauen, um die Unterschiede zu erkennen.

1. Ein Fixpunkt ist die Kirche, die ihren Grundriss in den letzten 315 Jahren nur bezüglich des südwestlichen Vorbaus verändert hat. Das bereits auf der Darstellung von Heinrich Meister aus dem Jahre 1716 erkennbare Vordach vor dem Hauptportal wurde 1859 um einen nordwestlichen Fachwerk-Teil erweitert und gleichzeitig die Kirchhofmauer auf der Nordwestseite in die Verlängerung der Kirchenfassade umplatziert.

2. In der Südwestecke der Ummauerung stand ab 1802 ein Ersatzbau für das im Zweiten Koalitionskrieg (mutmasslich 1799) abgebrannte Gemeindehaus, der 1857 durch einen Neubau (Assek.-Nr. 237) ersetzt wurde. Und zwar so nach Nordwesten versetzt, dass er nicht mehr an der Aussenmauer platziert war, sondern nun wie selbstverständlich als Eckstein in die Anlage integriert wurde.

3. Die Südwestfassade des Alten Gemeindehauses von 1857 wird ebenfalls mit einer neu erstellten Friedhofmauer weitergeführt, für die aber wohl eine Aufschüttung nötig wurde. Noch unklar ist, ob diese südwestliche Friedhofmauer bereits 1838/39 erstellt wurde und an die Südwestfassade des Vorgängerbaus von 1802 anschloss und die Mauer bei der Versetzung des Gemeindehauses nach Nordwesten dann verlängert wurde, oder sie erst 1857/59 im Zuge des Neubaus entstanden ist.

4. Belegt ist jedenfalls durch einen Vertrag von 1838 zwischen dem Kanton Zürich als Eigentümer der Pfrundgüter (Pfarrhaus, Pfarrscheune, etc.) und der Gemeinde Weiach als Eigentümerin von Kirchhof und Kirche, dass damals vereinbart wurde, das alte Waschhaus (das Teil der Mauer zwischen dem Kirchof und der Hofstatt der Pfrundliegenschaft war) abzubrechen und innerhalb der Hofstatt ein neues Waschhaus (Assek.-Nr. 241) zu errichten.

5. Die auf dem Vermessungsplan mit «17.2» bezeichnete Gartenlaube des Pfarrhauses besteht offensichtlich bereits 1821. Auch die der Büelstrasse entlangführende Mauer des Pfarrgartens ist augenscheinlich in ihrer Position unverändert. Die mit einem in nordwestlicher Richtung zeigenden Pfeil versehene Struktur auf der Südwestseite der Strasse zeigt übrigens den Verlauf des Mülibachs, der damals noch offen verlief.

6. Die Pfarrscheune (heute Kirchgemeindehaus) ist noch unterteilt in den nordwestlichen «Schopf» mit Pultdach und die eigentliche «Scheuer» (Bezeichnungen nach Diezinger).

7. Die Verkleinerung der Grundfläche des Baumgärtleins (südöstlicher Teil des heutigen Pfarrgartens) geht zurück auf eine Landabtretung in den 1940er-Jahren an Albert Erb, den damaligen Eigentümer der Liegenschaft Oberdorfstrasse 1. Davon wird ein späterer Beitrag handeln.

Quellen
  • Weiach: Pfrundgüter Garten und Baumgarten bei Kirche und Pfarrhaus und Hofwies; Grundrisse (Nr. 1); 1821. Signatur: StAZH PLAN R 1189
  • Vertrag zwischen dem Baudepartement des Kantons Zürich und der Gemeinde Weiach betreffend Versetzung des zur Pfrundlokalität gehörenden Waschhauses und Erweiterung des Kirchhofes. 1838. Signatur: StAZH M 30.606
  • Geografisches Informationssystem des Kantons Zürich. Amtliche Vermessung schwarz/weiss. 2020. Link auf obigen Ausschnitt: https://maps.zh.ch/s/ymioe86b

Montag, 1. Juni 2020

Der Ausbau der Sternenkreuzung im 19. Jahrhundert

Wo sich in Weiach die Glattfelder-, die Kaiserstuhler- und die Stadlerstrasse treffen, da ist die Sternenkreuzung. Die heisst so, weil das ehafte Wirtshaus «zum Sternen» seit dem Bau der Kunststrassen in den 1840er-Jahren an diese Kreuzung zu stehen kam.

Als das Gasthaus anfangs der 1830er-Jahre gebaut wurde, da lag es noch an der Landstrasse von Kaiserstuhl nach Zürich. Auf der Höhe der Einmündung der heutigen Chälenstrasse führte diese in einer rechtwinkligen Linkskurve auf die Büelstrasse, die sich nach wenigen Metern nach rechts wendet, an Kirchhof und Pfarrhaus vorbei durchs Oberdorf und entlang der Bergstrasse Richtung Raat schlängelt. Das war damals die Landstrasse nach Zürich. 

«Komplett neu gebaut...» trifft auf «Alte Trasse übernommen...»

Die durch das Siedlungsgebiet schnurgerade verlaufende heutige Stadlerstrasse wurde erst Mitte der 1840er-Jahre realisiert. Sie ist von A bis Z eine neu angelegte Strecke. Anders die Verbindung nach Osten, die fast gleichzeitig ausgebaut wurde.

Die Strasse Richtung Glattfelden hat nämlich mit wenigen kleinen Abweichungen bis zur Grenze bei Rheinsfelden die bereits bestehende Trasse übernommen. Die markanteste Änderung der Glattfelderstrasse ergibt sich bei diesem nach ingenieurtechnischen Kriterien geplanten Projekt an der genannten Sternenkreuzung. 

Links sieht man das Resultat der Strassenbaumassnahmen, wie es sich auf dem 1859 gedruckten Blatt IX Weiach der Topographischen Karte des Kantons Zürich (sogenannte Wildkarte) präsentiert. 

Rechts sieht man den von der Baudirektion 1843 vor dem Bauvorhaben erstellten Plan, mitsamt einer genauen Verzeichnung aller betroffenen Grundeigentümer. Und das waren sehr viele. Allein auf Weiacher Gemeindegebiet und für die Glattfelderstrasse insgesamt 144. Besonders auffällig: das Gebäude des Gasthauses zum Sternen mit seinem Wirtshauszeichen, dem sechsstrahligen Stern.


Vergleicht man die Breite der neuen Strassen mit der der alten Landstrasse, dann springt einem der Unterschied sogleich ins Auge. Die neuen Verkehrsachsen müssen den Zeitgenossen gigantisch vorgekommen sein. 

Auch klar ist nun, wie es zu diesem verbindenden, kurzen Strassenstück zwischen Glattfelder- und Stadlerstrasse gekommen ist, dessen östlicher Teil heute Bachweg genannt wird. Wenn man dazu noch weiss, dass die noch wenige Jahre vor dem 1975/76 erfolgten neuerlichen Ausbau der Sternenkreuzung noch nicht unter den Boden verlegten, sich an dieser Stelle vereinigenden beiden Dorfbäche (Mülibach und Sagibach) ihren Verlauf einst entlang dieser Strasse Richtung Glattfelden genommen haben (vgl. Wild-Karte), dann wird die Namensgebung erst so richtig verständlich.

Quellen
  • Strasse I. Klasse Nr. 17, Winterthur-Weiach. Politische Gemeinden Glattfelden, Weiach: Projektierte Strasse von der Gemeindegrenze zwischen Zweidlen und Rheinsfelden bis Weiach; Situationsplan, 1843. Signatur: StAZH PLAN S 356.
  • Topographische Karte des Kantons Zürich (Wild-Karte). Blatt IX: Weiach, Mai 1859. Leitung: Johannes Wild (1814-1894), Ingenieur sowie Strassen- und Wasserbauinspektor des Kantons Zürich. Zeichnung: Heinrich Enderli (1830-1902). Stich: Johann Jakob Brack (1824-1867), Lithograf. Signatur: StAZH PLAN A 4.9

Sonntag, 31. Mai 2020

Aussenrenovation des Pfarrhauses, 1931/32

Anfangs der 1930er-Jahre war für das damals noch dem Zürcher Staat gehörende Weiacher Pfarrhaus wieder einmal eine Renovation fällig. Über die eingeholte Offerte (eine!!) musste (trotz Einstellung im Budget des laufenden Jahres) der Gesamtregierungsrat befinden:

«Für die im Budget 1931 vorgesehene Außenrenovation des Pfarrhauses in Weiach ist über die Maurerarbeiten nachstehende Offerte eingezogen worden: Gebr. Krämer, Baugeschäft, in Niederglatt, Fr. 3,932.60. Es kann die Offerte genehmigt werden.

Auf Antrag der Baudirektion beschließt der Regierungsrat:

I. Die Maurerarbeiten für die Außenrenovation des Pfarrhauses in Weiach werden laut Offerte vom 15. September 1931 im Betrage von Fr. 3,932.60 an die Firma Gebr. Krämer, Baugeschäft, in Niederglatt, vergeben.

II. Mitteilung an die Baudirektion zum Vollzug

Nach dem Historischen Lohnindex (HLI) des Swiss Historical Monetary Value Converter der Universität Bern (www.swistoval.ch) entspricht der vergebene Auftrag einem heutigen Wert von ca. 60'000 CHF. Und der Schreibende staunt immer noch darüber, dass EINE einzige Offerte ausreichend war.

Quelle
  • Regierungsrat des Kantons Zürich: RRB 1931/2092 vom 1. Oktober 1931. Pfarrhäuser. Signatur: StAZH MM 3.45 RRB 1931/2092.

Freitag, 29. Mai 2020

Sind die Chüechli gfrässe gsi...

Eine der umfangreichsten Serien, die auf WeiachBlog bisher erschienen sind, ist diejenige über die 1921 erschienene Autobiographie When I was a girl in Switzerland von Louise Griesser Patteson (vgl. WeiachBlog Nr. 1487 für eine Einleitung). Heute erscheint der 19. Artikel, der sich mit einem grenzüberschreitenden Thema befasst. Und dies gleich in zweierlei Hinsicht, wie man sehen wird.

«In those days also the Rhine was spanned by an ancient covered bridge which had a rumbling echo.» (S. 11)

Gemeint ist die 1823 von Baumeister Blasius Balteschwiler aus Laufenburg errichtete gedeckte Kaiserstuhler Holzbrücke über den Rhein, die 1876 durch ein Hochwasser zerstört wurde. Eine heute noch existierende gedeckte Rheinquerung Balteschwilers ist die Brücke von Rheinau.

Die im Buch Pattesons abgebildete Stahlbrücke von Kaiserstuhl zum Schloss Rötteln (vgl. unten) zeigt die als Ersatz von 1885 bis 1891 gebaute Stahlbrücke. Diese erwies sich bereits nach wenigen Jahrzehnten als nicht genügend tragfähig für schwere Lastwagen und wurde 1985 durch die heutige Stahlverbundbalkenbrücke ersetzt. 

Grenzüberschreitende Neckereien

Doch zurück zur alten gedeckten Brücke mit ihrem Echo, wozu Patteson anmerkt:

«It used to be great sport for us children to shout from one end of the bridge to the other as loudly as we could, and then listen to our own words. [...] Sometimes we went to the Rhine bridge, and just as sure as the children on the opposite side saw us they would shout over to us, “Oh, you Swiss cheese-bags!” Then we would shout back, “Oh, you Badener wind-bags!”» (S. 11-12)

Gemeint sind natürlich «Badenser Windbeutel», da damals (und bis 1871) der nördliche Brückenkopf Hoheitsgebiet des Grossherzogtums Baden war.

«During a visit to Switzerland I was sorry to miss that old bridge. In its place was a modern one. A statue of the martyred saint, John of Nepomuk, which used to be a wonderment to us children because it was so huge, had been removed from the far end to near the middle, so as to indicate the boundary line between the two countries.» (S. 12)

Da die Nepomukstatue 1752 vom Kaiserstuhler Bildhauer Franz Ludwig Wind geschaffen wurde, ist anzunehmen, dass sie ursprünglich auf dem Schweizer Ufer stand.

Weiacher Reben auch auf Kaiserstuhler Gebiet ennet dem Rhein

Im Kapitel XV von Pattesons Buch zeigt sich, dass es auch handfeste wirtschaftliche Weiacher Interessen an dieser Brücke gab. Es war nämlich so, dass nicht nur Kaiserstuhler Bürger sondern auch Weiacher auf dem ehemals zum Stadtbann gehörenden grossen sogenannten Efaden auf der Nordseite des Rheins Landparzellen besassen (umfassend alle Weinberge zwischen Hohentengen und der Ruine Weisswasserstelz; vgl. Argovia 104 (1992), S. 102-103). Unter anderen auch der Vater von Louise:

«Another of my steady jobs was to carry the noonday meal to our workers in distant parcels of land. Swiss farmers live in villages and have their lands outlying, a parcel here, another there. One of our vineyards was across the Rhine in Baden, about two miles distant. Our maid always went with the “hands” that worked there. As soon as I came from school at noon I had to start off with the dinner in a huge basket, which I wheeled in the baby cab to the Rhine bridge in Kaiserstuhl. There our maid met me, took the basket on her head and carried it to the vineyard. The accompanying picture shows the new Rhine bridge and the ancient castle mentioned in a previous chapter, and a stretch of the vine-clad Rhine bank in the background.» (S. 157-158)

Anzumerken ist, dass natürlich nicht in allen Gegenden der Schweiz eine räumliche Organisation der Landwirtschaft wie die beschriebene vorherrscht(e). Korrekt wäre die Angabe gewesen, dass dies in Teilen des Kantons Zürich der Fall sei, namentlich im Nordwesten, wo sich ihr Heimatdorf Weiach befindet. Zurückzuführen ist dies auf die Dreifelderwirtschaft, die mit Flurzwang durchsetzte, dass möglichst wenig Land durch Erschliessungsinfrastruktur verloren geht und sich die Wohn- und Ökonomie-Gebäude in einem Dorfkern konzentrieren. Nimmt man hingegen das Tössbergland im Zürcher Oberland, das Appenzellerland oder das Emmental in den Blick, dann sind in diesen stark gekammerten Gebieten traditionellerweise Streusiedlungen vorherrschend.


Grossherzogliche Grenzwächter mit Essen bestochen

«On the Badener side were gens d’armes, or tax-collectors, who inspected anything coming across. Mother always put some pie or cake in for them; otherwise they would disturb the dinner.

I had to travel that distance of a mile and back and eat my dinner and get back to school within an hour. Sometimes this continued for weeks at a stretch, because the care of his vineyard was a matter of great pride to Father. Those vineyards stretch in long, narrow panels down the embankment, and no sooner is one kind of pruning finished than it is time to begin again and go through with another kind.» (S. 158-159)

Es scheint fast so, als ob dieser Zweig der Familie Griesser in Weiach selber keinen Weinberg sein Eigen nannte. Oder war es doch die ennetrheinisch bessere Südlage, welche auch Wein höherer Qualität ergab als an den Weiacher Hängen?

Wie dem auch sei, kommen wir zur zweiten Grenzüberschreitung im Zusammenhang mit dem Weinberg auf der Hohentengener Seite:

Zu verlockende Chüechli

«One day Mother did not have the dinner all packed when I got home from school. I saw her put in a big tureen heaping full of fried cakes, and several on top for the gens d’armes. Imagine me, a youngster just from school, having had nothing to eat since an early breakfast, with the odor of those piping hot fried cakes being wafted to me as I pushed that cab ahead. After I had the village of Weiach behind my back I tasted one from under the napkin (I was careful not to take the gens d’armes’). It tasted so good I took another, and another, and so on, I suppose. That evening the maid asked Mother why she had sent so few fried cakes, not even enough to go once around. Of course, suspicion turned to me. To make a long story short, I was severely, and as I afterward concluded, unjustly, punished.» (S. 159)

Nun: Strafe muss sein, denn sie wusste ja, dass sie etwas Verbotenes tut. Das zeigt schon der Umstand, dass der erste Griff unter die Tücher erst nach Passieren des Bedmen erfolgte. Nach diesen Häusern gab es damals nämlich bis nach Kaiserstuhl keinerlei Gebäude mehr (vgl. die Wildkarte aus den 1850er-Jahren).

Aber immerhin: die für die Gendarmen des Grossherzogs reservierten Chüechli hat die kleine Luisa nicht anzurühren gewagt. Respektspersonen halt.

Quelle
  • Patteson, S. L.: When I Was a Girl In Switzerland. Lothrop, Lee & Shepard Co., Boston 1921 [Elektronische Fassung auf archive.org; PDF, 11 MB] – S. 11-12 u. 157-159.

Donnerstag, 28. Mai 2020

Vor 25 Jahren wurde Weiach-Kaiserstuhl aufgegeben

Heute ist ein denkwürdiger Tag. Der Tag einer bitteren Erinnerung an vergangene Zeiten, als die Anbindung an den öffentlichen Bahnverkehr noch auf Gemeindegebiet von Weiach stattfand. Als wir noch einen richtigen Bahnhof hatten.

Es ist derjenige Tag, an dem der Bahnhofvorstand von Weiach-Kaiserstuhl nach 118 Jahren und 300 Tagen Betriebsdauer seinen letzten regulären Personenzug abfertigte.

Ein Kind der Nordostbahn

Der Bahnhof, der in einem Konzessionsgesuch der Stadt Winterthur vom Ende der 1860er-Jahre noch «Kaiserstuhl-Weiach» benannt worden war, wurde mit der Aufnahme des fahrplanmässigen Betriebs auf der Bahnstrecke Winterthur–Bülach–Koblenz der Schweizerischen Nordostbahn am 1. August 1876 eröffnet (vgl. dazu Weiacher Geschichte(n) Nr. 20 und 21, s. Literatur unten).

Das heute noch stehende Stationsgebäude ist ein Standardbau «Stationsgebäude Classe V», wie man ihn an allen Bahnhöfen dieser Strecke findet. An den Bahnhöfen Glattfelden, Zweidlen, Weiach-Kaiserstuhl, Rümikon-Mellikon, etc. wurden kompakte Holzbauten errichtet, mit Stationsbüro, Güterschuppen und im oberen Stock einer Dienstwohnung – alles unter einem Dach. Nur bei grösseren Ortschaften wie Zurzach oder Eglisau, wo ein Knotenpunkt geplant war, wurden Steinbauten mit eisernem Vordach sowie Nebengebäuden aus Holz erstellt.

Die Aargauer sorgten für ihre Studenländer. Die Zürcher für die Weiacher?

Auf den Fahrplanwechsel Ende Mai 1995 entstanden in den Aargauer Gemeinden Kaiserstuhl, Rümikon und Mellikon in Siedlungsnähe neue Haltestellen. Die alte Bahnhofsinfrastruktur gab es da zwar nicht mehr. Dafür viel kürzere Wege für die Einwohner dieser drei kleinen Gemeinden (Kaiserstuhl mit 418 Einwohnern ist immer noch die grösste unter ihnen).

Den Weiachern hingegen, von denen es damals bereits über doppelt so viele gab wie Kaiserstuhler, wurde und wird zugemutet, bis zur nächsten Bahnhaltestelle noch einmal 750 Meter weiter gehen zu müssen. Das ist die Strecke vom Alten Bahnhof der Kantonsstrasse entlang bis zur Haltestelle Kaiserstuhl AG.

Wo sich die Aargauer Gemeinden (und ihre Regierung) für die Einrichtung von neuen, separaten Haltestellen einsetzten, die im Fall von Rümikon AG und Mellikon gerade einmal 1.65 Kilometer auseinander liegen, da hat sich in Weiach gar nichts getan.

Und dies, obwohl doch damals schon klar sein musste, dass dereinst in der Ebene zwischen dem Bedmen und der Lederwaren-Fabrik Fruet am Bahnhof Weiach-Kaiserstuhl in einem Ausmass gebaut werden würde, das die Bevölkerungszahl von Kaiserstuhl locker egalisiert. Den Zustand haben wir heute nämlich.

Warum keine Bahnhaltestelle «Weiach»?

Warum 1995 nur in Weiach in Dorfnähe keine neue Haltestelle entstanden ist, z.B. dort, wo die Bahnlinie den Verlauf des Dorfbaches kreuzt, ist völlig unverständlich. Dieser Punkt liegt immerhin 1.35 Kilometer von der Haltestelle Kaiserstuhl AG entfernt. Das sind nur 300 Meter weniger als die Strecke zwischen Rümikon und Mellikon.

Sollte die Errichtung einer solchen Haltestelle aus fahrplantechnischen Gründen partout nicht möglich sein, und würde man das Bevölkerungsgewicht in die Waagschale werfen (Weiach mit um die 2000 Einwohnern, Kaiserstuhl mit rund 450 und Fisibach mit rund 550 Einwohnern gerechnet), dann müsste die Haltestelle längst wieder im Kanton Zürich und damit auf Weiacher Gemeindegebiet liegen.

Dass ein solches Vorhaben nicht schon längst auf dem Tapet ist, erklärt sich einerseits aus der vorherrschenden Ausrichtung der Pendlerströme auf die Stadt Zürich hin, sowie dem darauf angepassten dichten Busfahrplan und andererseits damit, dass die Gemeindeväter mit den Folgen des Baubooms der letzten Jahre mehr als ausgelastet sind.

Literatur

Mittwoch, 27. Mai 2020

Der Zollinger'sche Heumonat – dem Klimawandel geschuldet?

«Wissen Sie, welcher Monat mit dem Heumonat gemeint ist?» Mit dieser Frage beginnt der meistgeklickte Beitrag auf WeiachBlog: die Nr. 459 mit dem Titel «Alte Monatsnamen».

Nach Johann Heinrich Bluntschlis zweiter Auflage des Zürcher Lexikons «Memorabilia Tigurina» von 1711 wird der Juli im allgemeinen Sprachgebrauch seiner Zeit als «Heumonat» bezeichnet.

Der «Zedler», das zwischen 1731 und 1754 in Halle und Leipzig gedruckte Universallexikon des 18. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum par excellence, sieht dies genauso (Total ca. 63'000 Seiten in 64 Bänden, vgl. Artikel in Band 24 über das Neuamt in WeiachBlog Nr. 9).

Und auch aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert gibt es Belege für die offizielle Bezeichnung des Juli als Heumonat (vgl. WeiachBlog Nr. 819 für eine Urteils-Publikation über einen Weiacher Bürger im Amtsblatt des Kantons Zürich in der zweiten Jahreshälfte 1868).

Das sei so, doziert die Wikipedia, weil «im Juli die erste Heu-Mahd eingebracht wird».

Juni: der «eigentliche Heumonat»

Walter Zollinger, ab 1919 Primarschullehrer in Weiach und dieser Gemeinde bis Mitte der 1960er-Jahre treu, war da etwas anderer Meinung, wie man seinen Jahreschroniken entnehmen kann. Wenn Sie die Wetterartikel der letzten Jahre gelesen haben, dann ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass Zollinger in diesen Typoskripten für die Nachwelt (vgl. WeiachBlog Nr. 761) nicht den Juli, sondern den Juni als Heumonat bezeichnet.

Bereits im zweiten Band über das Jahr 1954 findet man die Formulierung «Der ganze Juni, seines Zeichens doch der "Heumonat"» (G-Ch Weiach 1954, S. 2). Was damit gemeint war erläutert die übernächste Chronik: «Der Juni, als eigentlicher Heumonat für unsere Bauern» (G-Ch Weiach 1956, vgl. WeiachBlog Nr. 220).

Diese Umdeutung nimmt Zollinger in der Folge immer selbstverständlicher vor – allerdings lediglich in seinen Jahreschroniken, die ja überhaupt erst ein Vierteljahrhundert nach Ablieferung in der Zürcher Zentralbibliothek von Dritten gelesen werden konnten.

So in der Jahreschronik 1961: «Juni. Die ersten zwei Wochen des sogenannten Heumonates [...]» (WeiachBlog Nr. 1013) oder noch kürzer: «Juni. "Heumonat"!» (G-Ch Weiach 1962, WeiachBlog Nr. 1107). Im Jahr darauf verwendet der Chronist nicht einmal mehr Anführungszeichen: «Juni: Der Heumonat lässt sich gut an [...]» (WeiachBlog Nr. 1140).

1964 schliesslich wird der Heuet in der Zollinger'schen Jahreschronik bereits im Monat Mai erwähnt.

Auswirkung eines Klimawandels?

Dieselben Beobachtungen macht der Schreibende im 21. Jahrhundert auf seinem eigenen Betrieb. Selbst auf Höhenstufen, die weit über den in Weiach anzutreffenden liegen (900-1000 Meter über Meer) wird das erste Heu regelmässig bereits im Mai eingebracht. Den ersten Schnitt im Juni oder gar Juli erfahren in der Regel nur noch Wiesen, die sogenannte Ökoqualitätsbeiträge im Rahmen der Direktzahlungen von Bund und Kanton auslösen können. Sonst wird wesentlich früher gemäht. Bei Fettwiesen stehen im Verlauf des Jahres noch drei bis fünf weitere Schnitte an.

Da stellt sich dann doch die Frage, ob das nur so ist, weil die heutigen Landwirtschaftsbetriebe für das Raufutter in der Regel über Heubelüftungen verfügen und daher Futter einbringen können, das auf dem Heustock noch nachtrocknen muss. Eine solche Praktik hätte in früheren Zeiten unweigerlich zu Heustocküberhitzung und daraus entstehenden Bränden geführt.

Oder hat es tatsächlich (auch) damit zu tun, dass wir uns immer weiter von der kleinen Eiszeit entfernen? Die hat ja vom Anfang des 15. bis ins 19. Jahrhundert hinein gedauert. Das damals relativ kühle Klima hat sicher auch dazu beigetragen, dass erst der Juli der Heumonat war. Und nicht schon der Juni (wie bei Zollinger die Regel) – oder gar der Mai (wie das heutzutage festgestellt werden kann).

[Veröffentlicht am 28. Mai 2020 um 00:38 MESZ]

Sonntag, 24. Mai 2020

Festfreudige Weiacher Feuerwehrleute an Pfingstmontag

«Im Mai, im Mai, da mache-n-alli, was sie wei!» sang Emil Steinberger in seinem Sketch Buureregle. Denn schliesslich hatte ja der April mit einem gemacht, was ER wollte. Da durfte man sich dann im Wonnemonat des Lebens freuen.

So dachten wohl auch die Weiacher Feuerwehrpflichtigen. Sie feierten ein Fest, wenn es einen Anlass dazu gab. Wie beispielsweise die Feuerspritzenprobe am 16. Mai 1842. Woran sich zumindest ein der Freitagszeitung bekannter Zuträger ziemlich gestört hat:

«Hätte die Gemeinde Weyach zum Proben ihrer Feuerspritze keinen schicklichern Tag wählen können, als den Pfingstmontag, zumal es bei und nach der Probe so laut hergegangen sein soll, daß darüber, wie man hört, Klage erhoben wurde?»  (Züricher Freitagszeitung, Nummer 21, 27. Mai 1842)

Risiken und Nebenwirkungen der Nutzung eines arbeitsfreien Tages für einen ohnehin anstehenden Feuerspritzentest. Ob es sich dabei um eine neue Spritze gehandelt hat, sie repariert worden war oder es einfach um eine Feuerwehrübung ging, das ist WeiachBlog zurzeit nicht bekannt.

Bekannt ist hingegen, dass die Spritze anderthalb Jahrzehnte später ersetzt werden musste, wie man der blauen Chronik von Walter Zollinger entnehmen kann:

«Ins Jahr 1858 fällt sodann die Anschaffung einer neuen Feuerspritze. Ihr «Verfertiger war Kanthonsrath Gross in Otelfingen» und der Preis derselben betrug 3700 Franken, Trinkgeld und Schläuche inbegriffen.» (Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach, 1. Aufl., 1972 – S. 63)

Das war übrigens nicht gerade wenig Geld. Rechnet man dies mit dem Historischen Lohnindex (HLI) von Swistoval (Swiss Historical Monetary Value Converter der Universität Bern) auf Durchschnittslöhne von 2009 um, dann ergibt sich ein Wert von 345'000 Franken.