Mittwoch, 10. März 2010

Rückschein an das Statthalteramt

Am 29. Juni 1939 hat ein (namentlich leider nicht bekannter Einwohner von Weiach) einen eingeschriebenen Brief erhalten und die Annahme desselben per Rückschein bestätigt.

Soweit der Lokalbezug zu diesem so genannten Rückschein, der aktuell auf Ricardo zur Auktion steht:


Wie ist das nun genau mit diesem Rückschein? Schon Meyers Konversationslexikon, Vierte Auflage von 1885-1892 erwähnte ihn in Bd. 14, S. 8:

«Rückschein, eine von dem Empfänger einer Einschreibsendung, einer Paketsendung ohne Wertangabe oder einer Postsendung mit Wertangabe auszustellende Empfangsbescheinigung, die der Absender erhält, wenn er die Bemerkung »Rückschein« (avis de réception) und seinen Namen in der Aufschrift mit angiebt. Sendungen gegen Rückschein müssen vom Absender frankiert sein; für die Beschaffung des Rückschein ist außer dem Porto eine Gebühr von 20 Pf. zu entrichten. Die Weigerung des Empfängers, den Rückschein zu vollziehen, gilt als Annahmeverweigerung der Postsendung. (S. auch Postwertzeichen, S. 323a.)»

Diese Art von Bestätigung gab es nicht nur bei der Deutschen Reichspost. Es gibt sie auch heute noch bei der Schweizerischen Post:

«Rückschein. Ein zusätzlicher Zustellnachweis

Beim Versand von eingeschriebenen Briefen mit Rückschein erhalten Sie eine schriftliche Bestätigung, wann und an wen die Sendung zugestellt wurde.

Bringen Sie den Vermerk «Rückschein» oberhalb der Adresse an und legen Sie einen ausgefüllten Rückschein bei. Rückscheinformulare erhalten Sie in jeder Poststelle. Der Rückschein wird Ihnen nach erfolgter Auslieferung (inkl. Zustellvermerk) per A-Post zugestellt. Die Zusatzleistungen «Eigenhändig» und «Rückschein» können auch kombiniert werden.
»

Dieses Zusatzleistungen zur Dienstleistung «Einschreiben (R)» lässt sich die Post mit Zuschlägen abgelten.

Wer einen bis 500g schweren Brief per Einschreiben (CHF 5.00), mit Rückschein (Zuschlag CHF 3.00) und Eigenhändige Auslieferung verlangt (Zuschlag CHF 6.00) zahlt also zusätzlich zum normalen Porto 14 Franken!

Und trotzdem kann der Empfänger wohl vor Gericht immer noch behaupten, das sich im Briefumschlag befindende Dokument sei gar nicht drin gewesen.

Dienstag, 9. März 2010

Emma Erb-Saller 98-jährig gestorben

Heute nachmittag um 14 Uhr wird auf dem Friedhof Weiach die am 28. Februar verstorbene Emma Erb-Saller beigesetzt.

Emma wurde am 14. Januar 1912 in Volken geboren. Wie ihr Ehemann Albert stammte sie aus einer Bauernfamilie im Zürcher Weinland. Die beiden heirateten 1936 und zogen mitten im Zweiten Weltkrieg nach Weiach, wo Albert seinen Wagner- und Schreiner-Gewerbebetrieb aufbaute.

Am Anfang lief es kriegsbedingt besonders harzig, da die Männer regelmässig in den Militärdienst mussten. Da war es ein Glücksfall, dass Emma ab 1942 noch etwas Landwirtschaft treiben konnte.

Ein arbeitsreiches Leben

Einfach hatte es die Familie aber auch danach nie, wie man schon dem Lebenslauf ihres 2001 verstorbenen Mannes entnehmen kann: «Ferien konnte man sich dazumal sowieso nicht leisten [...]. So arbeitete er 6 Tage in der Werkstatt oder auf dem Felde, galt es doch noch dazu 3 Kühe und Feldarbeit zu besorgen. Am Sonntag wurde dann das Büro gemacht, mit Buchhaltung und Rechnungen schreiben». Ohne eine tatkräftige Ehefrau wäre das alles nicht möglich gewesen. «Mädchen für alles», nannte Emma sich 1986 bescheiden.

Das die Todesanzeige einleitende Gedicht passt deshalb gut zu Emma Erb. Es lautet:

«Wenn meine Kräfte mich verlassen,
die Hände ruhn, die stets geschafft,
trägt still das Leid, ihr meine Lieben,
gönnt mir die ewige Ruh.
»

Langjährige Sigristen

Auch der Ort der Bestattung passt zu Emma und Albert, denn die beiden waren über viele Jahre hinweg als Sigristen der Weiacher Kirche tätig. Zu ihren Aufgaben gehörte auch das Läuten der Glocken - eine Aufgabe die bis 1957 von Hand erledigt werden musste. Als diese Aufgabe einem elektrischen Antrieb übergeben wurde, zeigte sich die Kirchgemeinde knauserig: «So, jetzt gits weniger Lohn», habe der Kirchenpflegepräsident zu Emma und Albert gesagt.

Bleibt zu hoffen, dass man Emma seitens der Kirchenpflege wenigstens heute das ihr gebührende Andenken gewährt.

Quellen

Montag, 8. März 2010

Überraschungsfreier Abschluss der Gemeindewahlen

Nicht einmal drei Stunden brauchte der Tages-Anzeiger gestern von der Bekanntgabe der Resultate des zweiten Wahlgangs der Ausmarchung um das Gemeindepräsidium (um Mittag) bis zur Publikation auf Newsnetz/Tages Anzeiger (14:44 Uhr).

Markus Rohr schrieb einen Kurzbeitrag mit dem Titel «Paul Willi neuer Gemeindepräsident von Weiach»:

«Eigentlich hatte Paul Willi aus beruflichen Gründen aus dem Gemeinderat zurücktreten wollen. Erst kurz vor dem Urnengang vom 31. Januar hatte er es sich anders überlegt, ist dann aber nicht gewählt worden. Daraufhin verzichtete die neu in den Gemeinderat gewählte Elsbeth Zijören zugunsten von Paul Willi und der Kontinuität in der Exekutive auf ihr Amt.

Nunmehr ist Paul Willi im zweiten Wahlgang mit 186 Stimmen in den Gemeinderat und obendrauf mit 172 Stimmen auch ins Präsidium gewählt worden. Die Wahlbeteiligung betrug 37 Prozent.
»

Zijören? Wenn Namen Glückssache sind

Enttäuschend, dass ein Profi-Journalist den Namen der Zurückgetretenen völlig falsch schreibt - korrekt wäre: Ziörjen. So wird man der (beinahe) ersten Frau im Weiacher Gemeinderat nicht gerecht.

Das Resultat an sich entspricht allerdings den Erwartungen, denn neben Paul Willi gab es keinen weiteren offiziellen Kandidaten mehr. Wenn man die Rechtspraxis des kantonalen Gemeindeamts zugrunde legt, dann wäre Willi allerdings gar nicht wählbar gewesen. Denn ein Rücktrittsgrund wie oben erwähnt und von der Zurückgetretenen auch offiziell angegeben, würde einer juristischen Überprüfung kaum standhalten (vgl. den Artikel Erste Gemeinderätin aus Amt gedrängt?)

Unbeschadet dieses Rücktritts, der im Graubereich des Gesetzes über die politischen Rechte liegt, entspricht er aber offensichtlich dem Volkswillen, denn Paul Willi schlägt mit 186 Stimmen sogar das Resultat von Ernst Eberle im ersten Wahlgang (184 Stimmen). Nur bei der Ausmarchung um das Gemeindepräsidium entschieden sich 14 Stimmberechtigte für einen anderen Kandidaten.

Wahltelegram des zweiten Wahlgangs

Heute Montag, 8. März sind die üblichen Kurzberichte im Tages-Anzeiger Unterland zu finden (alle verfasst von Sandra Zrinski):

«Gemeindepräsident. Die Weiacher haben im zweiten Wahlgang den bisherigen Gemeinderat Paul Willi in seinem Amt bestätigt. Zudem wurde er auch zum Präsidenten gewählt. Ursprünglich wollte er keine weitere Amtsperiode mehr anhängen. Die Wahlbeteiligung betrug 37 Prozent.» (TA Unt, 8. März 2010, S. 20)

(vgl. die Kommentare oben)

«Primarschule. Bei einem absoluten Mehr von 99 Stimmen wurden folgende Personen in die Schulpflege gewählt: Ronald Meier (bisher, 201 Stimmen), Marianne Kunz (bisher, 199), Maja Bütler (bisher, 189) und Brigitte Baumgartner-Klose (neu, 175). Als neues Schulpflegemitglied und als Präsident wurde Marco Lobsiger gewählt. Er hat für das Präsidium das absolute Mehr von 98 Stimmen mit 177 Stimmen klar übertroffen. Die Wahlbeteiligung betrug 34 Prozent.» (TA Unt, 8. März 2010, S. 20)

Hier gab es keine Überraschung. Was nicht verwundert, denn die Anzahl Sitze entsprach der Anzahl Kandidaten. Besonders erfreulich ist das klare Resultat von Lobsiger, dem man dank ziviler und militärischer Führungserfahrung den nicht immer einfachen Job offensichtlich zutraut (vgl. dazu WeiachBlog, 3. April 2006: Denkzettel für den Primarschulpräsidenten).

«Oberstufe. Die bisherige Schulpflegerin Daniela Huber (Stadel) übernimmt das Präsidium der Oberstufenschulpflege. Gewählt wurden zudem Elsbeth Meierhofer (Weiach, bisher, 903 Stimmen), Daniel Haab (Neerach, neu, 813), Hans-Jörg Kast (Neerach, neu, 716) und Regula Meierhofer (Bachs, neu, 715). Das absolute Mehr von 442 verfehlt hat Delia Brasi (Neerach, neu, 344). Alle Gewählten sind parteilos. Die Wahlbeteiligung lag bei 27 Prozent.» (TA Unt, 8. März 2010, S. 20)

Aus Weiacher Sicht ist das gute Resultat von Elsbeth Meierhofer-Marthaler besonders erfreulich. Interessant ist die Wirkung, welche zwei farbige Flyer im Format A5 entfaltet haben. Die Wahlempfehlung der FDP Stadel-Neerach-Weiach-Bachs mit dem nun gewählten, querbeet offiziell parteilosen Fünfer-Ticket nach bewährter Zauberformel (1 Stadlerin, 2 Neeracher, 1 Weiacherin, 1 Bachserin) setzte sich klar gegen das Einzelflugblatt von Delia Brasi durch.

WeiachBlog-Artikel zum Thema Gemeindewahlen 2010

Sonntag, 7. März 2010

Abstimmungsverhalten weder ländlich noch städtisch

Die Überraschung über die Weiacher Resultate hielt sich am heutigen Abstimmungswochenende in Grenzen (zu den Vorlagen vgl. das Abstimmungsbüchlein des Bundes).

«Nur» rund 65% Ja-Stimmen (64.97) gab es zum «Bundesbeschluss zu einem Verfassungsartikel über die Forschung am Menschen». Ähnlich skeptisch waren gegenüber dieser Forschungsvorlage nur noch Gemeinden im Weinland und an der Ostgrenze des Kantons zum Thurgauer Tannzapfenland und im Tössbergland, dem Zürcher Oberländer «Bible Belt». Sonst erreichten die Ja-Mehrheiten teilweise über 80% - wie z.B. an der Goldküste.

Wuchtige Nein zu Tieranwalt und Umwandlungssatz

Immerhin 36.23% Ja-Stimmen wurden für die «Tierschutzanwalt-Initiative» abgegeben. Damit fiel die Weiacher Reaktion nicht ganz so ablehnend aus wie sonst in noch ländlich(er)en Gemeinden.

Noch schlechter kam nur noch die Anpassung des Mindestumwandlungssatzes bei der Beruflichen Vorsorge an. Über drei Viertel der Abstimmenden wollten davon nichts wissen. Nur 24.02% legten ein Ja zu dieser Pensionskassen-Vorlage in die Urne.

Damit ist Weiach für einmal in bester Gesellschaft mit vielen anderen Gemeinwesen quer durch die Schweiz. Genau das also, was man von einer periurbanen Wohngemeinde erwartet, die immer mehr von städtischem Gedankengut geprägt ist - ihren Konservativismus aber noch nicht vergessen hat.

[Veröffentlicht am 8. März 2010, 17:00]

Samstag, 6. März 2010

Der letzte stationierte Kantonspolizist

Zwischen 1911 und 1985 war in Weiach ein Polizeisoldat stationiert. 1985 wurde der Posten Weiach geschlossen und nach Stadel verlegt.

Das nachfolgende Interview mit René Rüegg, dem letzten in Weiach stationierten Kantonspolizisten, wurde von Regula Brandenberger im Februar 1984 geführt und in den Mitteilungen für die Gemeinde Weiach vom März 1984 in der Reihe «Unter uns...» abgedruckt.

«René Rüegg
Kantonspolizist, Weiach


R.B. - Herr Rüegg, Sie sind der Amtsnachfolger von Herrn Schuhmacher. Seit wann sind Sie nun in Weiach?

R.R. - Am 1. April 1984 sind es vier Jahre; ich habe also bereits die Hälfte meiner Stationszeit erreicht.

R.B. - Sie sind Kantonspolizist, also vom Kanton angestellt; Staatsbeamter wie Pfarrer und Lehrer. Wie heisst aber Ihre genaue Gradbezeichnung?

R.R. - Ich bin stationierter Kantonspolizist im Rang eines Detektiv-Korporals; ich gehöre also zur Gattung der nichtuniformierten Polizeibeamten.

R.B. - Was gehört geografisch alles zu Ihrem Einzugsgebiet oder Betreuungsbereich?

R.R. - Das Gebiet umfasst die Gemeinden Bachs, Neerach, Stadel und Weiach mit ca. 4000 Einwohnern. Meine Aufgaben sind in erster Linie kriminalpolizeilicher Art, in zweiter Linie gemeindepolizeilicher Art. Der Standort des Postens ist für das Einzugsgebiet an sich etwas unglücklich; regionale Ueberlegungen waren aber bei der Standortwahl ausschlaggebend: Weiach hat, bis weit hinauf in andern Bezirken, den einzigen Posten direkt an der Grenze.

R.B. - Wie steht es mit Ihrem Lohn? Und mit dem Haus, das Sie bewohnen?

R.R. - Den Lohn erhalte ich vom Kanton, dazu von den Gemeinden Entschädigungen für die Nebenaufgaben. - Das Haus mit Dienstwohnung und Posten gehört der Kant. Liegenschaftenverwaltung; wir bezahlen aber Mietzins, so selbstverständlich wie andere auch.

R.B. - Welche Ausbildung, welche Voraussetzungen braucht es, um Polizeibeamter zu werden?

R.R. - Voraussetzungen, um zu einer Aufnahmeprüfung zugelassen zu werden sind:
  • Schweizerbürger, im Alter zwischen 20 und 30 Jahre
  • abgeschlossene Berufslehre
  • bestandene Militärrekrutenschule
  • guter Leumund
  • charakterliche und körperliche Voraussetzungen
Das Polizeikommando behält sich aber nach der Prüfung die endgültige Auswahl vor. - Ich selbst absolvierte die Polizeirekrutenschule nach abgeschlossenem eidg. Diplom als Förster; dann folgten zwei Jahre Bereitschaftsdienst, anschliessend drei weitere Jahre als Sekretär bei einem Untersuchungrichter.

Von dort weg standen zwei Wege offen: als uniformierter Verkehrspolizist, oder als Kriminalbeamter. Ich habe letzteres vorgezogen.

>R.B. - Wie wird denn ein solcher Posten besetzt? Werden Sie einfach abgeordnet, oder haben Sie auch etwas dazu zu sagen?

R.R. - Man kann sich bewerben um freie Stellen, die im internen Mitteilungsblatt ausgeschrieben sind; das Polizeikommando (Personaldienst) prüft die Bewerbungen und entscheidet gemäss Qualifikationen.

R.B. - Wie steht es mit Ihren Dienstzeiten?

R.R. - Ich bin gleichzeitig in zwei Organisationen eingeteilt:
a) Vorrangig: bezirksinterne, feste Dienstliste,
b) nach Bedarf: kantonale, sicherheitspolizeiliche Dienstliste.
Bei kantonalen Problemen (Katastrophen, Demonstrationen, Be- und Ueberwachungsaufgaben) gehen die Aufgebote des Polizeikommandos vor, sofern die Bereitschaft im Bezirk gewährleistet ist.

Zu a) (bezirksinterne Dienstliste) ein Beispiel:
Mo, Di: normaler Bürodienst: 07.30-12.00, 14.00 - 18.00
Mi: Frühdienst 04.00 - 12.00
Do, Fr: normaler Bürodienst: 07.30-12.00, 14.00 - 18.00
Sa/So: Tag u. Nachtdienst 06.00 durchgehend - 06.00
davon nachts mind. 4 h auf Patrouille. Dazwischen kann man ev. schlafen, wenn nichts los ist...
So/Mo: Pikettdienst 06.00 - 06.00
In der anschl. Woche dann zwei Freitage. Pro Monat in der Regel ein Dienstwochenende.

R.B. - Es kommt vor, dass während Ihrer "normalen" Bürozeit ein Anruf umgeleitet wird nach Zürich. Weshalb?

R.R. - Da ich Einzelstationierter bin, muss je nach den eingehenden Meldungen ich natürlich ausrücken. Für dringende Fälle bin ich aber immer über Tel. 117, und von dort via Funk erreichbar.

R.B. - Das wären sozusagen Ihre "normalen" Arbeitsgebiete, Aufgabenkreise. Dazu kommen noch vielfältige Sonderaufgaben, beispielsweise im Zusammenhang mit der Seuchenpolizei: Thema Tollwut.

R.R. - Im Rahmen der grossangelegten Tollwut-Impfaktion (präparierte Hühnerköpfe für die Füchse) benötigte man viele tollwutgeimpfte Personen; von den 16 Polizisten im Bezirk war ich der einzige, der geimpft war und somit eingezogen wurde.

R.B. - Wie steht es mit Beförderungen? Mit Weiterbildungsmöglichkeiten?

R.R. - Beförderungen: Sie erfolgen nach einem genauen Schema. Ausschlaggebend ist das Dienstalter, wobei man innert einer Anzahl Jahren befördert werden kann. Bei guter Qualifikation wird man in den ersten Jahren befördert, bei schlechten Leistungen erst gegen Ende der Laufzeit.

Aufstiegsmöglichkeiten bestehen, wenn man sich (zur nötigen Diensterfahrung) noch in internen und öffentlichen Kursen das zusätzliche Wissen aneignet. Für Einzelstationierte auf Aussenposten ist dies aber sozusagen unmöglich, da die Dienstzeiten unweigerlich kollidieren müssen mit landläufigen Kurszeiten.

R.B. - In Gesprächen geschieht es ab und zu, dass Grenzwache, Zoll, Militär und Polizei in einem Atemzug genannt werden. Besteht hier ein Zusammenhang?

R.R. - Nein, ein direkter Zusammenhang besteht nicht. Alle Zoll- und Grenzbeamten sind Angestellte des Bundes; sie werden auch vom Bund ausgebildet. Gegenseitig wird nur Amts- und Rechtshilfe geleistet. Zudem: 10% der Mannschaft im Auszug muss für die HePo
[Heerespolizei] zur Verfügung stehen.

R.B. - Wie steht es mit Ihrer Freizeit, mit den Ferien?

R.R. - Da der Wohnort zugleich der Arbeitsort ist, bin ich eigentlich immer erreichbar; auch meine Frau muss oft zur Verfügung stehen als Bindeglied zwischen der Bevölkerung, dem einzelnen Bürger und mir: Auf Aussenposten bleibt also für die Freizeit viel weniger Spielraum als in der Stadt. Wir haben unsere 4 Wochen Ferien, dazu einige Ruhetage als Kompensation für Ueberzeit. Umd die freien Tage richtig geniessen zu können, fahren wir deshalb vielfach weg.

R.B. - Dass die Grenzen in Bezug auf abendliche Freizeitgestaltung relativ eng gesetzt sind, ist aus den bisherigen Antworten klar ersichtlich. Wie steht es denn mit der Uebernahme von zusätzlichen Aemtern, von Behördentätigkeit?

R.R. - Sofern es den Dienstbetrieb nicht berührt, wird es begrüsst und gestattet, ist aber von einer Bewilligung abhängig. Auch wenn die Ehefrau sich einem Nebenverdienst widmen will, braucht sie dazu eine Bewilligung vom Polizeikommando.

R.B. - Von Amtes wegen sind Sie gezwungen, sich ständig mit Negativem zu befassen. Ist das nicht sehr belastend?

R.R. - Sicher! Aber das gehört eben zum Beruf, zu unseren Pflichten. Das macht aber auch die Arbeit spannend und interessant, diese ständige Ungewissheit dessen, was auf uns zukommt.

R.B. - Es scheint, dass bei Ihrem Beruf die negativen Seiten überwiegen und ein nicht sonderlich attraktives Bild hinterlassen:
- strenge, straffe, militärische Organisation
- wenig, und "schwierige" Freizeit
- ständige Beschäftigung mit Negativem
- Stationswechselzwang: Problem des Verwurzelns
Was zählt denn noch zu den positiven Seiten?

R.R. - Erstens, wie schon erwähnt: keine Gefahr der Routine, das ständige Leben in Ungewissheit. Dazu (allerdings selbstverständlich im Rahmen der Gesetze und Dienstvorschriften) die relativ selbständige Arbeit, der persönliche Ermessensspielraum. Zweitens ergeben sich oft aus primär negativen Vorfällen später positive Beziehungen.

R.B. - Nun noch eine Frage an Ihre Frau! Was empfinden Sie, Frau Rüegg, als besonders belastend am Beruf Ihres Mannes?

A.R. - Sicher einmal die lange Dienstzeit; anstatt 44 Std / Woche können daraus ohne weiteres 60-70 Std werden! Unter Umständen kann zur Belastung werden, dass der Posten in der eigenen Wohnung ist. Ferner sind Stress-Situationen wie die Zürcher Demonstrationen auch für die Familie ein Stress (-- 8 Wochenenden hintereinander!) Die grösste Belastung, aber auch die wichtigste Aufgabe für die Polizisten-Ehefrau ist der gelobte Amtseid, die Schweigepflicht des Gatten: er darf nichts sagen, muss sozusagen alles selber verarbeiten und sie soll ihm dabei helfen, ihn unterstützen.

R.B. - Herr Rüegg, welches Ziel sehen Sie für sich in der nächsten Zukunft?

R.R. - Meinen Beruf nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen, weiterhin einen guten Kontakt zu pflegen mit der Bevölkerung und in der Dorfgemeinschaft mitzumachen, soweit es der Dienst erlaubt.

Anschliessend noch einige Auszüge aus der Statistik 1981:
Verhaftungen 25
Anzeigen gegen Leib u. Leben 2
Anzeigen gegen das Vermögen 86
Meldungen für Verwaltungen 188
Verzeigungen 134
Leumunds-/Führungsberichte 60
Verwaltungs/Gerichtspol. Aufträge 285
Nachtdienste 43
Verkehrsunfälle 43

Weiach, 21. Februar 1984
R. Brandenberger
»

Quelle

  • Brandenberger, R.: Unter uns... René Rüegg, Kantonspolizist, Weiach. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, März 1984 – S. 28-31.

Freitag, 5. März 2010

Unter uns... Dörfliche Amtsträger im Interview

Heute vor 70 Jahren wurde die ehemalige Weiacherin Regula Brandenberger in Zürich geboren. Leider lebt sie mittlerweile mit hochgradiger Demenz im Pflegeheim im Rotacher, Dietlikon.

In der Stadt Zürich aufgewachsen, kam sie nach Lehrerstellen in Henggart, auf der Stralegg (Gemeinde Fischenthal) und weiteren Orten über Embrach und Kloten nach Eglisau. 1975 zog sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern nach Weiach.

Aktive Beteiligung

Dort beteiligte sie sich aktiv am Leben im Dorf. Sie war unter anderem langjähriges Mitglied der evangelisch-reformierten Kirchenpflege, des Frauenvereins und der Ortsmuseumskommission. Später wurde sie Mitglied der reformierten Kirchensynode, dem Kantonsparlament der Zürcher Kirche.

1983/84 betätigte sie sich auch einmal journalistisch und zwar für die 1982 gegründeten «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» in der sie fünf Interviews mit dem Serientitel «Unter uns...» veröffentlichte. Befragt wurden Personen des öffentlichen Interesses mit Lokalbezug. So der damalige Gemeindepräsident, dessen Vorgänger im Amt, der Pfarrer, die Hauspflegerin und der in Weiach stationierte Kantonspolizist.

[Korrektur vom 2.9.2023: Für das Thema Hauspflege wurden die Vermittlerin sowie ein Vorstandsmitglied (ehemalige Hauspflegerin) interviewt] 

In den nächsten Tagen wird das eine oder andere Interview im Volltext auf WeiachBlog online gestellt. Denn sie erinnern nicht nur an Regula, sondern geben auch Einblick in die Zeit vor etwas mehr als 25 Jahren.

Literatur
  • Brandenberger, R.: Unter uns... Mauro Lenisa, Gemeindepräsident. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Juni 1983 – S. 29-32 (vgl. WeiachBlog Nr. 1366).
  • Brandenberger, R.: Unter uns... Ernst Baumgartner-Brennwald, alt Gemeindepräsident. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, August 1983 – S. 9-12 (vgl. WeiachBlog Nr. 1479).
  • Brandenberger, R.: Unter uns... Pfarrer Thomas Koelliker. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, September 1983 – S. 16-19 (vgl. WeiachBlog Nr. 1513).
  • Brandenberger, R.: Unter uns... Hauspflege. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, November 1983 – S. 19-20 (vgl. WeiachBlog Nr. 1983). [Dieser Verweis wurde eingefügt am 9. Dezember 2024].
  • Brandenberger, R.: Unter uns... René Rüegg, Kantonspolizist, Weiach. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, März 1984 – S. 28-31 (vgl. WeiachBlog Nr. 785).
  • Brandenberger, R.: Unter uns... Seltenes Dienstjubiläum. Seit 40 Jahren amtet Herr Walter Harlacher (geb. 1927) als Organist in der Kirche Weiach. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Oktober 1986, S. 30-34 (vgl. WeiachBlog Nr. 1385). [Diese Literaturstelle wurde eingefügt am 1. Januar 2019].

Donnerstag, 4. März 2010

Wieviel Öl wächst im Gemeindewald pro Jahr?

Bekanntlich ist Weiach kein Öl-Scheichtum - und Gas hat man vor ein paar Jahren leider auch nicht in ausbeutungswürdiger Form gefunden (vgl. WeiachBlog, 26. Dezember 2005).

Trotzdem haben wir unsere Ölquelle sozusagen vor der Haustüre. Denn fast die Hälfte der Fläche unserer Gemeinde (49.1%) ist mit Wald bestockt. Also rund 4.7 Quadratkilometer oder umgerechnet 473 Hektaren.

Die Gemeinde als grösster Waldbesitzer

Die grössten Einzelparzellen gehören der politischen Gemeinde Weiach. Wenn man sie auf dem über Internet verfügbaren GIS des Kantons (gis.zh.ch) vermisst, dann kommt man auf folgende Flächen:

Hardwald nördlich der Bahnlinie: 33.8 ha
Hardwald südlich der Bahnlinie: 9.5 ha
Sanzenbergwald: 82.5 ha

Der Wald an der Fürstenhalde (früher im Besitz des Fürstbischofs von Konstanz) ist da noch gar nicht eingerechnet.

Jahreszuwachs in Festmetern

Wir nehmen für die obgenannten drei Parzellen nun einen durchschnittlichen Jahreszuwachs pro Hektare von rund 10 Kubikmetern Holz an (variierte von 1995 bis 2006 in der Schweiz zwischen 4.9 m3/ha auf der Alpensüdseite und 12.6 m3/ha im Mittelland; vgl. Seite Holzzuwachs des Bundesamts für Umwelt BAFU).

Weiter gehen wir davon aus, dass 1 Festmeter (ein Kubikmeter grosser Holzwürfel) etwa 1.4 Raummeter ergibt (auch als Ster bezeichnet), denn Holz für's Cheminée wird in Spälten zu Holzbeigen aufgeschichtet und in dieser Form verkauft oder versteigert.

Der Jahreszuwachs beträgt somit rund 14 Ster pro Hektare Wald. Würde man dies nun alles zu Brennholz verarbeiten, so ergäben sich ungefähr 1750 Ster Holz. Umgesetzt in eine zwei Meter hohe Holzbeige mit 1 Meter langen Spälten wäre diese 875 m lang.

Brennwert vs. Heizwert

Ein Ster Holz hat einen Heizwert, der rund 10% unter dem Brennwert liegt und je nach Holzart zwischen 100 und 200 Litern Heizöl entspricht. Nehmen wir auch da ein Mittel von 150 Litern pro Ster an (Tanne 125, Fichte 130, Buche 180; vgl. diese Seite über Holz-Brennwerte). Dieser Mittelwert wird bei der durchschnittlichen Zusammensetzung des Zürcher Waldes (41% Rottanne, 21% Buche, 12% Weisstanne, 7% Föhre, 6% Esche) ziemlich genau erreicht (vgl. Faltblatt "Unser Wald").

Umrechnung von Raummeter Holz in Heizöl-Äquivalente

Eine Verrechnung der jährlich nachwachsenden Ster mit diesem durchschnittlichen Heizwert ergibt rund 265'000 Liter Heizöl, allein von den 3 grossen Gemeindeparzellen. Umgerechnet auf die gesamte Waldfläche (ungeachtet der Eigentumsverhältnisse) ergäbe das rund 1 Million Liter Heizöl!

Angenommen ein Einwohner der Gemeinde verbrauche jährlich rund 500 Liter Heizöl zum Heizen (man geht etwa von 1500-2000 Litern für einen Vierpersonenhaushalt in einem durchschnittlich isolierten Einfamilienhaus aus), so würde die Hälfte unseres Jahreszuwachses für's Heizen eingesetzt werden müssen. Bauholz gäbe es also auch noch genügend.

Frühere Artikel

Mittwoch, 3. März 2010

Neeracher gefährden Zauberformel der Oberstufe

«Zauberformel der Schulpflege könnte geknackt werden». Diese Überschrift eines Tages-Anzeiger-Artikels von Sandra Zrinski müsste jeden Weiacher aufschrecken. Denn was am nächsten Wochenende droht ist, dass wir in der Schulpflege nicht mehr vertreten sind.

Wie kommt das? Der Grund ist einfach: «Gleich drei Neeracher wollen in die Sek-Schulpflege». Gemäss den ungeschriebenen Regeln der Oberstufenschulgemeinde stellt jede Gemeinde je ein Mitglied - ausser Neerach, dem aufgrund der Bevölkerungszahl zwei Sitze «gehören». Dass nun drei statt zwei Neeracher zur Wahl antreten stört dieses Gleichgewicht.

Bachserin mit Weiacher Hintergrund

Zrinski weiter: «Von den Bisherigen treten lediglich Elsbeth Meierhofer aus Weiach und Daniela Huber aus Stadel nochmals an. Huber kandidiert auch für das Präsidium. Neu ins Rennen steigt die Bachserin Regula Meierhofer, welche früher 13 Jahre in Weiach wohnte, aber nicht etwa mit Elsbeth Meierhofer verwandt ist. Regula Meierhofer ist Mutter von zwei Kindern und in einem Teilzeitpensum als Assistentin einer Geschäftsleitung tätig. Sie hat an einem früheren Wohnort im Aargau auf Freiwilligenbasis in einer Jugendherberge mitgearbeitet. «Bereits dort habe ich gemerkt, dass ich einen guten Draht zu Jugendlichen habe. Zudem war dieses Engagement sehr interessant», sagt Meierhofer. Sie betrachtet Bildung als eine wichtige Ressource. «Damit diese gefördert werden kann, muss vieles zusammenstimmen. Dafür möchte ich als Schulpflegerin sorgen.»».

Wählt keine Neeracher!

Aus Weiacher Sicht ist deshalb klar, dass wir unsere Kandidatin, Elsbeth Meierhofer (bisher), sowie diejenigen von Stadel und Bachs mit möglichst vielen Stimmen unterstützen müssen. Sie laufen sonst Gefahr, von einem der neu antretenden Neeracher Kandidaten aus dem Amt gedrängt zu werden. Und weil wir nicht wissen, wer in Neerach wie viele Stimmen erhält, sollte man in Bachs, Stadel, Schüpfheim, Raat, Windlach und Weiach überhaupt keine Neeracher Namen auf den Wahlzettel schreiben.

Natürlich kann man argumentieren, es sei ja wohl egal, ob nun 2, 3 oder gar 5 Neeracher die Mitglieder der fünfköpfigen Oberstufenschulpflege stellen. Rein fachlich kann das ja zutreffen. Die Verankerung in den Gemeinden ist aber mindestens so wichtig.

Für Weiach, Bachs oder Stadel wäre es ein weiterer Verlust an Bürgernähe, wenn wir kein in der Gemeinde wohnendes Mitglied der Oberstufenschulpflege mehr hätten.

Mindestens ein Behördenmitglied sollte in der Gemeinde wohnen

Für die Zukunft ist deshalb anzustreben, dass pro Gemeinde ein Wahlkreis eingeführt wird. Weiter soll diesen Wahlkreisen eine fixe Anzahl Sitze nach der bisher ungeschriebenen Zauberformel zugeteilt werden. Alles andere gefährdet das Gleichgewicht.

Quelle

Dienstag, 2. März 2010

Bäckerei und Handlung Stüssi

«Wer weiss mehr?», habe ich am 22. Februar in einem Artikel zu dieser Postkarte gefragt:


Unklar war vor allem, was es mit dem auf der Karte oben rechts abgebildeten Gebäude auf sich hat. «engel613», ein(e) Ricardo-Verkäufer(in) von Rorschacherberg im Kanton St. Gallen, hat mir gestern mit einem Kaufangebot den entscheidenden Tipp geliefert.

Im Verlage der Bäckerei

Und zwar für diese ungelaufene Postkarte, ebenfalls mit einem «Gruss aus Weiach» (zum Vergrössern anklicken):


Darauf sind die abgebildeten Häuser genau bezeichnet: oben die «Bäckerei und Handlung Stüssi» und unten die «Wirtschaft z. Post». Womit wir der Lösung einen gewaltigen Sprung näher kommen.

Die beiden Bilder zeigen dasselbe Gebäude, einmal im Winter (obere Postkarte, mit davor stehender Personengruppe), einmal im Sommer (untere Postkarte, mit Personen auf dem Bänkli). Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass beide Karten aus dem «Verlag von Stüssi Handlung» stammen, wie dies auf der unteren Karte vermerkt ist. Letztere ist ja schon eine Art versteckte Werbepostkarte.

Das war vielleicht auch nötig, denn damals gab es noch lokale Konkurrenz. In der Monographie «Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» wird erwähnt, dass «in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg gar drei Bäckereien vorhanden waren (Funk, Griesser, Stüssi)» (4. Auflage Online-Ausgabe Dezember 2009, S. 61).

Das Haus gibt es heute nicht mehr

Die Bäckerei Griesser war im Büel an der Luppenstrasse zu finden, die Bäckerei Funk in der alten Mühle im Oberdorf. Fragt sich nur noch, wo sich damals die Bäckerei Stüssi befand.

WeiachBlog hat bei Hanni Rutschmann (Alte Post-Strasse) und Paul Willi senior (Büechlihaustrasse) nachgefragt und Folgendes erfahren:

Das abgebildete Gebäude, in dem die Bäckerei und Handlung Stüssi einst tätig war, beherbergte später den Laden von Frau Glutz, der von der heuer 99-jährigen Mina Moser immer wieder erwähnt wird. Das Haus gibt es allerdings heute nicht mehr.

Es wurde in den 70er-Jahren abgerissen. An seiner Stelle steht gemäss Gebäudenummernkonkordanz seit 1979 das Mehrfamilienhaus Bergstrasse 8 von Erna und Robert Siegenthaler-Balsiger.

Quellen
  • Tessiner Gebirgsinfanterie in Weiach. In: WeiachBlog, 22. Februar 2010 (Nr. 774)
  • Gebäudenummernkonkordanz der Gemeinde Weiach: 1812–1895–1955–1992. Elektronisches Spreadsheet, Version 1.0. Weiach, September 2002.

Montag, 1. März 2010

Als Kleriker noch Leibeigene tauschten

Heute am 1. März vor genau 600 Jahren wurde auf Pergament eine Transaktion zwischen zwei regionalen Kirchenfürsten besiegelt, die heute mehr oder weniger unter das Kapitel Sklaverei fallen würde.

Der auf die entsprechende Urkunde bezugnehmende Eintrag Nr. 5597 im Band 4 der Urkundenregesten des Staatsarchivs des Kantons Zürich lautet wie folgt:

«5597 St. Blasien 1. März 1410

Johans, Abt von St. Blesÿ, verurkundet, dass er mit dem Bischof Albrecht von Costentz seine Leibeigene Mechthild von Wyach, Frau des Heintz Meigers, mit ihren Kindern gegen Gret …erin (Name unlesbar), Frau des Clewi Kesslers von Rekon
[Rekingen AG], mit ihren Kindern tauscht.

Der Abt siegelt.

StAZ C V 6 Schachtel 2.32. Original, Pergament. Vom Siegel nur noch Schlitz vorhanden.
» [Nachtrag vom 20.7.2016. Neue Signatur des Originals: StAZH C V 6.2, Nr. 32]

Wohnhaft in der Chälen?

Mechthild und ihre Kinder wechselten also ihren Status von der Leibeigenen des Klosters St. Blasien zu einer des Fürstbischofs von Konstanz. Ob die Betroffenen einen Unterschied feststellten ist nicht bekannt. Und auch der genaue Grund für diese Transaktion ist noch nicht geklärt.

Möglich wäre es, dass das bebaute Grundstück und/oder der Ehemann von Mechthild bereits dem Bischof gehörten. Jedenfalls macht es Sinn anzunehmen, dass Bischof Albrecht und der Abt Johann von St. Blasien mit diesem Tausch eine Interessenentflechtung anstrebten.

Gesichert ist es jedenfalls, dass ein Heintz Meiger in Kellen (Heinz Meier in der Chälen) am 1. April 1437 als Zeuge an einer Gerichtsverhandlung anwesend war. (StAZH C V 7 Schachtel 2 Nr. 51.)

Und der Wohnort Chälen (vgl. den Begriff «Kelnhof») deutet darauf hin, dass Meier tatsächlich ein Eigenmann eines geistlichen Stifts gewesen sein könnte.

Leibeigene haben mehr Rechte als Sklaven

Der Begriff «Leibeigener» wurde übrigens im deutschen Sprachraum erst später (um 1500) gebräuchlich. Vor 600 Jahren wurden persönlich Abhängige in der Deutschschweiz noch häufiger als «Eigenleute» bezeichnet. Dabei handelt es sich um mehr oder weniger fix zu einem Hof gehörige Arbeitskräfte, die man aber im Gegensatz zu heute auch separat (und nicht nur als Teil einer Firma) verkaufen konnte.

Eigenleute stellten für ihre Herren also einen Vermögenswert dar, welcher auf ihrer Arbeitskraft (zu leistende Frondienste) und ihrem Steuerertrag (zu entrichtende Steuer) beruhte und nicht primär auf ihrer Person selbst. Bei einem Hofverkauf wechselten die ihn bewirtschaftenden Eigenleute zum neuen Eigentümer.

Eigenleute waren also keine Sache (wie Sklaven). Sie waren wirtschaftlich von ihrem Herrn abhängig, hatten jedoch eine eigene Rechtspersönlichkeit - wenn auch mit eingeschränkten Rechten was die Erbfähigkeit, das Recht zu heiraten und die Personenfreizügigkeit betrifft. Schon im 14. Jahrhundert durften sie sich selber vor Gericht vertreten, waren also gerichtsfähig.

Im Gegensatz zur Sklaverei waren die vom Leibeigenen zu leistenden Dienste begrenzt. Leibeigene durften auch Privateigentum besitzen - dies ebenfalls im Gegensatz zu Sklaven.

Quellen