Dienstag, 12. Juli 2011

Trotz Spionage kein Direktangriff: Haniel hält sich still

Um das Weiacher Kiesvorkommen wurde vor rund 50 Jahren offenbar mit Haken und Ösen gekämpft. Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man den nächsten Abschnitt «Politische Gesichtspunkte» im gestern schon zitierten Dokument aus dem Frühjahr 1961 an den Verwaltungsrat der Franz Haniel AG Basel liest:

«Wie Ihnen bekannt sein wird, ist über die Frage der Beteiligung des Kantons Zürich an der Weiacher Kies AG. eine heftige Zeitungspolemik entstanden, deren Urheber ganz offensichtlich Holderbank ist. Diese Urheberschaft darf deshalb mit grösster Sicherheit angenommen werden, weil verschiedene Sätze in den Zeitungsartikeln mit solchen identisch sind, die im Brief an Herrn Dr. Reusch vom Dezember v.J. enthalten waren. Wir wissen auch aus vertraulichen Informationen des Kantons, dass von dieser Seite gegen uns opponiert wird. Als Holderbanks Verbündeter hat auch der Schweiz. Kiesverband eine mehr als zweifelhafte Tätigkeit gegen uns entfaltet. Es ist zweifellos richtig, dass sich Haniel in dieser Sache ruhig verhält, umsomehr als unsere Firma an sich bis heute noch keinen ehrenrührigen Angriffen ausgesetzt war. Auch die Herren des Kantons Zürich haben sich dieser Meinung angeschlossen und uns geraten, möglichst nichts zu unternehmen. Es war anzunehmen, dass im Kantonsparlament gegen die Beteiligung des Kantons an der Weiacher Kies AG. eine Opposition entstehen werde. Wir glauben aber zuversichtlich, dass der Kanton sein Vorhaben mit so vielen stichhaltigen Argumenten begründen kann, dass die Vorlage angenommen werden muss. Wir haben diesbezüglich auch verschiedene Parlamentarier aller Richtungen nach ihrer Meinung befragt und durchwegs die Antwort erhalten, dass sie die Vorlage unterstützen werden. Im übrigen ist es bezeichnend für die Hilflosigkeit der Opposition, dass sie im Kampf gegen unser projektiertes Werk zum Mittel des Diebstahls greifen muss (Diebstahl der Kiesmuster aus unserer Versuchsbohrung).

Sollte die Beteiligung des Kantons trotz allem doch abgelehnt werden, wird der Kanton Zürich seinen Kiesbedarf für den Nationalstrassenbau sofort öffentlich ausschreiben. Selbstverständlich würden wir uns dann im Rahmen dieser Ausschreibung um die Aufträge bewerben. Mit den dann eingehenden Aufträgen des Kantons würden wir unsere weitere Planung in Uebereinstimmung bringen.
» (Haniel Archiv, Duisburg, ZABW:201, S. 113)

Dazu zwei Bemerkungen:

1. Bei dem oben erwähnten «Dr. Reusch» handelt es sich um Hermann Reusch, den Vorstandsvorsitzenden der Gutehoffnungshütte (GHH) von 1947-1966. Dieses Unternehmen war ab 1808 so eng mit dem wirtschaftlichen Erfolg und der Geschichte der Familie Haniel verknüpft, dass das Kürzel GHH im Volksmund scherzhaft mit «Gehört Hauptsächlich Haniel» übersetzt wurde.

2. Der Vorwurf der Franz Haniel AG, ihre Gegenspieler (das Schweizer Kiesgewerbe unter Führung von Holderbank) hätten einen Diebstahl in Auftrag gegeben, um an Informationen zur Weiacher Kiesqualität zu gelangen, wiegt schwer. Nicht überprüft wurde durch WeiachBlog bislang, ob der in diesem internen Dokument angedeutete Fall von Industriespionage zur Anzeige gebracht wurde und welche Weiterungen die Angelegenheit hatte.

Quelle
  • Auszug aus: Haniel Archiv, Duisburg, Signatur: ZABW:201, S. 113.
Für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf WeiachBlog sei Herrn Dr. Ulrich Kirchner, Leiter des Haniel-Archivs, an dieser Stelle herzlich gedankt.

Jubiläum 50 Jahre Weiacher Kies AG

Montag, 11. Juli 2011

Beträchtliche Reserven für Konkurrenzkampf

Die Franz Haniel & Cie. GmbH aus Duisburg war seit der Gründung der Weiacher Kies AG im Jahre 1961 bis 2004 der wichtigste wirtschaftliche Partner der Gemeinde Weiach. Dies lässt sich bei der enormen Bedeutung der Kiesabbauentschädigungen für die Finanzlage der Gemeinde kaum bestreiten.

Wenn man das Machtgefälle berücksichtigt, wäre die Frage, ob und inwieweit das deutsche Grossunternehmen seine Stellung ausnutzte oder nicht, einer genaueren Prüfung durchaus würdig. Hier soll es aber vor allem um die mit der Gründung verbundenen Aspekte gehen.

Formal verantwortlich für die Führung der Weiacher Kies AG war zwar die (Jahrzehnte zuvor bereits gegründete; vgl. Quellen und Literatur) schweizerische Niederlassung und 100%ige Tochter des Konzerns, die Franz Haniel AG Basel. Doch es ist klar, dass die strategischen Entscheide im Ruhrgebiet gefällt wurden.

Weiacher Vorhaben konservativ kalkuliert

Die bewegte Geschichte des Konzerns zeigt vor allem eines: dass stetiger Wandel die einzige Konstante ist. Diese geistige Beweglichkeit ist wohl der Hauptgrund, dass das Unternehmen über 250 Jahre überlebt hat. Es existiert heute nur noch, weil sich seine Form und die Tätigkeitsfelder mehrfach radikal verändert haben. Und weil genaue Marktbeobachtung sowie das Eingehen sorgfältig kalkulierter Risiken durch die von Franz Haniels Erben eingesetzten Statthalter zu guten Ergebnissen führten.

Der folgende Ausschnitt aus einem Dokument der Franz Haniel AG Basel (wohl an den Verwaltungsrat gerichtet) zeigt, dass vor 50 Jahren im Hinblick auf den erwarteten Preiskampf besonders konservativ kalkuliert wurde:

«Im Moment ist es leider gänzlich ausgeschlossen, eine genaue Kalkulation [für das geplante Weiacher Kieswerk] zu erstellen. In den oben aufgeführten Zahlen sind jedoch so viele Sicherheiten enthalten, dass sie nur als Richtwerte dienen können. Wir haben dadurch aber auch die Sicherheit, dass uns im Falle eines Konkurrenzkampfes beträchtliche Reserven zur Verfügung stehen. Ausserdem haben verschiedene Kieswerke ab 1. Juli 1961 ihre Preise für Wandmaterial ab Werk um Fr. 2.-- erhöht, was für unsere Rechnung eine zusätzliche Reserve bedeutet.» (Haniel Archiv, Duisburg, ZABW:201, S. 113)

Quellen und Literatur
  • Auszug aus: Haniel Archiv, Duisburg, Signatur: ZABW:201, S. 113.
  • «1924 Gründung der Franz Haniel AG in Basel um Zugriff auf die Kohlemärkte in der Schweiz zu bekommen.» (Quelle: Timeline zur Geschichte der Franz Haniel & Cie GmbH von www.MarCollect.de aus dem Jahre 2008)
  • Bestätigt wird dies durch eine Diplomarbeit der Universität Köln (Kim Holger Opel: Die Goldmarkeröffnungsbilanz 1924 der Franz Haniel & Cie. GmbH im Lichte zeitgenössischer Bilanztheorien. Diplomarbeit im Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Vorgelegt in der Diplomprüfung im Studiengang Betriebswirtschaftslehre der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität zu Köln, Köln 2005) entnehmen kann, muss die Franz Haniel AG in Basel bereits Mitte der 1920er-Jahre gegründet worden sein. Vergleiche S. 69, wo über die Zeit von 1925 bis 1929 gesagt wird: «Zum anderen war es die Politik des Generaldirektors Welker, das Vertriebsnetz des Unternehmens durch Gründungen und Zukäufe von Gesellschaften im In- und Ausland (z.B. die A.M Schmidt AG in Riga, die Franz Haniel AG in Basel oder die Aktieselkabet Kjobenhavns Brændsls Kompagni in Kopenhagen) auszubauen.»
Für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf WeiachBlog sei Herrn Dr. Ulrich Kirchner, Leiter des Haniel-Archivs, an dieser Stelle herzlich gedankt.

Sonntag, 10. Juli 2011

Kapitaler deutscher Hecht mischt Schweizer Teich auf

Die Basellandschäftler Firma Gebrüder Aymonod war im Schweizer Baustoffgeschäft ein kleiner Fisch. Deshalb interessierte sich auch kaum jemand für deren Aktivitäten auf Weiacher Boden.

Ab November 1960 änderte sich das schlagartig. Wie man der «Erwiderung» von Gemeindepräsident Meierhofer entnehmen kann, wollten die Aymonods ihr Abbaurecht abtreten. Der kapitalkräftige neue Interessent liess Probebohrungen vornehmen und deren Resultate waren offenbar so überzeugend, dass er gleich eine Vervierfachung des Abbauperimeters von 4 auf 16 Hektaren wünschte.

Haniel: Gigant aus dem Ruhrgebiet

Der plötzlich im wohlgeordneten Schweizer Karpfenteich auftauchende kapitale Hecht wurde als Bedrohung empfunden. Denn die Interessentin, die Franz Haniel AG Basel, war die schweizerische Niederlassung und 100%ige Tochterfirma der Franz Haniel & Cie GmbH, eines mächtigen Familienunternehmens aus Duisburg. Der 1756 als Handelshaus gegründete, bald im Bergbau und der Verhüttung tätige und bis heute im Wesentlichen von der Gründerfamilie Haniel kontrollierte Mischkonzern war schon vor 50 Jahren ein Schwergewicht.

Haniel hat aktuell rund 50'000 Mitarbeiter und figuriert auch heute noch unter den 250 grössten Unternehmen der Welt. Bezüglich Umsatz liegt die Franz Haniel & Cie GmbH auf Platz 188 der Fortune Global 500 von 2009 (zum Vergleich: Canon ist auf Platz 190, Novartis auf 183), unter den deutschen Unternehmen auf Platz 19. Noch auf der Fortune 500-Liste von 2002 war Haniel wesentlich weiter hinten klassiert: Platz 269.

Holderbank: Lokaler Platzhirsch

Auch der direkte Konkurrent ist namentlich bekannt. Aufgrund verschiedener Indizien (im Kantonsratsprotokoll und in Akten aus dem Haniel-Archiv) muss angenommen werden, dass die Ende Juni 1961 via Medien verabreichte Schelte an die Adresse der Gemeinde Weiach vor allem von der Holderbank Financière Glarus ausgegangen ist. Auch die Opposition gegen die vom Regierungsrat angestrebte Beteiligung des Kantons Zürich an dem von Haniel aufgezogenen Weiacher Kiesunternehmen wurde offenbar von Holderbank orchestriert.

Die 1912 als «Aargauische Portlandcementfabrik Holderbank-Wildegg» gegründete und vor 50 Jahren durch die Industriellen-Familie Schmidheiny kontrollierte Firma Holderbank ist heute unter dem Namen Holcim bekannt. Der international tätige Zement- und Baustoffkonzern ist wie Haniel auf der Fortune 500-Liste vertreten (2009: weltweit Nr. 393, Platz 13 in der Schweiz).

Hiermit wären die Hauptkontrahenten in der rund um die Gründung der Weiacher Kies AG vor 50 Jahren entstandenen Auseinandersetzung kurz vorgestellt.

Dienstag, 5. Juli 2011

Getreide vom Gelbrost befallen

Gelbrost oder Streifenrost (mit wissenschaftlichem Namen: Puccinia striiformis) ist eine Pilzart, die Getreide und andere Gräser befällt. Sie führt zu massiven Mindererträgen und nimmt vor allem bei atlantischer Witterung (feucht, 10-15°C) überhand.

Vor 50 Jahren war dieser Schädling auch bei den Weiacher Bauern ein Thema, wenn auch nicht ein so grosses wie anderwärts, wenn man Walter Zollinger in seiner Jahreschronik 1961 folgen will:

«Der Minderertrag beim Getreide sodann ist der, auch bei uns in leichterm Grade aufgetretenen "Gelbrostkrankheit" beim Winterweizen zuzuschreiben.»

Gleich unter diesem Satz, der den Rückgang in den meisten landwirtschaftlichen Produkten kommentiert, hat Zollinger einen Zeitungsausschnitt eingeklebt (leider wie bei ihm üblich ohne Quellenangabe):

«Die Gelbrostepidemie 1961»

«Auf Winterweizen ist dieses Jahr der Gelbrost bereits Mitte April stellenweise sehr stark aufgetreten und heute noch im Zunehmen begriffen. Das frühe Auftreten ist sehr wahrscheinlich auf den milden Winter zurückzuführen, doch ist auch das im letzten Jahre vielerorts beobachtete Auftreten des Ausfallweizens daran schuld, da sich der Gelbrostpilz auf dem Ausfallweizen halten kann.

Die Bekämpfung des Gelbrostes bietet Schwierigkeiten. Indirekte Bekämpfungsmaßnahmen stützen sich vor allem auf die Vernichtung des Ausfallgetreides nach der Getreideernte und auf den Anbau resistenter Sorten, die jedoch wegen des Auftretens neuer Gelbrostrassen immer wieder gefährdet werden.

Die Bekämpfung mit chemischen Präparaten ist heute noch nicht restlos gelöst. Auf Grund zweijähriger Versuche konnte festgestellt werden, daß ein einziges Präparat (Sabitane, Maag, Dielsdorf) eine gewisse Wirkung zeigte, doch muß dieses Mittel noch weiter geprüft werden. Erschwerend für die direkte Bekämpfung ist das außerordentlich frühe Auftreten des Gelbrostes und das in den letzten Tagen intensive Wachstum des Getreides, so daß auf alle Fälle mit einer mehrmaligen Behandlung gerechnet werden müßte. In der Presse sind verschiedene Artikel über die chemische Bekämpfung des Gelbrostes erschienen; es muß ausdrücklich festgehalten werden, daß das oben erwähnte Präparat erst provisorisch bewilligt worden ist.

Die Versuche zur Weiterführung dieses Präparates und die in der Praxis gesammelten Erfahrungen werden zeigen, ob die chemische Bekämpfung des Gelbrostes durchgeführt werden kann. (Mitg. von der Eidg. Landw. Versuchsanstalt Zürich-Oerlikon)
»

Den Pflanzenschutzmittel-Experten gefragt

Vom Handelsnamen Sabitane findet man heute im Internet keine Spur. Um Genaueres über das Schicksal dieses Produkts herauszufinden habe ich mich mit Gijs van den Hurk, Inhaber der Risikoberatungsfirma ToxRe in Grüningen ZH, in Verbindung gesetzt.

Seine erste Vermutung ging schon einmal in die richtige Richtung: «Vor 50 Jahren gab es nur eine einzige Firma die Anti-Rost-Produkte verkaufte: Uniroyal. Maag hat dieses Produkt wohl für die Schweiz übernommen und testen lassen.» (zur Geschichte von Maag siehe die Website der heutigen Besitzerin Syngenta).

So schnell gab er sich dann aber nicht zufrieden und meldete sich einige Tage später wieder:

«Nach vielen Stunden Suchen, habe ich endlich das Produkt "Sabitane" gefunden. Es betrifft eine Kombination von zwei nicht-systemischen fungiziden Wirkstoffen (Myclobutanil + Dinocap), die durch die amerikanische Firma Rohm&Haas entwickelt wurde und damals vermutlich der Firma Maag AG in der Schweiz - zur Weiterentwicklung und Verkauf auf dem schweizerischen Markt - unter dem Name "Sabithane*" angeboten wurde. Rohm&Haas gehört jetzt zu Dow Agroscience.

Die Patente für beide Fungizid-Wirkstoffe sind vermutlich schon abgelaufen (Myclobutanil: 1986-2006; Dinocap 1965-1985) und "Sabithane" wurde von einer Kombination von zwei systemischen Wirkstoffen ersetzt (Azoxystrobin + Cyproconazol), die heute von Syngenta unter dem Handelsnamen "Amistar Xtra*" in der Schweiz vermarktet wird.
» [* steht für: eingetragenes Handelszeichen].

Vielen Dank, Gijs!

Mit Soundex schneller finden

Das Beispiel zeigt wieder einmal deutlich, dass Soundex-basierte Suchalgorithmen (wie von WeiachBlog schon vor 5 Jahren, am 20. Juni 2006 vorgeschlagen) schon eine wesentliche Beschleunigung der Recherche bedeuten können. Dann hätte man den Link vom verschriebenen «Sabitane» auf das homophone «Sabithane» schnell gefunden.

Quellen


[Veröffentlicht am 11. Juli 2011]

Freitag, 1. Juli 2011

«Staatlich geförderte Ueberfremdung»? Replik des Gemeindepräsidenten

Dass der im Bergbau gross gewordene deutsche Familienkonzern Haniel Anfang 1961 den Kiesabbauvertrag der Gebrüder Aymonod erben konnte, störte einige Schweizer Unternehmer ganz gewaltig.

Noch mehr missfiel ihnen, dass der Regierungsrat des Kantons Zürich bei der zu gründenden Weiacher Kies AG gar als Minderheitsaktionär einsteigen und dem Kanton damit Kieslieferungen für den Autobahnbau sichern wollte (vgl. den Beitrag von gestern und die dort aufgelisteten weiterführenden Artikel).

Die Gegenkampagne nahm merklich an Fahrt auf, als diese Gruppierung beschloss, den überfremdungspolitischen Zweihänder aus dem Medienarsenal zu nehmen und damit auf die Gemeinde Weiach einzudreschen (vgl. WeiachBlog vom 30.6.2011).

Vorwürfe, ausgerechnet ein Gemeinwesen leiste dem Ausverkauf der Heimat Vorschub, konnten die politisch Verantwortlichen nicht auf sich sitzen lassen. Der damalige Weiacher Gemeindepräsident Albert Meierhofer-Nauer zeichnete als Verfasser einer Erwiderung. Sie erschien unter anderem im «Zürichbieter» vom 13. Juli 1961 (fett gehaltene Stellen wie in der Originalvorlage):

Erwiderung

«Ende Juni und anfangs Juli 1961 sind in einem Teil der zürcherischen Presse Artikel der SPK und der SFP erschienen unter dem Titel «Weiacher Kies im wirtschaftspolitischen Blickfeld» oder «Staatlich geförderte Ueberfremdung», die mich persönlich veranlassen, den Lesern einige Richtigstellungen zu unterbreiten:

Seit 1957 bestand ein Vertrag der Gemeinde Weiach mit der schweizerischen Firma Aymonod, Muttenz und Pratteln BL, für das Ausbeutungsrecht von ca. 4 ha Kiesboden. Jahre vergingen, es war den Vertragspartnern nicht möglich, auch bei Grossfirmen in Zürich Interesse für Kieslieferungen von Weiach zu wecken. Familiäre Verhältnisse der genannten Firma führten dazu, sich nach andern Interessenten umzusehen. Im Laufe des Monats November 1960 ersuchte die Firma Aymonod um Zession ihres Vertrages an die Firma Franz Haniel AG., Basel (Firma schweizerischen Rechtes). Der Gemeinderat Weiach war mit der Abtretung an die Firma Haniel einverstanden und räumte dieser Firma das Recht ein, Bohrungen vorzunehmen, um über die Qualität des Kiesmaterials Aufschluss zu erhalten, aber auch informiert zu sein über die vorhandene Tiefe des Lagers. Die erste Vertragspartnerin (Firma Aymonod) hatte die vertraglichen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinde Weiach in jeder Weise erfüllt, trotz des für sie negativen Ausbeutungsergebnisses. Das Ergebnis der Kiesuntersuchungen war ein gutes. Es wurde nur gewünscht, dass die Fläche zur Ausbeutung wesentlich vergrössert werde.

Während Verhandlungen mit der kantonalen Baudirektion über die Erteilung der erforderlichen Schürfbewilligung bereits soweit gefördert waren, um abgeschlossen werden zu können, machten sich andere schweizerische Firmen heran und zeigten in ganz auffälliger Weise ihr Interesse an den Kiesvorkommen in Weiach.

Da für den Gemeinderat die vertraglichen Bindungen der Gemeinde bestanden, konnte aus rechtlichen Gründen, aber auch aus Gründen des moralischen Anstandes keine andere Firma berücksichtigt werden.

Schon bei diesen Verhandlungen mit den verspätet aufgetretenen Interessenten haben wir erklärt, wie sonderbar es sei, dass nun plötzlich, nachdem Resultate vorlagen, der Weiacher Kies ins Blickfeld der Oeffentlichkeit rückte. Ebenso sonderbar ist es, dass jetzt besonderes Interesse vorhanden zu sein scheint, weil sich die Basler Firma für Lieferungen in erster Linie an den Kanton Zürich bereit erklärt hat.

Es ist also wirklich kein Grund vorhanden, der Gemeinde Weiach Moral predigen zu müssen wegen Ueberfremdung des Schweizer Bodens, denn der Boden bleibt Eigentum der Gemeinde. Vielmehr ist zu befürchten, dass nunmehr wilde Spekulation von seiten schweizerischer Unternehmungen unsere Fürsorge für die Erhaltung des kulturfähigen Landes zunichte machen, weil diese sich nun bemühen, Privatland aufzukaufen.

Es berührt sonderbar, dass sich um unser Kiesvorkommen vor Bekanntwerden des Bohrungsergebnisses niemand kümmerte. Jedenfalls sind Belehrungen für gewisse andere eher angebracht! Wieviel besser wäre es auch für die Presse, wenn sie sich richtig und objektiv informieren und dann ihre Belehrungen entsprechend formulieren würde, damit sie Früchte brächte für Menschlichkeit und geraden, aufrechten Schweizersinn!

A. Meierhofer, Gemeindepräsident
»

Wer zu spät kommt...

Viel ist dem nicht mehr beizufügen. Ausser vielleicht das: die Firma Haniel sah nicht nur den kommenden Absatzmarkt im richtigen Licht, sie hatte auch Erfahrung mit Abbautechnik im industriellen Massstab und hat überdies die Zeichen der Zeit bezüglich Transportlogistik erkannt.

Dass der Kies von Weiach per Bahn auf die Autobahnbaustellen der N3 von Zürich-Brunau Richtung Walensee geliefert wurde (und nicht per Lastwagen), war nicht nur ein Anliegen der Kantonsregierung, welche von «Kiesbombern» verursachte Lärmbelastung und verstopfte Strassen befürchtete. Kiestransport mittels Eisenbahnzügen kostete ganz einfach weniger. Klotzen statt kleckern lohnte sich auch finanziell.

Die Schweizer Konkurrenz hat diese Entwicklung schlicht verschlafen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Donnerstag, 30. Juni 2011

Gemeinde des Ausverkaufs der Heimat bezichtigt

Im Jahre 1957 erhielten die Basler Kiesunternehmer Gebrüder Aymonod eine Abbaubewilligung für 4.2 Hektaren Land im Weiacher Hard. Die Firma Aymonod wurde in Weiach jedoch nie operativ tätig. Der Grund dürfte in den Transportdistanzen nach den Bauplätzen rund um die Stadt Zürich gelegen haben. Ohne Bahnanschluss und grosse Mengen war der Abbau ganz einfach nicht kostendeckend. Zumal wenn man die von der Gemeindeversammlung geforderte Abbauentschädigung von 70 Rappen pro m3 einrechnete (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 95).

1961 zedierten die Aymonods den Vertrag mit Genehmigung der Gemeinde Weiach an die Basler Tochter des deutschen Bergbau-Konzerns Franz Haniel. Gleichzeitig wurde das Abbauareal massiv erweitert: auf rund 16 ha. Der Gründung der Weiacher Kies AG folgte der Baubeginn des Kieswerks.

Konkurrenz aus Deutschland wird über die Presse bekämpft

Dieses neue Vorhaben rief einerseits den Zürcher Regierungsrat auf den Plan und gab dann im Zürcher Kantonsrat Anlass zu heftigen Diskussionen (vgl. die bereits erschienenen Beiträge auf WeiachBlog, s. unten: Frühere Artikel).

Wenn es finanziell um die Wurst geht, wie hier, dann wird die Auseinandersetzung auch über Medienkanäle ausgetragen. Am 30. Juni 1961 platzierte die Neue Zürcher Zeitung einen Kommentar im Blatt, welcher die Gemeinde Weiach frontal angriff und sie vaterlandslosen Tuns bezichtigte. Diese verbale Attacke vor genau 50 Jahren wird hier im vollen Wortlaut samt Titel wiedergegeben:

Staatlich geförderte Ueberfremdung

«SFP. In der Frühjahrssession faßten die eidgenössischen Räte einen Bundesbeschluß über Maßnahmen zum Schutz des Schweizer Bodens vor Ueberfremdung. Ungefähr zur gleichen Zeit erteilte die unweit des Rheins gelegene zürcherische Gemeinde Weiach der in Basel domizilierten Tochtergesellschaft eines der größten deutschen Konzerne das Ausbeutungsrecht für rund 16 Hektaren Kiesland, obgleich auch schweizerische Interessenten sich darum beworben hatten. Zwar besteht zwischen dieser Konzessionserwerbung und der vom eidgenössischen Gesetzgeber beschlossenen Genehmigungspflicht für den Erwerb von Grundstücken durch im Ausland ansässige Personen kein direkter rechtlicher Zusammenhang; faktisch gehört es aber doch mit ins Kapitel «Ausverkauf der Heimat», wenn ausgerechnet ein öffentliches Gemeinwesen einen der wenigen Bodenschätze, über die unser Land verfügt, ausländischem Kapital zur Ausbeutung überläßt. Im vorliegenden Fall wiegt dies um so schwerer, als es sich bei der in Frage stehenden Firma um ein Unternehmen handelt, das, wie sein Interesse für den Erwerb weiterer Ausbeutungsrechte in anderen Kantonen erkennen läßt, zielbewußt auf Expansion ausgeht.

In diesen Bestrebungen wird der völlig in deutschem Besitz befindlichen Basler Gesellschaft jetzt sogar noch eine indirekte Unterstützung durch den Zürcher Regierungsrat zuteil (vgl. Nr. 2348 der «NZZ»). Unter Hinweis auf die Notwendigkeit, die Kiesversorgung für den Nationalstraßenbau sicherzustellen, verlangt dieser vom kantonalen Parlament die Gewährung eines Kredits von 1 Mill. Fr. zur Beteiligung am Aktienkapital des im Aufbau befindlichen Großkieswerkes. Darüber hinaus erklärt er sich bereit, den Kanton Zürich vertraglich zu verpflichten, die für den Straßenbau erforderlichen Mengen Wandkies, Sand und Betonkies – in den nächsten zehn Jahren rund 4 Mill. m3 im Wert von 40 bis 60 Mill. Fr. – ausschließlich von diesem Werk, dessen Kapital zu 60 Prozent in deutschen Händen läge und zu 40 Prozent dem Kanton Zürich gehörte, zu beziehen. Die Gewährung einer solchen Abnahmegarantie hätte zur Folge, daß der freie Wettbewerb aus den Angeln gehoben, das Submissionsprinzip durchbrochen und das Gewerbe auf die Seite gestellt würde. Dank dieser ein risikoloses Geschäft ermöglichenden staatlichen Protektion käme das zu einem mächtigen Familienkonzern im Rheinland gehörende Unternehmen gegenüber der schweizerischen Konkurrenz kostenmäßig stark in Vorsprung, was ihm eine denkbar günstige Plattform verschaffen würde, um seine auf die Durchdringung der schweizerischen Bauwirtschaft tendierenden Expansionspläne weiter voranzutreiben.
»

Es ist offensichtlich, dass man hier mit dem überfremdungspolitischen Zweihänder operiert. In diesem Artikel scheinen übrigens bereits die wesentlichen Argumente auf, welche im Herbst 1961 in der Parlamentsdebatte um den Antrag des Zürcher Regierungsrates von den Gegnern ins Gefecht geführt wurden (die Details dieser Debatte werden - so wie sie im Ratsprotokoll erscheinen - in den nächsten Tagen publiziert). Die direkte Weiacher Antwort auf den Vorwurf des Ausverkaufs der Heimat erfahren Sie im morgigen WeiachBlog-Beitrag.

Quelle
  • Staatlich geförderte Ueberfremdung. [Kiesabbau-Bewilligung für Haniel]. In: Neue Zürcher Zeitung, 30. Juni 1961.

Frühere Artikel zum Thema Weiacher Kies AG

Mittwoch, 29. Juni 2011

Juniwetter 1961: immer kalte Dusche im Heumonat

Der Juni 2011 hatte etwas apriliges und zum Schluss ist er nun ein richtiger Sommermonat mit Hitze und Gewittern geworden. Dass sich die Witterung im Juni vor 50 Jahren irgendwie ähnlich anliess, darüber berichtet Walter Zollinger in der Jahreschronik 1961:

«Juni. Die ersten zwei Wochen des sogenannten Heumonates enttäuschten schwer; wohl zeigte das Thermometer immer ordentliche Temperaturen zwischen 9 bis 13° an den Morgen, zw. 13 bis 19° mittags und zw. 12 bis 20° abends. Dagegen verhüllte sich der Himmel beständig: "Bedeckt", "bedeckt bis stark bewölkt", "neblig", "Hochnebel", so lauten die Prädikate dieser Morgen. Etlichemal verzeichnete ich gar "Regen", "regnerisch", "arge Regennacht", "Regenschauer". Wenn auch an 4 Nachmittagen die Sonne ein Einsehen tat, Heuwetter war das eben bisher doch ganz und gar nicht.! Die Bauern erhofften vom "Mäder" (8.6.) eine Aenderung zum Bessern; sie traf aber nicht ein. Erst vom 14.6. an kehrte es, und nun folgten schöne, sonnige Tage, z.T. sogar "düppige" Nachmittage u. recht angenehme Abende (18 bis 27° nachm.) bis zum Monatsende. Nur viermal erfolgten kürzere gewittrige Schauer, meist am späten Nachmittag. So konnte der Heuet nun, allerdings arg verspätet, zuende geführt werden; also ist er doch ein halber Heumonat gewesen, der Juni 1961, trotz dem wenig Gutes versprechenden Anfang!»

Quellen
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1961 - S. 4-5. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1961].

Donnerstag, 23. Juni 2011

Grosses Geläuf vor der Wahl von Pfr. Seeholzer

Während es heute mitunter schwierig ist, eine vakante Pfarrstelle zu besetzen und man die Pfarrer aus deutschen Landen importieren muss, gab es zu Zeiten des Ancien Régime mehr als genug Bewerber auf Zürcher Pfarrstellen. 

Die Anwärter, Exspektanten genannt, mussten deshalb in der Regel mehrere Jahre warten (zwischen 1651 und 1660 ca. 5 Jahre) und in dieser Zeit ihren Lebensunterhalt als Hilfspfarrer oder Lehrer verdienen - teils auch in Auslandeinsätzen, z.B. als Feldprediger bei zürcherischen Regimentern in Venedig oder Frankreich. Jahr für Jahr stiegen sie dafür auf der Warteliste nach oben. 

«Pfrunden lauffen» 

Einige angehende Pfarrer versuchten, in eine bessere Position zu kommen, indem sie sich an massgebende Personen der Wahlbehörde heranmachten. Sie betrieben nicht nur gezielt Networking, sondern wandten auch alle möglichen erlaubten und unerlaubten Tricks an, vom Einheiraten über das Angebot, einige Zeit ohne Lohn zu arbeiten bis hin zur eigentlichen Bestechung.

Über diesen Konkurrenzkampf berichtet Lorenz Heiligensetzer in seiner Dissertation «Getreue Kirchendiener - gefährdete Pfarrherren: Deutschschweizer Prädikanten des 17. Jahrhunderts in ihren Lebensbeschreibungen». Darin wertet er u.a. ein vom Pfarrer Peter Füssli verfasstes Manuskript aus, das in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrte «Memoriale pro Petro Fuesslino, V.D.M.» (Signatur: Ms. G 467). [V.D.M. steht für: Verbi Divini Minister, also: Diener des Gottesworts] 

Zustände wie bei den Katholiken 

Füssli war selber auf der Warteliste und fühlte sich ungerecht behandelt, da mehrfach weiter unten Platzierte als er frei gewordene und vom Zürcher Rat zu besetzende Pfarrstellen erhielten. Von der real existierenden Vergabepraxis hielt er daher nicht viel: 

«Sonst war es diser zeit ein ellend wesen in unserem Stand. Es gieng alles Simonisch zu. Die Pfrunden wurden gekaufft, erloffen, weybet, und weiß nit was alles. O seculum perditionis [= Jahrhundert des Verderbens]! Es gienge zu, wie mit der pfaffereyen im Pabstum.» (Füsslis Memoriale, fol. 69r, zit. n. Heiligensetzer) 

Dass es dabei wenig transparent zu- und herging, wird in obigem Zitat von Füssli heftig beklagt. Der Verweis auf Simon den Zauberer aus der Apostelgeschichte (Apg 8, 18) ist überdeutlich. Viele Pfarrstellen, so Füssli, würden ohne ordentliches Berufungsverfahren besetzt und das teils bereits vor dem Ableben des Vorgängers. 

[Nachtrag vom 23. April 2023: Letztlich impliziert Füssli mit dem Begriff «simonisch», dass im Hintergrund Simonie betrieben wurde, also Ämterkauf. Er könnte mit der Anspielung auch gemeint haben, dass Schmiergelder gezahlt wurden.]

Ein Pfarrer musste eigentlich aus mehreren Kandidaten gewählt werden. Und offiziell sollten der Dreiervorschlag (das, was man heute «short list» nennt) mit Kandidaten aus den am längsten auf der Warteliste stehenden Exspektanten besetzt werden. Auch Kirchendiener sind halt nur Menschen, wenn es um irdische Bedürfnisse geht. 

Gerangel um die Wahl des Weiacher Pfarrers, 1659

Füsslis Memoriale enthält ein Verzeichnis aller Pfrundvergaben und der Verfasser merkt dabei auch in einigen Fällen an, was unsauber gelaufen war: 

«So wurde Füssli zufolge Hans Jacob Meister (1631-1711) "heimlich" 1658 zum Nachfolger seines Vaters in Lufingen erwählt, während es bei der Wahl von Hans Rudolf Seeholzer (1630-93) nach Weiach 1659 ein "gar groß geläuff" gegeben habe, vgl. Füsslis Memoriale, fol. 69v und 70r.» (Heiligensetzer, S. 159, Fn-140) 

Selbst vergleichsweise wenig lukrative Pfarreien wie die von Weyach waren Mitte des 17. Jahrhunderts also trotzdem begehrt, denn da konnte man sich wenigstens durch gute Arbeit für besser bezahlte Pfründe empfehlen.

Literatur
  • Heiligensetzer, L.: Getreue Kirchendiener - gefährdete Pfarrherren: Deutschschweizer Prädikanten des 17. Jahrhunderts in ihren Lebensbeschreibungen. Band 15 von Selbstzeugnisse der Neuzeit. Verlag Böhlau, 2006.

Mittwoch, 22. Juni 2011

Werbung für den Weyacher Postboten, Februar 1762

Ende Oktober 2010 wurde auf WeiachBlog die Vermutung geäussert, dass die Gemeinde bereits im 18. Jahrhundert über einen offiziellen Kurierdienst in die Hauptstadt verfügt habe (vgl. Zürich-Bote bereits im 18. Jahrhundert unterwegs? WeiachBlog, Nr. 943, 28. Oktober 2010). Dieser sogenannte Zürich-Bote war der Vorläufer der späteren Postangestellten, von der Kantonal-Post bis zur Schweizerischen Post von heute.

Schon vor 250 Jahren

Nun liegt der schriftliche Beweis vor, dass es das Boten-Amt bereits vor fast genau 250 Jahren, d.h. in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gegeben hat.

In den «Donnstags-Nachrichten», einem in der Stadt Zürich herausgegebenen Anzeigeblatt, in dem auch Private inserieren konnten, findet man in «No. VI. Den 11. Hornung, 1762» auf Seite 5 unter «Verschiedene Nachrichten» das folgende Inserat, gerichtet an E.E. Publico, d.h. «ein ehrenwertes» Publikum:

«7. Ulrich Baumgartner, Bott gen Weyach, thut E.E. Publico kund und zu wissen, daß er seine Einkehr bey Herrn Vogel, an der Marktgaß, hat, von wannen er Freytags um 11. Uhr abgehet; er recommandirt sich jedermann auf das beste, Brief oder andere Sachen gen Weyach oder Keiserstuhl in allen Treuen zu verrichten.»

Nebeneinnahmen erlaubt

Mit anderen Worten: es gab damals einmal wöchentlich eine amtliche Postverbindung von Weyach nach Zürich und zurück. Da musste der damalige Stelleninhaber Baumgartner früh aufstehen, hat man doch von Weiach in die Stadt gut 5 Stunden zu Fuss. Immerhin hatte er - wie man dem Inserat entnehmen kann - die Erlaubnis, auch private Post mitzunehmen. Gegen entsprechende Bezahlung versteht sich.

Dass Baumgartner im 18. Jahrhundert nicht der einzige Zürich-Bote war, sondern dieses Amt auch Angehörige anderer Familien innehatten, zeigt die amtliche Mitteilung im Zürcherischen Wochen-Blatt, Nro. 38, Donnstag den 13. May 1802, mit der «Jakob Meyenhofer, Botten Sohn von Weyach» gerichtlich vorgeladen wurde.

Update für die «Dorfchronik»

Die entsprechende Passage über den Postdienst in der Monografie Weiach. Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes:

«Bereits um 1800 hatte die Gemeinde ihre Stadtboten, die vor allem die amtliche Post für den Staat und das Militärwesen zu vermitteln hatten. Anno 1835 stellte Weiach dann einen eigenen Zürcher Freitagsboten in Jakob Meyer, der im einstigen Winzelnhof wohnte. Dieser führte auch private Aufträge nach und von der Stadt aus. Bei starkem Verkehr bewilligte man ihm ein Pferd. Später war es ein weiterer Gemeindebürger namens Griesser, der jetzt schon zweimal wöchentlich und per Fuhrwerk zur Stadt fuhr.» (Ausgabe 2009, S. 50)

ist somit überholt und wird in einer aktualisierten Fassung überarbeitet.

Nachtrag vom 23. Juni

Die oben erwähnte Neufassung ist mit folgendem Wortlaut eingeflossen:

«Die Gemeinde Weiach verfügte bereits vor 250 Jahren über einen eigenen «Zürich-Bott», einen amtlichen Boten, der die Post für den Staat und das Militärwesen zwischen Weyach und der Stadt zu vermitteln hatte. In den «Donnstags-Nachrichten» vom 11. Februar 1762 tat nämlich «Ulrich Baumgartner, Bott gen Weyach» dem Stadtzürcher Publikum in einem Inserat kund, er transportiere jeden Freitag «Brief oder andere Sachen gen Weyach oder Keiserstuhl». Anno 1835 war Jakob Meyer, der im einstigen Winzelnhof wohnte, der Weiacher Freitagsbote. Er führte wie schon seine Vorgänger auch private Aufträge aus. Bei starkem Verkehr bewilligte man ihm ein Pferd. Später war es ein weiterer Gemeindebürger namens Griesser, der jetzt schon zweimal wöchentlich und per Fuhrwerk zur Stadt fuhr. Als dann 1847/50 die Strasse Stadel–Niederglatt–Rümlang ausgebaut war, kam ab 1. Juni 1852 sogar ein Postwagenkurs von Kaiserstuhl bis Zürich zustande.» (Brandenberger, U.: Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes. Vierte, überarbeitete Auflage von Walter Zollingers «Weiach. 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach». Online-Ausgabe Juni 2011, S. 50)

Verfügbar ist die Ausgabe Juni 2011 hier: pdf, 3.08 MB.

Dienstag, 21. Juni 2011

Was Print-on-demand heute kostet

Die «Weiacher Geschichte(n)» haben in den zehn Jahren ihres Erscheinens (1999-2009) einen beträchtlichen Umfang erreicht. Interessenten für eine Printausgabe müssen daher Geduld aufbringen und ziemlich tief in die Tasche greifen.

Vor einigen Tagen schrieb mir eine Frau M. aus dem aargauischen Schöftland:

«Im Internet bin ich auf Ihre Weiacher Geschichten gestossen. Kann man dieses "Büchlein" bei Ihnen beziehen? Ich möchte meiner Mutter damit ein Geschenk machen. Sie ist in Weiach aufgewachsen.»

Meine Antwort:

«Guten Abend Frau M.,

es freut mich, dass die Weiacher Geschichte(n) bei Heimweh-Weychern Anklang finden und Sie sie Ihrer Mutter schenken möchten.

Die Gesamtausgabe der Weiacher Geschichte(n) ist allerdings eher ein "Wälzer" als ein "Büchlein", da mehr als 500 A4-Seiten stark (genau: XVII + 516 S., vgl. Inhaltsverzeichnis).

Auch der die Geschichte(n) begleitende und weiterführende WeiachBlog umfasst als Word-Datei bereits rund 1400 Seiten.


Print-Ausgabe: nur in Einzelanfertigung

Bislang gibt es noch keine Printausgabe, die an Lager liegt oder über einen Print-on-demand-Verlag beziehbar wäre. Lediglich das Staatsarchiv des Kantons Zürich verfügt über eine von diesem selbst erstellte Druckausgabe (allerdings nicht vollständig, sondern nur bis 2006 reichend).

Wenn Sie also - wie ich annehme - eine vollständige Printausgabe möchten, dann müsste man sich darüber unterhalten, ob doppelseitiger Druck gewünscht ist und wie sich die Bindung bei rund 265 Blatt einigermassen dauerhaft hinbekommen lässt. Bei einseitigem Druck sollte man auf zwei Bände (oder mehr) tendieren.

Die günstigste Möglichkeit ist sicher, die 120 Dateien samt Inhaltsverzeichnis herunterzuladen, auszudrucken und sie entweder in einem Ordner abzuheften oder in einem Copyshop portionenweise mit Klebebindung zu Heften verarbeiten zu lassen. Hardcover und Fadenbindung sind dabei teurer.

Bei den Druckkosten fällt auch die Farbe ins Gewicht. Farbkopien sind massiv teurer als Schwarzweisskopien. In den meisten Fällen reicht es aus, Graustufendruck einzusetzen, bei einigen Seiten aber bringt die Farbe wirklichen Mehrwert.

Welche Ausstattung haben Sie sich vorgestellt?

N.B.: es gibt auch noch die 80-seitige Monografie "Weiach. Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes" (Vierte, überarbeitete Auflage von Walter Zollingers «Weiach. 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach»). Diese ist als Schwarzweissdruck - solange Vorrat - bei der Gemeindekanzlei Weiach für (meines Wissen) rund 10 Franken erhältlich.
»

Die Monografie als Einstieg

Einige Stunden später erreichte mich die folgende Antwort:

«Ich war mir des Umfang dieses Werkes gar nicht bewusst. Ich meinte irrtümlicherweise, dass es sich dabei um ein 17-seitiges Büchlein handelt. Dann kommt dann schon eher die von Ihnen unter N.B. erwähnte 80-seitige Monografie Weiach in Frage. Ich möchte Ihnen trotzdem für Ihre ausführlichen Informationen danken und mich gleichzeitig für mein Versehen entschuldigen.»

Kein Problem, Frau M.! Deshalb war die Antwort ja auch ausführlich gehalten. Wer sich nach den 80 Seiten und der Durchsicht der Fussnoten noch für die «Weiacher Geschichte(n)» interessiert, den schrecken dann wohl auch ein halbes Tausend Seiten nicht ab.

Zuhause ist's womöglich teuer

Folgende Bemerkungen seien diesem Schriftwechsel noch beigefügt: Marke Eigenbau (auf dem heimischen Printer ausdrucken, lochen und in einem Bundesordner ablegen) ist nicht unbedingt am günstigsten! Es hängt stark davon ab, welche Druckkosten pro Seite im Vergleich mit einem professionellen Angebot der Print-on-demand-Branche entstehen.

Als Hinweis mögen folgende Zahlen dienen: Bei 536 Druckseiten, wovon 25 farbig, im Format A4, gebunden mit Hardcover und gerundetem Rücken, zahlt man bei BOD.ch rund 129 Franken, mit Softcover immer noch 114 Franken, Mehrwertsteuer nicht inbegriffen. Die im deutschen Norderstedt angesiedelte Firma geht bei dieser Kalkulation von einer Auflage von 1-24 Exemplaren aus.

BOD.ch empfiehlt einen Ladenpreis von rund 95 Euro (ausgehend von 10% Marge). Schweizer Autoren müssen allerdings mit dem Wechselkurs-Zerfall rechnen und eine höhere Marge kalkulieren, sonst zahlen sie bei jedem im deutschen Buchhandel verkauften Exemplar drauf. Je tiefer der Euro zum Franken abstürzt desto mehr. Nicht zu vergessen sind auch die horrenden Zolltaxen der Schweizerischen Post (Druck in Deutschland und Import in die Schweiz).

Print-on-demand in CH statt D: Offerten lohnen sich!

Schweizer Anbieter sind dagegen durchaus konkurrenzfähig. Hier die heutige Offerte von http://www.edubook.ch/ im aargauischen Merenschwand für die oben aufgeführten 536 Seiten:
511 Seiten sw, doppelseitig; 25 Seiten farbig, doppelseitig.
Softcover laminiert mit Klebebindung.

50 Exemplare 2435.- (Preis pro Expl.: 48.70)
20 Exemplare 1228.- (Preis pro Expl.: 61.40)
10 Exemplare 855.-(Preis pro Expl.: 85.50)
5 Exemplare 625.- (Preis pro Expl.: 125.-)

Bei einer Kleinstauflage ist man mit dem Schweizer Anbieter besser bedient. Und zahlt erst noch keine Zollgebühren.

Zu aktuellen Preisen würde die Gesamtausgabe «Weiacher Geschichte(n)» also auf maximal 125.- plus Porto und Verpackung zu stehen kommen.