Donnerstag, 10. Juni 2021

Städtchenluft macht freier

Im Herbst 1988 hat die Bezirksberatungsstelle Zurzach der Pro Senectute ein kleines Büchlein mit Erinnerungen älterer Zurzibieterinnen und Zurzibieter veröffentlicht. Einer der Beiträge stammt von Martha Hochstrasser-Gösi. 

Eine Familie von Stadtbediensteten

Martha wurde 1918 in Kaiserstuhl als Tochter des Stadtschreibers geboren. Ihre Familie hat seit 1618 ununterbrochen in einer städtischen Beamtung gestanden. 

Einige Namen findet man im Aargauer Urkundenbuch. So 1735 den Stadtknecht Johannes Gössi (AU XIII Nr. 555) oder in der Umbruchzeit der Helvetik Florian Gössi, 1801 Stadtschreiber zu Kaiserstuhl (AU XIII Nr. 634, eine in Meersburg am Sitz des Fürstbistums ausgestellte Urkunde. In einer Zeitschrift für Volksbildung wird überdies für 1839 ein Gößi als Friedensrichter zu Kaiserstuhl erwähnt.

Nachdem ihr Vater durch Übernahme diverser Aufgaben die Stadtkanzlei im Hauptberuf führen konnte, hat seine Tochter bei ihm die kaufmännische Lehre absolviert und war auf der Kanzlei tätig, was vor dem Zweiten Weltkrieg noch eine Rarität war (das Weiacher Gemeindeschreiberamt war noch eine Miliztätigkeit). Später wurde Martha die Gattin des Stadtschreibers Jakob Hochstrasser. Man darf also mit Fug und Recht von einer Familie im Dienste der öffentlichen Hand reden.

Die Leute im Städtchen ticken anders

In einem Städtchen mit gerade etwa so vielen Einwohnern wie das Jahr Tage hat (ein anschauliches Bild, das Hochstrasser-Gösi in ihrem Beitrag verwendet), da kennt man sich. Aus dem Weg gehen kann man sich bei einer so dicht an dicht gebauten Architektur auch nicht so einfach. 

Ja, es scheint gar so zu sein, dass die Lebensform Landstädtchen eine ganz besondere Art des Denkens und der Weltanschauung hervorbringt. Man kann das praktisch durchgehend anhand der Abstimmungpräferenzen der Regensberger wie auch der Kaiserstuhler belegen. Die ticken dort anders als die Bewohner der Landgemeinden rundherum.

Dieses «Andersticken» ist Martha Hochstrasser-Gösi und ihren Angehörigen schon vor Jahrzehnten aufgefallen:

«Allerdings gab es zu meiner Kinderzeit schon einige kinderlose Hauseigentümer ohne Nachfolger und Betagte, deren Kinder ausgezogen waren und am Behalt der Liegenschaften kein Interesse zeigten. Die natürliche Folge war, neue Hauseigentümer und auch vereinzelt Mieter. All diese Zuzüger bemühten sich, ihre Gewohnheiten dem Leben in Kaiserstuhl anzupassen. Es entstanden jeweils bald gute Beziehungen zwischen Alt-Eingesessenen und den ‚Neuen’. Den Ausspruch vom ‚fremden Fötzel, wie er zu jener Zeit in den Dörfern der Umgebung ‚gäng und gäb’ war, gab es hier nicht. Selbst die italienischen Fremdarbeiter, beschäftigt am Kraftwerkbau Rheinsfelden / Zweidlen, fühlten sich bei uns bald heimisch.» 

Gelegenheitsjobs in der Sägerei beim Bahnhof Weiach-Kaiserstuhl

Der Kraftwerksbau in Rheinsfelden fand 1915-1920 statt, also zu einer Zeit, als Martha noch nicht auf der Welt oder ganz klein war. Direkt erlebt hat sie hingegen die Folgen der Weltwirtschaftskrise in den 30er-Jahren:

«Es war damals ja auch die Zeit der Arbeitslosigkeit, die mich aber nie besonders beeindruckt hat. Die Leute fanden irgendwie schon aushilfsweise Arbeit im Wald, bei Handwerkern im Städtli, in der Sägerei Weiach, Ziegelei Fisibach, oder gelegentlich auch bei Bauern in den Nachbargemeinden, wo sie oftmals Naturalien bekamen.»

Von der Schäftenäherei Walder in Weiach (gleich neben der Sägerei) schreibt die Autorin interessanterweise nichts. Aber da arbeiteten ja auch mehrheitlich Grenzgängerinnen.

Quellen

  • Der Verbreiter gemeinnütziger Kenntnisse. Zeitschrift für Volksbildung in der Schweiz. 7ter Jahrgang N°. 8 - August 1839 - S. 249.
  • Kläui, P.: Die Urkunden des Stadtarchivs Kaiserstuhl. Aargauer Urkunden Bd. 13 (AU XIII), Aarau 1955 – Nr. 555 und 634.
  • Hochstrasser-Gösi, M.: Als der Gemeindeschreiberberuf noch ausschliesslich Männersache war. Beamtentradition in einer Kaiserstuhler Familie. In: Pro Senectute Bezirksberatungsstelle Zurzach (Hrsg.): Im Rückspiegel. Frauen und Männer aus dem Zurzibiet erzählen von früher. Zurzach 1988 – S. 9-12.

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