Sonntag, 11. Juli 2021

Massenverarmung durch Preis-Lohn-Schere

Otto Sigg, alt Staatsarchivar des Kantons Zürich, hat es 1981 in Konkurs und Wucher, einem Beitrag zur Zeit des Frühkapitalismus vor 500 Jahren, eindrücklich vorgerechnet:

Im Jahre 1467, als die Stadt Winterthur zürcherisch wurde, lebten auf der Zürcher Landschaft noch weniger als 29'000 Einwohner. Die konnten sich durch eigenen Landbau gut ernähren. Zur Zeit der Reformation (um ca. 1525) waren es etwa doppelt so viele. Es reichte gerade noch. Noch einmal ein paar Jahrzehnte später, 1588, war die Bevölkerung auf das Dreifache angestiegen. Jetzt reichte es nicht mehr. Die Ernährungssouveränität war nicht mehr gegeben. Ohne Import ging gar nichts mehr. Nur: wie sollte man das langfristig finanzieren?

Die Preise für Häuser und Landwirtschaftsland explodierten

«Noch zur Zeit der Reformation war ein Erblehengut mit mittlerer Grundzinsbelastung und vielleicht 40 Jucharten Umfang für einige hundert Pfund zu kaufen; zu Ende des Jahrhunderts waren dazu schon tausend oder einige tausend Pfund notwendig. Das Hauptnahrungsgetreide, der Kernen, kostete noch in den 1550er Jahren im Durchschnitt pro Mütt (54 kg) rund 3 lib., in den 1560er Jahren aber bereits im Durchschnitt 3 4/5 lib., in den 1570er Jahren dann 6 1/5 lib. mit Höchstpreisen von 8 lib. und in den 1580er Jahren 6 ½ lib. mit Höchstpreisen von 11 lib. Dieses Preisniveau sollte sich langfristig halten.»

Lib. steht für Pfund. Eine Busse von 3 Pfund (wie sie in den letzten Tagen in Artikeln über die Gemeindeordnung von 1596 genannt wurde) war also bereits keine Kleinigkeit mehr. Nur so zum Vergleich: 50 Kilogramm Hühnerfutter (das v.a. aus Getreidekörnern besteht), also etwa so viel wie ein Mütt Kernen, kosten heutzutage rund 60 Franken. Wohlhabende stecken diese Summe locker weg. Ärmere trifft es hart. Für sie ist das viel Geld. Das war damals noch extremer: für eine Busse von 3 Pfund arbeitete der Tagelöhner 6 Tage (vgl. folgenden Abschnitt). 

Und die Löhne der einfachen Leute?

«Die Bruttolöhne eines Taglöhners im Landbau, aber auch des Handwerkers, blieben demgegenüber fast konstant: in den Jahrzehnten 1540-1590 auf 8-10 Schilling pro Tag (= ½ lib. bzw. ¼ Gulden). Dass die zusätzliche Heimarbeit im letzten Drittel des Jahrhunderts nicht einmal genügte, um das Bevölkerungswachstum aufzufangen, geht schon aus diesen Preis-/Lohnverhältnissen hervor

Die Folgen waren verheerend, wie man im WeiachBlog Nr. 601 v. 25. April 2008 lesen kann. Die Regierung versuchte zwar Gegensteuer zu geben, indem sie u.a.1566 und 1586 mit Gesetzeserlassen (genannt Mandat) gegen den überhandnehmenden Hauskauf auf Kredit vorging. Das löste aber keine Probleme. Im Gegenteil.

Ist es da ein Wunder, dass in diesen Jahren in Weiach (und nicht nur dort) der Dorffrieden extremen Belastungen ausgesetzt war? 

Dass es so weit kam, dass die Obrigkeiten den Weiachern erst eine Holzordnung und dann eine Gemeindeordnung diktieren mussten, weil ihnen die Probleme über den Kopf wuchsen? 

Dass die Weiacher schliesslich 1598 eine Erhöhung ihrer Einbürgerungstarife verlangten, weil die im Verhältnis zum Holznutzen aus dem Gemeindewald und im Vergleich zu anderen Gemeinden zu attraktiv waren?

Quelle

[Veröffentlicht am 12. Juli 2021 um 00:15 MESZ]

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