Sonntag, 28. Februar 2021

Nahe Verwandte: Die Kirchen von Niederhasli und Weiach

Mit ihrem himmelwärts strebenden, achtseitigen Spitzhelm auf dem Dachreiter gilt die evangelisch-reformierte Pfarrkirche von Weiach als Wahrzeichen des Dorfes. Ganz so einzigartig wie dieses Bauwerk wirkt, ist es im Zürcher Unterland allerdings nicht.

Emil Aftergut vergleicht in seiner Dissertation aus dem Jahre 1922 die Weiacher Kirche von 1706 explizit mit der 1683 erbauten Kirche Unterdorf in Affoltern bei Höngg (seit 1934: Zürich-Affoltern).

Darauf hat der Redaktor des WeiachBlog bereits in seiner Schrift zum 300-jährigen Jubiläum des Weiacher Gotteshauses hingewiesen.


Links die Kirche Unterdorf, Zürich-Affoltern, rechts die Kirche Weiach
(Abb. 9 auf S. 18 der Monografie «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach»)

Nun gibt es aber noch ein weiteres Bauwerk, das unserer Kirche sehr ähnlich sieht. Und dieses liegt geographisch sogar noch näher als Affoltern. Es handelt sich um die Reformierte Kirche Niederhasli.

Im Gegensatz zur Weiacher Kirche, die auf einem neuen Bauplatz errichtet wurde, steht die Niederhasler Kirche an der Nöschikonerstrasse am Platz ihrer Vorgängerinnen. Die Baugeschichte reicht nachweislich bis mindestens ins Jahr 1188 zurück, als die damalige Kapelle von der Kirche in Bülach abgelöst wurde.


Die Kirche von Niederhasli im Jahre 1943 (aus: Hauswirth, S. 145)

Der heutige Zustand datiert auf das Jahr 1703 zurück, als gemäss dem Niederhasler Chronisten Hauswirth, die 1469 fertiggestellte alte Kirche den Anforderungen nicht mehr genügte: «Die Barockzeit brachte die damals übliche Erweiterung zur Saalkirche. Anlass zum grossen Umbau gab die Baufälligkeit des Turmes.» 

Die Baupläne wurden offensichtlich nicht nur einmal verwendet

Man habe zwar eigentlich zuerst nur einen neuen Dachreiter bauen wollen, erläutert Hauswirth weiter. Als die Baukommission (bestehend aus dem Obervogt und einem weiteren Ratsherrn aus Zürich) jedoch feststellen musste, dass der Chor der Kirche aus dem 15. Jahrhundert (ein Wiederaufbau nach der Zerstörung der mittelalterlichen Kirche im Alten Zürichkrieg am 7. Juni 1443) zu alterschwach geworden war, entschloss sie sich, den heutigen polygonalen Chorabschluss erstellen und den Dachreiter darauf anbringen zu lassen.

Der genannte Obervogt war der des Neuamts, derselben Verwaltungseinheit, der auch Weiach von 1442 bis 1798 angehört hat. Es verwundert daher nicht wirklich, dass die Ähnlichkeit des Bauplans zu dem von Weiach frappant ist. Die Masse des Langhauses sind zwar nicht gleich, aber ähnlich:
  • Niederhasli: 9 m breit, ca. 19 m langer Saal (gemessen ohne Chorpolygon);
  • Weiach: 10 m breit, ca. 21 m langer Saal (ohne Chorpolygon) [geändert am 28.2. um 10 Uhr nach Fietz 1943; ursprüngliche Angabe: 12 m, aus dem Katasterplan herausgemessen].
Die Niederhasler Kirche konnte kleiner gebaut werden, weil es in den anderen Ortsteilen der damals (und noch bis 1840) Nöschikon und Niederglatt umfassenden Gemeinde weitere Gotteshäuser gab.

Als es 1705 um den Neubau der Weiacher Kirche ging, musste der Neuamts-Obervogt also nicht wieder bei Null anfangen, sondern konnte auf frische Erfahrungen aus der erfolgreichen Erweiterung in Niederhasli zurückgreifen.

Bemerkenswert ist es daher, wenn Pfr. Heinrich Brennwald im Weiacher Turmkugeldokument Nr. 2 von 1706 vermerkt, dass gleich eine ganze Reihe von Handwerkern aus Niederhasli und Nöschikon stammten, so der Maurermeister und einer seiner sieben Mitarbeiter, dann zwei der vier Steinhauer, sowie – mit einer Ausnahme – alle Zimmerleute!

Auch die Innenausstattung weist Ähnlichkeiten auf. So ist beispielsweise die Weiacher Kanzel mitsamt Schalldeckel in ähnlichem Stil gestaltet wie die von Niederhasli aus dem Jahre 1703 (vgl. Hauswirth S. 148 und Brandenberger 2006, S. 35).

Die Weiacher Kirche ist daher so etwas wie die jüngere Schwester der Kirche Niederhasli.

Quellen und Literatur
  • Brennwald, H.: Turmkugeldokument Nr. 2 vom 9. August 1706. Signatur des Originals: OM Weiach KTD 2. Volltext-Edition in Brandenberger, U.: Zeitkapsel Turmknopf. Weiacher Turmkugeldokumente Bd. 1. Wiachiana-Verlag, Trub 2017 (in Überarbeitung).
  • Aftergut, E.: Reformierte Kirchen im Kanton Zürich von der Reformation bis zur Romantik, Diss. Univ. Zürich 1922.
  • Fietz, H.: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich [Kdm]. Band II: Die Bezirke Bülach, Dielsdorf, Hinwil, Horgen und Meilen. (Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 15). Basel 1943 – S. 143-144.
  • Hauswirth, F.: Niederhasli. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. vom Gemeinderat Niederhasli. Niederhasli 1988 – S. 144-145 u. 148. [Kapitel über die Kirchen: pdf, 9.0 MB]
  • Brandenberger, U.: «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706 – 2006. Herausgegeben von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach und der Ortsmuseumskommission Weiach. Weiach 2006 – S. 18. [Online-Ausgabe 2007]
  • Brandenberger, U.: Pfarrer Brennwald beim Bau der Kirche zu Tode geärgert. WeiachBlog Nr. 1553 v. 25. Juli 2020.

Sonntag, 21. Februar 2021

Mehr Hunde als Rindviecher

Bekanntlich gehört Weiach zur Agglomeration Zürich. In den letzten Jahren ist die Gemeinde bevölkerungsmässig explosionsartig gewachsen. Mit Zuwachsraten wie sie sonst nur der Bevölkerungsdynamik von Drittweltstaaten entsprechen. 

Die weltweit zu beobachtende Verstädterung hat auch unser Dorf mit voller Wucht erfasst. Ablesbar ist das auch an einem statistischen Indikator: der Tierverkehrsdatenbank der Identitas AG in Bern. Diese Firma erfasst im Auftrag des Bundes alle individuell nachzuverfolgenden Heim- und Nutztiere. 

Bundesrechtliche Tierdatensammlung

Ende 2020 ist die einjährige Frist zur Meldung aller Ziegen und Schafe in der Schweiz abgelaufen. Schon länger besteht eine Meldepflicht für Rindvieh, Hunde und Equiden (letztere seit 2016). Unter die Equiden fallen Pferde, Wildpferde, Esel, Halbesel und Zebras sowie alle Kreuzungen unter den genannten Arten.

Auf der frei zugänglichen Website tierstatistik.identitas.ch findet man eine Fülle von Informationen, u.a. dazu, welche Rassen gehalten werden, oder zur Grösse der Tierhaltungen. Sogar die beliebtesten Tiernamen. 

Der jeweilige Hauptstandort der Tierhaltung bestimmt sozusagen den zivilrechtlichen Wohnsitz eines Tieres. So kann man für die Weiacher Tierhalter folgende Daten per 31. Januar 2021 herauslesen:

201 Hunde, 6 Ziegen, 81 Equiden, 115 Rindvieh, 0 Schafe

(Vgl. https://tierstatistik.identitas.ch/de/map-dogs-commune.html; Ersetze «dogs» durch goats, equids, cattle, sheep für die jeweilige Kategorie)

Städte sind auf den Hund gekommen

Es gibt also in Weiach mehr Hunde als Rindviecher. Schweine dürfte es zwar mehr geben als Hunde, sie werden vom Bund aber (noch) nicht individuell über ihren gesamten Lebensweg zurückverfolgt. Vergleicht man nun die Weiacher Identitas-Zahlen mit denen von Fisibach (56 Hunde, 45 Equiden, 299 Rindviecher), dann wird schnell klar, dass der westliche Nachbar noch etwas bäuerlicher geprägt ist.

Die Einwohner des Städtchens Kaiserstuhl (41 Hunde, aber keine Nutztiere) liegen punkto Hundedichte etwas unter Weiach. Von den Nachbargemeinden haben nur die Bachser mehr Hunde pro 100 Einwohner als die Weiacher. Weiach rangiert denn auch unter den 500 Gemeinden mit der höchsten Hundedichte pro Person von 2211 Schweizer Gemeinden.

Mit Fisibach haben die Bachser allerdings den hohen Rindviehbestand gemein: Die Weiacher zählen 6.4 Rinder pro 100 Einwohner, die Bachser mehr als das 10-fache: 83.4. Zum Vergleich: Noch 1971 hielten Weiacher Bauern insgesamt 490 Stück Rindvieh. Damals zählte Weiach rund 690 Einwohner. Also 71 Stück pro 100 Einwohner.

Was die Frage aufwirft: Seit wann ist Weiach kein Bauerndorf mehr? Schon seit den 1970ern?

Samstag, 20. Februar 2021

Heirat trotz Verbot. Wer waren die Wagemutigen?

Heinrich Näf (geboren um 1695) und Verena Matzinger (getauft 5. September 1697). Das sind mit höchster Wahrscheinlichkeit die beiden Personen, welche 1720 die Weiacher Gemeindeoberen zu einem amtlichen Eheverbot veranlasst haben (vgl. WeiachBlog Nr. 166 v. 19. April 2006). Und danach zur Ausbürgerung des Ehemannes, als sie dennoch die Frechheit hatten, im Schaffhausischen zu heiraten. Herausgefunden hat dies der Genealoge Willi Müller aus Wilchingen SH.

Die Eheschliessung fand erst am 20. Februar 1721 in der Kirche Buchberg-Rüdlingen statt (also genau heute vor 300 Jahren). Da war die Ursache für den Verheiratungswunsch bereits seit Wochen auf der Welt. Jakob wurde im Dezember 1720 geboren und war am 30. Dezember ebenfalls in dieser Kirche hoch über dem Rhein und dem Dorf Rüdlingen getauft worden. 

Es spricht für den werdenden Vater, dass er zu der von ihm Geschwängerten stand und schon während der Schwangerschaft die Ehe beantragt hat, trotz der Gegenwehr aus Weiach. Mit den erwähnten Folgen: Eheverbot und 1721 nach Bekanntwerden der Verehelichung Genehmigung des Entzugs des Weiacher Bürgerrechts und lebenslänglichem Landesverweis durch Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich.

Damit hat Weiach versucht, sich allfälliger Unterhaltsforderungen für das unehelich gezeugte Kind zu entledigen. Ob dies gelungen ist? Das Personenblatt führt als Bürgerort des Jakob Näf denselben wie für seinen Vater auf: Weiach. Haben die Schaffhauser die Ausbürgerung von Heinrich Näf ganz einfach nicht akzeptiert und als ungültig betrachtet? 

Wahrscheinlicher ist, dass - dem noch Ende 1720 geltenden Zustand folgend - Heinrich Näf im Februar 1721 zu Recht noch als Weiacher Bürger mit Zürcher Landrecht betrachtet wurde.

Hat Näf nach seiner Ausbürgerung das Schaffhauser Landrecht erworben? Hat er das Bürgerrecht von Rüdlingen erhalten (von dort stammte Verena Matzinger)? Oder ist er mit seiner jungen Familie ausgewandert? Letzteres scheint nicht ganz abwegig, denn aus der Familientafel der Herkunftsfamilie der Ehefrau Näfs geht deutlich hervor, dass nur von Verena und ihrem Bruder Hans Konrad (geb. 1706) kein Sterbedatum bekannt ist!

Wie so häufig bei Geschichtsmosaikstückchen mit Weiach-Bezug gilt: Es besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.

Quellen und Literatur
  • Brandenberger, U.: Verbotene Heirat – Bürgerrecht weg! WeiachBlog Nr. 166 v. 19. April 2006 mit Verweis auf ders.: Heiraten verboten! Armenwesen und Finanzen vor 150 Jahren. Handout zum Vortrag anlässlich der GV 2005 der Anlegervereine Midas und Heureka. Zürich, 14. März 2005.
  • Müller, W.: Familien Geschichten Müller Meyer Rahm Schlatter. www.zurfernsicht.ch/tng
  • Brandenberger, U.: Persönliches Telefongespräch vom 31. Dezember 2020 mit Willi Müller.
[Veröffentlicht am 21. Februar 2021 um 22:58; Korrektur zweitletzter Abschnitt, fehlendes Sterbedatum am 24.2.2021]

Freitag, 19. Februar 2021

Vor der Zweiten Schlacht um die Balance

Am 28. Juni letzten Jahres erlitt das von Gemeinderat und Schulpflege Weiach gemeinsam auf den Weg gebrachte Grossbauprojekt «Balance» (Investitionsvolumen: 19.7 Mio Franken) an der Urne Schiffbruch (vgl. WeiachBlog Nr. 1535).

Nun steht Weiach vor dem zweiten Schlagabtausch in diesem Themenkomplex. Dabei geht es um die Frage, ob das 2015 abgeschlossene Schulabkommen zwischen den Gemeinden Fisibach, Kaiserstuhl und Weiach auf den Ablauf der damals vereinbarten Rahmenfrist gekündigt werden soll oder nicht. Diese Kündigung wird in einer am 15. September 2020 durch alt Gemeindepräsident Werner Ebnöther und Mitunterzeichner eingereichten Einzelinitiative verlangt. Über diese Vorlage soll nun am 16. März abgestimmt werden.

Schulpflege will keine Urnenabstimmung

Gemäss Seite 11 des (unpaginierten) Beleuchtenden Berichts der Primarschulpflege lautet das Begehren wie folgt:

«Die Primarschulpflege Weiach wird beauftragt, die mit den Aargauer-Gemeinden Fisibach und Kaiserstuhl abgeschlossenen RSA-Anschlussverträge bezüglich Schulung der Kindergärtner und Primarschüler in Weiach nach der 10-jährigen Laufzeit oder auf den nächstmöglichen Kündigungstermin aufzulösen. Diese Anschlussverträge wurden am 10.06.2015 an der Versammlung der Primarschulgemeinde Weiach genehmigt und laufen bis Juli 2026. Die Primarschulpflege Weiach wird beauftragt, die Auflösung dieser Verträge den Weiacher Stimmberechtigten in Form einer Urnenabstimmung vorzulegen. Die Auflösung dieser Verträge muss bis spätestens Juni 2023 rechtskräftig bekannt gegeben wenden [sic!] (Kündigungsfrist ist 3 Jahre).»

Entgegen der Forderung der Initianten hat die Primarschulpflege entschieden, anlässlich einer ausserordentlichen Schulgemeindeversammlung über die Initiative befinden zu lassen. Es wird also erneut (wie 2015) nur eine exklusive kleine Minderheit der Weiacher Stimmberechtigten ihren Willen zum Ausdruck bringen (können).

Ausserkantonale Versammlung im Ebianum

Darüber hinaus wurde anlässlich der Informationsveranstaltung vom 9. Februar bekanntgegeben, dass die Versammlung nicht (wie üblich) in Weiach selber, sondern ausserkantonal im grossen Eventsaal des Ebianums (Baggermuseum der Firma Eberhard) in Fisibach durchgeführt werden soll. Dort stehe mehr Platz zur Verfügung. Gemäss Aussagen eines Vertreters der Schulpflege gegenüber WeiachBlog werden unter Corona-Schutzkonzept-Bedingungen 274 Plätze bereitstehen (also lediglich knapp über ein Drittel der vom Ebianum angegebenen 750 Personen Maximalkapazität).

Auch wenn diese Anordnungen den Vorschriften der Weiacher Schulgemeindeordnung und den Usanzen des Kantons Zürich nicht widersprechen und damit als legal zu beurteilen sind, stellt sich doch die Frage ob sie auch legitim seien. Und da gibt es schon einige Zweifel, wirkt sich doch die Verlegung des Versammlungsorts in Verbindung mit den seit Monaten von Bund und Kanton über alle Kanäle verbreiteten Aufforderungen an Risikogruppen (d.h. v.a. Personen über 70) möglichst keine Fremden zu treffen und zuhause zu bleiben, faktisch wie ein gruppenspezifisch installiertes Hindernis gegen die Ausübung der bürgerlichen Rechte aus.

Der Kerngehalt des Streits

Der Titel dieses Beitrags ist auch eine Anspielung auf den eigentlichen Kern, um den es bei dieser Auseinandersetzung geht, nämlich um die Frage, ob die gewählte Organisationsform des RSA-Vertrags für die vorliegende Konstellation zu einem für alle drei Partnergemeinden als ausgewogen zu beurteilenden Ergebnis führt. 

Letztlich geht es darum, ob das Weiterführen oder eben gerade die Kündigung des Vertrags dazu führen wird, dass die Gemeinde Weiach aus dem (finanziellen) Gleichgewicht gerät.

Konkret: Müssen die Weiacher Steuerzahler jedes Jahr draufzahlen, wie es die Initianten um Werner Ebnöther behaupten (vgl. WeiachBlog Nr. 1524)? Oder ist es im Gegenteil so, dass jedes Jahr ein finanzieller Gewinn herausschaut, der sich über die Jahrzehnte zu einer Millionensumme auftürme, wie es die Primarschulpflege in ihrem Beleuchtenden Bericht (auf S. 6 unten) darstellt?

Alles hängt davon ab, welche Zahlen man verwendet, ob sie für diesen Zweck geeignet sind und ob daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden. Klar ist nur: mindestens eine der beiden Seiten liegt falsch. Die grosse Herausforderung für den Stimmberechtigten, der in diesem erbittert geführten Streit den Schiedsrichterpart übernehmen muss, ist es nun, den tatsächlichen Verhältnissen auf die Spur zu kommen.

Bekanntlich ist die Wahrheit immer das erste Opfer in jedem Krieg, denn Kriege beginnen immer auf der Propagandaebene. Ziel muss es also sein, Fakten von verführerischen Interpretationsangeboten zu unterscheiden und zu eruieren, was wirklich im besten Interesse der Gemeinde liegt.

Auf der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Weiach, wenn...» wird von einem der IG «Eusi Schuel» nahestehenden Aktivisten behauptet, es sei «endgültig geklärt wie Positiv es Finanziell für unsere Gemeinde ausfällt wenn wir die Zusammenarbeit mit den Aargauer gemeinden weiterführen».

Von den Initianten wird diese Sicht auf die Dinge wohl heftig bestritten. Nachdem die Genannten sich mit ihren Zahlen nach wie vor bedeckt halten, gilt es aktuell, sich die bereits publizierten Zahlen der Primarschulpflege genauer anzusehen. 

Die Grundlagen müssen auf den Tisch

Aus dem Beleuchtenden Bericht (S. 6 unten) wird in keiner Art und Weise klar, mit welchen Szenarien, Annahmen und auf Basis welcher Datengrundlagen die präsentierten Zahlen im Detail erarbeitet und zum prospektiven Endergebnis von 8.2 Millionen (über einen Zeitraum von 30 Jahren) verrechnet wurden.

Noch weniger Fleisch am Knochen hat die Aussage der RPK Weiach, die auf S. 4 ohne vertiefte sachliche Erörterung zum Schluss kommt, die Initiative sei abzulehnen, zumal sonst als unmittelbare Folge der umgesetzten Kündigung eine Steuerfusserhöhung von 5-10 Prozent drohe. Interessant ist dabei der Umstand, dass die Primarschulpflege sich (auf S. 6) dahingehend äussert, die RPK habe «unabhängig eine eigene Berechnung» angestellt. Es fragt sich: inwiefern unabhängig? Mit eigenen Szenarien, eigenen Datengrundlagen?

Weiter wurde WeiachBlog zugetragen, dass Gemeindepräsident Stefan Arnold anlässlich einer der beiden Informationsveranstaltungen vom 9. Februar die Aussage gemacht habe, auch die Politische Gemeinde habe eigene Betrachtungen zum Thema angestellt und sei ebenfalls zum gleichen Schluss gekommen. Auch hier die Frage: Welche Überlegungen sind das im Detail? Wurden eigene Szenarien zugrundegelegt?

Die Präsidien der Schulpflege, der RPK und der Politischen Gemeinde werden hiermit aufgefordert, bis spätestens Ende Februar ihre jeweiligen Grundlagen in elektronischer Form so zugänglich zu machen, dass die Stimmberechtigten sich ein eigenes Bild zur Frage machen können, welche unterschiedlichen Überlegungen hinter den gleichlautenden Empfehlungen stehen (und zwar auch ohne, dass sie in Scharen in die jeweiligen Sekretariate pilgern und dort Akten wälzen gehen). 

Gerade in diesem Bereich ist der Lösungsweg das entscheidende Kriterium. Denn umstritten ist ja ebendiese Gültigkeit des Endresultats.

WeiachBlog freut sich auf eine ergebnisoffene Diskussion mit Befürwortern und Gegnern der Initiative.

Dienstag, 9. Februar 2021

Weiacher Radrennfahrerin Seraina Trachsel wird 40

Walter Baumgartner (*1953), seine Söhne Tobias und Benjamin. Und: Sereina Trachsel (*1981). Das sind die Weiacher Namen, die in den Ranglisten des Radrennsportes höchste Ränge erreicht haben. 

Sereina Trachsel, die heute 40 Jahre alt wurde, ist die mit Abstand erfolgreichste, wenn es um die Anzahl Titel geht (Quelle: Wikipedia): 

2004
  • MaillotSuiza.svg Schweizermeisterin – Strassenrennen
2005
  • MaillotSuiza.svg Schweizermeisterin – Strassenrennen
  • MaillotSuiza.svg Schweizermeisterin – Mannschaftszeitfahren
2007
  • MaillotSuiza.svg Schweizermeisterin – Strassenrennen

Der erste dieser Titel kam ziemlich überraschend, schlug die bis dahin im Radsport nicht bekannte, bereits 23-jährige Sereina doch im luzernischen Pfaffnau sämtliche Favoritinnen. 

Von da an musste die Konkurrenz mit der zähen Bergspezialistin rechnen. Und Sereina erwies sich keineswegs als Eintagsfliege, sondern verteidigte im Folgejahr den Titel und holte ihn 2007 noch ein drittes Mal. Damit gehört die Weiacherin mit Barbara Heeb, Nicole Brändli und Jennifer Hohl zu den wenigen die diesen Titel dreimal geholt haben. Nur Edith Schönenberger (6x in Folge) und Luzia ZBerg (4x) waren seit der Erstaustragung 1982 häufiger Schweizermeisterin im Strassenrennen.

2008 wurde Sereina aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen nicht für die Teilnahme an den Olympischen Spielen selektioniert.

Mit dem vorübergehenden Aus für das Schweizer Frauenradteam Bigla per Ende 2009 hat sie ihre kurze, aber überaus erfolgreiche Radkarriere an den Nagel gehängt.

Heute lebt sie mit ihrer Familie in Luzern.

Sereina auf WeiachBlog

[Veröffentlicht am 10. Februar 2021 um 00:45 MEZ]

Mittwoch, 3. Februar 2021

Nicht den ganzen Eichenwald abgeholzt!

In der jüngsten Ausgabe des hiesigen Mitteilungsblatts ist ein vom Projektteam Musical Weiach geführtes Interview mit Raimund Wiederkehr abgedruckt. Das Musical mit dem Titel «Die Tigerin von Weiach» soll (wenn es die Corona-Vorschriften des Direktoriums der Helvetischen Republik zu Bern dannzumal zulassen) im September 2021 anlässlich der 750-Jahr-Feier als Freilichtspiel zur Aufführung gelangen. 

Wiederkehr, der Komponist der dazugehörenden Musik, sagt da an einer Stelle, das Stück spiele «in einer der dramatischsten Zeiten der Schweiz und Weiachs, als hier französische Soldaten stationiert waren, die nicht nur den ganzen stattlichen Eichenwald abholzten (historisch verbürgt), sondern auch sonst die Dorfgemeinschaft gehörig aufmischten.» (Mitteilungsblatt Gemeinde Weiach, Februar 2021 – S. 30)

Ganz so schlimm war's nicht

Dass sie letzteres getan haben, da kann der Redaktor des WeiachBlog nicht widersprechen. Das dürfte schon so gewesen sein. Keineswegs «historisch verbürgt» ist allerdings, dass die Franzosen gleich den ganzen Eichwald abgeholzt hätten. So schlimm haben sie dort dann doch nicht gehaust. 

Und im Übrigen ist auch nicht gesichert, dass sie für diese Schäden allein verantwortlich waren. Es ist nämlich mit schriftlichen Quellen belegt, dass bei Weiach zur fraglichen Zeit im Jahre 1799 auch helvetische Truppen campiert haben (vgl. u.a. die Aufzeichnungen von Hans Jakob Kern sowie Amtl. Sammlg. Akten Helv. Rep.)

Die unmittelbarste gedruckte Quelle für den im Wald angerichteten Schaden ist das Neue republikanische Blatt vom 24. Nivose VIII (nach dem Revolutionskalender; also dem 14. Januar 1800), wo es wörtlich heisst «der schöne Weyacher Wald» sei «verheert» worden. So ein Bericht, in dem es primär um Schäden in der Gemeinde Glattfelden ging (vgl. WeiachBlog Nr. 1485 für den Volltext) und wo nicht näher spezifiziert wurde, um welchen Wald auf Weiacher Boden es gegangen ist. Gemeint war aber wohl der weitherum bekannte Eichenbestand im Hardwald.

Ein Viertel geschlagen?

Aus einer Distanz von nicht ganz einem halben Jahrhundert zur Helvetik hat uns der Zürcher Beamte Friedrich Vogel in seinem Standardwerk Die alten Chroniken im Artikel über Weiach folgenden Wortlaut hinterlassen:

«In dem Kriegsjahr 1799 litt Weyach vorzüglich großen Schaden durch theilweise Verheerung und Abnutzung des herrlichen Eichwaldes, wo französische Truppen lange Zeit kampirten. Ein Viertheil desselben soll geschlagen worden sein.» (Vogel 1845/57 – S. 818; Vgl. WeiachBlog Nr. 383 v. 10. Februar 2007)

Woher diese Angabe von einem Viertel stammt, ist leider nicht bekannt.

Spätere Zeiten forderten auch ihren Tribut

Im Abschnitt über den Waldbau der Ortsbeschreibung Weiach von 1850/51 hat sich der frühere Zunftgerichtspräsident Baumgartner (die Zunft Stadel war eine Untereinheit des Bezirks) zu diesen Franzosenschäden wie folgt geäussert:

«Die Hardwaldung, vor allen andern Waldbezirken der Augapfel der Gemeinde, [...] misst 296 Juchart und hat noch gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts ungeachtet der für Hochbestand nicht sehr günstigen Bodenbeschaffenheit eine der schönsten Eichwaldungen  des Cantons gegolten. [...] Zu Anfang dieses Jahrhunderts schlugen die Franzosen im obern Theil dieser Waldung ein Lager auf, wobei ein bedeutendes Revier umgehauen und theilweise verbrannt wurde, dasselbe hat daher den Namen Franzosenhau behalten. Die Zahl der übrig gebliebenen Hochstämme belief sich noch im Jahre 1820 auf ca. 4'000. Es ist aber diese Zahl seit jener Zeit durch Absterben und Wegnahme zu Bauten und sonstigem Bedarf, ferner zur Äufnung des Armengutes auf ca. 2'500 zurückgekommen.»

Der Flurname Franzosenhau (den es auf Weiacher Gebiet gleich zweimal gibt), bezeichnet in diesem Fall den Abschnitt, der heute südlich der Bahnlinie an der Grenze zum Zweidler Gebiet liegt. Er reichte zur Zeit der Helvetik und auch zur Zeit der Ortsbeschreibung noch bis an den früheren Verlauf der Hauptstrasse Nr. 7 heran (vgl. WeiachBlog Nr. 568 v. 21. November 2007).

Bei der Schätzung mit Jahrzahl 1820 dürfte sich Baumgartner auf den Wirtschaftsplan der Gemeindewaldung Weiach von 1821 bezogen haben (vgl. StAZH Z 31.1298).

Fazit: ein grosser Teil der Eichenstämme im Hardwald ist nicht nur den Franzosen, sondern ebenso der Sozialhilfe zum Opfer gefallen. Dieser Verlust wäre den Fremden also höchstens mittelbar anzulasten.

Quellen und Literatur

  • Neues republikanisches Blatt. Herausgegeben von Escher und Usteri. Band I. N. XI. Bern, 14. Januar 1800. (24. Nivose VIII) – S. 44.
  • Die alten Chroniken oder Denkwürdigkeiten der Stadt und Landschaft Zürich von den ältesten Zeiten bis 1820 neu bearbeitet von Friedrich Vogel, Sekretär des Baudepartements. Zürich 1845 (Nachdruck 1857) – S. 818. 
  • Baumgartner, alt Zunftgerichtspräsident: Waldbau. In: Ortsbeschreibung Weiach Anno 1850/51, Handschrift aus den Turmkugeldokumenten; Signatur: OM Weiach KTD 7.
  • Hildebrandt, Walter: Bülach in den Kriegswirren der Jahre 1798-1800. Handschriftliche Aufzeichnungen von Hans Jakob Kern (1774-1840). In: Neujahrsblatt für Bülach und das Zürcher Unterland 1939 – S. 5-15.
  • Amtliche Sammlung der Acten aus der Zeit der Helvetischen Republik (1798-1803). 16 Bände. Bern 1886 bis Freiburg 1966. Bd. 4, pp. 192f, 1493f; Nr. 50 zum 17. April 1799.
  • Projektteam Musical Weiach (ed.): «Die Tigerin von Weiach» – das Musical zum Fest. Interview mit Raimund Wiederkehr. In: Mitteilungsblatt Gemeinde Weiach, Februar 2021 – S. 30-31.

Montag, 18. Januar 2021

Die kleindeutsche Lösung klopfte vor 150 Jahren an die Tür

Waren Sie schon einmal an der Schaffhauser Grenze? Da findet man bis heute hunderte von grossen Grenzsteinen, die allesamt die Jahrzahl 1839 tragen. Dazu die Buchstaben «GB» auf der deutschen und «CS» auf der Schweizer Seite. Der Canton Schaffhausen und das Grossherzogtum Baden markierten damals ihre neu vereinbarten Staatsgrenzen. Beide waren weitgehend unabhängig, gehörten aber je einem Staatenbund an, die beide im Gefolge des Wiener Kongresses 1815 entstanden waren.

1848 trat Schaffhausen dem Schweizer Bundesstaat bei. Das war auch das Jahr, in dem der Deutsche Bund seine Bedeutung faktisch völlig eingebüsst hat (vgl. Wikipedia). Grund: die angestrebte Bundesreform war gescheitert. In den nächsten Jahren zeichnete sich immer mehr ab, dass Preussen, Österreich und die vielen kleineren und mittleren Staaten (wie das Grossherzogtum Baden und das Königreich Bayern) unterschiedliche Interessen verfolgten, was 1866 sogar zum innerdeutschen Krieg führte (vgl. übernächster Abschnitt). 

Vermiedener eidgenössisch-preussischer Krieg

Dazwischen rasselten die Preussen beim Neuenburgerhandel 1856/57 vernehmlich mit dem Säbel, verzichteten dann aber (auch auf Vermittlung durch Napoléon III.) auf eine Intervention. 

Bis dahin war die République et Canton de Neuchâtel nämlich staatsrechtlich noch ein preussisches Fürstentum gewesen. 1848 hatten radikale Demokraten zwar die Republik ausgerufen. Die Royalisten warteten aber nur auf eine günstige Gelegenheit, die sie 1856 gekommen sahen. Der Putsch wurde mit eidgenössischer Hilfe rasch niedergeschlagen, führte aber dazu, dass die Preussen ihre Truppen mobilisierten und gegen die Schweiz ziehen wollten. 

In der Schweiz führte das zu einem unglaublichen Nationalgefühl. Der eidgenössische Generalstab unter General Dufour rechnete damit, dass die Badenser (die nicht gerade preussenfreundlich waren), sich zumindest nicht schweizfeindlich verhalten würden und plante einen Schlagabtausch auf badischem Territorium um die eigene Bevölkerung und Infrastruktur zu schonen! 

Wie es ausgegangen wäre? Dieser Praxistest blieb uns glücklicherweise erspart, denn wie sich kurz darauf zeigte, war mit den Preussen nicht zu spassen: schon 1864 führten sie Krieg gegen Dänemark.

Der Deutsche Bund zerlegt sich

Nach der verlorenen Schlacht bei Königgrätz 1866 (auf die ein Weiacher Gemeinderat bei einem Streit mit dem Regierungsstatthalter Bezug nahm, vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 55, S. 147-148) mussten die Habsburger in eine kleindeutsche Lösung einwilligen. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst. Preussen erfuhr einen gewaltigen Machtzuwachs und war die treibende Kraft bei der Gründung des Norddeutschen Bundes von 1867. Im gleichen Jahr sah sich der österreichische Kaiser gezwungen, die k.u.k. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn entstehen zu lassen, bei der beide Reichsteile gleichberechtigt waren.

Ein Kaiserreich geht unter, ein anderes entsteht

Und bereits am 19. Juli 1870 ging es mit den kriegerischen Ereignissen weiter, diesmal gegen Frankreich unter Kaiser Napoléon III (der übrigens Artillerieoffizier der Schweizer Armee und mit dem grossherzoglich-badischen Herrscherhaus verwandt war). 

An diesem Feldzug beteiligten sich auf deutscher Seite auch die Staaten im Süden, die nicht zum Norddeutschen Bund gehörten, d.h. auch das Grossherzogtum Baden. Bereits am 2. September ging das Kaiserreich unter (weil Napoléon III. bei Sedan in Gefangenschaft kam). Frankreich kämpfte als Republik weiter. 

Auf deutscher Seite einigten sich die beteiligten Fürsten auf einen gesamtdeutschen Bund, der am 1. Januar 1871 zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs führte. Und heute vor 150 Jahren, am 18. Januar 1871, (also lange vor Kriegsende am 10. Mai 1871) wurde der preussische König Wilhelm I. im Spiegelsaal des Schlosses Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert. Weiach hatte nun eine Grenze zum Deutschen Reich. Nicht mehr zum Grossherzogtum Baden.

Die Weiacher spürten diese Ereignisse vor allem wirtschaftlich. Mental auch durch die Mobilisierungen der Armee und das prägende Ereignis des Übertritts der Bourbaki-Armee bei Les Verrières, einem schnell zusammengewürfelten Haufen, der froh war, nicht (mehr) kämpfen zu müssen.

Freitag, 15. Januar 2021

Die Weiacher Quarantäne-Baracke von 1720/21

Vor 300 Jahren fand sich die Zürcher Obrigkeit in einer ähnlichen Situation wie der heutigen. Eine Seuche war südwestlich des eigenen Gebiets ausgebrochen, die marsilianische Pest (vgl. WeiachBlog Nr. 3 mit Verweisen auf Weiacher Geschichte(n) Nr. 9 und 10). Rund um die Staaten der Eidgenossenschaft griffen die Regenten zu drastischen Handels- und Einreisebeschränkungen. In Zürich musste man befürchten, mit einem «bando» belegt zu werden, wenn man nicht mitzog.

Also erliess die Regierung 1720 in kurzer Abfolge mehrere Mandate (vgl. WeiachBlog Nr. 1510, 1599 und 1606). Und man liess auch konkrete Taten an den Grenzen des eigenen Herrschaftsgebiets folgen. So kam der Grenzort Weiach zu einem sogenannten «Erlufftungshaus». 

Der Weyacher Pfarrer Rudolf Wolf erhielt vom Sanitätsrat (der obrigkeitlichen Gesundheitsbehörde) den Auftrag, zwei ehrliche ortsansässige Männer für den Dienst im Quarantäne-Haus vorzuschlagen. Berücksichtigt wurden schliesslich «Hanns Meyer zugenant Ludj Hanns» und Rudolf Herzog, ein Bäcker, «denen vonhier auff zugegeben worden, ein Ballenbinder, der Melchior Ammann von Hirschlanden».

Beim Bau gab es etliche Probleme. Noch Anfang Dezember beschwerte sich der Verantwortliche, Wände seien undicht und es dringe Wasser ein. Ob und wie dieser Mangel behoben wurde, ist dem Verfasser dieser Zeilen nicht bekannt. Jedenfalls konnte der reguläre Quarantäne-Betrieb bald aufgenommen werden. 

Man hörte, dass der Pest-Ausbruch in Marseille irgendetwas mit dem Textil-Handel zu tun habe. Entsprechend wurden einzuführende Güter insbesondere dieser Warengruppe in Quarantäne gesetzt.

Am 13. Dezember 1720 trafen die ersten 100 Säcke Baumwolle zur «Erlufftung» ein. Sie mussten der Länge nach aufgeschnitten und während drei Wochen gelüftet werden. Darauf sollten die Säcke gekehrt und auf der anderen Seite geöffnet werden. Auch die folgende Lagerungsperiode musste drei Wochen dauern. Sechs Wochen entsprechen rund 40 Tagen, man hat also die Quarantäne (quarante) wörtlich genommen.

Vorsichtshalber erliess man gleich für weitere Warengruppen Vorschriften. Für Seife und Öl durfte die Quarantäne halbiert werden. Die galten offenbar als weniger gefährlich.

Bei der Umsetzung dieser gutgemeinten Vorschriften in die Praxis tauchten nun aber unerwartete Hindernisse auf. Am meisten zu reden gaben die Kosten. 

Pfarrer Wolf schrieb bereits am 15. Januar 1721 (also genau heute vor 300 Jahren) nach Zürich: «Ist wol gut, dass die erste Quarantaine solle vollendet seyn, darmit ein andere komme, und also die entsetzlichen Cösten, die hier und dorten darübergehen, endlichen ein End haben werden.»

Literatur 

  • Ruesch, H.: Das «Erlufftungshaus» in Weiach (1720/21). Eine Studie zur Geschichte der obrigkeitlichen Pestprophylaxe im alten Zürich. In: Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1980, Zürich 1979 –  S. 123-136.
  • Brandenberger, U.: Mit Mörsern gegen die Pest. Das «Erlufftungshaus» von 1720/21 (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) Nr. 9. Erschienen in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), August 2000 – S. 9.
  • Brandenberger, U.: Europäisches Handelshemmnis und lokale Einnahmequelle. Das «Erlufftungshaus» von 1720/21 (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) Nr. 10. Erschienen in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), September 2000 – S. 13-14.
  • Brandenberger, U.: Die Politik in den Zeiten der Vogelgrippe. WeiachBlog Nr. 3 v.  2. November 2005.
  • Brandenberger, U.: COVID-19 und Marsilianische Pest. Ein kleiner Rechtsvergleich. WeiachBlog Nr. 1510 v. 18. Mai 2020.
  • Brandenberger, U.: Vom Leben mit dem zweiten Pest-Mandat, d.d. 9. September 1720. WeiachBlog Nr. 1599 v. 9. Oktober 2020.
  • Brandenberger, U.: Vor 300 Jahren: Zürich sperrt Handels- und Reiseverkehr mit Genf. WeiachBlog Nr. 1606 v. 31. Oktober 2020.

Freitag, 1. Januar 2021

«Wie wenn Spaghetti vom Himmel fallen würden»

Unter den jüngsten WeiachBlog-Artikeln des gerade vergangenen Jahres 2020 handeln mehrere von der Zeit des Zweiten Koalitionskrieges. In dessen erster Phase zog 1799 die Front zwischen den Franzosen und der Koalition aus Österreichern und Russen zweimal über unser Dorf hinweg und hat sich in mehreren Monaten von Einquartierung, Requisitionen und Kontributionen niedergeschlagen. 

Einen dieser Beiträge (WeiachBlog Nr. 1614 mit dem Titel «Vom Weyacherberg kamen die Plünderer haufenweise») hat Daniel Gut, ein in den fleischkäsefarbenen Blöcken am Dammweg wohnhafter Weiacher, auf der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Weiach, wenn...» wie folgt kommentiert

«Wenn ich solche Sachen lese, bin ich doch sehr froh nicht dazumals gelebt zu haben. Da haben wir es trotz Corona immer noch besser.»

In dieser Krise des westlichen Selbstverständnisses ist es allerdings noch nicht so, dass wir die Auswirkungen der Ereignisse der letzten 12 Monate schon in voller Ausprägung spüren würden. Die Folgen (Wirtschaftszusammenbruch, rapider Bedeutungsverlust des Westens, etc.) kommen in den nächsten Jahren erst noch.

Aber es stimmt schon: kriegerische Ereignisse konventioneller Art, d.h. im scharfen Schuss und mit sichtbaren Truppen fremder Provenienz haben wir 2020 nicht erlebt. 

Von Weiach aus den Bombenangriff erlebt

Anders war das in den späteren Phasen des Zweiten Weltkrieg, über den heute nur ganz wenige Zeitzeugen noch aus eigener, erwachsener Anschauung berichten können (viele der noch lebenden waren damals kleine Kinder).

Am 9. September 1944 griffen US-Jagdflugzeuge fahrende Züge bei Weiach und Rafz an. Und am 9. November 1944 liess eine Bomberstaffel ihre tödliche Fracht auf das NOK-Kraftwerk Eglisau nahe  Rheinsfelden und dem Bahnhof Zweidlen fallen.

Als Augenzeuge erlebt hat diesen letzteren Angriff Hermann Gehring (1925-2014), Landwirt und langjähriger Gemeindeschreiber von Buchberg SH (vgl. Buchberger Nr. 117, 2/2007): 

«Im Sommer 1944 absolvierte Hermann Gehring die RS. Anschliessend musste er in den Aktivdienst in Eglisau einrücken wo er gleichentags nach Weiach verladen wurde. An diesem Tag, am 9. November 1944, wurde das Kraftwerk Eglisau bombardiert (man vermutet, dass dies das Ziel gewesen sei). Die ganze Einheit konnte von Weiach aus zuschauen, wie das amerikanische Geschwader die Bomben herunterliess. „Es war, wie wenn Spaghetti vom Himmel fallen würden! Eine Katastrophe wurde vermieden, weil ein Gewitter über Eglisau tobte. Die Bomben wurden dadurch Richtung Rheinsfelden abgetrieben und verschonten, Gott sei Dank, das Kraftwerk. Von unserer Kompanie war ein Zug im Kraftwerk einquartiert gewesen. Es wäre furchtbar gewesen, wenn die Bomben getroffen hätten.“»

Distanzierte Rezeption?

In der deutschsprachigen Wikipedia steht dazu im Artikel Alliierte Bombenabwürfe auf die Schweiz:

«Am 9. November 1944 warfen US-Bomber 20 Sprengbomben über dem Glattfelder Weiler Rheinsfelden ab. Drei Tote und mehrere Verletzte waren die Folge. Der Eisenbahnviadukt der Linie Winterthur–Koblenz sowie mehrere Wohnhäuser wurden beschädigt. Das bei Rheinsfelden liegende Kraftwerk Eglisau wurde nicht beschädigt.»

Hier wird das Geschehen rein nach den Auswirkungen beschrieben und nicht von den mutmasslichen Intentionen der Angreifer her beleuchtet, wie die Schilderung Gehrings sie deutlich hervorhebt.

Die zeitliche Unmittelbarkeit macht es aus

Ganz anders die – aus der geographischen Distanz, aber offenbar in zeitlicher Unmittelbarkeit – gemachten Aufzeichnungen des Zeitzeugen Arthur Müller (Kriegstagebuch 1943-1945):

«Donnerstag, 9. November 1944: Heute Morgen warfen amerikanische Flieger Bomben auf das Kraftwerk Rheinsfelden bei Eglisau. Das Kraftwerk wurde nicht getroffen, hingegen erhielt die Eisenbahnbrücke der Linie Basel - Winterthur einen Volltreffer. Der Zugverkehr wird für lange Zeit unterbrochen bleiben. Es sind 3 Opfer zu beklagen. Zur gleichen Zeit wurde auch die Strassenbrücke über den Rhein bei Diessenhofen bombardiert.»

Was die Zeitungen 1944 berichtet haben

In der damals täglich erscheinenden Zeitung «Die Tat» wird über das Ereignis am 10. November aus erster Hand informiert. Aufgrund der Pressezensur war der Abdruck der offiziellen Mitteilung des Pressechefs des Territorialkommandos sozusagen Pflicht (s. links der Luftaufnahme):



Darunter sind Berichte aus erster Hand abgedruckt, die nur entstehen, wenn man selber vor Ort war (wie offenbar eine Art Leserreporter, vgl. die Angabe «Privattelephon» als Quelle zum Tat-Augenzeugenbericht).

Auch Korrespondenten der Zeitung «Der Bund» schafften es dank ihren Presseausweisen, noch am Tag des Angriffs in die Schadenzone zu gelangen. Dort konnten sie mit Anwohnern und Soldaten reden. Und lieferten einen eindrücklichen Bericht ab («Die Bombardierung von Rheinsfelden. Augenzeugenbericht»), der aktuellere Informationen enthielt als das auf derselben Seite abgedruckte Amtliche Bulletin zu diesem Angriff.

Journalisten hatten unter Vorbehalt der Genehmigung durch den Territorialkommandanten auch am folgenden Tag Zutritt. Gaffer hingegen wurden nicht geduldet. So betitelten die «Neuen Zürcher Nachrichten» vom 11. November den entsprechenden Beitrag mit: «Das Gebiet von Rheinsfelden für Schaulustige gesperrt».

Was man da hätte sehen können, wird in exakt vier Jahren öffentlich zugänglich: nämlich die unter der Signatur StAZH N 1102.5, Nr. 14 (Teil 2) im Zürcher Staatsarchiv aufbewahrten Fotoalben der Kantonspolizei Zürich, welche in diesen Novembertagen 1944 zur Dokumentation der Schäden unter der Leitung von Polizei-Oberleutnant Hammer angelegt worden waren. 

Die Auswirkungen beschränkten sich nicht auf Rheinsfelden. Auch die rund einen halben Kilometer glattaufwärts gelegene Spinnerei Letten (heutiges Hotel Riverside) wurde durch den Explosionsdruck beschädigt, wie die «Tat» bereits am 10. November vermeldete. Ebenso wurden in der Nähe der Spinnerei Teile von Eisenbahnschienen gefunden.

Grosse Kaliber abgeworfen. Kein Zufall!

Auch am folgenden Tag, dem Freitag, 10. November, waren die Tat-Journalisten vor Ort. Und da wurde klar, dass der Angriff wohl auch dem Kraftwerk gegolten hätte. Und nicht nur der Brücke:

«Am Freitagmorgen traf auch der amerikanische Militärattaché auf der Unglücksstelle ein. Die Bombentrichter liegen in einer Linie, aus der klar hervorgeht, daß der Angriff nicht der Brücke, sondern dem Werk galt, eine Ansicht, die die anwesenden Herren Amerikaner wohl oder übel bestätigen mußten. Ein bisher ungeklärter glücklicher Zufall verhütete die Katastrophe.
 
Ein Splitter mit der gestanzten Aufschrift "thousend [sic!] pounds" beweist, daß nicht gerade die kleinsten Kaliber verwendet wurden. Jedenfalls sind diese Bomben zehnmal schwerer gewesen, als jene, die im April über Schaffhausen niederprasselten.

Der Schaden an den Häusern scheint größer zu sein als anfänglich angenommen wurde. [...]
Die äußerlichen Schäden, abgesehen von den Verwüstungen an Bäumen, Feldern und Tieren (Kühe haben vorzeitig verworfen), werden in absehbarer Zeit wiederhergestellt sein. Der Vorschlag der "Tat", der englisch-amerikanischen und deutschen Regierung kleine Pläne mit den Grenzumrissen der Schweiz und eine Erklärung über unser Hoheitsabzeichen zur Verteilung an ihre Piloten zuzustellen, gewinnt angesichts der erneuten krassen und blutigen Neutralitätsverletzung an Aktualität und Dringlichkeit.» (Die Tat, 11. November 1944)

Wie diese Bomben ausgesehen haben könnten, zeigt eine Aufnahme des Museum der US Air Force:


Bild: M65 1,000-lb. Bomb (Source: National Museum of the United States Air Force)

Die dazugehörende Beschreibung dieses Bombentyps: «The M65 1,000-pound general purpose (GP) bomb was typically used against reinforced targets like dams and concrete or steel railroad bridges. The P-47 Thunderbolt could carry two M65s, while the B-26 medium bomber could carry four.»

Bei den P-47 Thunderbolt handelt es sich um einmotorige Jagdbomber. Die B-26 medium bomber hingegen sind zweimotorig und auch eher als Bomber erkennbar.

Da in mehreren Zeitungsmeldungen vom 10. November 1944 die Information zu finden ist, es habe sich um zweimotorige Flugzeuge gehandelt, dürfte die P-47 ausser Betracht fallen.

Man kann also folgende Schlussfolgerungen ziehen: 

1. Falls es sich tatsächlich um M65-Bomben gehandelt hat (was gemäss Beschreibung oben plausibel erscheint), dann wäre auch die Eisenbahnbrücke ein mögliches Ziel gewesen, aber eben eindeutig auch das Kraftwerk und sein Staudamm. Falls

2. dieselben Staffeln sowohl Diessenhofen wie auch Rheinsfelden angegriffen haben, dann könnte die Anzahl Bomben (ca. 20) durchaus mit der Ladekapazität der B-26 übereinstimmen, wenn man von je 7-8 Flugzeugen pro Staffel ausgeht und berücksichtigt, dass sie einen Teil der Ladung bereits an anderer Stelle abgeworfen hatten (z.B. in Friedrichshafen, wo sich u.a. die Dornier-Flugzeugwerke befinden).

Was, wenn der Staudamm beschädigt worden wäre?

Auch aus Weiacher Sicht war es ein Glücksfall, dass die Bomben ihr eigentlich vorgesehenes Ziel verfehlt haben. 

Man stelle sich nur einmal die Folgen vor, wenn sie den Staudamm massiv beschädigt hätten. Die daraus resultierende Flutwelle hätte rheinabwärts durchaus grosse Schäden anrichten können. So am Rheinhof auf Weiacher Boden, aber auch an der Rheinbrücke von Kaiserstuhl. 

Bei Treffern in das Bassin direkt vor dem Stauwehr hätte es auch bei nicht geborstenem Stauwehr ein Overtopping geben können, also ein Überschwappen. 

Dass auch Bomben in den Rhein gefallen sind, ist dem Augenzeugenbericht in der «Tat» vom 10. November zu entnehmen: «Fest steht, daß ein Teil der Bomben etwa 400 m oberhalb des Werkes in den Rhein fielen. Zahlreiche tote Fische, die gegen das Wehr angeschwemmt werden, reden eine deutliche Sprache.»

Und was ist jetzt mit den Spaghetti? 

Da dürfte es sich um einen physikalischen Effekt gehandelt haben, indem die infolge des Unwetters hohe Luftfeuchtigkeit in der Trajektorie hinter der fallenden Bombe auskondensierte, was aus der Entfernung von rund 3.5 bis 4 Kilometern dann wie ein Spaghetti aussah.

Quellen und Literatur

  • Kantonspolizei Zürich: Bombardement auf Rheinsfelden und Glattfelden am 9. November 1944. Tote und Verletzte. Signatur: N 1102.4, Nr. 14 (Teil 1). Schutzfristende: 31.12.2024.
  • Kantonspolizei Zürich: Bombardement auf Rheinsfelden und Glattfelden am 9. November 1944. Fotoalben des Polizeikommandos Zürich in 2 Ausfertigungen. Signatur: N 1102.5, Nr. 14 (Teil 2). Schutzfristende: 31.12.2024.
  • Müller, A.: Tagebuch von Arthur Müller während dem 2. Weltkrieg von 1943 bis 1945. Chronologie der Luftangriffe auf Süddeutschland – S. 15. 
  • Brandenberger, U.: Amerikanische «Luftgangster»? 9. September 1944: US-Luftwaffe beschiesst Güterzüge bei Rafz und Weiach. Weiacher Geschichte(n) Nr. 41. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, April 2003 [Vgl. zu den diplomatischen Verwicklungen wg. den Neutralitätsverletzungen durch die US-Luftwaffe: Gesamtausgabe S. 89]
  • Baur, S.: De „alt“ Schriber vo Buechbärg. Zweiteiliger Beitrag über Hermann Gehring, Buchberger Gemeindeschreiber 1949-1985. In: Buchberger. Offizielles Mitteilungsblatt der Gemeinde Buchberg. Nr. 117, 2/2007 – S. 13. [Beide Teile in einem PDF; Nur die Fundstelle]
  • Meier, B.: Irrtümlicher Bombenangriff der Amerikaner brachte Tod und Verderben in Rheinsfelden. Am 9. November 1944 wurden auch die Menschen in unserer Gemeinde mit dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Kurz nach 11 Uhr brach über die Einwohner von Rheinsfelden die Hölle herein. In: Der Glattfelder, Vol. 24:22 (2014) – S. 10-11.

Montag, 7. Dezember 2020

Witamy, Joanna Krauze!

Falls Google Translate etwas taugt, dann ist dieser Titel Polnisch und heisst übersetzt: «Willkommen, Joanna Krauze». 

Wie man heute auf der Website bzw. über den elektronischen Newsletter der Politischen Gemeinde (!) erfahren konnte (vgl. https://www.weiach.ch/short/LG8gnKBD), ist diese junge polnische Pianistin seit 1. Dezember 2020 offiziell Titular-Organistin der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach, d.h. sie ist fix angestellt und erste Wahl bei allen Orgeldiensten.

Lydia Kellenberger nach über 23 Jahren im Ruhestand

Krauze löst die bisherige Stelleninhaberin Lydia Kellenberger ab, die seit November 1997 für die kirchenmusikalische Grundversorgung der Weiacherinnen und Weiacher verantwortlich zeichnete. Lydia wurde am 15. November mit allen Ehren in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Für ein Interview, wie es Regula Brandenberger im Herbst 1986 mit ihrem Vorgänger Harlacher geführt hat (vgl. WeiachBlog Nr. 1385), ist Lydia zu bescheiden. Es bleibt daher bei der Laudatio in der Kirche.

Vom Vorsinger zum Publikumsmagneten Frau Pfarrer

Bis Ende 1866 war Kirchenmusik reiner Gesang, geleitet von einem Vorsinger. Dieses Amt wurde lange Zeit qua Regierungserlass durch den Schulmeister bekleidet. Erst nach der Aufhebung dieses Amtszwangs wurde es schwieriger einen Vorsinger zu verpflichten, was 1867 der Anlass zur Beschaffung des ersten in unserer Kirche fix installierten Instruments war: einem Trayser-Harmonium.

In der Anfangszeit wurde dieses auch von der jungen Frau Pfarrer Stünzi gespielt, was nach den Erinnerungen der aus unserem Dorf stammenden US-Schriftstellerin Louise Patteson zu signifikant höheren Zahlen beim Gottesdienstbesuch durch Männer geführt haben soll:

«The first of Frau Pfarrer’s innovations was a harmonium. It resembled a large flat-topped desk, but was really a church organ. Frau Pfarrer played it at both the church and Sunday School services to the great delight of us children. But we were not the only ones who delighted in that organ. Men who had not been inside of a church for years now became regular attendants.» (Vgl. WeiachBlog Nr. 1506 für das Zitat und Quellenangaben).

Richtige Orgeln und lange Amtszeiten

Ab 1930 stand in der Weiacher Kirche dann eine «richtige» Orgel (von der Orgelbaufirma Kuhn am Zürichsee). Dieses Instrument erlebte gerade einmal zwei Titular-Organisten (vgl. WeiachBlog Nr. 1385): 

  • Albert Griesser: 1891-1946
  • Walter Harlacher: 1946-1997

Griesser spielte also bereits seit vielen Jahren auf dem Harmonium. Und Harlacher nach der grossen Restauration in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre auch auf der neuen Neidhart&Lhôte-Orgel von 1969.

Somit ist Joanna Krauze erst die zweite Person, die von der Kirchgemeinde auf dieses Instrument gewählt worden ist. Was das noch jugendliche Alter betrifft, so erinnert ihre Berufung durchaus an den jungen Walter Harlacher, der 1946 noch häufig mit dem Velo von auswärts anreiste.

Sieht man sich allerdings ihr Palmarès an (vgl. https://www.wcom.org.uk/yeoman/joanna-krauze/) und berücksichtigt überdies den Umstand, dass sie die erste Profi-Musikerin ist, die dieses Amt bekleidet, so ist es eher wenig wahrscheinlich, dass Krauze eine ähnlich lange Zeit unsere Titular-Organistin bleiben wird wie Kellenberger oder gar Harlacher.

Bach als kleine Einführung

Anders als die Kuhn-Orgel steht das Neidhart&Lhôte-Instrument seit 1969 auf der Empore (ähnlich wie das Harmonium von 1872 bis 1929). Von unserer Organistin wird man also wenig sehen. Als kleines Performance-Beispiel sei hier auf ein Youtube-Video verwiesen, das im Rahmen des 10. Internationalen Klavierwettbewerbs Johann Sebastian Bach, Würzburg im März 2019 aufgezeichnet wurde.

Der anlässlich dieses Wettbewerbs Geehrte hat bekanntermassen viele Werke auch für Orgeln geschrieben und sich selber auf vakant gewordene Organistenstellen gemeldet:

«Im Jahre 1720 bewarb sich Johann Sebastian Bach um die Organistenstelle an St. Jacobi. Jedoch erhielt statt seiner Johann Joachim Heitmann die Stelle, weil dieser im Gegensatz zu seinem berühmt gewordenen Mitbewerber in der Lage war, eine hohe Summe Geldes (4000 Mark) an die Kirchenkasse zu entrichten und darüber hinaus die Tochter des Hauptpastors zu ehelichen.

Johann Mattheson überliefert die Strafpredigt von Erdmann Neumeister, dem damaligen Hauptpastor von St. Jacobi: „Er glaube ganz gewiß, wenn auch einer von den bethlehemitischen Engeln vom Himmel käme, der göttlich spielte und wollte Organist zu St. Jacobi werden, hätte aber kein Geld, so möchte er nur wieder davon fliegen“.

Tatsächlich ist belegt, dass Bach an der großen Orgel in der benachbarten Katharinenkirche spielte. Der Zustand der Jacobi-Orgel war vorübergehend nicht sehr gut und Bach reiste vor dem offiziellen Probespiel ab.»  (Quelle: Wikipedia-Artikel über die Orgel der Hamburger Jacobi-Kirche).

Bach soll im September 1720 im Rahmen eines zweistündigen Auftritts in der Katharinenkirche u.a. auch seine Fantasie und Fuge in g-moll BWV 542 erstmals gespielt und die Anwesenden tief beeindruckt haben.

Wir wünschen gute Zusammenarbeit!

Nun, der derzeit amtierende Weiacher Pfarrer Plüss wird wohl keinen Anlass haben, sich über die Art und Weise der Besetzung der hiesigen Organistenstelle zu echauffieren, wie Neumeister anlässlich der Wahl von Heitmann (die wie oben beschrieben nur gegen Geld und weitere Kautelen zustande kam).

Allen Beteiligten (der frisch gewählten Organistin, dem ebenfalls noch jung im Amt stehenden Pfarrer und der Kirchenpflege) wünscht WeiachBlog hiermit gute Zusammenarbeit und ein erbauliches kirchenmusikalisches Leben.